Inhaltsverzeichnis
0) Einleitung
1) Öffentlichkeit als zentrale gesellschaftlich-politische Kategorie im Mittelalter
2) Personen-, Dispositionen- und Interessenkonstellation am Marke-Hof
2.1) Markes Zwang zur Repräsentation
2.2) Tristan
2.2.1) Verbindung von Minne und List als Erbteil
2.2.2) Selbstbehauptung durch künstlerische und geistige Fähigkeiten
2.3) Tristans und Isoldes Angewiesensein auf Heimlichkeit
2.4) Die "verquere Allianz" zwischen Marke, Tristan und Isolde
3) Verhinderte Öffentlichkeit am Marke-Hof
3.1) Verborgenes Herrscherhandeln
3.2) Verhinderung von Öffentlichkeit durch Marjodo
3.3) Heimlichkeit der Beziehung zwischen Tristan und Isolde
4) Gottfrieds ambivalente Wertungen
4.1) Hell- Dunkel-Kontrastierung
4.2) Die Welt der edelen herzen gegen die höfische Welt des äußeren Scheins
5) Resümee
Gottfrieds Abschied vom traditionellen höfischen Roman
3
0) Einleitung
Angeregt durch die Auseinandersetzung mit Jürgen Habermas' "Strukturwandel der Öffentlichkeit" (1962), wurde das gerade für das Verständnis mittelalterlicher Texte wichtige Thema von Öffentlichkeit und Privatheit/'Nichtöffentlichkeit' auch von der mediävistischen Forschung aufgegriffen. Dabei konnte festgestellt werden, daß dieses Thema "und entsprechende Konflikte mit zum Grundbestand an Motiven und Themen gehören" 1 . Eine besonders interessante Quelle in diesem Kontext ist - vor allem wegen der diesbezüglich ambivalenten Wertungen des Autors -Gottfrieds von Straßburg 'Tristan'.
Der Traum des Truchsessen Marjodo (13511ff.), "eine realistische Spiegelung der Verhältnisse am Hof" 2 des Königs Marke, zeigt in symbolischer Verdichtung, wie es dort um die Öffentlichkeit bestellt ist. Obwohl "des hovegesindes michel craft" (13521) sieht, wie ein Eber (=Tristan, der einen Eber in seinem Wappen führt) das königliche Bett besudelt, greift niemand ein: "diz sâhen alle Markes man / und nam sich'z doch ir keiner an" (13535f.). Daß Öffentlichkeit ihre Funktionen am Marke-Hof nicht erfüllt, weil sie von mehreren Seiten nicht gewünscht und verhindert wird, und mit welchen Wertungen Gottfried dieses Phänomen darstellt, möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen. Dazu sind zuerst einige Ausführungen zur generellen Bedeutung von Öffentlichkeit im Mittelalter notwendig.
1) Öffentlichkeit als zentrale politische Kategorie im Mittelalter
Grundsätzlich ist festzuhalten, daß man im Mittelalter, bedingt durch "das Fehlen einer überge-ordneten Staatlichkeit, einer übergeordneten Öffentlichkeit und einer Trennung von Staat und Gesellschaft einerseits, von Privatsphäre und öffentlicher Sphäre andererseits [...], keine Strukturen und Möglichkeiten einer 'flächendeckenden' Öffentlichkeit und Privatheit im bürgerlichen Sinn" 3 findet. Dennoch gibt es verschiedene inkommensurable, nach jeweils eigenen Prinzipien strukturierte Öffentlichkeiten, die also nicht etwa zusammengenommen 'die' Öffentlichkeit bilden. Diese öffentlichen Bereiche sind für ihre Mitglieder von großer subjektiver und objektiver Bedeutung: eine entsprechende Eingliederung ist für das Selbstverständnis eines Individuums wie für seine Beurteilung von außen wichtig, der Einzelne definiert sich als Teil einer Öffentlichkeit und wird als solcher wahrgenommen. "Mittelalterliche Öffentlichkeit erschöpft sich kei-
1 Brandt,S.310
2 Morsch, S.101
4
neswegs in repräsentativer Öffentlichkeit sondern" bildet "gleichzeitig ein Forum [...], vor dem individuelle, gesellschaftlich-soziale und politische Verhaltensweisen, Personen, Gruppen und Institutionen bewertet werden" 4 (für das Verhalten Tristans und Isoldes wird das ganz entsche idend).
Für den 'Tristan' als höfischen Roman ist vor allem die Sphäre der höfischen Öffentlichkeit noch näher zu untersuchen. Der Hof gruppiert sich um einen Herrschaftsträger. Da ein mittelalterlicher Herrscher zur Durchsetzung seiner Machtbefugnisse nicht über ausreichende rechtliche und exekutive Mittel verfügt, muß er seine Legitimität (und damit das durch sie definierte Selbstve rständnis seines Hofes) über die Logik der Sichtbarkeit, durch Repräsentation seiner Stellung konstituieren. Die Formel "Öffentlichkeit ist, was von jedermann zur Kenntnis genommen werden kann" 5 , drückt aus, daß "[d]ie aristokratische êre", Grundvoraussetzung für Machtausübung, "die sinnliche Erfahrbarkeit von sozialem Rang" erfordert, "die institutionell nicht ausreichend gesichert ist und sich deshalb in der öffentlichen Darstellung unmittelbar als 'wahr' erweisen muß. [...] Für den höfisch Lebenden ist grundsätzlich vorauszusetzen, daß seine Vorbildlichkeit ständig überprüft werden kann, daß er vor den Augen und den Ohren der Öffentlichkeit sich behaupten muß" 6 .
(Höfische) Öffentlichkeit muß "Ersatz [...] sein für übergreifende judikative oder exekutive Instanzen" 7 und kann deshalb als die zentrale politische Kategorie im Mittelalter angesehen werden. Hergestellt wird sie durch Akte des Offen-, Sichtbarmachens. "Die Demonstration von legitimer Herrschaft ist derart immer wieder angelegt auf öffentliche Zustimmnung: Offenbaeren, 'öffentlich machen' für die Augen und die Ohren aller, die der Hofgesellschaft zugehören, ist demnach ein Akt der Statusmanifestation und der Sicherung von Ansprüchen" 8 . Wenn, wie gezeigt werden soll, am Marke-Hof Öffentlichkeit nicht mehr in dieser Weise funktionieren kann, weil sie verhindert wird, so liegt das vor allem an der Konstellation der dort agierenden Personen, ihrer spezifischen Dispositionen und Interessen.
3 Brandt, S.160
4 Brandt, S.303
5 zitiert bei Morsch, S.25
6 Wenzel, S.344
7 Morsch, S.31
8 Wenzel, S.340
5
2) Personen-, Dispositionen- und Interessenkonstellation am Marke-Hof
2.1) Markes Zwang zur Repräsentation
Gemäß den gerade angestellten Beobachtungen unterliegt König Marke als Herrscher dem "Zwang zu grundsätzlich permanenter Überlebenssicherung" 9 durch ständige Repräsentation seiner Stellung: er "muß die Herrschaft [...] ganz verkörpern" 10 . Seine Handlungsfreiheit ist durch die Hofgesellschaft und deren Ansprüche eingeschränkt. Was sich zwischen Tristan und seiner Frau Isolde, der Königin (!), abspielt, muß ihn nicht nur persönlich als betrogenen Ehemann berühren, sondern hat, wird es erst öffentlich (auch in der Form des Gerüchts) unmittelbare Auswirkungen auf seine Position als Zentrum des Hofes. Sein königliches Selbstverständnis muß ihn darauf reagieren lassen, um seinen Status nicht zu gefährden. Wie diese Reaktionen ausfallen und in welchem Zwiespalt er sich dabei befindet, möchte ich unter 3.1 bzw. 2.4 ausarbeiten.
2.2) Tristan
Als Hauptfigur des Epos, deren Entwicklung der Autor besonderen Raum einräumt, verfügt Tristan über ganz spezifische Dispositionen, um die zu wissen für das Verständnis seines Vorgehens wichtig ist.
2.2.1) Verbindung von Minne und List als Erbteil
Wolfgang Jupé führt aus, wie Tristan durch seine Elterngeschichte vorgeprägt ist 11 (für die Entwicklung der Figuren in der mittelalterlichen Literatur ist ja ihre Genealogie ganz entscheidend). Riwalin und Blanscheflur konnten ihre Liebe nur in durch Listen geschaffener Heimlichkeit erleben. Tristans Zeugung mußte durch eine List arrangiert werden. "Für Tristan schicksalsbestimmend ist: daß seine Eltern sich ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Schranken, außerhalb des vorgeschriebenen Weges lieben und damit die Minne ihm als sin erbevogetin (11765) zuteil wird" 12 , und zwar die asoziale, heimliche Minne, zu deren Verwirklichung listig vorgegangen
9 Morsch, S.26
10 Wenzel, S.359
11 Dabei sollte man allerdings nicht übersehen - gerade wenn man, wie Jupé, die List v.a. Tristans in den Vorder-grund der Betrachtungen stellt -, wie sich der Sohn Riwalins eben durch sein listiges, wohlbedachtes Handeln von seinem Vater und dessen übermuot abhebt und seine Determinierung durch die Vorgeschichte somit durchbrochen wird.
12 Jupé, S.37
6
werden muß, was sich in der Beziehung zwischen Tristan und Isolde wiederfindet.
2.2.2) Selbstbehauptung durch künstlerische und geistige Fähigkeiten
Da Tristan, der ellende, ohne Vater und Besitz aufwächst, verfügt er über keines der Elemente, durch die traditionell im Mittelalter der soziale Status des einzelnen definiert wird. Er behauptet sich allein durch seine herausragenden künstlerischen und geistigen Fähigkeiten, die nach Jupés Beobachtung (S.31) von Gottfried auch als list bezeichnet werden. Er handelt aus Berechnung und intellektueller Überlegenheit, wenn er sich eine eigene Identität konstruiert, dadurch seine Stellung am Hof einnimmt, in seinen Kämpfen (die ja ganz anders ablaufen als die ritterlichen Duelle im traditionellen Epos) und in Irland, der Höhle des Löwen für ihn. Tristan hat "kein Konzept für sein Leben als Ganzes" 13 , sein Handeln paßt er mit erstaunlicher geistiger Beweglichkeit der jeweiligen Situation an.
Jupé geht so weit (ich meine, im Kern nicht zu weit), Tristan als neuen Menschentyp zu bezeichnen, der auf der Suche nach sich selbst, durch den Drang zu individueller Selbstabsetzung/Selbstentfaltung, die höfisch-ritterliche Gesellschaft sprengt. Der 'Tristan' zeigt für ihn "e ine Umwertung der Werte" auf, "die sich als Höhepunkt und Endpunkt der Dichtung der 'höfischen Klassik' ausweist" 14 . In der Tradition der geistesgeschichtlichen Methode (kaum ein Klassiker der Philosophie-Geschichte, von dem er kein Zitat unterbringt) und beeinflußt von Wolfgang Mohr 15 und Gottfried Weber 16 , schreibt er: Tristan "verkörpert eine neue Form von Spielmann [cf. 3563: "Tristan, der niuwe spilman"], in der Künstlertum und Liebe sich bedingen und er als Künstler und Intellektueller'aus seinem der Minne verschriebenen Wesenszentrum auf die anders strukturierte höfische Umgebung' wirkt" 17 .
Tristan ist als Landloser "freigesetzt vom Zwang zur Repräsentation" 18 . Er kann sein Verhalten freier gestalten als Marke und durch seinen überlegenen Intellekt komplexer planen. "Solange sich die Fähigkeit derart komplexer Handlungsplanung in den Dienst der Herrschaft stellt, ist sie eher Chance als Gefahr." 19 Tristan sichert Markes Herrschaft, er sorgt sogar besser für das Land als Marke. Doch "von dem Augenblick an, da Tristans Ziel die Liebe zu Isolde ist", besteht "die
13 Hollandt, S.115
14 Jupé, S.32
15 'Tristan und Isold als Künstlerroman. In: Euph. 53 (1959), S.153 ff.
16 Gottfrieds von Straßburg Tristan und die Krise des hochmittelalterlichen Weltbildes um 1200. 2 Bde. Stuttgart 1953.
17 Jupé, S.79
18 Wenzel, S.359
19 ibid., S.360
7
Arbeit zitieren:
Thomas Keith, 1996, G. v. Straßburg, Tristan: Verhinderte Öffentlichkeit am Marke-Hof, München, GRIN Verlag GmbH
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