Inhalt
1. Brennende Frage. 1-2
2. Figurencharakterisierung
2.1. Die Gespielin. 2-4
2.2. Die Mutter. 4-5
2.3. Der Zusammenprall der beiden Rollen und die Entscheidung für die Mutterrolle 6
3. Das sich verändernde literarische Frauenbild und der Einfluss auf die Figur
Mathilde. 7-8
4. Frauenrolle und Sexualmoral der Jahrhundertwende und des frühen 20. Jahrhunderts
4.1. Diese unehrliche und unpsychologische Moral. 8-9
4.2. Die Sichtweise der Gender Studies. 9-10
5. Die Frauenbilder in weiteren Novellen von Stefan Zweig. 10-12
6. Die Aufgabe für die Welt von Heute. 12-13
Literaturverzeichnis 14-16
1. Brennende Frage
Im Jahre 1913 wurde die Novelle ‘Brennendes Geheimnis’ des damals 32jährigen Stefan Zweig zunächst im Zyklus ‘Erlebnisse aus dem Kinderland’ publiziert. Die Auflage erreichte bis 1932 170.000 Exemplare 1 , was für den großen Erfolg des Österreichers zunächst im deutschen Sprachraum, dann über die Sprachgrenzen hinaus spricht. Er hat es geschafft, die Menschen mit seinem Schreibstil, aber auch mit seinen Themen zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Nicht selten greift er in seinen Werken den Geschlechtergegensatz auf. Dabei bevorzugt er vielfach die Sichtweise der Frauen, die aus dem gewohnten Umfeld ausbrechen.
Das Erscheinungsjahr der Novelle über den 12jährigen, unaufgeklärten Edgar, der den Urlaubsflirt seiner Mutter beobachtet und an der Ungewissheit der Hintergründe der Annäherung verzweifelt, stellt gleichzeitig sozialgeschichtlich einen Wendepunkt dar. Die geschichtliche Einteilung des 19. Jahrhunderts wird vor allem aufgrund der sich anschließenden sozialen Umwälzungen 2 bis 1914 gesehen. Somit stellt ‘Brennendes Geheimnis’ rein chronologisch betrachtet den Schlusspunkt des langen 19. Jahrhunderts dar. Doch auch inhaltlich spiegelt die Novelle die Probleme der Sexualmoral in Europa vor dem 1. Weltkrieg wieder. Der damalige Leser weiß, in welcher Zeit er sich bewegt und kennt die gesellschaftlichen Umstände. So fehlt in ‘Brennendes Geheimnis’ nicht nur eine Zeitangabe, die die genaue Datierung ermöglichen würde, sondern auch eine Erklärung der bürgerlichen Welt und Weltanschauung. Genau dieses Fehlen ermöglicht es aber, die Handlung im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu verorten.
Doch wie ist es für den Leser von heute? Kann er die Novelle problemlos zeitlich einordnen und kennt er die sozialen Gegebenheiten die Zweigs Textproduktion ermöglichten? Davon ist wohl gerade bei diesem Werk nicht auszugehen, denn dazu sind die textinternen Hinweise zu schwach.
Davon ausgehend stelle ich die These auf, dass ein Verständnis der Rolle der Figur Mathilde ohne weitergehende Informationen nicht möglich ist. Ein solcher Versuch der Interpretation der Frauenrolle muss sich gegen die von Stefan Zweig verfolgte Aussageabsicht wenden.
Zur Überprüfung dieser These wird die Figur zunächst nur textintern charakterisiert. Zur Veranschaulichung werden dabei die Rollen Gespielin und Mutter getrennt (2.1. und 2.2.). Daraus ergibt sich das für den uniformierten Leser zu erwartende Bild der Frau. Anschlie-
1 Pfoser:Verwirrung einer Zeit, S. 8.
2 Zu den Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf die Rolle der Frau vgl. Menzel: Frauen- und Menschenrechte, S.105-106.
1
ßend werde ich den einzigen textinternen Hinweis auf die wahren Beweggründe der Frau herausstellen (2.3.). Die Überprüfung der sich dadurch ergebenden neuen Frauenrolle erfolgt in einem Dreierschritt: Zunächst wird ein Blick auf das sich verändernde Frauenbild in der Literatur der Jahrhundertwende geworfen (3.), bevor die Stellung der Frau um die Jahr-hundertwende aus Sicht Zweigs selbst und der neueren Forschung herausgearbeitet wird (4.). Den Abschluss des Hauptteils bildet ein Vergleich der Figur Mathilde mit anderen Frauen in Zweigs Novellen (5.). Sollten diese Frauen völlig anders konzipiert sein als meine Interpretation der Mathilde, würde sich die von mir gewählte Aussageabsicht als falsch erweisen. Zur Vereinfachung der Überprüfung meiner Belege habe ich mich dazu entschieden, die Seitenzahlen aus ‘Brennendes Geheimnis’ in Klammern anzugeben.
2. Die Figurencharakterisierung: Mathilde
2.1. Die Gespielin
Zunächst muss auf die Begriffswahl der in diesem Abschnitt verwendeten Unterüberschriften verwiesen werden. Während die Bezeichnung „Mutter“ eindeutig ist, ist „Gespielin“ sicher diskussionswürdig. Es geht mir dabei um das Herausstellen der Passivität der Frau und der Aktivität des Mannes, sowie um das Spielerische, mit dem der Baron an die zwischenmenschliche Beziehung herangeht.
Gegründet auf der auktorialen Erzählweise sind es zunächst vor allem Informationen auf der Ebene der Erzählinstanz, hier explizit-auktoriale Charakterisierungselemente, die das Bild von Edgars Mutter im Kopf des Lesers formen.
Eingeführt wird die Figur Mathilde durch die äußere Beschreibung des Erzählers (S.14). Demnach ist sie eine elegante, gutaussehende Frau, die, so der Erzähler, im Alter „knapp vor der Überreife“ steht und nach außen sehr selbstsicher auftritt. Bei der Beschreibung ihrer körperlichen „Üppigkeit“, wird ausdrücklich betont, dass es sich bei ihr um eine Jüdin handelt, was an äußeren Merkmalen, namentlich an ihrer Nase, festgemacht wird. Dies bedarf einer kurzen Erläuterung: Auf den ersten Blick gerät der Autor Stefan Zweig mit der Formulierung, dass ihre Nase ihre Rasse verraten würde, in den Verdacht des Antisemitismus. Dies ist natürlich, schon wegen der jüdischen Abstammung Zweigs 3 , abwegig und doch zeigt sich hier, wie bedenkenlos noch 1913 mit einer solchen Formulierung umgegangen wird. Diese Aussage ist jedoch weniger als reine Information gedacht, sondern dient vielmehr als Werkzeug, um der Frau ein Bündel von Eigenschaften zuzuordnen, die ihr die
3 El-bah: Frauen- und Männerbilder, S. 1.
2
Leser nun aufgrund ihres Glaubens und anderer Umstände (vornehmes Hotel, teure Kleider...) zuschreiben. Eine Eigenschaft ist beispielsweise, dass Mathilde nicht berufstätig ist. Dies wird an keiner Stelle des weiteren Textes erwähnt und erscheint doch schon wenige Zeilen nach der Einführung der Figur in die Novelle gesichert, denn zu sehr würde eine berufliche Tätigkeit, den Einschränkungen, die mit der Rolle der Figur verbunden sind, widersprechen. Damit ist aber auch verbunden, dass Edgars Mutter auf die Avancen des Barons reagieren könnte, da ihrem Leben Langeweile unterstellt wird. Dies wird natürlich durch die Situation, eine Mutter macht mit ihrem 12jährigen Sohn ohne jegliche Bekannten Urlaub, verstärkt. Die vorgespiegelte Gleichgültigkeit gegenüber den Blicken des Barons und die aufgesetzte Art der Unterhaltung mit ihrem Sohn widersprechen nicht nur der zuvor festgestellten Selbstsicherheit Mathildes, sondern reizen den Baron umso mehr (S. 15). Obgleich der Baron um sein eigentliches Ziel, den Beischlaf, kämpfen muss, kann er sich der grundsätzlichen Aufmerksamkeit der Frau schon sehr schnell sicher sein, da sie ihm nach der ersten Begegnung nachsieht, als er den Speisesaal verlässt. Dies verrät ihm ein gewisses Interesse.
Dass sich die Mutter über „den Mangel an sympathischer Gesellschaft beklagt habe“, verrät Edgar dem Baron und dem Leser auf Seite 24. Somit verfestigt sich bei dem Jäger, wie auch bei dem Leser, das Bild der gelangweilten Frau. Dass sie vielleicht auch eine gelangweilte Ehefrau ist, wird ebenfalls von Edgar berichtet. Die Chancen, sein Ziel zu erreichen, erhöhen sich dadurch für den Baron weiter. Er glaubt zu bemerken, dass sein Name auf sie Eindruck macht (S.28). Dies charakterisiert Mathilde weiterhin als sehr auf Äußeres bedacht; hier wird gar explizit der Begriff „die Eitle“ (S.28) verwendet. Dies entspricht ebenso einer explizit-figuralen Erzählinstanz, wie die Einschätzungen des Barons, dass die begehrte Frau, unentschieden zwischen „dem Mütterlichen und dem Weiblichen“ sei und dazwischen für sie nun, aufgrund ihrer verblassenden Schönheit, zum letzten Mal die Wahl bestehe (S.34). Die Erkenntnis, eine eingesperrte, unzufriedene Frau vor sich zu haben, versucht er im Weiteren auszunutzen und er stellt fest, dass gerade das „Exotische und für sie Unerreichbare [an seinen Erzählungen] diese Frau erregt“ (S.38). Mathilde hält jedoch an ihrer gesellschaftlichen Rolle fest. Sie erschreckt und flüchtet aus der Halle, als sie bemerkt, dass während des Flirts mit dem Baron die Zeit schon weit vorgerückt ist (S.42). Sie bemerkt jedoch auch, dass „das heiße Gift schon in den Adern fließt“ (S.44). Es muss ihr also spätestens hier klar sein, einerseits welches Ziel der Baron hat und andererseits, was für sie auf dem Spiel steht. Doch sie sieht sich nicht mehr vor der Wahl, sondern dem Schicksal ausgeliefert, ebenso hilflos wie gegen bereits injiziertes Gift. Erst
Arbeit zitieren:
Christoph Nikolaus Felt, 2004, Überraschende Wende? Das Frauenbild in Stefan Zweigs Novelle "Brennendes Geheimnis", München, GRIN Verlag GmbH
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