Inhaltsverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS IV
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. V
1. EINLEITUNG. 1
2. DAS HÖRBUCH 8
2.1 DEFINITION 9
2.2 MEDIUM 12
2.3 DIE GENRES DES HÖRBUCHS. 17
2.4 DIE FORMEN DES HÖRBUCHS 21
2.4.1 Das Hörspiel 22
2.4.2 Feature 25
2.4.3 Lesung/Szenische Lesung 26
2.4.4 Sonderformen 27
2.5 DIE PRODUKTION (SPRECHER, MUSIK UND GERÄUSCHE) 28
2.6 HISTORIE 30
2.6.1 Die Deutsche Grammophon: Von den Anfängen bis heute 32
2.6.2 Cottas Hörbühne in den Achtzigern. 33
2.6.3 Die Gründung des Hörverlags 36
3. DER HÖRBUCHMARKT UND SEINE VERLAGE 38
3.1 RECHTE 41
3.2 EIN PROFIL DER VIER GRÖßTEN HÖRBUCHVERLAGE. 44
3.2.1 Der Hörverlag. 47
3.2.2 Random House Audio (Bertelsmann)/Ullstein Hörverlag 49
3.2.3 Lübbe Audio 50
3.2.4 Zusammenfassung 51
3.3 SPEZIALISIERTE VERLAGE. 52
3.3.1 supposé 53
3.3.2 ACO Verlag Berlin 53
3.4 DER MARKT FÜR KINDERHÖRBÜCHER UND SEINE VERLAGE. 54
3.4.1 Uccelo. 57
3.4.2 Edition See-Igel 57
3.4.3 Zusammenfassung 58
4. VERHÄLTNIS HÖRBUCH UND HÖRBUCHHÖRER. 59
4.1 VERÄNDERUNGEN IN DER GESELLSCHAFT 59
4.2 DOUBLE YOUR TIME? 61
4.3 VORLESEN UND NOSTALGIE. 63
4.4 POPULÄRE SPRECHER POPULÄRES HÖRBUCH 64
4.5 FREIZEITGESTALTUNG 65
4.6 KASSETTENKINDER HÖRBUCHHÖRER. 68
4.7 ZUSAMMENFASSUNG 70
5. VERTRIEB UND MARKETING. 72
5.1 VERTRIEB 72
5.2 MARKETING. 75
5.2.1 Hörbuch-Preise/Messen. 77
5.2.2 Crosspromotion und Kooperationen 79
III
5.2.3 Presse 80
5.2.4 Internet. 81
5.2.5 Präsenz des Hörbuchs im Buchhandel/Cover-Gestaltung. 82
5.2.6 Preisgestaltung. 84
5.3 ZUSAMMENFASSUNG 86
6. VERHÄLTNIS HÖRBUCH ZU BUCH UND RADIO. 89
6.1 DER BUCHMARKT ANALOG ZUM HÖRBUCHMARKT 89
6.2 LESER HÖRBUCHHÖRER ODER KONKURRENT? 90
6.3 ENTWICKLUNG DES RUNDFUNKS ANALOG ZUM HÖRBUCH. 91
6.4 DIE ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN SENDER UND DIE HÖRBUCHVERLAGE. 95
6.5 ZUSAMMENFASSUNG 96
7. DIE UMFRAGE 98
7.1 DER FRAGEBOGEN 98
7.2 DIE BEFRAGTEN. 99
7.3 BEMERKUNGEN. 101
7.4 AUSWERTUNG DER UMFRAGE 102
7.4.1 Umfrage: Abschnitt 1. 102
7.4.2 Umfrage: Abschnitt 3. 103
7.4.3 Umfrage: Abschnitt 4. 104
7.4.4 Umfrage: Abschnitt 5. 109
7.5 ZUSAMMENFASSUNG 111
7.6 VERÄNDERUNGEN IN DER NUTZERSTRUKTUR 112
8. ERGEBNIS 116
QUELLENVERZEICHNIS 121
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die acht größten Hörbuchverlage und ihre Umsätze in
(in Millionen Euro) Seite
Abbildung 2: Die zehn größten Hörbuchverlage und ihre Umsätze in
(in Millionen Euro) Seite
Abbildung 3: Frage 7: Wo hören Sie Hörbücher? Seite
Abbildung 4: Frage 8: Weshalb hören Sie Hörbücher? Seite
Abbildung 5: Frage 4: Weshalb hören Sie die Kassetten?(Hörbuchhörer) Seite
Abbildung 6: Frage 3: Hören Sie die Kassetten auch heute noch?
(Hörbuchhörer) Seite
Abbildung 7: Zahlen zu den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt in 2003 Seite
Abbildung 8: Kulturprogramme der ARD Seite
Abbildung 9: Geschlecht Seite
Abbildung 10: Bildung Seite
Abbildung 11: Altersgruppen Seite
Abbildung 12: Anteil (Nicht-)Hörbuchhörer weiblich Seite
Abbildung 13: Anteil (Nicht-)Hörbuchhörer männlich Seite
Abbildung 14: Frage 6: Wenn ja, wie oft? Seite
Abbildung 15: Frage 9: Was ist für Sie ausschlaggebend,
um ein Hörbuch zu kaufen? Seite
Abbildung 16: Frage 10: Welches Medium für Hörbücher benutzen Sie
überwiegend bzw. welches bevorzugen Sie? Seite
Abbildung 17: Frage 12: Hat Sie ein Buch schon einmal animiert,
das Hörbuch dazu zu kaufen? Seite
Abbildung 18: Frage 13: Hat Sie ein Hörbuch schon einmal animiert,
das Buch dazu zu kaufen? Seite
Abbildung 19: Frage 18: Haben Sie Hörbücher schon einmal ausprobiert? Seite
Abbildung 20: Frage 19: Lesen Sie privat Bücher? Seite
Abbildung 21: Frage 20: Weshalb hören Sie keine Hörbücher? Seite
Abbildung 22: Frauen (Auf der Basis der 72 weiblichen Nicht-Hörbuchhörer) Seite
Abbildung 23: Männer (Auf der Basis der 45 männlichen Nicht-Hörbuchhörer) Seite
V
Abkürzungsverzeichnis
ABB. Abbildung
AK Arbeitskreis
ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland
BBC British Broadcasting Corporation
Börsenblatt Börsenblatt des Deutschen Buchhandels
BR Bayerischer Rundfunk
BWL Betriebswirtschaftlehre
CD Compact Disc
DAV Der Audio Verlag (Aufbau)
DG Deutsche Grammophon
DHV Der Hörverlag
DM Deutsche Mark
DVD Digital Versatile Disc
ff. fortfolgende
FAZ Frankfurter Allgemeine Zeitung
HC Hardcover
HdR Herr der Ringe
HP Harry Potter
HR Hessischer Rundfunk
inkl. Inklusive
MA Media Analyse
max. maximal
MC Music Cassette
MDR Mitteldeutscher Rundfunk
MS Microsoft
VI
MTV Music Television
NDR Norddeutscher Rundfunk
p.a. per anno
POS Point Of Sale
RB Radio Berlin
RBB Radio Berlin-Brandenburg
RHA Random House Audio
SDR Süddeutscher Rundfunk
SFB Sender Freies Berlin
SWF Südwestfunk
SWR Südwestrundfunk
TB Taschenbuch
USD United States Dollar
VWL Volkswirtschaftslehre
WWF Westdeutsche Rundfunkwerbung GmbH
1. Einleitung
Die Hörbuch-Branche boomt. 1 So lautet die eindrucksvolle Entwicklung des Hörbuchmarktes seit Mitte der Neunziger Jahre, dargestellt in diversen Artikeln, Studien und Interviews. Bereits 1998 hieß es vielversprechend: „Der Hörbuchmarkt als ein Markt
der unbegrenzten Möglichkeiten […] - die Zukunft wird die Antworten liefern.“ 2 Aktuelle Studien belegen, dass das Hörbuch seit Jahren, konträr zur Entwicklung des Buchmarktes, ein überproportionales Wachstum zu verzeichnen hat. Allein im ersten Quartal 2004 war eine Steigerung des Umsatzes um 20,4% gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu beobachten, während der Buchmarkt insgesamt „nur“ ein Wachstum von 4,02% zu
verzeichnen hatte (inkl. Hörbücher). 3 Das Hörbuch ist ein Marktphänomen, welches sich überproportional zur gesamten Buchbranche entwickelt. Kennzeichnend ist jedoch, dass auch darüber, ob es sich um einen Boom handelt oder nicht, keine Einigkeit herrscht; wie über so vieles, was das Hörbuch betrifft, was im
Laufe dieser Arbeit noch deutlich werden wird. Während Frank Olbert 4 oder Daniela Utecht von der Marketingagentur „Buchwerbung der Neun“ von einem Boom sprechen, 5 nennt Thomas Krüger, Autor und Programmleiter von Random House Audio, die aktuelle
Entwicklung des Hörbuchmarktes eher einen Aufschwung, und Bernd Rieger 6 wiederum spricht von einem „aufbrechenden Markt“. 7 Ob man die Entwicklung des Hörbuchmarktes als einen Boom, als Aufschwung oder als aufbrechend bezeichnet, das Hörbuch ist erfolgreich. Zahlen belegen, dass eine noch immer steigende Nachfrage vorhanden ist. Das Hörbuch wurde lange Zeit nicht ernst genommen und als ein Medium für Blinde und alte Menschen betrachtet, doch heute ist allgemein bekannt: „Literaturtonträger sind kein
zweitklassiges Medium für Lesefaule [...].“ 8 Es gab bis zu Beginn des Booms kaum oder nur ungenügende Informationen über die wenigen Verlage, ihr Angebot, mögliche Bezugsquellen etc. Ebenfalls mangelte es an zielgerichteter Werbung, Marktstudien und Zielgruppenanalysen. Eine Präsenz in den Medien war kaum vorhanden. Die hier
1 Arbeitskreis Hörbuchverlage - Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Hörbuch - Auszug aus dem Report zur Branchenumfrage“. Oktober 2003, S.3.
2 Ursula Gaisa: „Das aktuelle Musikbuch“. In: NMZ, 47/1998, 11.10.1998, S.44.
3 Börsenverein des Deutschen Buchhandels: „Branchen-Monitor BUCH“, 1. Quartal 2004.
4 Frank Olbert ist Kulturredakteur beim Kölner Stadt-Anzeiger sowie Autor und Produzent eines monatlichen Magazins beim Deutschlandfunk.
5 Frank Olbert: „Hörbücher gewinnen Preise. Ausgezeichnetes auf Kassette und CD“. In: Deutschlandfunk-Hörspielkalender vom 12.04.2003. URL: http://www.dradio.de/cgi-bin/es/neu-hoer-kalender/241.html.
(Stand: 23.12.2003).
6 Bernd Rieger ist Leiter der SWR-Rundfunk Media GmbH sowie Geschäftsführer des Audioverlags.
7 Mitschrift des Mitschnitts des Medienpolitischen Diskussionsforums „Erfolg - Zukunft und Perspektive des Hörspiels in Zeiten des Hörbooms.“ (120 Minuten), 17. Woche des Hörspiels in der Akademie der Künste in Berlin, 14. November
2003, Beiträge 22 und 36, vgl. Anhang A.
8 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.13.
genannten Informationsdefizite, die hohen Preise und das relativ kleine Angebot, das kaum Unterhaltungsliteratur enthielt, machten das Hörbuch lange Zeit kaum attraktiv für den
Buchhandel. 9 Doch dies hat sich geändert. Der Markt verfügt noch über viel Potenzial, was auch ein Blick auf die Märkte in den USA oder England, Vorreiter und Vorbilder in Sachen Hörbuch, zeigt. In den USA wurde bereits 1999 mit Audiobooks, wie Hörbücher dort genannt werden, ein Umsatz von zwei Milliarden US-Dollar erzielt. Hörbücher werden dort bevorzugt auf den langen Autofahrten der endlosen Highways genutzt (44,5%
der Amerikaner hören Hörbücher ausschließlich im Auto). 10 Liegt es an einer generellen „Renaissance des Hörens“, wie Heike Völker-Sieber, Pressesprecherin des Hörverlags,
sagt? 11 „Oder sollte gar der Zeitpunkt erreicht sein, dass unsere optisch dominierte Kultur ihren Sättigungsgrad erreicht hat und der geheimnisvolle (und wenig erforschte) Vorgang
des Hörens wieder an Bedeutung gewinnt?“ 12
Gliederung und Methodik der Arbeit
Noch immer sind die Umsätze des Hörbuchs, gemessen am Gesamtumsatz des Buchmarktes, relativ gering, jedoch mit steigender Tendenz. In dieser Arbeit soll durchleuchtet werden, weshalb Hörbücher insbesondere seit Mitte der Neunziger Jahre diesen enormen Popularitäts- und Umsatzzuwachs zu verzeichnen haben. Um eine begründete Aussage über die positive Entwicklung des Hörbuchmarktes machen zu können, müssen jedoch seine unterschiedlichen Aspekte einer gründlichen Analyse unterzogen werden. Aufgrund ihres großen Anteils am Erfolg des Hörbuchs sind insbesondere die ökonomischen Rahmenbedingungen des Hörbuchmarktes zu betrachten, die sich in den letzten zehn Jahren stark entwickelt und zum Positiven verändert haben, weshalb die Arbeit einen wirtschaftlichen Schwerpunkt hat. Da es noch kaum ausführliche Studien oder Arbeiten (d.h. Literatur) speziell über das Hörbuch und seinen Markt gibt, mussten andere Quellen für diese Arbeit gesucht werden, die fundierte Aussagen über die Ursachen für den Hörbuchboom zulassen. Zudem machte es die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Ursachen, die für die positive Entwicklung des Hörbuchs verantwortlich sind, nötig, aus verschiedenen Teilbereichen Materialien zur Stützung der einzelnen Thesen und der unterschiedlichen Aspekte des Hörbuchmarktes heranzuziehen. Fachbezogene Informationen über das Hörbuch gibt es in
9 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S. 231-232.
10 Anja Sieg: „Audiobooks haben in USA einen Milliarden-Markt“. In: buchreport.magazin Juli 2000, S.158.
11 Nicola Kuhrt: „Trendgerechtes fürs Trommelfell“. In: Spiegel Online 10.10.2003. URL: www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,268678,00.html (Stand 10.10.2003).
12 Götz Naleppa: Hörspiel und Öffentlichkeit. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 26/Dezember 1997, S.66.
immer größerem Umfang u.a. in Form von Artikeln oder Studien in Fachzeitschriften wie dem buchmarkt, den epd Medien oder dem Börsenblatt, aber auch in Zeitungen wie der Zeit oder der FAZ, seit zwei Jahren auch in Form von Hörbuch-Specials exklusiv über die Entwicklungen des Hörbuchs und seines Marktes. Insbesondere im Internet existieren unzählige Seiten wie Internetportale zum Hörbuch, Websites der Verlage und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, (Fach-) Zeitschriften, Internetanbieter und Websites der Buchmessen und Hörbuchpreise, welche eine Vielzahl an Informationen, insbesondere von Personen aus der Hörbuchbranche, zum Thema Hörbuch anbieten. Zusätzlich war es möglich, den Mitschnitt eines Diskussionsforums in der Akademie der Künste 11/2003 (Berlin) mit Fachleuten aus Verlagen, Rundfunk und Autoren zum Thema Hörbuch zu erhalten und auszuwerten. Außerdem existieren bereits kleinere repräsentative Umfragen von z.B. dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem HR oder der Frankfurter Buchmesse, die unter Hörbuchverlagen, den Radiohörern bzw. unter den Buchmessebesuchern zu bestimmten Themen bezüglich des Hörbuchs durchgeführt wurden.
Für die Beurteilung der wirtschaftlichen Faktoren und ihrer Entwicklung in den letzten zehn Jahren war es notwendig, fachbezogene Informationen wie Branchenstudien, z.B. der Branchenmonitor des Börsenvereins, sowie Umsatzzahlen und -entwicklungen hinzuzuziehen. Aufgrund der Entstehung der verschiedenen Formen des Hörbuchs in den Radioprogrammen des Rundfunks ließ sich zum Themenbereich ihrer theoretischen Definitionen ausnahmsweise ausführliche Literatur finden. Da aber trotz des umfangreichen Materials einige essenzielle Fragen insbesondere zu den Verlagen, aber auch genereller Art, unbeantwortet blieben, wurde versucht, die fehlenden Antworten durch Telefoninterviews und E-Mail-Kontakt (aufgrund der räumlichen Distanz) mit Fachleuten aus der Hörbuchbranche zu erhalten. Hierfür wurden gezielt die noch offenen Fragen gestellt, die auch zum größten Teil beantwortet werden konnten. Um abschließend aussagekräftige Angaben über das Konsumentenverhalten sowie die Rezeption von Hörbüchern zu erhalten, war es wegen mangelnder Informationen unerlässlich, empirisch zu arbeiten und eine eigene Umfrage zu diesem Thema durchzuführen. Dazu wurde eine anonyme und direkte Befragung mit einem aus geschlossenen Fragen bestehenden und eigens für diese Arbeit konzipierten Fragebogen vorgenommen. Im Folgenden wird die Gliederung der Arbeit vorgestellt. Zu Beginn wird das Hörbuch mit seinen verschiedenen Medien, Formen und Genres sowie seine Produktion und seine Entwicklung dargestellt und analysiert. Hierzu werden zunächst einmal die
theoretischen und historischen Grundlagen des Hörbuchs und seiner Entwicklung geklärt. Die Leitfragen für den ersten Teil der Arbeit lauten: Was ist ein Hörbuch, und was hängt mit der Produktion eines Hörbuchs zusammen? Wie, seit wann und wodurch hat sich der Trend zum Hörbuch entwickelt? Aufgrund ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Hörbuchs werden die Deutsche Grammophon, der Klett-Cotta-Verlag sowie der Hörverlag gesondert hervorgehoben und detaillierter beschrieben. Hierbei werden bereits erste Gründe, wodurch der Erfolg des Hörbuchs bis Mitte der Neunziger behindert wurde und was ihn letztendlich ausgelöst hat, genannt.
Des Weiteren wird die Angebotsseite im Hörbuchmarkt, d.h. die unterschiedlichen Verlage, die Rundfunkanstalten, Tonträgerlabels und andere Produzenten, betrachtet, um die positive Entwicklung des Marktes und sein Profil darzustellen. Hierfür ist es notwendig, insbesondere die ökonomischen Faktoren und Rahmenbedingungen zu analysieren, um ein aussagekräftiges Bild über den derzeitigen Stand der Entwicklung des Hörbuchmarktes sowie über zukünftige Entwicklungen zu erhalten. Mit den folgenden Fragen wird sich im zweiten Teil der Arbeit auseinandergesetzt: Wie sieht der Hörbuchmarkt aus, wie viele und welche Arten von Verlagen gibt es, wie sieht die bisherige Entwicklung aus, und was wird für die Zukunft prognostiziert? Welche Auswirkungen hat die positive Marktentwicklung auf die Verlage, deren Programmgestaltung und die einzelnen Produktionen? Es wird detailliert auf die Entwicklung der Anbieter und deren aktuellen Stand bezüglich Umsatz und Angebot eingegangen, um basierend auf den Ergebnissen die jeweiligen Verlagsprofile erstellen zu können. All diese verschiedenen Bereiche haben den Hörbuchmarkt in den letzten zehn Jahren aus noch zu nennenden Gründen stark beeinflusst. Die Analyse der genannten Faktoren ergeben einen umfassenden Überblick über das Profil des sich stetig in Bewegung befindenden und sich verändernden Hörbuchmarktes. Hierbei wird unterschieden zwischen dem Markt für Erwachsenen-Hörbücher und dem für Kinder- und Jugendhörbücher, da letzterer bereits vor dem allgemeinen Hörbuchboom erstaunliche Wachstumsraten zu verzeichnen hatte und somit auch eine gesonderte Betrachtung erfordert. Zu den Kinder- und Jugendhörbüchern werden im weiteren Sinne auch die Kinder- und Jugendhörspielserien der Tonträgerlabels wie Europa (BMG Ariola Miller) oder Kiddinx (Kiosk) gezählt, die bereits in den Achtziger Jahren populär wurden (d.h. zehn bis fünfzehn Jahre vor dem eigentlichen Boom). Aufgrund der Wichtigkeit für die Hörbuchproduktion wird zusätzlich ein Abschnitt dem Thema Recht, d.h. Rechte und Lizenzen an Hörbüchern, Musik und Manuskripten, gewidmet, das die dadurch bedingte
Problematik (wie Kosten und Arbeitsaufwand durch die Suche nach Rechteinhabern alter Hörspiele) für die Produzenten aufzeigen soll. Anschließend werden die aktuell vier größten Verlage, Der Hörverlag (DHV), Random House Audio (RHA), Lübbe Audio und die Deutsche Grammophon (DG, wird bereits unter 2.6.1 ausführlich vorgestellt) dargestellt, um einen Überblick über den beständig wachsenden Markt und seine Besonderheiten zu geben. Zur Abrundung des Bildes werden zusätzlich zwei spezialisierte Verlage (supposé, ACO Verlag Berlin), deren Programme sich explizit nicht an die Masse der Hörer wenden sowie zwei Kinderhörbuch-Verlage (Uccelo, Edition See-Igel) vorgestellt. Im Anschluss daran wird noch kurz auf die Preisgestaltung von Hörbüchern eingegangen, um u.a. zu untersuchen, wie Hörbücher preislich zu den jeweiligen Buchausgaben stehen. Abschließend werden die Ergebnisse und Erkenntnisse zusammengefasst präsentiert; auch am Ende der jeweils folgenden Teile wird die Quintessenz kurz zusammengefasst.
Neben der Angebotsseite ist es essenziell, auch die Rezeptionsseite, d.h. die
Konsumenten und Hörbuchhörer 13 , zu betrachten. Hierbei wird insbesondere deren Hörverhalten und die Veränderungen desselben in den letzten zehn Jahren sowie ihre Ansprüche an ein Hörbuch betrachtet. Die wichtigsten Fragen dieses dritten Teils der Arbeit lauten: Wer hört warum Hörbücher, und was hat sich in den letzten Jahren verändert, dass dies so ist? Zur Verdeutlichung werden zunächst die Veränderungen in der Gesellschaft dargestellt, die wiederum zu einem gewandelten Hörverhalten in der Bevölkerung beigetragen haben; im Anschluss daran werden die verschiedenen Gründe aufgeführt, weshalb von welcher Personengruppe bevorzugt Hörbücher gehört werden. Der vierte Teil der Arbeit beschäftigt sich, nachdem bereits die verschiedenen Produzenten, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse und ihr Angebot beleuchtet wurden, erneut mit ökonomischen Faktoren. Es geht nunmehr um die Vermarktung und den Verkauf von Hörbüchern, wobei die folgende Darstellung und Analyse der Veränderungen im Vertrieb und im Marketing bei den Verlagen und Produzenten aufzeigt, dass insbesondere das seit Mitte der Neunziger Jahre entstehende neue und effiziente Marketing einen großen Anteil am Erfolg des Hörbuchs hat. Der Marketing-Mix (wo wird wie geworben, wie sieht die Medienpräsenz aus usw.) sowie die unterschiedlichen Vertriebswege (Buchhandel, Tonträgerhandel, Internet) werden aufgeführt und erläutert. Inwiefern ist das Marketing an der positiven Entwicklung des Hörbuchmarktes beteiligt, was hat sich hier insbesondere
13 Ein Hörbuchkonsument oder -hörer muss nicht notwendigerweise ein Käufer sein, da er sich Hörbücher auch ausleihen oder schenken lassen kann. Umgekehrt kann der Käufer das Hörbuch wiederum verschenken und muss es nicht selbst
konsumieren. In dieser Arbeit (inkl. der empirischen Untersuchung) wird aufgrund der Schwierigkeit der
Differenzierung zwischen diesen beiden Gruppen davon ausgegangen, dass Konsument und Hörer identisch sind.
seit Mitte der Neunziger Jahre getan, und welche Strategien werden hier von wem verfolgt? Welche Kooperationen existieren, und sind sie erfolgreich? Zusätzlich soll geprüft werden, welche Möglichkeiten die, im Gegensatz zu Büchern, nicht preisgebundenen Hörbücher in der Preisgestaltung dem (Hör-)buchhandel ermöglichen. Des Weiteren wird die Verschiebung in der Nutzung der einzelnen Vertriebswege durch die Verlage sowie die Gründe dieser Verschiebung und deren Auswirkungen herausgestellt. Welches waren die herkömmlichen Vertriebswege der Verlage, haben sich diese geändert und wenn ja, warum?
Der fünfte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit den Wechselbeziehungen und dem Verhältnis zwischen dem Hörbuch und den ihm besonders nahe stehenden Medien Buch und Radio. Das Hörbuch wird in den Kontext von Buch und Radio gesetzt, um seine Stellung und Bedeutung für Konsumenten und Produzenten im Vergleich zu diesen beiden Medien einordnen zu können. Wie entwickeln sich der Buchmarkt und der kulturelle Zweig des Rundfunks im Gegensatz zum Hörbuchmarkt, analog oder konträr? Konkurrieren die verschiedenen Medien miteinander oder ergänzen sie sich? Verleitet die Nutzung des einen Mediums zu der des anderen? Wie stehen die Verlage zu den ebenfalls Hörspiele, Lesungen etc. produzierenden öffentlich-rechtlich Anstalten und umgekehrt? Insbesondere der Rundfunk wird, aufgrund seiner engen Verbundenheit mit dem Hörbuch, detailliert betrachtet. Jahrzehntelang war der Rundfunk die Plattform für sämtliche Hörbuchformen und ist es auch heute noch.
Im sechsten und letzten Teil wird die für diese Arbeit durchgeführte empirische Untersuchung zum Thema Hörbücher und ihre Ergebnisse dargestellt. Aufgrund der spärlichen Studien zu diesem Thema wurde eine eigene Umfrage erstellt, deren Resultate sich aus insgesamt 288 verwertbaren Antwortbögen zusammensetzen. Dieser Abschnitt der Arbeit erläutert, wie die Umfrage aufgebaut ist, wie sie durchgeführt wurde, wer daran teilnahm und welche Fragen gestellt wurden, inklusive der Ergebnisse. Die Umfrage sollte nicht nur Antworten auf die Fragen liefern, weshalb Hörbücher gehört werden, wo und auf welchem Medium etc., sondern auch, warum Hörbücher nicht gehört werden. Wegen der besonderen Bedeutung der Zielgruppe der 25-35 jährigen, gebildeten Hörbuchhörer (vgl. 4.1.5 und Abschnitt 6.ff) wurde verstärkt diese Personengruppe befragt. Der Einfachheit halber ist, sofern nicht explizit erwähnt, wenn von einer Umfrage die Rede ist, stets die für diese Arbeit durchgeführte Umfrage gemeint. Die gesamten Ergebnisse sind im Detail im Anhang B aufgeführt. Um einen Eindruck über die Veränderungen der Nutzergruppen von Hörbüchern und ihrer Nutzungsgewohnheiten der letzten zehn Jahre zu bekommen,
werden die Ergebnisse der Umfrage, sofern möglich und unter Berücksichtigung der Unterschiede in der Gruppe der Befragten, mit denen einer Studie aus dem Jahre 1994
unter Bibliotheksnutzern verglichen. 14
Zusammengenommen soll die Analyse der dargestellten Bereiche Hörbuch, Hörbuchmarkt, Hörer, Marketing und Vertrieb sowie die Beschreibung des Verhältnisses zu Rundfunk und Buch darlegen, welche Ursachen zum bestehenden und auch für die nähere Zukunft noch prognostizierten „Hörbuch-Boom“ geführt haben und welche auch weiterhin zur positiven Entwicklung des Hörbuchmarktes beitragen werden.
14 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.9-10.
2. Das Hörbuch
Zunächst geht es in diesem Abschnitt um die nähere Betrachtung des Begriffs Hörbuch. Was kann darunter verstanden werden, wie setzt sich der Begriff zusammen und wie sieht die historische Entwicklung des Hörbuchs aus.
„Definieren Sie den Begriff Hörbuch in einem Satz“. Dies war eine der Fragen der empirischen Untersuchung dieser Arbeit. Die Antworten waren erstaunlich. Im Folgenden wird eine kleine Auswahl der Definitionsversuche wortwörtlich wiedergegeben. Ein Hörbuch ist demnach: „Eine auf Tonband aufgenommene, von EINEM Sprecher vorgelesene Geschichte, Biografie etc. (Hörspiel= verteilte Rollen, mehrere Sprecher)“, „Die hörbar gemachte Version eines Buches“, „Ein Buch, das auf eine MC eingelesen wurde“, „Ein Buch für Lesefaule, das von einem Sprecher im Studio gelesen wurde und das man sich anhört“, „CD für Leseschwache/-behinderte“, „Eine Geschichte, meist von einem Sprecher oder Schauspieler vorgelesen und auf MC/CD aufgenommen, manchmal mit Musik und Geräuschen untermalt“. Ein Großteil der Befragten verbindet mit einem Hörbuch etwas Vorgelesenes. Die Unterschiede in den Antworten sind jedoch gravierend. Manche geben an, dass ein Hörbuch vom Autor selbst gelesen werden muss, andere meinen, es würden nur fremde Sprecher engagiert. Für die Einen ist es eine reine Lesung, für die Anderen auch ein Hörspiel oder etwas mit Musik, Ton oder Geräuschen unterlegtes. Ein Medium für Lesefaule oder für Literaturbegeisterte, eine Komplettlesung oder eine nur teilweise Wiedergabe eines Buches, etwas, das es nur auf MC oder nur auf CD oder auf beidem gibt.
Die Vielfalt der Ansichten bzw. Unwissenheit unter den Hörbuchhörern und Nicht-Hörbuchhörern scheint groß zu sein, und nicht nur dort hat man Probleme damit, den Begriff Hörbuch, mit allem was dazu gehört, zu definieren. So steht zum Beispiel im Sitzungsprotokoll des Arbeitskreises (AK) Hörbuchverlage vom Börsenverein (vgl. 4.2.2) „Was ist ein Hörbuch? […] Diese Frage eröffnet eine breite Diskussion, die auch
zukünftig im AK fortgeführt wird.“ 15 Cornelia Waldenmayer, Mitglied des AK Hörbuchverlage, hierzu:„[…], wir haben uns mit dem Thema beschäftigt, aber eine
endgültige Fassung hierzu haben wir auch noch nicht gefunden.“ 16 Hinzu kommt, dass teilweise auch unterschiedliche Bezeichnungen verwendet werden, die jedoch dasselbe meinen. So hieß es beim DHV in den Anfängen nicht Hörbuch, sondern gemäß des anglo-amerikanischen Vorbilds Audiobook, was aufgrund
15 Cornelia Waldenmayer, E-Mail vom 29.01.2004.
16 Ebenda.
des stetig wachsenden Anteils an Anglizismen in der deutschen Sprache nicht mehr verwundert. Englische Begriffe vermitteln Modernität, sind, um einen solchen Begriff zu verwenden, „trendy“ und sprechen vor allem die jüngere Generation an, was auch der Grund war, weshalb der DHV anfangs diesen Begriff gewählt hatte, um seine Zielgruppe
der 25-35 Jährigen besser zu erreichen. 17 Seit einigen Jahren ist aber auch der DHV auf das etabliertere Hörbuch umgestiegen, da sich diese Bezeichnung inzwischen auf dem
Markt und bei den Hörern durchgesetzt hat. 18 Gelegentlich taucht auch der Misch-Begriff „Audiobuch“ auf, der aber eher selten verwendet wird. Der Großteil der Verlage und der Fachpresse verwendet den deutschen Begriff Hörbuch, der sich inhaltlich nicht vom Begriff Audiobook unterscheidet. Insofern wurde und wird der Ausdruck Hörbuch in dieser Arbeit synonym zu Audiobook (=Audiobuch) verwendet. Was genau ist ein Hörbuch? Ist es die reine Lesung eines Buches (mit oder ohne Musik oder Geräuschen?) oder umfasst der Begriff zusätzlich auch das Hörspiel oder Feature? Mit dieser Frage und den vielen Ansichten hierzu wird sich im Folgenden auseinander gesetzt. Zunächst werden verschiedene Aussagen das Hörbuch betreffend dargestellt, um einen Eindruck zu vermitteln, was sich dahinter verbirgt. Was kann ein Hörbuch alles sein, was genau zeichnet es aus? Im Anschluss daran soll versucht werden, aus diesen Details eine Definition zu kreieren. Nachdem ein detailliertes Bild des Begriffs Hörbuch entworfen wurde, werden Im Anschluss daran die einzelnen Bereiche des Hörbuchs, die Genres, Formen und die verschiedenen Tonträger untersucht.
2.1 Definition
Ist das Hörbuch wirklich nur „Ein Buch auf Hörspielkassette gelesen“? 19 Der Hörbuchverlag Lübbe Audio z.B. versteht unter dem Begriff Hörbuch nur die Lesungen
innerhalb ihrer Audio-Sparte, das Gegenstück dazu sind ihre Hörspiele. 20 Pressesprecherin Heike Völker-Siebert vom DHV wiederum sagt zu diesem Thema: „Mit dem Begriff Hörbuch bezeichnen wir alle Titel, die in unserem Programm erscheinen - unabhängig vom Tonträger (MC, CD, DVD), Genre (z.B. Krimi, Kindertitel, Lyrik) und der Form (u.a.
Hörspiel, Lesung, Feature).“ 21 Offensichtlich herrscht auch hier schon Uneinigkeit, selbst unter den Verlagen. Es ist also zu beobachten, dass der Begriff Hörbuch augenscheinlich auf zwei Ebenen benutzt wird. Zum einen als Bezeichnung oder auch substituter Begriff für eine einzelne Form, nämlich die Lesung, zum anderen allerdings auch als Überbegriff
17 Cornelia Camen: „Wir schöpfen den Rahm ab“. In: Buchmarkt, 1/2003, Jg. 38, S.97.
18 Stefanie Frühauf, Telefongespräch vom 17.03.04.
19 Eine Antwort auf Frage Nr. 1 des Fragebogens: Definieren Sie den Begriff Hörbuch in einem Satz.
20 Kerstin Kaiser, Telefongespräch vom 12.03.2004.
21 Heike Völker-Sieber, E-Mail vom 20.11.03.
für eine ganze Reihe verschiedener Formen, d.h. nicht nur Lesungen, sondern auch Hörspiele, Features usw. Diese verschiedenen Formen können wiederum in unterschiedliche Genres (Krimi, Science Fiction, Literaturklassiker etc.) unterteilt werden sowie auf diversen Datenträgern (MC, CD, DVD etc.) gespeichert sein. Das Hörbuch ist zudem etwas Produktives und nicht nur etwas Reproduzierendes. Ein Hörspiel z.B. (als eine Form des Hörbuchs) hat ein ganz eigenes Drehbuch wie ein Film. Auch Lesungen werden vom Sprecher interpretiert. Somit wird den Figuren Leben
eingehaucht und ein ganz eigener Charakter gegeben. 22 Zudem ist zu beobachten, dass immer öfter Hörbücher ohne eine Print- oder akustische Vorlage produziert werden. Dies
ist der Beweis für die Eigenständigkeit des Mediums. 23 Die verschiedenen Genres erfordern in der Regel einen (bei einer Lesung) oder mehrere Sprecher (bei einem Hörspiel), es sei denn, es handelt sich um reine Ton- oder Geräuschkollagen (Sonderform, akustische Kunst). Die Qualität der Sprecher ist essenziell für die Qualität eines Hörbuchs (vgl. 2.5 und 4.1.3).
Existiert auch bis heute noch keine allgemein gültige und anerkannte Definition von dem Begriff Hörbuch, so gibt es doch eine Fülle von Ansätzen. Im Folgenden werden einige davon aufgeführt. Im Magazin Spiegel werden Hörbücher folgendermaßen charakterisiert: „Kassetten mit gelesener oder hörspielmäßig aufbereiteter Literatur.
Aufgeteilt in Autorenlesungen, von Sprechern vorgelesen und klassische Hörspiele“ 24 . Das Magazin Focus definiert Hörbuch einfach als „gesprochene Literatur“. 25 Rene Wagner äußerte hierzu, dass sich immer mehr eine Definition durchsetze, die auch vom
AK Hörbuchverlage des Börsenvereins unterstützt wird 26 :
Hörbücher sind „hörbar gemachte Bücher“ oder Manuskripte und teilen sich in diese Gattungen auf: Lesung (ungekürzter Originaltext, gekürzt oder vom Autor genehmigt), Hörspiel (Spielfilm für die Ohren mit Geräuschen und Effekten), szenische Lesung (ungekürzter oder gekürzter Originaltext, unterlegt mit Musik und ggf. Geräuschen/Effekten) und Feature (Bericht mit O-Tönen, z.B. fürs Radio). Alles andere sind Mischformen oder zu selten (etwa eine O-Ton Collage). Kurz: Hörbücher und Hörspiele sind KEINE nebeneinander gültigen Gattungen, sondern Hörspiele sind eine Unterform des Hörbuchs. 27
22 Vgl. z.B. die HP-Lesungen von Rufus Beck (DHV). Jeder Charakter hat seine „eigene“ Stimme und seine eigene Persönlichkeit.
23 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.237.
24 Ebenda. S.231.
25 Ebenda.
26 Rene Wagner ist (mit seiner Frau Britta) Gründer und Betreiber des Internetforums „Hoerothek“ sowie freier Autor und Mitglied des AK Hörbuchverlage des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.
27 Rene Wagner, E-Mail vom 27.11.03.
Letzterer Hinweis deutet zumindest darauf hin, dass Lübbe Audio den Begriff Hörbuch (=Lesung) wider der inoffiziellen Definition des Buchhandels, da der Börsenverein Sprachrohr und Vertreter desselben ist, verwendet. Dies ist natürlich legitim, kann bei den Hörbuchhörern jedoch zu Verwirrung führen. Sollte einmal eine allgemein anerkannte Definition gefunden werden, wäre es im Interesse der Hörer/Käufer wünschenswert, wenn alle Beteiligten wie die Verlage, Presse etc. diese auch konform verwenden. Doch noch ist dies nicht der Fall.
In der obigen Erklärung fehlt z.B. der wichtige Verweis, dass Tonträger das Medium von Hörbüchern sind sowie die Nennung der verschiedenen Arten: CD, MC,
DVD etc. 28 Diese Version wurde nach einer erneuten Bearbeitung durch den AK Hörbuchverlage noch etwas erweitert:
Ein gutes Hörbuch ist mehr als ein vorgelesenes Buch, denn Lesen und Hören sind zwei unterschiedliche Arten der Rezeption: Bücher beinhalten gedruckte Texte, Hörbücher bedeuten Dramatisierung, Inszenierung. Hörbücher, auch Audiobooks genannt, sind vorgelesene oder von Darstellern gespielte Bücher auf Tonträgern, hauptsächlich CDs und Musikkassetten, mittlerweile auch auf DVD und MP3-CD. Dabei gibt es verschiedene Arten, wie die Geschichte oder das Thema behandelt werden: als Lesung, szenische Lesung, Hörspiel, Feature oder Tondokument. 29
Zusätzlich zur Nennung des Mediums wurde noch das Tondokument in die Gattungsriege des Hörbuchs aufgenommen. Dieser umfassenden Definition könnte man noch den Hinweis hinzufügen, dass es sich bei einem Hörbuch um ein eigenständiges und produzierendes Medium handelt, welches nicht nur existente Literatur reproduziert und verarbeitet, sondern auch komplett eigene Werke schafft. Obige Definition könnte den Eindruck vermitteln, als würden nur bereits bestehende und als Buch erhältliche Werke zu Hörbüchern verarbeitet, was jedoch nicht der Fall ist, da teilweise auch Texte eigens für die Hörbuchproduktion geschrieben werden. Zudem bilden nicht nur Bücher die Grundlage für Hörbücher, sondern Texte (Skripte, Reden etc.) im Allgemeinen. In manchen Fällen - wie beim Tondokument, Beispiel: Interview, Diskussion - gibt es sogar überhaupt nichts Schriftliches, auf das das Hörbuch aufbaut, sondern es ist nur als auditives Werk vorhanden. Ist in obiger Definition erst nur von Büchern die Rede, so heißt es später „die Geschichte oder das Thema“. Dies widerspricht sich, da ein Thema nicht ein
28 Es handelt sich um Worttonträger und nicht um Musiktonträger, obwohl z.B. der Begriff MC=Musikkassette verwendet wird und somit irreführend sein kann.
29 Tondokumente: Akustische Aufzeichnung einer Live-Situation, z.B. Originaltöne, Nachrichtensendungen, Interviews. Vgl. Rene Wagner, E-Mail vom 28.01.04.
Buch als Grundlage haben muss, sondern einfach das Leitmotiv für z.B. ein Feature bilden kann. Dies sollte genauer ausformuliert werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Auch wenn es sich bei den genannten Beispielen für fehlende oder missverständliche Eigenschaften des Hörbuchs teilweise um Minderheiten handeln mag (z.B. Hörbücher ohne Text-Grundlage), so trägt deren Erwähnung zu einer detaillierteren und genaueren Definition von dem Begriff Hörbuch bei. Nichtsdestotrotz ist der Definitionsversuch des AK Hörbuchverlage umfassend und beachtet nahezu alle Eigenschaften und Charakteristika des Hörbuchs (außer den oben genannten), so wie sie im bisherigen Verlauf der Arbeit erarbeitet wurden. Ein Hörbuch kann demnach folgendermaßen definiert werden:
Der Begriff Hörbuch, oder auch Audiobook, bezeichnet in der Regel auf Büchern,
sonstigen Texten oder eigens hierfür verfassten Manuskripten basierende Worttonträger 30 , deren Inhalt von einem oder mehreren Darstellern vorgelesen oder dramaturgisch inszeniert wurde. Die Tonträger sind größtenteils MCs und CDs, aber auch DVDs oder MP3s. Es gibt fünf Hauptgattungen beim Hörbuch, das Hörspiel (inszeniert, eine Art „Hörfilm“ gespielt von mehreren Darstellern, enthält Musik und Geräusche/Effekte), die Lesung (vorgelesen), die szenische Lesung (vorgelesen und arrangiert mit Musik und/oder Geräuschen/Effekten), Features (Bericht mit O-Tönen) oder Tondokumente (Live-Dokumente wie z.B. Interviews, Nachrichten, Shows). Es existieren auch Mischformen, die aber zu selten auftreten, um als eine eigene Gattung zu gelten.
2.2 Medium
Die vier zur Zeit gängigen Medien für das Hörbuch sind, in der Reihenfolge ihrer
aktuellen Häufigkeit: Die CD 31 , MC 32 , DVD und die MP3. 33 Aktuelle Zahlen belegen, dass die CD die MC, welche lange Zeit alleine und ohne Konkurrenz das einzige Medium für Hörbücher war, bereits seit längerem als bevorzugter Tonträger sowohl der Verlage als auch der Käufer überholt hat. Die Aussagen beziehen sich hauptsächlich auf den Markt für Erwachsenen-Hörbücher. Noch stellen einige Verlage, wie z.B. Ullstein und Lübbe Audio, jeweils sowohl eine CD- wie auch eine MC-Version eines Titels her. Dennoch sagt Karin
30 Im Gegensatz zu einem Musiktonträger besteht ein Worttonträger ausschließlich oder zum überwiegenden Teil aus Sprache.
31 Die CD kommt 1983 auf den Markt (sie wurde 1979 fast zeitgleich mit dem Walkman vorgestellt), 1985 der CD-Spieler. Beides benötigte jedoch einige Jahre, um sich durchzusetzen. „Es wird erwartet, dass […] die Zeit des
Kassettenrekorders knapp dreißig Jahre nach seiner Einführung zu Ende geht.“ Vgl. Margarete Rehm: „Information und
Kommunikation in Geschichte und Gegenwart“.
URL: www.ib.hu-berlin.de/~wumsta/infopub/textbook/umfeld/rehm.html. (Stand: 02.05.2004).
32 Der Begriff MC wird sowohl für Musik- als auch für Sprachtonträger oder Mischformen aus beidem verwendet.
33 Die DVD sowie der MP3-Spieler kommen 1998 auf den Markt. Vgl. Wolfgang Näser: „Einige Daten zur Entwicklung der digitalen Tonaufnahmetechnik“. URL: http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/cd.htm (Stand: 01.04.2004).
Weingart, ehemalige Programmleiterin beim Ullstein Hörverlag: „Im Regelfall überwiegt mittlerweile beim Verkauf die CD“. Der DHV wiederum entscheidet gegenwärtig noch je nach Inhalt des Buches, welches Medium er verwendet. Lyrik z.B. gibt es nur auf CD gepresst, da diese meist in Ruhe zu Hause gehört wird, wo die CD das bevorzugte Medium ist und auch eine bessere Klangqualität verspricht. Ein weiterer Vorteil der CD
besteht außerdem darin: sie ist kostengünstiger in der Produktion. 34 Leichtere Unterhaltung/Belletristik wird noch eher auf Kassette herausgebracht. Auch hier ist aber
ein genereller Trend zur CD zu verzeichnen. 35
Während seit einiger Zeit der Anteil von MCs bei Audio-Neuheiten stetig abnimmt bzw. einige Verlage bereits gar keine oder nur bei bestimmten Titeln MCs produzieren,
gilt die MC bei manchen dennoch als unsterblich. 36 So vermutet Heike Völker-Sieber vom DHV, dass trotzdem ein Drittel der Kunden die MC bevorzugen. Vor allem im großen Bereich der Kinder- und Jugendkassetten überwiegt noch die MC, während Belletristik
vielfach zweigleisig produziert wird. 37 Nichtsdestotrotz wird die MC nach und nach vom (zumindest Erwachsenen-) Markt verschwinden, ist doch nicht nur ihre Lebensdauer, und damit die des Hörbuchs, sondern auch ihre Kapazität (max. bis zu 115 Min.) und ihre Tonqualität vergleichsweise beschränkt.
Noch 1998 waren 70% der verkauften Worttonträger MCs, was u.a. auch darin begründet lag, dass damals in den meisten Autos Kassettenrekorder eingebaut waren.
Doch heute werden bereits 70% aller Hörbücher auf CD herausgebracht, 38 und der Trend geht seit längerem zum serienmäßigen Einbau von CD-Spielern bzw. teilweise auch MP3-oder MD-Spielern im Auto, sodass zumindest bei neueren Wagen meist kein
Kassettenrekorder mehr vorhanden ist. 39 Aktuell haben aber trotzdem erst schätzungsweise 20% der zugelassenen Wagen einen CD-Spieler. 40 DVDs hingegen können normalerweise noch nicht im Auto gehört werden.
Ein eindeutiger Vorteil der MCs lag lange Zeit darin, dass man sie jederzeit an der Stelle, an der man sie zuletzt gestoppt hat, weiterhören konnte, obwohl bei CDs bereits darauf geachtet wird, die Hörbücher in kurze Tracks zu unterteilen, um beim Weiterhören
möglichst schnell wieder die Stelle zu erreichen, an der man zuletzt gestoppt hat. 41
34 Brit München: „Literatur vom laufenden Band“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.44.
35 Andrea Dahms: „Siegeszug der Silberscheibe: Die CD schlägt die MC“. In: buchreport.magazin Juli 2001, S.126.
36 Brit München: „Literatur vom laufenden Band“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.44.
37 Brit München: „Literatur vom laufenden Band“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.44.
38 Nicola Kuhrt: „Trendgerechtes fürs Trommelfell“. In: Spiegel Online 10.10.2003. URL: www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,268678,00.html (Stand 10.10.2003).
39 Da Hörbücher viel im Auto gehört werden, ist dies eine entscheidende Motivation zum Kauf (vgl. Abb.3, S.59).
40 Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.11.
41 Ursula Gaisa: „Das aktuelle Musikbuch“. In: NMZ, 47/1998, 11.10.1998, S.44.
Trotzdem muss der Hörer oftmals Passagen doppelt hören bzw. suchen, bis er wieder an der zuletzt gehörten Stelle angekommen ist. Doch dieser Vorteil der MC wird neuerdings auch von den Konkurrenzmedien aufgegriffen. Es gibt bereits CD-Spieler, die so genannte Lesezeichen setzen, um die CD an der zuletzt gestoppten Stelle weiterlaufen zu lassen. Doch noch funktioniert dies nur, solange die CD im Gerät bleibt. Es existieren bereits einige DVD-Spieler (in denen auch CDs abgespielt werden können), die sich sogar bis zu
„ […] zehn und mehr CDs oder DVDs auch nach dem Ausschalten merken“. 42 Sogar das letzte der vier Medien, die MP3, bereits erfolgreich auf dem amerikanischen und britischen Markt eingeführt, wurde in punkto Hörerfreundlichkeit weiterentwickelt. So wurde bereits ein neuer MP3-Spieler entwickelt, der sich die Wiedergabestellen von bis zu zwölf Hörbüchern merken kann. Doch noch sind diese Geräte nicht weit verbreitet und liegen auch weiterhin preislich deutlich über den Standard-Abspielgeräten, die diese Technik nicht zu bieten haben. Augenscheinlich wird sich jedoch die MC in naher Zukunft nicht mehr auf ihren großen Vorteil, der Wiedergabe an der zuletzt gehörten Stelle, berufen können, da bei den anderen Medien stetig eine technische Nachbesserung erfolgt, um benutzerfreundlicher zu werden.
Hat die CD gerade erst die MC als bevorzugtes Medium abgelöst, so wird auch bereits ihre Existenz schon von einigen in der Branche in Frage gestellt. Die großen Nachteile der CD bestehen darin, dass ihre Speicherkapazität auf bis zu 80 Min. beschränkt ist (und liegt damit noch unter der der MC) und, wie erwähnt, die meisten der
CD-Spieler noch keine Lesezeichen setzen können. 43 Dies sind u.a. die Gründe, weshalb die DVD bei manchen als das Trägermedium der Zukunft gesehen wird. So ist es möglich, nicht nur das Hörbuch auf DVD zu brennen, sondern zusätzlich auch diverses und
umfangreiches (audio-)visuelles und schriftliches Material. 44 Die Speicherkapazität der DVD liegt bei einer einfachen Lesung bei bis zu 60 Stunden, und zudem stehen bereits in
etwa 13,4 Millionen Haushalten in Deutschland DVD-Spieler. 45 Eine DVD bietet zudem eine außerordentliche Klangqualität, die die Mehrkanaltechnik (Dolby Suround) nutzt, welche aber vom Hörer auch die nötige technische Ausstattung in Form von „[…] fünf im richtigen Abstand platzierten Lautsprecherboxen nebst Subwoofer für die tiefen Töne“
42 Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.10.
43 Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.10.
44 Der Hörer kann sich somit z.B. bei Jules Vernes Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ neben über 100 Illustrationen aus der französischen Erstausgabe des Buches auch die Biografien der Künstler angucken, ein Produktionstagebuch
lesen usw. Vgl. ebenda.
45 Ebenda, S.8,10.
fordert. 46 Die hohen Produktionskosten würden sich laut Harald Rieck, Inhaber des Diderot Verlags, bereits bei Hörbüchern ab drei CDs rechnen. 47 Eine DVD kann dem Hörer somit auf der einen Seite nicht nur zusätzliches Material bieten, sondern reduziert den Umfang der Menge der benötigten Tonträger für ein
Hörbuch. 48 Dies lohnt jedoch nicht bei kürzeren Hörbüchern, insbesondere bei einfachen Lesungen. Auf der anderen Seite erfordert sie jedoch beim Nutzer die technischen Voraussetzungen, um das Angebot auch nutzen zu können und ist auch für die Verlage sehr kostenintensiv. Die Verbreitung von DVD-Spielern in Autos z.B. ist zudem noch verschwindend gering. Deutschland ist laut Claudia Baumhöver noch immer ein CD-Markt, und die Umstellung der Verbraucher auf ein anderes Medium benötigt, sofern überhaupt Akzeptanz und Nachfrage stimmt, ihre Zeit. Dementsprechend sind auch viele
Verlage noch vorsichtig, was die neuen Medien angeht. 49 Neben der DVD steht jedoch schon ein weiteres Medium bereit, um die CD abzulösen bzw. zu ergänzen. Das MP3-Format kann sowohl mit MP3-Spielern (in Dateiform), mit MD-Spielern (gespeichert auf Mini Discs) sowie gebrannt auf CD in CD-und DVD-Spielern und auf Computern mit der entsprechenden Ausrüstung [Soundkarte,
CD-ROM-Laufwerk (sofern auf CD gebrannt) und Lautsprecher] gehört werden. 50 Gerade die tragbaren Abspielgeräte sind besonders bei Jugendlichen beliebt, da sie klein und leicht
zu handhaben sind sowie eine große Menge an Speicherkapazität haben. 51 Doch nicht der Verkauf auf Tonträgern steht im Moment im Fokus der Verlage, sondern die digitale Übertragung, das kostenpflichtige Herunterladen von MP3-Dateien aus dem Internet, eine für alle Seiten günstige Alternative. „Die Zukunft liegt im Download“, sagt demnach auch Thomas Krüger, Programmleiter von RHA und Autor von
Hörbüchern. 52 Dies würde bedeuten: Keine Lagerkosten mehr, die ständige Verfügbarkeit aller Hörbücher, keine Kosten für die Verpackung und den Transport, für Covergestaltung oder die Tonträger, für das Brennen und das Speichern auf den Medien. Nur die reinen Produktionskosten sowie die des Vertriebs über das Internet fallen an. Die nötige Plattform würden die bereits vorhandenen Webseiten der Verlage bieten, die allerdings dementsprechend modifiziert und angepasst werden müssten. Natürlich könnte man auch eine gemeinsame Plattform für alle Verlage bzw. Kooperationen als Vertrieb für diese
46 Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S..8.
47 Ebenda, S.10.
48 So hätte es die DVD-Fassung von „Les Miserables“ statt auf eine DVD auf ganze 46 CDs gebracht.
49 Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.10.
50 MP3 ist ein Datenkomprimierungsverfahren. Vgl. Heike Pöhlmann: „Schöne neue Hörwelt?“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.10.
51 Ebenda.
52 Ebenda.
Hörbuchformen aufbauen und sich die Kosten teilen, was für die Beteiligten wesentlich kostengünstiger käme.
Jedoch bringt auch diese Idee einige Probleme mit sich, deren Ausmaße teilweise noch nicht abzusehen sind. So sind nach Ansicht von Grete Schulga, Inhaberin vom Litraton Verlag und zwei Hörbuchläden, viele Hörbuchkunden Ästheten, die Wert auf die gesamte Aufmachung eines Hörbuchs legen, inklusive eines ansprechenden Covers und
Booklets. 53 Beides würde beim Download wegfallen. Zudem müsste abgewartet werden, wie die Hörbuchkunden dieses Angebot annehmen. Dazu müssten sie entweder bereit und in der Lage sein, Hörbücher über ihren Rechner zu hören bzw. ansonsten einen Brenner haben, um das Hörbuch auf CD zu brennen; oder aber z.B. auch einen MP3-Spieler besitzen, auf den sie die Daten übertragen können. Dass dieses Verfahren bei Musik bereits vielfach angewendet wird, ist bekannt. Jedoch müsste erst einmal untersucht werden, ob auch Hörbuchhörer dazu bereit sind. Jemand, der Musik aus dem Internet und als MP3 nutzt, muss nicht auch gleichzeitig Hörbücher hören. Hinzu kommt das stets allgegenwärtige Problem der Rechte und Lizenzen für eine Veröffentlichung im Internet, die meist nicht in den Rechten, eine Produktion als „reguläres“ Hörbuch zu verkaufen, enthalten sind. „Bei vielen Audiobooks ist ein Download schon aus rein lizenzrechtlichen
Gründen nicht möglich.“ 54
Besonders in der Musikbranche ist ein Thema seit längerem aktuell, das bereits sowohl der Musik- wie auch der Filmbranche erhebliche Umsatzeinbußen beschert hat: Illegales Downloaden, Brennen und Weitergeben von Dateien. Raubkopien haben bereits einen immensen finanziellen Schaden unter den Musiklabels angerichtet. Diese versuchen, nicht nur rechtlich, sondern auch mit kopiergeschützten CDs sowie Informationsschriften und Aussagen wie: „Piracy - A Blight on Culture, a Drain on Economics.“ dagegen
vorzugehen. 55 So geht in Deutschland die GEMA „[…] mit allen technischen und rechtlichen Mitteln gegen die massenhafte illegale Musiknutzung […].“ vor. 56 Doch auch ein noch so guter Kopierschutz kann umgangen werden, da man eine CD immer noch abspielen, d.h. auch auf ein anderes Medium aufnehmen kann. Inwieweit dies auch den
53 Grete Schulga, Telefongespräch vom 20.02.2004.
54 Heike Pöhlmann: „Hörbuch per Mausklick“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.12.
55 Raubkopien haben weltweit bereits einen geschätzten Schaden von 4,3 Milliarden USD angerichtet, wobei bei dieser enormen Summe zu beachten ist, dass der Musikmarkt natürlich wesentlich größer ist als der (zumindest in
Deutschland) vergleichsweise winzige Hörbuchmarkt. Laut der IFPI („representing the recording industry worldwide“)
ist der Anteil an Raubkopien in 2001 um 48% gestiegen, bereits aktuell sind zwei von fünf Aufnahmen Raubkopien.
Vgl. IFPI Music Piracy Report 2002. URL: www.ifpi.org/site-content/library/piracy2002/pdf (Stand:
23.03.2004).
56 Prof. Dr. Jürgen Becker: „- Midem 2003 - Was kann man tun, um den deutschen Musikmarkt wieder anzukurbeln?“ In: GEMA Nachrichten Ausgabe 167. URL: www.gema.de/kommunkation/news/n167/midem-musikmarkt.shtml. (Stand:
19.03.2004).
Hörbuchmarkt betreffen wird, ist noch nicht abzusehen, doch dass es bereits eine große Hörbuch-community gibt, die untereinander Hörbücher austauscht, ist bekannt. Herr Fritz
verwaltet z.B. für rund 2.500 Fans weltweit nach eigenen Angaben ca. 15.000 Hörspiele. 57 Die Frage ist, ob man einen Markt, der sich noch entwickelt, nicht schon frühzeitig durch dieses Vorgehen in seiner Entwicklung behindert und potenzielle Raubkopierer durch diesen Schritt gar dazu animiert, in diesem Sektor tätig zu werden. Dies mag eine pessimistische Sichtweise sein, doch sollten zumindest im Vorfeld alle nötigen Schritte getan werden, um die Risiken des Verkaufs von Hörbüchern als Dateien über das Internet,
wenn nicht zu minimieren, so doch angemessen einschätzen zu können. 58 Der Verlag Zweitausendeins fand für das Problem des Herunterladens von Dateien folgende Lösung: Er mischte zwei der vier Medien und brachte die erste MP3-CD heraus. Die 36-Stunden Lesung „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil gibt es statt auf 32 regulären CDs auf 2 CDs im MP3-Format. Das Hörbuch ist aufgrund des stark reduzierten Umfangs
somit wesentlich kostengünstiger geworden. 59 Allerdings fallen durch die Beibehaltung des regulären Mediums CD neben den Risiken auch die genannten Vorzüge des Downloads weg (keine Lagerhaltung, Versand, Verpackung etc.).
2.3 Die Genres des Hörbuchs
Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit den Genres im Bereich Hörbücher bzw. mit der Frage, ob überhaupt eine klare Aufgliederung in allgemeingültige Genres existiert. Wie sehen die Kategorien der Verlage aus? Gibt es dort Unterschiede oder Gemeinsamkeiten oder gar eine einheitliche Linie? Welche Kategorien sind besonders populär? Wo liegen die Probleme bei der Einteilung? Diese Fragen sind im Folgenden zu klären. Die Durchsicht der Programme der Verlage sowie der spezifischen Internetportale für Hörbücher zeigt eine Vielfalt an Genres des Hörbuchs bzw. äquivalent auch „Kategorien“ genannt. Eine genauere Analyse der Genres und der ihnen zugeordneten Titel macht deutlich, dass es teilweise schwierig ist, einen Titel eindeutig einem Genre zuzuordnen bzw. dass er gleichzeitig mehreren Genre-Klassifizierungen zugehörig zu sein scheint. Manche Verlage benutzen auch andere Bezeichnungen für die verschiedenen Genre-Begriffe bzw. ordnen denselben Titel in verschiedene Kategorien ein. Eine Analyse der Genres der vier großen Verlage DHV, RHA und DG, die alle über ein umfangreiches
57 Mitschrift des Mitschnitts des Medienpolitischen Diskussionsforums „Erfolg - Zukunft und Perspektive des Hörspiels in Zeiten des Hörbooms.“ 17. Woche des Hörspiels in der Akademie der Künste in Berlin, 14. November 2003, Beitrag
180.
58 Informationen hierüber gibt es z.B. bei der amerikanischen Internet-Plattform audible.com, die bereits seit 1997 Hörbücher zum Runterladen anbietet und über 18.000 Hörbücher, Magazine, Zeitungen und Radio Programme im
Angebot hat. Vgl. www.audible.com.
59 Musil als MP3-Hörbuch. In: Hamburger Abendblatt vom 28.04.2004, S.6.
und diversifiziertes Angebot verfügen sowie der deutschen Plattform des Internetanbieters Amazon sollen dies anhand einiger Beispiele veranschaulichen. (Eine ausführliche Aufstellung hierzu befindet sich im Anhang C). Da Amazon nicht nur von einem Verlagsprogramm abhängig ist, sondern Hörbücher vieler verschiedener Verlage anbietet, wird angenommen, dass die Genre-Bezeichnungen von Amazon relativ neutral und allgemeingültig sind, d.h. das allgemein erhältliche Angebot von Hörbüchern (natürlich nicht das Gesamte, aber doch zu einem großen Teil) widerspiegeln. Daher bieten sich Amazons Genre-Begriffe für einen Vergleich mit den Verlagsbezeichnungen an. Bei der Betrachtung der Genres der Verlage sowie der dazugehörigen Titel wird zunächst eines deutlich: Ein Titel findet sich oft in mehreren Kategorien wieder, d.h. es gibt starke Überschneidungen zwischen den einzelnen Bereichen. So findet man beim DHV Agatha Christie sowohl unter Krimi wie auch unter Klassiker. Hier wird ein zweiter Unterschied deutlich. Während RHA unter Klassiker nur wirklich literarische Klassiker wie Goethe, Schiller etc. einordnet, findet man beim DHV auch Autoren wie Douglas Adams oder eben Agatha Christie. Auch findet man beim DHV unter Literatur neben Umberto Ecco und Marcel Proust auch wieder Douglas Adams, der tendenziell eher ins Genre Unterhaltung gehören dürfte. Die Verlage scheinen ihre Kategorien trotz gleicher Bezeichnung (z.B. Klassiker) unterschiedlich zu definieren. Genauso heißt es bei RHA, Amazon und der DG Belletristik, beim DHV Unterhaltung. Ansonsten sind sich die Kategorien zumindest von der Bezeichnung ähnlich, teilweise aufgrund des jeweiligen Programms jedoch etwas anders spezifiziert. RHA führt Krimi und Thriller und Fantasy, der DHV Krimis und Fantasy/Science Fiction. Ebenso hat Amazon Fantasy/Science Fiction sowie Krimis und Thriller im Angebot. Der DHV, RHA und Amazon haben jeweils eine Sparte für Kinder und Jugendliche, die DG und Amazon stattdessen zusätzlich noch die Unterteilung Märchen. Auch das Genre Sachbuch gibt es sowohl bei RHA wie auch beim DHV.
Hinzu kommt, dass einige Verlage noch ihre eigenen Editionen haben, deren Bezeichnungen sich selbstverständlich nicht mit den Kategorien anderer Verlage decken. So hat RHA Litera (Ex-DDR-Aufnahmen) und die DG die Wege Edition (vom BR) im Programm. Dass die DG eher auf Literatur und Klassiker spezialisiert ist, ist an ihren Genre-Bezeichnungen zu erkennen. Dort finden sich auch die Kategorien Musik und Worte (u.a. Mörike, Bukowski), Klaus Kinski spricht (u.a. Rimbaud, Shakespeare), Gedichte (u.a. Goethe, Benn) oder auch die Edition Eloquence (u.a. Fontane, von Eichendorff). RHA und der DHV hingegen stellen ein umfassenderes Angebot bereit, das
neben Literatur und Klassik auch viel Belletristik, Krimis etc. umfasst. Tendenziell zielen diese Verlage eher auf ein jüngeres und (leichte) Unterhaltung suchendes Publikum ab
(vgl. 4.6), wofür sich klare und allgemein benutzte Genre-Bezeichnungen besser eignen. 60 Insgesamt ist festzustellen, dass die Verlage nicht nur teilweise unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Sparte benutzen (Belletristik/Unterhaltung etc.), sondern auch unter denselben Bezeichnungen (Klassik etc.) etwas anderes verstehen. Titel werden oft in mehrere Kategorien gleichzeitig eingeteilt, da es Überschneidungen gibt (Krimi/Klassiker etc.), d.h. die Grenzen zwischen den Einteilungen fließend sind. So gibt es bei Amazon eine eigene Kategorie Wirtschaft, beim DHV und RHA hingegen als Überbegriff Sachbuch. „Die Grenze zum Sachbuch ist fließend. Entsprechend fraglich ist die Abgrenzung in ein reines Wirtschaftssegment.“, meint hierzu Martin Paff, Betreiber der
Plattform Hoergold.de. 61 Ähnlich sieht es bei vielen anderen Genres aus. Um eine möglichst feine Aufgliederung der Titel zu bekommen, findet man bei Hoergold.de dementsprechend auch 61 unterschiedliche Kategorien, von Abenteuer, über Christliches,
Grusel und Horror sowie Plattdeutsch bis hin zu Slam Poetry und Zeitgeschichte. 62 So unterscheiden sich die Kategorisierungen der Verlagsprogramme durch Hoergold.de auch
erheblich von denen der Verlage selber. 63 Es bleibt festzustellen, dass es unterschiedliche Methoden gibt, Hörbücher zu kategorisieren. Eine gemeinsame Aufteilung unter den Verlagen gibt es nicht, nur einige generelle Genre-Bezeichnungen, die von den meisten benutzt werden (wenn auch teilweise mit einem unterschiedlichen Verständnis des Begriffs), wie z.B. Klassiker, Literatur, Fantasy, Krimi, Kinder und Jugend oder Sachbücher. Hinzu kommen eine Vielzahl weiterer Genre-Spezifizierungen, die sich, trotz thematischer Übereinstimmungen in den Programmen, welche gleiche Genre-Begriffe zulassen würden, nur begrenzt bzw. nirgendwo sonst in dieser Form finden lassen (wie z.B. Musik und Worte der DG, welches eher die Form des Hörbuchs, nämlich die szenische Lesung, bezeichnet, oder POP bei RHA). Generell sind einfache und bekannte Bezeichnungen zur Kategorisierung von Hörbüchern vorzuziehen, damit der Hörer sich anhand der Begriffe schon ein Bild von dem machen kann, was sich dahinter verbirgt. Zu zahlreiche Untergliederungen können eher verwirren anstatt zu organisieren, da man leicht den Überblick verliert. Eine
60 Horst Heidtmann: „’Facelifting’ für Literaturtonträger?“ In: Buch und Bibliothek, Heft 12, 1996, S.919-922. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/audiobook96.pdf, S.1.
61 Ralf Lieder: „Aufbauarbeit“. In: Buchmarkt, 1/2003, Jg. 38, S.S.89.
62 Hoergold.de ist eine Informations-, Marktforschungs- und Dienstleistungsplattform für Hörbücher und Verlage. Bei Hoergold sind netto 7.108 Titel gelistet, davon 3.093 mit Hörproben. Des Weiteren 487 Verlage zumeist inkl.
Programme, Infos, Adressen etc. (Stand per 20.03.2004). Vgl. www.hoergold.de.
63 Vgl. ‚Liste aller Titel: nach Kategorien’ für RHA, DHV und DG unter www.hoergold.de, aufgeführt in Anhang D,E und F.
zusätzliche Aufteilung bezüglich der Formen, d.h. nach Hörspiel (gekürzt, ungekürzt), Lesung (gekürzt, ungekürzt, szenisch etc.), Feature etc. wäre evtl. dienlich, um die Hörer darüber aufzuklären, was ein Hörbuch für verschiedene Formen haben kann. So kann er auf den ersten Blick sehen, ob es „sein“ Hörbuch z.B. neben der Lesung auch als Hörspiel gibt. Da viele noch keine rechte Vorstellung davon haben, was ein Hörbuch alles sein kann (vgl. 2.1), dient solch ein Vorgehen vielleicht der Aufklärung. Lange gab es keine Abverkaufsdaten nach gattungsspezifischer Differenzierung, doch seit kurzem erhebt Media Controll den Verkauf von Hörbüchern nach so genannten
Warengruppen. Genaue Daten liegen jedoch nicht vor. .64 Geht man aber von der HR-Trendstudie 12/2002 aus, so lag das Kriminalhörspiel (Interesse stark/sehr stark) ganz vorne (62%). Es schlossen sich Hörspielklassiker und Hörbücher literarischer Neuerscheinungen (je 58%), literarische Hörspiele allgemein und Romanklassiker als Hörbuch (je 55%) an, gefolgt von Kinderhörbüchern (54%) und Thriller bzw. Krimis als
Hörbüchern (49%). 65 Für Jugendhörbücher und akustische Reise- oder Stadtführer interessierten sich 41% bzw. 40% der Befragten, für gesprochene Ratgeber 34%. Gedichte bzw. Lyrik als Hörbücher begeisterten noch 31%, Dokumentationen auditiver Kunstwerke
immerhin noch 19%. 66 Auch diese Unterteilung verdeutlicht wiederum, wie
unterschiedlich Hörbücher kategorisiert werden. So wird z.B. nicht zwischen Literatur und ‚leichterer Lektüre’, d.h. Belletristik, unterschieden. Dabei ist laut Martin Thull, Autor der
Funkkorrespondenz, gerade leichte Unterhaltung gefragt. 67 Diese Tendenz zeichnete sich bereits 1994 ab. Schon damals schrieb Horst Heidtmann, bezugnehmend auf eine Studie unter Bibliotheksnutzern (vgl. 4.1): „Insgesamt ist altersübergreifend eine Tendenz hin zu unterhaltungsorientierten Autoren, zu humoristischen und kürzeren Stoffen zu
beobachten.“ 68
Zu beobachten ist auch, dass die HR-Studie als Hörbuchgenres Bezeichnungen wie Kriminalhörspiele und Thrillers und Krimis als Hörbücher (wobei Hörbuch in diesem Fall gleichzusetzen ist mit Lesung) verwendet. Hier werden Genres und Formate vermischt. Die Kategorisierung ist somit unscharf, da es entweder um Genres ODER Formate gehen sollte bzw. dann konsequent jedes Genre vollständig in Hörspiel und Lesung aufgeteilt
64 Die Daten werden laut Media Controll nicht an Privatpersonen herausgegeben (es wurde angefragt, ob die Daten erhältlich sind).
65 Die HR-Trendstudie ist nicht öffentlich zugänglich (es wurde beim HR angefragt). Generell scheint mit Kriminalhörbuch jedoch eine Lesung gemeint zu sein, im Gegensatz zum Kriminalhörspiel. Vgl. Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird
populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.233.
66 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.233.
67 Martin Thull: „Von Mann bis Marx“. In: Funkkorrespondenz - Extra Hörbücher vom 23.03.2000, S.4.
68 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. S.11
werden müssten Das würde heißen, dass es beispielsweise neben dem Genre „Jugendhörbücher“ (d.h. nur Lesungen) auch „Jugendhörspiele“ geben müsste. Die Ergebnisse werden so verfälscht, da unterschiedlich kategorisiert wird. Eine einheitliche Einteilung und Kategorisierung wäre wünschenswert, um so die gleiche Aussagekraft solcher Ergebnisse für alle Hörbücher zu erhalten, da wie bereits angesprochen keine absolute Einigkeit besteht, was ein Romanklassiker ist. Dies kann zu Verzerrungen in Umfragen/Aufstellungen führen. Wenn z.B. gefragt wird, wie viele Klassiker die einzelnen Verlage in ihrem Programm führen, würde man auf unterschiedliche Definitionen dieses Begriffs stoßen und damit auf verfälschte Ergebnisse kommen.
2.4 Die Formen des Hörbuchs
Nach der Darstellung der verschiedenen möglichen Medien, auf denen ein Hörbuch gespeichert sein kann sowie der Darstellung der Genres bzw. der Problematik der Einteilung, werden im Folgenden die verschiedenen Formen des Hörbuchs dargestellt und erläutert. In Anlehnung an die in Abschnitt 2.1 genannten Kategorien werden erst einmal das Hörspiel, das Feature und die (szenische) Lesung definiert, da es sich dabei um die gängigsten und populärsten Formen handelt. Alle anderen möglichen Formen wie die Dokumentation oder akustische Kunstwerke werden unter Sonderformen aufgeführt. Aufgrund seiner originären Herkunft aus den Radioformen und seiner noch immer vorhandenen Nähe zum Rundfunk stellt sich die Frage, ob es auch Formen des Hörbuchs gibt, die nicht auch als Programmform im Radio existieren. Das heißt konkret, ob das Hörbuch neue, eigene Formen geschaffen hat. Heike Völker-Siebert, Pressesprecherin des DHV, verneint dies. Es gäbe zwar „[…] eine Reihe von unabhängigen Hörspiel-Machern, die neue Wege suchen und teils ungewöhnliche Hörspielkunst schaffen. Aber auch diesen
Werken werden immer wieder Plattformen in den Sendern eingeräumt.“ 69 Dementsprechend wird hier nicht zwischen Hörbuchformen und Radioformen unterschieden, sondern die verschiedenen Formate werden mehr oder weniger als identisch angesehen. Sie unterscheiden sich hauptsächlich in der Art der Verwertung oder Darstellung, d.h. zum einen haben wir die öffentliche Sendung im Rundfunk, zum anderen das generell für den privaten Gebrauch bestimmte Hörbuch, enthalten auf einem Speichermedium.
Dass es dennoch gewisse Unterschiede in der Art der Definition gibt, liegt daran, dass im Umkehrschluss nicht alles, was als Radioform existiert, auch als Hörbuch herausgegeben wird. Dies ist dadurch bedingt, dass die Sender (gebührenfinanziert) sich
69 Heike Völker-Siebert, E-Mail vom 28.11.03.
künstlerische Freiheiten nehmen können, über die die Verlage, abhängig von ihren Verkaufszahlen, oft nicht verfügen. Insbesondere Sonderformen (d.h. akustische Kunst usw.) werden aufgrund des eher geringen Interesses der Hörbuchhörer eher selten und in nur geringer Auflage produziert, was selbstverständlich nichts über die Qualität und den Anspruch dieser oft experimentellen Formen aussagt. So muss Andreas Ammer, Hörspielautor, Produzent und zweimaliger Gewinner des Hörspielpreises der Kriegsblinden, auf die Frage, ob der Hörbuchboom sich auch in den Verkaufszahlen seiner eher experimentellen Kunstwerken niederschlägt, bemerken: „[…] Das hat sich früher
nicht verkauft und das verkauft sich jetzt nicht.“ 70
2.4.1 Das Hörspiel
Das Hörspiel hat dieselbe Geburtsstunde wie der Rundfunk. 71 Bereits mit den Anfängen des Radios wurden auch die ersten Hörspiele hergestellt. „Bei der Prägung des Namens
stand das Schauspiel Pate.“ 72 Die vorhandene Forschungsliteratur zum Hörspiel ist immens, die Ansätze teilweise sehr verschieden. Während einige Autoren Hörspiele nach deren Historie einteilen (z.B. Hörspiel der Weimarer Republik, Hörspiel zur Zeit des
Nationalsozialismus und des Exils etc.) 73 , kategorisieren sie andere nach strukturellen (z.B. dialogisches Hörspiel, monologisches Hörspiel etc.) 74 oder thematischen Gesichtspunkten (z.B. das realistische Problemhörspiel, das religiöse Hörspiel, das literarische Hörspiel
etc.) 75 bzw. Gattungen (z.B. dramatisches Hörspiel, episches Hörspiel, lyrisches Hörspiel etc.). 76 Eine ausführliche Diskussion des Hörspiels und seiner diversen Facetten würde, gemessen am Gesamtrahmen dieser Arbeit, zu weit führen. Es gilt: Die eine Definition gibt es nicht. Insofern wird sich im Folgenden darauf beschränkt, die Grundzüge des Hörspiels so, wie es überwiegend als Hörbuch zu finden ist, darzulegen (zur detaillierten Geschichte des Hörspiels vgl. beispielsweise Schwitzke 1963, Frank 1963, Döhl 1988). Das „Hörspiel als Hörbuch“ ist sozusagen eine Art des Hörspiels; das Hörspiel an sich ist, wie im Folgenden deutlich wird, wesentlich facettenreicher.
70 Mitschrift des Mitschnitts des Medienpolitischen Diskussionsforums „Erfolg - Zukunft und Perspektive des Hörspiels in Zeiten des Hörbooms.“ 17. Woche des Hörspiels in der Akademie der Künste in Berlin, 14. November 2003, Beitrag
68.
71 Klaus Amann: „Die Töne aus den Rillen“. In: Funkkorrespondenz - Extra Hörbücher vom 16.10.2000, S.7.
72 Rene Wagner, E-Mail vom 28.01.2004. Definition des AK Hörbuchverlage.
73 Reinhard Döhl: Das neue Hörspiel. Geschichte und Typologie des Hörspiels. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988.
74 Wibke Weber: Strukturtypen des Hörspiels - erläutert am Kinderhörspiel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit 1970. Lang Frankfurt am Main, 1997.
75 Heinz Schwitzke: Das Hörspiel. Dramaturgie und Geschichte. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin, 1963.
76 Eugen Kurt Fischer: Das Hörspiel. Form und Funktion. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1964 oder auch Armin P.Frank: Das Hörspiel. Vergleichende Beschreibung und Analyse einer neuen Kunstform durchgeführt an amerikanischen,
deutschen, englischen und französischen Texten. Frankfurt, Phil. F., Diss. v. 25. Juli 1962.
Verweist Frank in den Sechziger Jahren noch auf die überwiegende Sprach- und Rundfunkgebundenheit des Hörspiels (allein der Gegenstand dieser Arbeit zeigt, dass
diese Behauptung längst überholt ist) sowie auf seine künstlerische Natur 77 , verbindet Weber Ende der Neunziger Jahre das Hörspiel mit dem Begriff akustische Kunst: „[…] Die Entwicklung vom Neuen Hörspiel zur Akustischen Kunst bzw. Ars Acustica
International bestätigt die Loslösung von der sprachlichen Dominanz“ 78 des Hörspiels. Damit spricht sie dem Hörspiel seine überwiegende Sprachgebundenheit ab, da sich akustische Kunst wiederum überwiegend mit Klängen und Geräuschen beschäftigt. In der neueren Literatur werden folgende Begriffe als eng miteinander verbunden angesehen.
„Das literarische Hörspiel, das Neue Hörspiel 79 und die Ars Acustica entwickeln sich nebeneinander in den ihnen immanenten Strukturen und Qualitäten, und sie tauschen sich
in ihren Grenzen produktiv aus, wie sie es auch mit anderen Genres tun.“ 80 In dieser Arbeit wird jedoch akustische Kunst - aufgrund ihres eher seltenen Vorhandenseins als Hörbuchals eine Sonderform des Hörbuchs bezeichnet (vgl. 2.1). Das Hörspiel wird hier als eine überwiegend aus Sprache bestehende Kunstform definiert, da dies dem klassischen Hörspiel als Hörbuch entspricht. Weber bezeichnet diese Art von Hörspielen als literarische Hörspiele. „Sie werden primär im Medium der Schrift, d.h. als Manuskript, konzipiert und ergeben einen lesbaren Text.“ Ergänzend dazu wählt Weber für die die akustischen Möglichkeiten des Mediums ausnutzenden Hörspiele den Begriff radiophonische Hörspiele, die gehört werden müssen und nicht, oder nur schwer, zu lesen
sind, d.h. es gibt keine literarische Vorlage. 81 Diese Unterscheidung wird in Abschnitt 2.1.4 wieder aufgenommen.
Einem literarischen Hörspiel liegt demnach stets ein Skript zugrunde, welches auf einer literarischen Vorlage (Roman, Drama usw.) basiert, oder aber auch nur als
77 Armin P. Frank: Das Hörspiel. Vergleichende Beschreibung und Analyse einer neuen Kunstform durchgeführt an amerikanischen, deutschen, englischen und französischen Texten. Frankfurt, Phil. F., Diss. v. 25. Juli 1962, S.23.
78 Wibke Weber: Strukturtypen des Hörspiels - erläutert am Kinderhörspiel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit 1970. Lang Frankfurt am Main, 1997, S.13-14.
79 Das Neue Hörspiel entsteht Mitte/Ende der Sechziger Jahre. Das bisherige traditionelle, literarische Hörspiel wird von einem „totalen Schallspiel“ in Form von abstrakten, Stimmungen vermittelnden Geräuschkollagen abgelöst, gefolgt von
Originaltoninszenierungen in den Siebziger Jahren. Damit entfernt sich Hörspiel von der Masse der Hörer (diese
wenden sich generell vermehrt den audiovisuellen Medien zu). Vgl. Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger
in Öffentlichen Bibliotheken“. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.4. Eines der
Grundmotive des Neuen Hörspiels in den 60ern war auch, dass ein Hörspiel etwas ganz anderes sein kann, als es der
Hörer erwartet. „Ein Hörspiel kann ein Beispiel sein, dass ein Hörspiel nicht mehr ist, was ein Hörspiel mal war.“ Vgl.
Agieszka Lessmann und Frank Olbert:„Ein Vorkämpfer.“ URL:
www.dradio.de/dlf/sendungen/hoerspielkalender/189402/ (Stand:25.11.2003). Für eine ausführliche und umfassende
Typisierung des Neuen Hörspiels vgl. Reinhard Döhl: Das neue Hörspiel. Geschichte und Typologie des Hörspiels.
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 1988.
80 Klaus Schöning: „’Das Radio mit den ihm eigenen Mitteln komponieren’. Neues Hörspiel und Ars Acustica: Interview mit Klaus Schöning von Norbert Schachtsiek-Freitag“. In: epd/Kirche und Rundfunk: 40 Jahre Hörspielpreis der
Kriegsblinden, Nr. 74 vom 21.09.1991, S.17.
81 Wibke Weber: Strukturtypen des Hörspiels - erläutert am Kinderhörspiel des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit 1970. Lang Frankfurt am Main, 1997, S.65.
sprachliche Hörspiel-Vorlage existieren kann. Ein Hörspiel wird, ähnlich wie ein Bühnenstück, von zwei oder mehreren Sprechern (z.B. Erzähler, verschiedene Charaktere) „verbal aufgeführt“ und wird so zu einer Art „Hörfilm“, wobei die Bilder beim Hörer im Kopf entstehen. Meist wird es mit Musik und Geräuschen unterlegt, wobei letztere den Eindruck von Realität bestimmter szenischer Begebenheiten unterstützen sollen, d.h. eine Szene am Meer wird mit Meeresrauschen und Möwengeschrei unterlegt oder bei einer Schießerei werden Schüsse eingespielt. Die Musik dient beispielsweise der Schaffung bestimmter Stimmungen beim Hörer, oder aber auch zur Trennung von einzelnen Szenen, zur Einleitung eines Hörspiels oder zur Beendigung desselben, als Erkennungsmelodie einer Serie usw. (vgl. 2.5). So sagt auch Hickethier, dass das Hörspiel, durch seine Wortbezogenheit als eine überwiegend literarische Form sich die Dimensionen der Musik und Geräusche erschlossen und bewahrt hat, auch wenn dieses Potenzial nicht immer voll
genutzt wird. 82
Bei neuen Hörspielproduktionen beobacht Volker Lilienthal, 83 dass mehr Wert auf Unterhaltsamkeit und Gefälligkeit gelegt wird, um den Ansprüchen des „Mainstream“ und
der Mehrzahl der Käufer gerecht zu werden. 84 Miriam Meckel 85 sieht das anspruchsvolle Hörspiel jedoch weiterhin eher als Zukunfts- denn als Auslaufmodell. Wittgensteins Zitat „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ gelte nicht für das Hörspiel, da dieses laut Meckel „Welten jenseits der Sprache“ eröffnet und dabei „tradierte Grenzen der kulturellen Zuordnung“ überschreitet. Dies sei wichtig für die Medienkultur, auch wenn es keine hohen Einschaltquoten bringe bzw. sich nicht verkaufe. Anspruchsvolle Hörspiele forderten zwar vom Zuhörer Konzentration, Aufmerksamkeit, Erinnerungsvermögen und Offenheit, gäben aber auch unvergessliche Eindrücke und
Gefühle zurück. 86
Das literarische Hörspiel, so wie es sich hauptsächlich als Hörbuch findet, kann zusammenfassend als eine überwiegend sprachliche Kunstform bezeichnet werden, die aber auch mit Musik und Geräuschen/Effekten arbeitet. Ein schriftliches Skript (entweder basierend auf einer bereits existenten, literarischen Vorlage oder auch nur existent als reines Hörspielskript) wird von zwei oder mehr Sprechern als „Hörfilm“ umgesetzt und interpretiert.
82 Knut Hickethier,: Radio und Hörspiel im Zeitalter der Bilder. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft, 26/Dezember 1997, S.12.
83 Dr. Volker Lilienthal ist stellvertretender Leiter der epd medien.
84 Volker Lilienthal: „Ein Unikum - und anderes“. In: epd medien, 72/2003, S.4.
85 Prof. Dr. Miriam Meckel ist Medien-Staatssekretärin in NRW.
86 Miriam Meckel: „Grenzgänger“. In: epd medien, 46/2003, S.9.
2.4.2 Feature
Eine weitere, traditionelle Form des Hörbuchs ist das Feature. „Wie beim Hörspiel gelten als die Blütezeit des Features die 50er Jahre - die Zeit, in der es noch kein Fernsehen gab, als Kulturangebote wie Theater spärlich oder zu teuer waren, als die Zeitungen noch kleine
Auflage machten.“ 87 Das Feature ist nicht-fiktional und basiert auf Fakten. Es kreiert eine Zeitaufnahme zu einem bestimmten Themenkomplex und „[…] bildet die Realität mit akustischen Mitteln ab […]. Ein Feature ist dramaturgisch kunstvoll gestaltet, sein charakteristisches Formprinzip ist die Montage. Jede Kombination von Audiomaterial wie O-Töne und Kommentare, Dialoge, unterschiedliche Erzählebenen und Sprachstile, Musik
und Geräusche sind möglich.“ 88 So wird ein komplexes Thema gegliedert und interessant gestaltet. „Übersichtliche Struktur und klare Konzeption sind daher beim „Featuren“
unabdingbar.“ 89 Es können einer oder mehrere Sprecher vorhanden sein, wobei es insbesondere durch die Verwendung von diversem Sprachmaterial (Dialoge, O-Töne) meist mehrere sind. Es kann sich z.B. um die Aufbereitung historischer oder aktueller, zeitgeschichtlicher Themen genauso wie um politische, geografische oder auch triviale Themen rund um Mode oder Popmusik handeln. Als „Montage-Kunst par excellence“ wurde das Feature 1953 von Alfred Andersch bezeichnet, wobei Montage vor allem die raffinierte Kombination von Stimmen und sprachlichen Mitteln meinte. Geräusche wurden damals noch meist im Studio erzeugt, die Originalaufnahmen kamen später hinzu. Ende der Sechziger Jahre wurde die Tradition des „Akustischen Films“ durch Peter Leonhard Brauns Stück „Hühner“ (über die Massentierhaltung) begründet, eine Montage mit einem
hohen Anteil an Originalaufnahmen. 90 Das längste Feature ist mit 27 Stunden (9x 3 Stunden) „Die größten Flüsse der Welt“ aus dem Jahr 2002 vom HR. 91 Zusammengefasst kann ein Feature als die künstlerische Darstellung eines komplexen Themas mit Hilfe der Montage von verschiedenen akustischen Mitteln wie O-Tönen, Dialogen, Originalaufnahmen und Musik verstanden werden. So entsteht eine Klangkomposition, die die Sicht des Künstlers in Bezug auf das dem Feature zugrunde liegende Thema wiedergibt. Eine klare Struktur und ein durchgängiger „roter Faden“ zeichnen ein gutes Feature aus.
87 Frank Olbert: „Eine Gattung ist eine Gattung ist eine Gattung“. In: epd medien, 26+27/1998, S.4.
88 Rene Wagner, E-Mail vom 28.01.2004. Definition des AK Hörbuchverlage.
89 Joachim Zöller: Radio Werkstatt : Arbeitsheft für Radiomacher, Hörer und Interessierte. Bildungswerk der Erzdiözese Köln, Medienwerkstatt Radio, o.J.
90 SfB-Feature. URL: www.sfb-featureproject.de/index2.html (Stand: 01.04.2004).
91 Jochen Meißner: „Exaltation gegen Reduktion“. In: Funkkorrespondenz 11/2003, S.6.
2.4.3 Lesung/Szenische Lesung
Bei einer Lesung wird, wie der Name schon sagt, eine literarische Vorlage (gekürzt oder ungekürzt) von einem Sprecher vorgelesen. Der Lesende gibt durch seinen Vortrag, seine Betonung und seine Stimme dem Text eine ganz eigene Interpretation, die von Sprecher zu Sprecher verschieden sein kann. „Die Lesung ist das Original noch einmal, als
akustische Form.“ 92 Ob es sich um eine gelungene Lesung handelt, hängt stark von der Wahl des passenden Sprechers ab (vgl. 2.5). Dementsprechend wird der Hörbuchmarkt
von Lesungen von ganz unterschiedlicher Qualität dominiert. 93 Das Repertoire einer Lesung kann sämtliche Texte sowie Romane, Sachtexte, Lyrik usw. umfassen. Neben der klassischen Lesung von einem Sprecher gibt es noch die szenischen Lesungen. Diese werden zusätzlich mit Musik und/oder Geräuschen arrangiert. Dies kann einer Lesung, je nachdem, was man erreichen will, zusätzliche Kraft und weitere Nuancen hinzufügen. „Eine gelungene Lesefassung kann einen Text, auch einen brillant geschriebenen, regelrecht adeln; dabei ist die Wahl des Sprechers entscheidend. Gelingt es, einen
bestimmten Ton zu treffen, kann ein Text an Kraft und Ausstrahlung gewinnen.“ 94 Große Diskussionen gibt es immer wieder über gekürzte Lesungen, die Meinungen hierüber gehen stark auseinander. „Bei einem Hörspiel wird die Vorlage immer umgearbeitet, denn ein Hörspiel unterliegt anderen Gesetzen als eine Lesung.“, d.h. hier ist
eine Umarbeitung/Kürzung die Regel und wird sogar von der Form Hörspiel gefordert. 95 Fast alle Verlage wie Heyne, RHA, Lido, DAV, DHV usw. bieten teilweise Lesungen mit erheblichen Kürzungen an. Jochen Hieber (hr2-Juror) hat in einem FAZ-Artikel hierzu Stellung gegen die Kürzung von Lesungen bezogen. Dieser Artikel ist sowohl auf Zustimmung als auch auf Kritik gestoßen ist. Hieber kritisiert: „Daß die Käufer, die für reduzierte Ware einen überteuerten Preis zahlen, im Kleingedruckten der Hörbuch-Umschläge auf das Spiel hingewiesen werden, auf das sie sich einlassen, macht die Sache
zwar rechtlich unanfechtbar, moralisch aber um keinen Deut besser.“ 96 Interessanterweise nimmt Hieber hier nur das Hörbuch Hamburg und die Edition Mnemosyne aus. Doch auch steinbach sprechende bücher produziert grundsätzlich keine gekürzten Lesungen, wobei gerade der von Hieber ausgenommene Verlag Hörbuch Hamburg erstaunlicherweise grundsätzlich keine Einwände gegen Kürzungen hat. Margit
92 Manfred Hess: „Kein alter Hut“. In: epd medien, 35/2003, S.14.
93 Manfred Hess: „Kein alter Hut“. In: epd medien, 35/2003, S.14.
94 Rene Wagner, E-Mail vom 28.01.2004. Definition des AK Hörbuchverlage.
95 Petra Ludwig: „Tatort Ohr - Focus Hörbuchcafé, Leipziger Buchmesse 2004“. URL: www.hoerbuecher4um/Specials/Leip2004.htm (Stand: 23.04.2004).
96 Jochen Hieber: „Mach mit? Mach’s besser!“. In: FAZ vom 16.05.2003. URL: www.buchmarkt.de/cms/print.php4?page=8275 (Stand: 31.01.2004).
Osterwold, Verlegerin von Hörbuch Hamburg, sagt sogar „Manche Unterhaltungsliteratur
wird sogar besser durchs Kürzen.“ 97 Ob gekürzt oder ungekürzt hängt vor allem vom Text ab sowie der Zustimmung des Autors bzw. Rechte-Inhabers. Auch der Preis spielt eine Rolle, denn große Produktionen (mehr als 400 Minuten, d.h. fünf CDs oder sechs MCs) sind sehr teuer, was sich wiederum auf den Preis des Hörbuchs auswirkt. Dies muss jedoch keinen negativen Einfluss auf den Verkauf der Produktionen haben. „Dass sich teure Produktionen automatisch schwieriger verkaufen, stimmt indes nicht: Wenn der Stoff und die Qualität gut sind, nimmt der Kunde auch einen
hohen Preis in Kauf, so die Erfahrung der Verlage.“ 98 Die Kürzungen sind Aufgabe der Lektoren, manchmal auch in Zusammenarbeit mit dem Autor. Bei der Frage, ob gekürzt oder komplett gelesen, gehen die Meinungen eindeutig auseinander. Das Argument, dass komplette Lesungen gerade bei umfangreichen Vorlagen oft zu teuer sind, ist ein nicht unwichtiger Faktor, da die Verlage sich allein über den Verkauf refinanzieren. Wenn der Kunde nicht bereit ist, den höheren Preis für eine Komplettlesung zu bezahlen (was man idealerweise mit einer Studie untersuchen sollte), können die Verlage sich diese auch nur bedingt leisten. Dennoch sollte man bei den Kürzungen, wenn sie denn sein müssen, darauf achten, welche Teile des Textes tatsächlich wichtig für den Plot sind und welche nicht. Wenn wirklich zentrale Passagen (über deren Bestimmung sich aber gegebenenfalls auch wieder streiten lässt), wie von Hieber bemängelt, in der gekürzten Version fehlen, kann das die Qualität einer Lesung bis hin zur Beurteilung „schlechte Adaption“ existenziell mindern.
2.4.4 Sonderformen
Unter dem Begriff Sonderformen werden sämtliche anderen, außer den bisher genannten Gattungen des Hörbuchs zusammengefasst. Hierbei handelt es sich teilweise um Mischformen aus den bisher genannten Gattungen oder um eigenständige, als Hörbuch eher selten vorkommende Formen. Die wichtigsten sind hierbei akustische Kunstwerke sowie Tondokumente, die in diesem Abschnitt kurz vorgestellt werden. Akustische Kunst, oder auch Ars Acustica, ist, wie in Abschnitt 2.4.1 deutlich wurde, eng mit dem Hörspiel verwandt bzw. wird in der Forschung als eine Form des Hörspiels angesehen. Die Trennung, die in dieser Arbeit gemacht wird, begründet sich darin, dass akustische Kunstwerke nicht überwiegend aus Sprache bestehen, sondern aus akustischen Mitteln wie Musik, Geräuschen oder Ton-Kollagen. Weber hat diese Art von
97 Ulrike Peters: „In der Kürzung liegt die Würze“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.40.
98 Ebenda.
Hörspiel radiophonische Hörspiele genannt, die im Gegensatz zum literarischen Hörspiel nicht auch gelesen werden können, sondern ihre Wirkung nur beim Hören entfalten. Tondokumente sind sämtliche Arten der „akustischen Aufzeichnung einer Live-Situation, zum Beispiel Originaltöne, Nachrichtensendungen, Interviews.“ 99 Auch der Mitschnitt eines Kabarett-Abends ist beispielsweise ein Tondokument.
2.5 Die Produktion (Sprecher, Musik und Geräusche)
Generell kann man sagen, dass die Produktion von Hörbüchern (insbesondere Hörspielen) viel Zeit in Anspruch nimmt, obwohl man laut Kerstin Kaiser von Lübbe Audio auch schon mal vier CDs in vier Monaten schaffen kann. Normalerweise beginnt die Planung ungefähr ein Dreivierteljahr vor der Produktion, für die selber ca. nicht ganz ein Tag pro
Hundert Minuten gerechnet wird. Das fertige Resultat steht dann etwa 7-10 Tage später. 100 Für eine gelungene Produktion müssen viele Dinge beachtet werden, wobei es jedoch auch darauf ankommt, was erreicht werden soll. Soll möglichst schnell und kostengünstig produziert werden? Oder liegt der Schwerpunkt auf dem künstlerischen Anspruch? Die folgenden Anmerkungen gelten zumindest für alle Produktionen, die einen Anspruch auf Qualität haben.
Bei der Auswahl der Sprecher muss darauf geachtet werden, dass es sich um geübte und professionelle Personen handelt und das Geschlecht zur Rolle passt. So kann z.B. die Besetzung einer weiblichen Rolle in einem Hörspiel mit einem männlichen Sprecher zu Verwirrung oder Unverständnis beim Hörer führen bzw. einfach unpassend wirken. Zudem müssen sowohl die Emotionen als auch der Ausdruck stimmen. Das Lesen des Textes bzw. das „Spielen“ in einem Hörspiel darf weder zu übertrieben noch zu ausdruckslos wirken. Auf den Seiten der Hoerothek ist weiter nachzulesen, dass insbesondere Monotonie seitens der Sprecher ein absolutes Tabu ist. Pausen jedoch seien, sofern effektiv eingesetzt, wiederum wichtig beim Vortrag. Jochen Hieber, Kritiker der FAZ, meint, dass das Hörbuch durch den Sprecher, den Vortrag, die Interpretation oder die Hörspielumsetzung einen „auditiven Mehrwert“ gegenüber dem Buch haben kann. Der Sprecher kann dem Text Leben einhauchen, ihm einen ganz eigenen Charakter oder eine ganz eigene, neue Interpretation geben, welche beim Selberlesen so nicht vorhanden wäre.
Andererseits kann das Hörbuch natürlich auch durch eine schwache Lesung verlieren. 101
99 Rene Wagner, E-Mail vom 28.01.2004. Definition des AK Hörbuchverlage.
100 Ulrike Peters: „Stimmt die Stimme, stimmt die Stimmung“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.49. Eine detaillierte Darstellung der Entstehung eines Hörbuchs findet sich auch unter
www.boersenverein.de/sixcms/detail.php?id=64514&template=content_print.
101 Sabine Schwietert: „Das Schlechte verhindern“. In: Börsenblatt 89/2002. S.31.
Insgesamt ist generell zu beachten, dass die Sprachgestaltung dem zu vermittelnden Inhalt gerecht wird.
Musik und Geräusche dürften, sofern sie in einem Hörbuch vorhanden sind, nur bedingt und in passendem Maße eingesetzt werden nach dem Motto: „Weniger ist manchmal mehr“. Sie sollten lediglich den Handlungsverlauf und die Sprecher
unterstützen und müssen thematisch zum Stoff des Hörbuchs passen. 102 Auch Horst Heidtmann ist der Meinung, dass Geräusche und Musik bei Hörbüchern unterstützend wirken können. So ist es durch sie z.B. möglich, Assoziationen zu wecken, Stimmungen wie auch Atmosphäre zu vermitteln sowie Schauplätze und, als eine Art Leitmotiv, auch Figuren zu charakterisieren. Musik kann Akzente und Ruhepunkte setzen oder auch einen
Szenen- oder Schauplatzwechsel verdeutlichen. 103 So werden Hörspiele meist eingeleitet von einem kurzen Musikstück, bzw. bei einer Serie ist es immer die gleiche Melodie, die
den Wiedererkennungseffekt beim Hörer erzeugt. 104 Man muss jedoch stets beachten, was der Komponist/Produzent des Hörbuchs erreichen will. Bei akustischen Kunstwerken wird absichtlich mit schiefen Tönen oder langweiligen oder monotonen Stimmen gearbeitet bzw. wird auf Musik oder Geräusche verzichtet oder diese werden konträr zu dem vom
Hörer Erwarteten verwendet, um bestimmte Effekte oder Stimmungen zu erzeugen. 105 Es ist deutlich geworden, dass die Produktion von Hörbüchern ausgesprochen anspruchsvoll ist. Hans Eckardt, Gründer und Inhaber des Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen in Marburg, ist dementsprechend der Ansicht, dass nur spezialisierte Verlage mit hochwertigen Angeboten bestehen werden. Im Gegensatz zu den minderwertigen Kinder- und Jugendhörspielen sei das Produzieren von Hörbüchern
nichts, was man nebenbei machen könne. 106 Auch Heike Völker-Sieber vom DHV meint, dass das schnelle Geld nicht mit Billigprodukten zu machen sei. Es würde eine Marktbereinigung stattfinden, die Qualität und Quantität trennen würde. Überleben
werden nur die Verlage, die auf Qualität setzen. 107
102 Hoerothek.de - Spezial: Leipziger Hörbuchmesse. URL: www.hoerothek.de/leipzig.htm. (Stand: 26.11.2003).
103 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.3. Ein Beispiel hierfür ist z.B. die
Gemeinschaftsproduktion „Donna Leon - Sanft entschlafen“ vom DHV, WDR, SWR und Deutschlandradio (1998).
Die einzelnen Szenen werden hier durch kurze Musikeinblendungen getrennt.
104 Vgl. z.B. das Saxophon bei der „Inspektor Jury“-Reihe von RHA oder die Miss Marple-Melodie der Fernsehfilme mit Margaret Rutherford bei der „Agatha Christie“-Reihe aus 2003 vom DHV. Ansonsten werden die Hörbucher des DHVs
durch eine eigene Erkennungsmelodie eingeleitet.
105 .„Zum Beispiel gibt es in „Herr Eislinger hat Zähne“ eine Zahnarztbohrorgie, in die irgendwo ein Zahnarztbohrer eingemischt ist, die aber fast ausschließlich aus anderen Materialien gemacht ist. Ziel war es, am RANDE des
Schreckens zu bleiben, die schrecklichen Assoziationen ins Absurde zu übertragen.“ Vgl. Caspar Oehlschlägel, E-Mail
vom 27.11.03.
106 Bettina Langer: „Gebildete Vielleser greifen zum Hörbuch: Branche wächst auch in Krisenzeiten - Raubkopien noch kein ernsthaftes Problem“. In: Stuttgarter Zeitung vom 11.06.03; S.11.
107 Brit München: „Qualität statt Ohrenschmerzen“. In: buchreport.magazin Juli 2002, S.122.
Doch nicht überall wird Wert auf Qualität, sondern häufig mehr auf Quantität gelegt. Massenproduktionen können zu diversen negativen Begleiterscheinungen führen. Volker Lilienthal nennt als Beispiele u.a. schlechte Sprecher bzw. ein schlechter Vortrag (zu schnell gesprochen, genuschelt, lustlos vorgetragen), Akustik- und Schnittfehler sowie mangelndes Lektorat (Grammatikfehler, falsche Konjunktive). Manche CDs würden nicht mal durch vorherige Nennung von Titel und Autor eingeleitet. Obwohl dort selbstverständlich auch Fehler vorkommen können, ist bei den Produktionen der öffentlich-rechtlichen Sender, Lieferanten vieler Verlage, in Lilienthals Augen meist nichts
zu beanstanden, und man kann sich auf gleich bleibende Qualität verlassen. 108
2.6 Historie
Im folgenden Abschnitt soll ein Überblick darüber gegeben werden, wie sich das Hörbuch bzw. der Hörbuchmarkt von den Anfängen des 20. Jahrhunderts bis heute in Deutschland entwickelt hat. Es wird untersucht, warum die Versuche zur Etablierung des Hörbuchs lange Zeit scheiterten und schließlich doch überraschend sehr erfolgreich wurden. Die wichtigsten Stationen, wie die ersten Aufnahmen der Deutschen Grammophon in den 50er Jahren, die Entwicklung von Cottas Hörbühne in den 80er Jahren und schließlich daraus resultierend der Beginn des Hörbuchbooms mit der Entstehung des Hörverlages in den 90er Jahren, werden aufgrund ihrer Bedeutung für die Geschichte des Hörbuchs gesondert hervorgehoben. Die Deutsche Grammophon legte mit ihrer ersten Edition in den 50ern sozusagen den Grundstein für den Hörbuchmarkt und erregte damit große Aufmerksamkeit, während Cottas Hörbühne der Versuch der Etablierung des Hörbuchs in den 80ern immerhin so gut gelang, dass schließlich zur besseren Nutzung des Potenzials in den 90ern Der Hörverlag gegründet wurde, welcher bis heute Marktführer in diesem Segment ist.
Bereits 1910 kamen erste Schallplattenaufnahmen mit klassischer Dichtung auf den Markt, welche aber noch keinen nennenswerten Erfolg zu verzeichnen hatten. Ab 1945 schließlich gab es erste Hörspielplatten und Lesungen für Kinder, ein Markt, welcher sich wesentlich früher als der Markt für Erwachsene erfolgreich etablierte und noch heute einen
kontinuierlich großen Absatz zu verzeichnen hat. 109 Wortprogramme jeglicher Art für Erwachsene sollten noch für lange Zeit die Ausnahme bilden. 110 1952 entstand in den USA die erste Tonbandproduktion: „A Child’s Christmas in Wales“ von Dylan
108 Volker Lilienthal: „Vielfalt fürs Ohr“. In: epd medien, 80/2001, S.3.
109 Hendrik Markgraf: „Jung, männlich, Hörer“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch, Sondernummer 1/2004, S.18.
110 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.4.
Thomas. 111 In Deutschland kam erst 1954 das erste (oder eines der ersten, darüber besteht keine Einigkeit) „Hörbuch“ noch in Form des damals gängigen Mediums Schallplatte von der Deutschen Grammophon in den Handel (vgl. 1.1.1), doch „[…] diese Hörstücke auf
Schallplatten führten eher eine Randexistenz.“ 112 Auch die Einführung der MC 1965 schaffte es nicht, dem Tonträgermarkt für Erwachsene wesentliche Impulse zu geben. In den 60er und 70er Jahren gab es jeweils nur kleinere Anbieter, die sich mit Kassetten zu bestimmten Themenkomplexen in kleinen Auflagen einen Markt erschließen wollten. Entstanden in den 60ern noch Lesungen von Thomas Mann-Romanen wie beispielsweise den „Buddenbrooks“, „Lotte in Weimar“
oder „Joseph und seine Brüder“, 113 so wurden in den 70er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Luchterhand Verlag bereits eine Reihe von avantgardistischen Hörspielen der ARD
(z.B. von Ernst Jandl) produziert. 114 Diese hatten aber im Gegensatz zu den zu dieser Zeit recht erfolgreichen Bibliografien, selbst erzählt von den jeweiligen Künstlern wie z.B. Carl
Zuckmayer, keinen Erfolg und wurden vom Publikum nicht angenommen. 115 Nichtsdestotrotz gelang es den verschiedenen Produzenten dank der öffentlichen Bibliotheken, die regelmäßige Abnehmer von Hörbüchern waren und noch heute sind,
kontinuierlich weiter zu produzieren. 116
Seit den 60er Jahren existiert auch die Plattenfirma TELDEC, die schon damals in ihrer Reihe „Wort und Stimme“ bewährte Klassiker (Plato bis Büchner) von bekannten Schauspielern hat vortragen lassen, was auch heute aufgrund der erwarteten höheren
Umsätze durch Hörbücher mit populären Stimmern immer mehr in Mode kommt. 117 Auch Elektrola und POLYDOR veröffentlichten zur gleichen Zeit vereinzelt Wortaufnahmen. 118 Im Jahr 1979 schließlich wurde schumm sprechende bücher (heute steinbach sprechende
bücher) gegründet, heute der älteste reine Hörbuchverlag Deutschlands. 119 . Das Ziel des Verlags war es, Literatur an Blinde und Sehbehinderte zu vermitteln. 120 Der Gründer des Verlages brachte die Idee damals von einer Reise in die USA mit. 121 Vertreten seit Ende der 80er Jahre ist der Rowohlt Verlag mit seiner Edition „Literatur für Kopfhörer“. Diese
111 Heike Völker-Sieber, E-Mail vom 20.11.2003.
112 Dr. Claus Bielefeld, E-Mail vom 21.11.2003.
113 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.231.
114 Helmut Reitze: „Sie kamen sich näher“. In: Funkkorrespondenz 11/03, Sonderdruck zur Leipziger Buchmesse, S.3.
115 Peggy Voigt: „Ein altes Grammophon kann auch moderne Töne“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.51.
116 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.5.
117 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.5.
118 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.231.
119 Margrit Philip: „Lauschangriff“. In: Buchmarkt, 7/2003, Jg. 38, S.69.
120 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.6.
121 Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven, 5/2003, S.231
besteht überwiegend aus Erzählungen oder Werkauszügen von eigenen Autoren, welche
von bekannten Schauspielern kompetent vorgetragen werden. 122 In den USA und in England entwickelte sich der Hörbuch-Markt bereits viel früher und stärker als in Deutschland. 1975 spezialisierte sich dort als weltweit erstes
Unternehmen “Books on tape“ auf Hörbücher. 123 Wenig später wird dort bereits ein breites Publikum von den sogenannten Audiobooks angesprochen. Seit den 80ern gibt es in den USA und England einen Hörbuch-Boom, der bis heute anhält. Schon 1994 erreichten die Umsätze in den USA bereits fast die Milliardengrenze (in DM), in 1999 waren es
bereits über 2 Milliarden USD. 124 In England unterhält z.B. die BBC ein eigenes Tonträgerlabel; die umsatzstärkeren Buchverlage haben, wie es auch in Deutschland immer mehr der Fall ist, passend zum Buch-Programm ihre eigenen Hörbuch-Programme, und jede Buchhandlung verfügt über eine eigene (teilweise immense) Abteilung für Hörbücher. Audiobookshops oder Hörbuchhandlungen zählen dort nicht zu den
Ausnahmen, so wie es in Deutschland noch der Fall ist. 125 Bereits 1985 eröffnete die erste Hörbuchhandlung in Denver. 126
2.6.1 Die Deutsche Grammophon: Von den Anfängen bis heute
1954 produzierte das Plattenlabel Deutsche Grammophon mit Gründgens ‚FAUST I’-Aufführung vom Düsseldorfer Schauspiel das erste Hörbuch in Deutschland auf seinem eigenen Label „Wortresonance“, zu einer Zeit, in der das Hörbuch noch unter dem Namen
„Sprechplatte“ bekannt war. 127 Schon damals war die DG spezialisiert auf Literaturproduktionen und Klassiker. 128 Klaus Amann sieht den inoffiziellen Beginn des Hörbuchs sogar wesentlich früher. Als in den Zwanziger Jahren die ersten Schallplatten entstanden, brachte bereits 1929 die in seinen Augen erste Produktionsserie mit dem Titel „Heimbühne“ den ‚Wilhelm Tell’ auf drei Platten heraus, was für Amman die Startmarke
des Hörbuchs markiert. 129 Insgesamt wird jedoch allgemein die DG mit ihrer Produktion von Gründgens ‚FAUST I’-Inszenierung als Beginn des Hörbuchs und seines Marktes genannt. Für die damalige Zeit war diese Aufzeichnung ein großer Erfolg. Bis heute
122 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.7.
123 Fragen & Antworten - die FAQ-Sammlung rund ums Hörbuch (2/7). URL: www.hoerothek.de/tour2.htm (Stand: 02.03.2004).
124 Anja Sieg: „Audiobooks haben in USA einen Milliarden-Markt“. In: buchreport.magazin Juli 2000, S.157.
125 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.5.
126 Anja Sieg: „Audiobooks haben in USA einen Milliarden-Markt“. In: buchreport.magazin Juli 2000, S.157.
127 Matthias Iken: „Hamburg ist die Hauptstadt des Hörbuchs“. In: Die Welt 05.04.2003, S.35.
128 Peggy Voigt: „Ein altes Grammophon kann auch moderne Töne“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.51.
129 Klaus Amann ist Prof. der Neueren Deutschen Literatur an der Uni Klagenfurt und Leiter des Robert-Musil-Instituts. Vgl. Klaus Amann: „Die Töne aus den Rillen“. In: Funkkorrespondenz - Extra Hörbücher vom 16.10.2000, S.9-10.
wurden insgesamt 100.000 Stück dieser Produktion verkauft. 130 Nichtsdestotrotz war auch in den 50ern, wie bereits erwähnt, der Markt noch klein und die Umsätze gering. Verliefen die nächsten Jahrzehnte in punkto Hörbücher für die DG (wie auch für die wenigen anderen deutschen Verlage, die sich in dieses Segment wagten) eher ruhig, so waren doch sie es, die 1987 den Begriff Hörbuch prägten, der sich bis heute auf dem deutschen Markt
gegenüber dem englischen Begriff Audiobook durchgesetzt hat. 131 Seit den 90ern besitzt die DG, die heute zu dem Konzern Universal Music GmbH gehört, auch ein eigenes Kinderlabel (DG Junior) mit einzelnen Lesungen und Hörspielen
sowohl für Kinder als auch Erwachsene. 132 Als ältestes Hörbuchlabel Deutschlands besitzt sie ein bis zu 2000 Titel zählendes Archiv, inklusive hochgelobter Lesungen von Werken von z.B. Thomas Mann oder Theodor Fontane, das jetzt nach und nach neu auf CD erscheinen soll. Zur Zeit sind 350 Titel lieferbar. Die DG setzt aber nicht nur auf die Klassiker, sondern geht auch zusätzlich auf das jüngere Publikum zu. Zum neuen Programm gehören auch Bestseller wie „Zwölf“ von Nick McDonnell, welches von der bei der jüngeren Generation Kultstatus besitzenden ViVa- und Pro7-Moderatorin Charlotte Roche gelesen wird. Die DG Literatur ging außerdem 2002 eine Kooperation mit dem Hoffmann und Campe Verlag ein. Zusätzlich wird verstärkt auf den Buchhandel als Vertriebskanal gesetzt, wobei der klassische Vertriebsweg lange Zeit der Musikhandel war. Das Verhältnis im Vertrieb beträgt zur Zeit ungefähr 60% Musikhandel und 40%
Buchhandel. 133 Mit ihrem aktuellen Konzept hat die DG es geschafft, im aktuellen Ranking der zehn größten Hörbuchverlage (die Grundlage bilden die Umsätze der Verlage in 2003) mit einer einzigartigen Umsatzsteigerung von 240% (Vergleich 2002 zu 2003)
auf Platz drei zu kommen (vgl. 1.2.1). 134
2.6.2 Cottas Hörbühne in den Achtzigern
Der Wendepunkt im Hörbuchmarkt begann im Prinzip schon in den 80ern mit der Gründung von Cottas Hörbühne (Klett-Cotta Verlag). So sagt Wolfgang Schiffer: „Wir müssen uns da auch an die Genesis erinnern, der Hörbuchmarkt hat hiermit begonnen,
130 Deutsche Grammophon / Geschichte. URL: www.dg-literatur.de/geschichte.jsp (Stand: 04.04.2004).
131 Dorothee Meyer-Kahrweg: „Hörbücher drängen aus der Nische“. In: Gutenberg Jahrbuch 2003, Gutenberg-Gesellschaft Mainz, S.243. Nichtsdestotrotz wurde der Begriff Hörbuch erstmalig 1954 von der Blindenhörbücherei für einen
Worttonträger für Blinde verwendet. Vgl. Antje Fey: „Das Buch fürs Ohr wird populär“. In: Media Perspektiven,
5/2003, S.231.
132 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.5-6.
133 Peggy Voigt: „Ein altes Grammophon kann auch moderne Töne“. In: buchreport.magazin Juli 2003, S.50.
134 Die DG hat Ihren Umsatz von 2002 auf über 3 Millionen Euro in 2003 (um 80%) steigern können. Dies entspricht der mit Abstand der größten Umsatzsteigerung aller Häuser in den Top Ten der größten Verlage (danach kommt Der
Audioverlag (DAV). Vgl. Markgraf, Hendrik: „Jung, männlich, Hörer“. In: Börsenblatt Spezial Hörbuch,
Sondernummer 1/2004, S.16.
dass […] Cottas Hörbühne Hörspiele […] auf den Markt gebracht hat.“ 135 Initiiert wurde das Projekt von Hermann Naber, dem damaligen Hörspielleiter des SWF (heute zusammen mit SDR: SWR), der zu der Zeit mit seinem Projekt das stärkste Engagement
im Hörbuchsektor zeigte und „Pionierarbeit“ leistete. 136 1986 wurde das erste Programm auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt, das zu dieser Zeit gerade einmal ein halbes
Dutzend Kassetten umfasste. 137 Durch die immer größere Verbreitung und Akzeptanz der MC und des Kassettenrekorders (er wurde nach und nach Standard in Autos, der Walkman kam auf den Markt etc.) wagte Hermann Naber einen Anlauf bezüglich der Verbreitung
von Hörbüchern außerhalb des Rundfunks. 138 Das Problem aller bisherigen (mehr oder minder zumindest umsatzmäßig gescheiterten) Produktionen sieht Naber vor allem in dem bis in die 80er stark verbreiteten Medium Schallplatte. Diese wurde in Plattenläden vertrieben, in denen die Leute keine Literatur vermuteten bzw. das Publikum auch nicht zu dem Interessentenkreis von
Hörbüchern zählte. 139 Auch machte die MC als Medium für Hörbücher das Hören flexibler, da sie auch unterwegs oder im Auto gehört werden konnte. Doch waren für den bis dato geringen Erfolg des Hörbuchs sicher noch einige andere Faktoren von (mehr oder minder großer) Bedeutung, wie z.B. die Konkurrenz anderer Medien. Das Radio z.B. war lange Zeit unangefochten das einzige Medium für hörbar gemachte Literatur und andere Hörformen, wie z.B. das Feature oder eigens für das Radio produzierte Hörspiele. Auch formte der Erfolg des Fernsehens und seine steigende Nutzung den bisherigen Hörer zunehmend zum Zuschauer. Generell spielte und spielt die visuelle Medialisierung in der heutigen Gesellschaft eine große Rolle, in der das Hören lange Zeit dem primären Sehen untergeordnet wurde (vgl. Abschnitt 4). Zudem galt derjenige, welcher Bücher ohne triftigen Grund wie z.B. eine körperliche Behinderung hörte, statt sie zu lesen, lange Zeit als „faul und leseschwach“, und somit war das Hören von Hörbüchern bei vielen
135 Wolfgang Schiffer (Leitung Wort WDR3), Mitschrift des Mitschnitts des Medienpolitischen Diskussionsforums „Erfolg - Zukunft und Perspektive des Hörspiels in Zeiten des Hörbooms.“ 17. Woche des Hörspiels in der Akademie der
Künste in Berlin, 14. November 2003, Beitrag 40.
136 Horst Heidtmann: „’Laß Lesen!’ Literaturtonträger in Öffentlichen Bibliotheken“. In: Buch und Bibliothek, Heft 2, 1994, S.140-149. URL: http://www.ifak-kindermedien.de/pdf/hoerbuecher.pdf, S.6.
137 Matthias Thalheim: „Hört, Hört!“. In: Funkkorrespondenz - Extra Hörbücher vom 23.03.2000, S.7. Das Startprogramm von Cottas Höhrbühne enthielt folgende Titel: Ophüls/Goethe „Novelle“, Produktion SWF 1954, Jandl/Mayröcker
„Fünf Mann Menschen“, SWF 1969, Andersch „Fahrerflucht“, SWF/RB 1957, Dürrenmatt „Das Unternehmen der
Wega“, SWF 1955, Skármeta „Brennende Geduld“, SWF/BR/SFB 1982, Huby „Leiche in Öl“, SWF 1983, Sheckley
„Das geteilte Ich“, SWF 1976, Springer „Masta“, SWF 1974, Woody Allen „Intermezzo in Kugelmass“ etc., SWF ???
und Sjöwall/Wahlöö „Die Tote im Götakanal“, SWF/WDR 1978. Die Woody Allen-Produktion ist nicht erschienen,
weil die Rechte nicht frei waren (vgl. auch3.1). Vgl. Brief Hermann Naber vom 28.12.2003.
138 Der erste Walkman wurde von Sony am 22.06.1979 vorgestellt (am 18.09.1980 kam er auf den Markt). Erstmalig wurde ein Gerät vorgestellt, welches „[…] enabled people to listen to music of their choice , wherever and whenever
they liked.“ Mit der gleichen Begründung wird heute für das Hörbuch geworben, nur dass es hier um den Worttonträger
selbst geht und nicht um das Abspielgerät. Vgl. Steve Crandall: “Sony Walkman History vom 19.10.2003
URL: http://tingilinde.typepad.com/starstuff/2003/10/sony_walkman_hi.html (Stand: 01.04.2004).
139 Hermann Naber, Telefongespräch vom 16.12.2003.
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Beena Biller, 2004, Der Hörbuchboom - Eine Ursachenanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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