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Inhalt Seite
1. Reales Geschehen und fiktive Welt: Handkes
Schreibmotivation 1
2. Namengebung und sozio-kultureller Hintergrund
der Frauenfiguren 2
2.1 Lebensumstände als Relikte des 19. Jahrhunderts 2
2.2 „Middle Class“ Perfektion des 20. Jahrhunderts 4
3. Minimalvoraussetzungen der Emanzipation 6
3.1 Eigentum als „verdinglichte Freiheit“ 6
3.2 Bildung und Ausbildung als Grundlage der Existenz 7
3.3 „Ein Zimmer für sich allein“ 8
4. Kommunikation und zwischenmenschlicher Bereich 9
4.1 Sprachliche Kommunikation mit der Vaterfigur 9
4.2 Sprache und Rollenverhalten in Männerbeziehungen 10
4.3 Rückzug zur Einsamkeit 14
5. Handkes Rolle als Erzähler 15
5.1 Gratwanderung zwischen Identifikation und Distanz in
„Wunschloses Unglück“ 15
5.2 Filmische Darstellung in „Die linkshändige Frau“ 17
6. „Die linkshändige Frau“ - ein Schritt zur Bewältigung
„wunschlosen Unglücks?“ 18
7. Literaturverzeichnis 19
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1. Reales Geschehen und fiktive Welt: Handkes Schreibmotivation Peter Handkes Erzählung „Wunschloses Unglück“ nimmt den Tod seiner Mutter Ende des Jahres 1971 zum Anlaß, der Geschichte dieser in den starren Formen österreichisch-kleinbürgerlichen Lebens verhafteten Frau nachzuspüren. Der Autor geht dabei von der lapidaren Zeitungsmeldung unter der Rubrik „Vermischtes“ aus, durch welche in dürren Worten vom Selbstmord der 51jährigen Hausfrau berichtet. Gleichsam als Gegenposition hierzu steht der Entschluß Handkes, ihre wahre Lebensgeschichte als eine Darstellung der sie prägenden äußeren Bedingungen und inneren Zwänge niederzuschreiben. Handkes Versuch, sich durch den Prozeß des Schreibens auch vom eigenen Entsetzen zu befreien, stellt sich am Ende als erfolglos heraus. Der Erzählzusammenhang löst sich in Erinnerungsfetzen und Assoziationen auf, am Ende steht der Vorsatz: „Später werde ich über das alles Genaueres schreiben.“ 1
Vier Jahre nach Herausgabe der biographisch-autobiographischen Erzählung „Wunschloses Unglück“ erscheint 1976 Handkes Erzählung „Die linkshändige Frau“, die aus dem Drehbuch zum gleichnamigen, 1977 fertiggestellten Film hervorgegangen ist. 2 Es ist die Emanzipationsgeschichte einer Frau, die von einem Tag zum anderen ihre Ehe aufgibt, um zu ihrem Selbst zu finden. Im Gegensatz zum vorher genannten Werk handelt es sich hier jedoch um eine rein fiktive Frauengestalt, zu der Peter Handke nach eigenen Aussagen deshalb die geistige Energie habe aufbringen können, weil er „Wunschloses Unglück“, und damit die Lebens- und Todesbeschreibung seiner Mutter hinter sich hatte. 3 Ein direkter Gegensatz zwischen den Hauptcharakteren der beiden Erzählungen wird offenbar: Die linkshändige Frau darf am Ende nicht als Verliererin oder Opfer dastehen. Der Autor selbst stellt diesen Zusammenhang zwischen den beiden Frauendarstellungen her: „Ich hatte das Bedürfnis, diese geträumte Frau leben und überleben zu lassen. Ein Bedürfnis, das begründet ist in meinen eigenen Gewißheiten und in meiner eigenen Schuld. Beim Tod eines Verwandten, glaube ich, fühlt man sich immer auf metaphysische Art und Weise schuldig; ich möchte von dieser ewigen Schuld sprechen, die einem das Gefühl vermittelt, eine bessere Welt
1 Handke, Peter, Wunschloses Unglück, Suhrkamp Taschenbuch 146, Frankfurt am Main 1974, S. 105. (In
der Folge beziehen sich alle Seitenangaben im Text auf diese Ausgabe)
2 Jens, Walter (Hg.): Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1988, S. 256
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zu entwerfen als die erlebte Welt.“ Handke erschafft die Frauenfigur Marianne nach dem Bild traditioneller Helden in Western- oder Kriminalgeschichten. Diese Helden haben eine gefährliche Situation überstanden, eine große Erfahrung gemacht oder ein Rätsel gelöst. Am Ende kehren sie nach Hause zurück und finden „zu einer ewigen Ruhe“. 4 Auch Handkes Heldin Marianne erlebt ihre existentielle Herausforderung und soll sich nach Handkes Vorstellungen am Ende, wie der Westernheld, entspannt im Schaukelstuhl zurücklehnen. Aus dieser von Peter Handke selbst vorgenommenen Kontrastierung der beiden Frauengestalten in „Wunschloses Unglück“ und „Die linkshändige Frau“ ergibt sich die Frage, welche weiteren Gegensätze und welche Parallelen in den Lebensumständen und Persönlichkeiten der Hauptfiguren sichtbar werden. Inwiefern gleichen oder unterscheiden sich Lebenskampf, Wünsche und Entwicklungen der realen und der fiktiven Person, und durch welche Darstellungsformen gelingt es dem Autor, seine Intentionen zu verwirklichen? 2. Namensgebung und sozio-kultureller Hintergrund der Frauenfiguren
2.1 Lebensumstände als Relikte des 19. Jahrhunderts
Von schon fast banaler Offensichtlichkeit ist die Namensgleichheit der beiden Figuren: Handkes Mutter hieß Maria, die „linkshändige Frau“ Marianne. Auch in anderen Texten verwendet Handke gelegentlich Namen aus seinem direkten familiären Umfeld, wie zum Beispiel den seines im Krieg gefallenen Onkels Gregor, der in der Erzählung „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und in dem Theaterstück „Über die Dörfer“ wiederkehrt. Die Vermutung liegt nahe, daß der Autor nicht aus Phantasielosigkeit auf bestimmte Namen zurückgreift, sondern den dargestellten Figuren erwünschte oder tatsächliche Eigenschaften der authentischen Personen zuordnet. Hier könnte Handkes Absicht deutlich werden, dem mißlungenen Suchen der Mutter nach Identität und Selbstverwirklichung durch Schaffen der „Linkshändigen Frau“ eine andere, erfolgreichere Variante entgegenzusetzen. Handkes Mutter entstammt einer Familie von recht- und besitzlosen Kleinbauern und Handwerkern und wird 1920 in Griffen/Kärnten geboren.. Die damaligen Besitzverhältnisse
3 Handke, Peter, „Durch eine mythische Tür eintreten, wo jegliche Gesetze verschwunden sind“ in:
Fellinger, Raimund (Hg.), Peter Handke, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, S. 234 ff
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entsprechen, laut Handke, praktisch denen „von vor 1848, gerade, daß die formelle Leibeigenschaft aufgehoben war.“ (WU S. 13) Die Bevölkerung lebt in ärmlichen Verhältnissen auf gepachtetem Grundbesitz, der adeligen Grundbesitzern oder der Kirche gehört. Handkes Großvater ist der erste in vielen Generationen geduldeter und geknechteter Landarbeiter, der auf einem eigenen kleinen Anwesen aufwachsen kann. Grund dafür ist, daß der Großvater unehelicher Sohn einer recht wohlhabenden Bauerntochter ist, welche daraufhin die Mittel für den Kauf eines kleinen Anwesens erhält. Von diesen Voraussetzungen auf eine gewisse materielle und geistige Unabhängigkeit zu schließen, wäre jedoch ein Trugschluß. Gerade das Bewußtsein eines bescheidenen Besitzes läßt in Handkes Großvater ein schon zwanghaftes Spar- und Verzichtverhalten entstehen, das auch die Erziehung seiner fünf Kinder beeinflußt. Bereits hier, in dieser Atmosphäre erzwungener Bedürfnislosigkeit und tief eingebettetem Wunschverzicht werden die Grundlagen gelegt für das spätere Scheitern eines jeden Ausbruchsversuches, den Handkes Mutter unternimmt. Schon im ersten Satz der eigentlichen Biographie der Mutter kommt die räumliche und geistige Ausweglosigkeit ihres Daseins zum Ausdruck: „Es begann also damit, daß meine Mutter vor über fünfzig Jahren im gleichen Ort geboren wurde, in dem sie dann auch gestorben ist.“ (WU S. 12) Der enge Bezug von Geburt und Tod, von verheißungsvollem Anfang und trostlosem Ende, markieren den engen Raum, auf dem sich das Leben der Mutter abspielt. Dazwischen ein Leben in Armut, gefangen im strikten Rollenkorsett der kleinbürgerlichen Verhältnisse. Der von Peter Handke zitierte Kinderreim faßt dies zusammen: „So hießen ja schon die Stationen eines Kinderspiels, das in der Gegend von den Mädchen viel gespielt wurde: Müde / Matt / Krank / Schwerkrank / Tot.“ (WU S. 17) Handke füllt die kargen Stationen des Abzählreimes mit konkreteren Bildern: „Keine Möglichkeiten, alles schon vorgesehen: kleine Schäkereien, ein Kichern, eine kurze Fassungslosigkeit, (...) die ersten Kinder, ein bißchen noch Dabeisein nach dem Hantieren in der Küche, (...) dann schlecht auf den Beinen, Krampfadern, (...) Unterleibskrebs, und mit dem Tod ist die Vorsehung schließlich erfüllt.“ (WU S. 17) Für eine Frau in diesen Verhältnissen ist das Leben bereits vom Zeitpunkt der Geburt an vorherbestimmt, Alternativen gibt es nicht. Irene Kann faßt die Ausweglosigkeit der Situation zusammen: „Das Erdrückende für dieses Dasein liegt in seiner totalen Zukunftslosigkeit, da seit der Geburt alles festgelegt und den Zwängen der ewigen
4 Handke, Peter, „Durch eine mythische Tür...“ S. 234
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Wiederkunft des Gleichen unterworfen ist. Jede Regung, jeder Wunsch und Widerwille hat sich den Ansprüchen herrschender Normen zu fügen, und jede Möglichkeit wird durch einschnürende Sitten und Gebräuche ihres Potentials beraubt. Regulierende Instanzen sind die Blicke der Nachbarn ebenso wie die Kirche mit ihrem Rhythmus der Feiertage.“ 5 Materielle Armut, durch die Trunksucht des Mannes verursacht, beengte Wohnverhältnisse im Elternhaus der Frau, ungewollte Schwangerschaften, aus denen am Ende fünf lebende Kinder und d rei Abtreibungen resultieren, völliges Fehlen von ehelicher Gemeinsamkeit und Liebe, dies ist das soziale Umfeld, in dem sich Handkes Mutter bereits im Alter von dreißig Jahren wie in einer Sackgasse gefangen sieht. „Sie war also nichts geworden, konnte auch nichts mehr werden, das hatte man ihr nicht einmal vorauszusagen brauchen. Schon erzählte sie von ‘meiner Zeit damals’, obwohl sie noch nicht einmal dreißig Jahre alt war. Bisher hatte sie nichts ‘angenommen’, nun wurden die Lebensumstände so kümmerlich, daß sie erstmals vernünftig sein mußte.“ (WU S. 36) Handke beschreibt die materielle Not der Familie als ein entscheidender Faktor in der „Entmenschlichung“ seiner Mutter. Weniger das tägliche mühselige Haushalten, bei dem noch wie vor hundert Jahren alles von Hand gemacht wird, sondern weit stärker die wiederkehrenden Demütigungen, das Bewußtsein, ständig eine Bittstellerin um die nackten Existenzgrundlagen zu sein, entziehen ihr Lebenskraft und Menschenwürde. (WU S. 62ff )
2.2 „Middle Class“ Perfektion des 20. Jahrhunderts
Von dieser im vorigen Jahrhundert verhafteten Lebensweise ist es ein weiter Sprung zum sozialen Umfeld der „linkshändigen Frau“ Marianne. Der Zeitpunkt ihrer Geburt liegt ungefähr eine Generation später und Welten entfernt von Handkes Maria. Die Erzählung vermeidet bewußt Biographisches. Die Personen gewinnen fast nur durch ihr Handeln konkretere Konturen, treten gleichsam einzeln ins Scheinwerferlicht. Den „allwissenden Erzähler“ , wie er durch die Person Peter Handkes selbst im „Wunschlosen Unglück“ in Erscheinung tritt, gibt es hier nicht. Schlaglichtartig hingeworfene Informationen zu den handelnden Figuren gleichen kurzen Regieanweisungen, die gerade für das Gelingen der betreffenden Situation notwendig sind.
5 Kann, Irene, Schuld und Zeit. Literarische Handlung in theologischer Sicht. Paderborn 1992, S. 191
Arbeit zitieren:
Cornelia Peters, 1998, Frauendarstellungen in Peter Handkes Erzählungen "Wunschloses Unglück" und "Die linkshändige Frau", München, GRIN Verlag GmbH
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