Abstract
Gegenstand dieser Diplomarbeit ist die Bildbearbeitung in der Pressefotografie. Nach einem historischen Abriss werden gängige Methoden und Techniken der Bildbearbeitung, welche in diesem Kontext von Bedeutung sind, erläutert. Weiter steht das Foto in seinen Funktionen, Eigenschaften, Wirkungen und in seinem Stellenwert in der Presse im Vordergrund. Auch das Thema Manipulation wird in dieser Arbeit erörtert. Nach einer etymologischen Annäherung an den Begriff selbst, wird dessen Bedeutung im Rahmen der Fotografie dargestellt. Außerdem werden Motive für die Bildmanipulation gegeben und Konsequenzen und Auswirkungen behandelt. Nachdem somit die Problematik eines Missbrauchs der Bildbearbeitung zur Bildmanipulation im Kontext der Pressefotografie erörtert wurde, folgt eine Darstellung bisheriger Lösungsansätze. Es werden dazu Kennzeichnungsmodelle und -Initiativen sowie der gegenwärtige Umgang mit manipuliertem Bildmaterial im Hinblick auf eine Kennzeichnung erläutert. Gründe für das Scheitern bisheriger Kennzeichnungsversuche werden thematisiert. Den Schluss dieser Arbeit bilden ethische Überlegungen im Hinblick auf die Bildbearbeitung in der Presse. Insbesondere werden dabei Medienmacher und Mediennutzer berücksichtigt.
Schlagwörter:
Pressefotografie, Bildmanipulation, Manipulation, Fälschung, Fotos, Fotografie, Presse, Kennzeichnungspflicht, Bildbearbeitung, Ethik, Medienethik
Inhaltsverzeichnis
Abstract IV
Inhaltsverzeichnis V
Abbildungsverzeichnis VII
1. Einleitung 1
1.1 Einführung in die Thematik 1
1.2 Methodisches Vorgehen 2
2. Die Geschichte der Bildbearbeitung 5
2.1 Die Geschichte der analogen Bildbearbeitung 5
2.2 Die Geschichte der digitalen Bildbearbeitung 14
3. Methoden und Techniken der Bildbearbeitung 21
3.1 Analoge Bildbearbeitung 21
3.1.1 Retusche 21
3.1.1.1 Retusche am Negativ 21
3.1.1.2 Retusche am Positiv 22
3.1.2 Abschwächen und Verstärken 24
3.1.3 Abwedeln und Nachbelichten 24
3.1.4 Kolorieren 25
3.1.5 Ausschnitt 25
3.1.6 Fotomontage 26
3.1.6.1 Positivmontage 27
3.1.6.2 Lichtmontage 28
3.2 Digitale Bildbearbeitung 30
3.2.1 Grundlagen der digitalen Bildbearbeitung 31
3.2.2 Die Bildbearbeitungssoftware „Adobe Photoshop“ 32
3.2.2.1 Möglichkeiten der Werkzeugleiste 33
3.2.2.2 Werkzeug-Optionen 37
3.2.2.3 Möglichkeiten der Menüleiste 38
3.2.3 Die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung exemplarisch
dargestellt 43
3.2.4 Bildbearbeitung heute 50
4. Das Foto in der Presse 52
4.1 Funktionen des Fotos in der Presse 52
4.2 Eigenschaften von Pressefotos 54
4.3 Wirkung von Pressefotos 55
4.4 Stellenwert des Fotos in der Presse 56
V
5. Manipulation 60
5.2 5.2.1 5.2.2 5.3 5.4 5.6
6. Kennzeichnung manipulierter Fotos 72
6.2 6.3 6.3.1 6.3.2 6.3.3 6.4 6.5
7. Ethische Aspekte der Bildbearbeitung 86
7.2
7.3 7.3.1 7.3.2
8. Resümee und Ausblick 97
Anhang
Anhang A: Fragebogen Bildbearbeitung/Bildmanipulation Anhang B: Fragebogen Kennzeichnung Anhang C: Interviewpartner/Anfragen
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Die Rede Lenins im Original (Quelle: Jaubert 1989, S. 32) Abb. 2: Die Rede Lenins ohne Trotzki und Kamenew (Quelle: Jaubert 1989, S. 32) Abb. 3: Die Originalaufnahme aus dem Jahre 1922 (Quelle: Jaubert 1989, S. 38) Abb. 4: Die Montage der Nähe zischen Lenin und Stalin (Quelle: Jaubert 1989, S. 38) Abb. 5: Originalversion der Vertragsunterzeichnung (Quelle: Jaubert 1989, S. 73) Abb. 6: Die Zigarette Stalins (Quelle: Jaubert 1989, S. 73) Abb. 7: Die von Hoffmann retuschierte Vertragsunterzeichnung (Quelle: Jaubert 1989, S. 73) Abb. 8: Die retuschierte Zigarette Stalins (Quelle: Jaubert 1989, S. 73) Abb. 9: Die Originalaufnahme der Prager Führungsspitze
Abb. 10: Das manipulierte Foto ohne Dubcek
Abb. 11: Der vergessene Schuh
Abb. 12: Das Treffen in lockerer Atmosphäre (Quelle: Jaubert 1989, S. 173) Abb. 13: Das Treffen als würdiges, freundliches Ereignis (Quelle: Jaubert 1989, S. 173) Abb. 14: Die manipulierte Natinonal Geographic-Ausgabe vom Februar 1982
Abb. 15: Fotomontagen von Prinzessin Stephanie mit Baby
Abb. 16: Das Urlaubsfoto im Original (Quelle: Andrews 2003) Abb. 17: Das manipulierte Urlaubsfoto (Quelle: Andrews 2003) Abb. 18: Originalfoto des Massakers (Quelle: Andrews 2003) Abb. 19: Das eingefärbte Foto des Massakers (Quelle: Andrews 2003) Abb. 20: Das Originalfoto von Trittin (Quelle: Andrews 2003) Abb. 21: Das veränderte Bild von Trittin (Quelle: Andrews 2003) Abb. 22: Originalfoto Nr. 1 aus dem Irak-Krieg (Quelle: Rötzer 2003) Abb. 23: Originalfoto Nr. 2 aus dem Irak-Krieg (Quelle: Rötzer 2003) Abb. 24: Das kombinierte Foto aus dem Irak-Krieg (Quelle: Rötzer 2003) Abb. 25: Photoshop Anwendungsfenster (Quelle: RRZN 2001, S. 13) Abb. 26: Vor der Retusche (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 27: Nach der Retusche
(Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 28: Vor der Fotomontage (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 29: Nach der Fotomontage (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 30: Vor der Spiegelung einer Person
Abb. 31: Nach der Spiegelung einer Person (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 32: Nach der Spiegelung des gesamten Fotos (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 33: Vor der Tonwertkorrektur (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 34: Nach der Tonwertkorrektur (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 35: Vor der Farbkorrektur (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 36: Nach der Farbkorrektur (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 37: Paprika vor der Farbänderung (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 38: Paprika nach der Farbänderung (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 39: Vor dem Freistellen (Quelle: Eigene Fotografie) Abb. 40: Nach dem Freistellen (Quelle: Eigene Fotografie und Bearbeitung) Abb. 41: Star-Fake von Anke Engelke (Quelle: Nacktestars.de 2001) Abb. 42: Morphing von Dieter Bohlen und Mutter Theresa (Quelle: Holthusen 2003) Abb. 43: Morphing von Gerhard Schröder und Edmund Stoiber (Quelle: Holthusen 2003) Abb. 44: Aufmerksamkeits-Trichter
1. Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
Für die Medien waren Bilder schon immer von großer Bedeutung. Heute sind Medien wie Tageszeitungen und Zeitschriften ohne Bilder gar nicht mehr denkbar. Dabei haben insbesondere Fotos in der Presse einen hohen Stellenwert. Ihre Aufgabe besteht einerseits vor allem darin, die Aufmerksamkeit des Lesers zu gewinnen oder aber zu generieren und auf diese Weise den Verkauf von Publikationen voranzutreiben. Andererseits haben Fotos die Aufgabe, zu informieren, was eine wahrheitsgetreue Berichterstattung impliziert. Überdies hinaus wird das Pressefoto aufgrund seines Abbildungspotentials allgemein als Dokument betrachtet. Aus diesen Gründen sind Bildbearbeitungen von Pressefotografien ein problematisches Thema. Ziel dieser Arbeit ist es, dieses vielschichtige Thema aus verschieden Perspektiven zu beleuchten und die damit verbundene Problematik darzustellen. Schließlich sind die Möglichkeiten der Bildbearbeitung, welche gleichzeitig auch zur Bildmanipulation missbraucht werden können, infolge der Digitalisierung in der heutigen Zeit schier unendlich. Deshalb sind derartige Überlegungen von großer Bedeutung.
Dazu werden zunächst von der Retusche bis zum Fake, die Entwicklung wie auch die Methoden und Techniken der Bildbearbeitung dargestellt. Im Anschluss daran stehen die gegenwärtige Situation, die Problematik der Bildmanipulation sowie ethische Überlegungen diesbezüglich im Vordergrund. Im Folgenden wird nicht beabsichtigt, das Verhalten von Medienschaffenden zu verurteilen und bestimmte Sachverhalte anzuprangern. Vielmehr soll eine beschreibende Annäherung an das Thema Bildbearbeitung im Rahmen des Pressewesens stattfinden. Als Pressefotos werden dabei lediglich Fotos aus dem redaktionellen Teil von Zeitungen und Zeitschriften berücksichtigt, Werbe- oder Modefotos finden keine Berücksichtigung. Ferner umfasst der Begriff „Bildbearbeitung“ ausschließlich Veränderungen von Fotos, welche nach der Belichtung des Negativs stattfinden.
Die vorliegende Arbeit ist in sechs sich ergänzende Kapiteln eingeteilt. Das zweite Kapitel dieser Arbeit gibt zunächst anhand von Beispielen aus der Presse einen historischen Abriss über die Entwicklung der Bildbearbeitung. Im dritten Kapitel stehen die Grundlagen dieser Arbeit, die Methoden und Techniken der Bildbearbeitung, im Vordergrund. Dabei sollen die gängigsten analogen wie auch digitalen Methoden und Techniken vorgestellt werden. Um die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung zu veranschaulichen, werden diese im Anschluss daran exemplarisch demonstriert.
Kapitel vier beschäftigt sich mit dem Foto in der Presse. Es stellt zunächst dessen Funktionen, Eigenschaften und Wirkung dar, um schließlich den Stellenwert des Fotos in der Presse zu erläutern.
Das darauf folgende Kapitel fünf befasst sich mit der Manipulation. Nach einer etymologischen Erläuterung des Begriffes „Manipulation“ wird eine Begriffsbestimmung für den Kontext der Fotografie vorgenommen. Anhand von Expertenaussagen werden Motive für Bildmanipulationen erläutert und Konsequenzen diskutiert.
Der Kennzeichnung von Bildmanipulationen widmet sich Kapitel sechs. Nach einem Plädoyer für die Notwendigkeit einer Kennzeichnung werden bisherige Modelle und Initiativen vorgestellt. Es folgt eine Beschreibung der gegenwärtigen Situation im Hinblick auf eine Kennzeichnung in Redaktionen und Agenturen. Im Anschluss daran werden Gründe für das Scheitern der Kennzeichnungsinitiativen erörtert.
Im siebten und letzten Kapitel dieser Arbeit werden schließlich ethische Aspekte der Bildbearbeitung bzw. der Bildmanipulation diskutiert. Nachdem zunächst die Grenzen zwischen Bildbearbeitung und Bildmanipulation gezogen werden, soll anschließend die Handhabung der Bildbearbeitung in den Redaktionen und Agenturen erläutert werden. Des Weiteren werden in diesem Kapitel ethische Überlegungen im Hinblick auf die Medienmacher wie auch auf die Mediennutzer angestellt.
1.2 Methodisches Vorgehen
Ein Großteil der verwendeten Literatur stammt aus der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg und dem Hans-Bredow-Institut für
Medienforschung. Einige Publikationen waren in den Hamburger Bibliotheken leider nicht vorhanden, konnten aber per Fernleihe beschafft werden. Neuere Publikationen habe ich selbst erworben.
Mit Hilfe des Internets wurde außerdem Literatur über Zeitschriftenarchive, Informationsdatenbanken sowie Suchmaschinen bezogen. Auch die Seiten von Verbänden und Institutionen lieferten aufschlussreiche Informationen. Vor allem in Hinblick auf fototechnische Angelegenheiten erwies sich die Suche im Internet als sehr ergiebig.
Schwieriger hingegen gestaltete sich die Suche nach Beispielen der Bildmanipulation in der Presse. Vor allem der Kontakt zu Klaus Andrews, Fotojournalist und Beiratsmitglied des Vereins der Fotojournalisten und Fotojournalistinnen „FreeLens“, war diesbezüglich sehr hilfreich, da dieser über eine umfangreiche Sammlung von Bildmanipulationen in der Presse verfügt, welche er mir freundlicherweise für meine Arbeit zu Verfügung gestellt hat. Von besonderem Interesse waren im Rahmen dieser Arbeit außerdem spezielle Informationen über die alltägliche Arbeitspraxis in Redaktionen und Agenturen. Da zu diesen Aspekten keine oder nur veraltete Literatur verfügbar war, habe ich das Gespräch zu Experten aus der Praxis gesucht. Dazu habe ich mich an kompetente, engagierte und meist höher positionierte Ansprechpartner aus den jeweiligen Bereichen gewandt. Bei der Auswahl der befragten Personen wurde versucht, einen möglichst repräsentativen Querschnitt durch die verschiedenen Pressepublikationen von Satiremagazin über Männerzeitschrift bis hin zur Tageszeitung zusammenzustellen (siehe Anhang C: Interviewpartner/Anfragen). Zur Vorbereitung auf die Befragung habe ich mich zunächst viel mit einschlägiger Literatur zum Thema Bildbearbeitung und Bildmanipulation im Allgemeinen befasst. Im Anschluss daran erarbeitete ich einen an der Zielstellung dieser Arbeit orientierten Fragebogen (siehe Anhang A: Fragebogen Bildbearbeitung/Bildmanipulation).
Darüber hinaus ergab sich während der Erarbeitung des Aspektes „Kennzeichnung manipulierter Fotos“ die Notwendigkeit, einen weiteren Fragebogen zu der Entwicklung und Problematik der Kennzeichnungsinitiativen von manipulierten Fotos zu erstellen (siehe Anhang B: Fragebogen Kennzeichnung). Mittels dieses Fragebogens wurden schließlich Initiatoren und Verbände zur Kennzeichnung befragt.
Eine Vielzahl der im Folgenden verwerteten Informationen stammt demzufolge aus Interviews mit Experten und Ansprechpartnern aus der Praxis wie Bildredakteuren, Bildbearbeitern und Fotografen sowie Vertretern von wichtigen Verbänden und Initiativen.
2. Die Geschichte der Bildbearbeitung
Dieses Kapitel stellt exemplarisch die Entwicklung der Bildbearbeitung von den Anfängen bis hin zur digitalen Bildbearbeitung anhand von Beispielen aus der Presse dar.
Die Geschichte der Bildbearbeitung ist gleichzeitig auch die Geschichte der Bildmanipulation, da die angewandten Methoden und Techniken die gleichen sind. Allerdings bestehen bei der Manipulation von Bildern in der Regel andere Absichten (siehe Kapitel 5.4: Motive für die Bildmanipulation) als bei der Bearbeitung von Bildern (siehe Kapitel 7.1: Wo die Bildbearbeitung aufhört und die Bildmanipulation beginnt).
Aus diesem Grund finden im Folgenden überwiegend Fälle der Bildmanipulation Erwähnung, da diese aufgedeckt und dementsprechend der Öffentlichkeit als solche bekannt wurden.
2.1 Die Geschichte der analogen Bildbearbeitung
Im Zuge der Digitalisierung der Bildbearbeitung entbrannten heftige Diskussionen um die Gefahren, Folgen sowie um die unkalkulierbaren Möglichkeiten der neuen Technik. Allerdings ist die Bildbearbeitung kein neues Phänomen, sondern etwa genauso alt wie die Fotografie selbst. 1
Die ersten Fotografen waren verhinderte Maler, die bei dem Versuch, Aufnahmemängel wie Staubkörner oder Gelatinestückchen zu beseitigen, schnell bemerkten, dass Pinsel und Farbe wahre Wunder bewirken können. Von Anfang an wurde die Fotografie von der Bemühung um eine Schönung der Realität begleitet. 2
Ein Mittel dazu war die Retusche. Sie wurde 1855 von dem Münchner Fotografen Hanfstaengl erfunden. 3 Der Begriff „Retusche“ stammt vom französischen Begriff „Retouche“ und bedeutet Nachbesserung. 4
Schon lange vor der Entwicklung computerbasierter Bildbearbeitungsprogramme erfreute sich die Retusche großer Beliebtheit. Erbrachten Fotografien nicht das gewünschte Ergebnis, wurden sie mittels Retusche nachgebessert. 5
1 Foster 2003, S. 68
2 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 7
3 Macias 1990, S. 4 f.
4 Strauss 1993, S. 130
In den Zeitungen war bis 1910 die Mehrzahl der Fotos stark retuschiert, diese Fotos können im Grunde lediglich als eine Art Mischung aus Zeichnung und Foto betrachtet werden. 6
Vor allem in totalitären Systemen versuchten politische Machthaber nicht selten mit Hilfe der Retusche die durch Fotografien dokumentierte Geschichte nachträglich zu korrigieren.
Zahlreiche Beispiele dafür lassen sich aus der Zeit des Stalinismus nachweisen. Eines der bekanntesten darunter ist die „Auslöschung der Erinnerung“ an Leo Trotzki. Dieses Beispiel wurde nicht nur wegen seiner gelungenen Ausführung bekannt, sondern auch, weil es in gewisser Weise das spätere Schicksal Trotzkis vorwegnahm.
Abb. 1 zeigt eine Aufnahme des Fotografen G.P. Goldstein, welcher Wladimir Iljitsch Lenin während seiner Rede vor Einheiten der Roten Armee am 05. April 1920 auf dem Swerdlow-Platz in Moskau fotografierte. Auf der Treppe zum Podium stehen Trotzki und Leo Kamenew.
1927 schloss die Führung der Kommunistischen Partei Trotzki aus dem Zentralkomitee aus. Dieses Jahr war gleichzeitig das letzte Jahr, in dem diese Version des Fotos publiziert wurde.
In späteren Veröffentlichungen wurden nur noch Ausschnitte oder die Fälschung (siehe Abb. 2) wiedergegeben. 7
In der gefälschten Version fehlen Trotzki und Kamenew und sind durch Treppenstufen ersetzt. Sie wurden auf Anweisung des späteren sowjetischen Staatschefs Josef Wissarionowitsch Stalin aus dem Bild eliminiert. 1929 wurde Trotzki wegen angeblicher „konterrevolutionärer Handlungen“ aus der Sowjetunion ausgewiesen. Die physische Eliminierung Trotzkis folgte schließlich Jahre später im mexikanischen Exil ebenfalls im Auftrag Stalins. Mit dieser Bildmanipulation verfolgte Stalin zu seiner eigenen Herrschaftssicherung das Ziel, die Erinnerung an Trotzki und dessen politische Bedeutung zu vernichten. Trotzki war eine der Schlüsselfiguren der Oktoberrevolution gewesen. Er hatte die Rote Armee organisiert und war demzufolge im allgemeinen Gedächtnis des Volkes
5 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 14 f.
6 Barret 1979, S. 6
7 Jaubert 1989, S. 33
vorhanden. Jedoch widersprachen Trotzkis politische Zielsetzungen den Absichten Stalins, weshalb dieser ihn aus dem Bild entfernen lies. 8
Auch die Fotomontage war und ist noch heute ein beliebtes Mittel, fotografische Abbildungen nachträglich zu verändern.
Ihre Ursprünge liegen im Kubismus, wo bereits Picasso Fragmente der Malerei, der Fotografie und der Typografie zusammensetzte. Die ersten offiziellen Akteure, die ausschließlich Fotomaterial für ihre Montagen verwendeten, waren die Dadaisten. 9
Den Erfinder oder den Initiator der Fotomontage auszumachen ist schwierig, da es ein Problem darstellt, eine Trennungslinie zwischen den Ursprungsformen wie
8 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 30 f.
9 Teige, 1989, S. 61-64
alten fotografischen Späßen oder Tricks und den heutigen Arbeitsweisen der modernen Fotomontage zu ziehen.
Somit kann die Erfindung der Fotomontage nicht eindeutig einer einzelnen Person zugewiesen werden. In der Literatur werden jedoch häufig Namen wie John Heartfield, Hannah Höch und Raoul Haussmann genannt, allesamt Anhänger der Dada-Bewegung in Berlin zu Beginn der 20 Jahre des vergangenen Jahrhunderts. 10
Fotowissenschaftler Otto Croy wiederum ist der Meinung:
„Sie wurde von niemandem erfunden. Sie entstand aus sich selbst. Sie ist weder etwas Modernes noch etwas Altes“…“Sie ist bloß Mittel zum Zweck. Sie wird verwendet, um die Möglichkeiten der Fotografie zu erweitern.“ 11
Schon früh wussten auch totalitäre Machthaber, die Fotomontage und ihre Möglichkeiten in ihrem Interesse zu nutzen. Auch der stalinistische Propagandaapparat gehörte zu den Nutznießern dieser Technik. Zwischen 1920 und 1930 erlebte die Fotomontage in der Sowjetunion sowohl im künstlerischen wie auch im politischen Bereich einen großen Aufschwung. 12 Zu dieser Zeit gab es ein Motiv, welches sich in den unterschiedlichsten Darstellungsformen wie Denkmälern, Gemälden und auch Fotografien stets wiederholte:
Stalin neben Lenin als eine Art gelehriger Schüler oder als scheinbar nahe stehender Freund.
Doch diese Fotos dokumentierten vielfach keine Tatsachen, sondern waren Bestandteil der Propaganda, welche die Macht Stalins legitimieren sollte, welche dieser aus der imaginären Nähe zur Kultfigur Lenin für sich beanspruchte. 13 In einer Beilage der Moskauer Zeitung „Prawda“, deren Name übersetzt ironischerweise: „die Wahrheit“ bedeutet, erschien am 24. September 1922 das in Abb. 3 dargestellte Foto. Lenin war zu dieser Zeit schwer krank, empfing aber trotz dieses Umstandes Stalin und seine Schwester, welche für diese Aufnahme verantwortlich ist.
10 Teige 1989 S. 64; sowie Koßmann 1989 S. 12
11 Croy 1974, S. 7
12 Jaubert 1989, S. 83
13 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1989, S. 32
Stalin schienen diese Aufnahmen allerdings nicht zu genügen, da Anfang der dreißiger Jahre eine völlig zusammenmontierte Version des Bildes erschien (siehe Abb. 4).
Lenin sitzt auf diesem Bild tief in einem Lehnstuhl, wohingegen Stalin väterlich und leicht erhöht auf einem kaum angedeuteten Stuhl positioniert wurde. Diese Manipulation hatte die Funktion, Aussagen aus Lenins Testament, welche Misstrauen und Zweifel an Stalin und seiner Herrschaft ausdrückten, zu begegnen. Mit diesen Aufnahmen sollte der Eindruck enger Freundschaft entstehen. 14
14 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1989, S. 32; sowie Jaubert 1989, S. 39
Auch im dritten Reich wurde die Fotografie systematisch als Propagandamittel eingesetzt. Dabei wusste man auch die Möglichkeiten der Bildbearbeitung einzusetzen.
Am 23. August 1939 entstand das in Abb. 5 dargestellte Foto. Es zeigt Johann von Ribbentrop, den Außenminister des dritten Reichs, wie er die Hand Stalins schüttelt. Unmittelbar zuvor hatten beide den Nichtangriffspakt unterzeichnet. Das Foto wurde von Hitlers persönlichem Fotografen Heinrich Hoffmann angefertigt.
Als Hitler jedoch Hoffmanns Fotografien von der Vertragsbesiegelung zu Gesicht bekam, stellte er fest, dass Stalin offensichtlich während der ganzen Feierlichkeit geraucht hatte, was ihn sehr verärgerte. Die Vertragsunterzeichnung sei schließlich ein feierlicher Akt, den man nicht mit einer Zigarette im Mund zelebriere. Aus diesem Grund bat er Hoffmann, die Zigarette in Stalins Hand wegzuretuschieren, bevor die Fotos der Presse überlassen würden. Bei dieser Gelegenheit überarbeitete Hoffmann außerdem noch den Hintergrund.
Abb. 5: Originalversion der Abb. 6: Die Zigarette Stalins Vertragsunterzeichnung
Quelle: Jaubert 1989, S. 73 Quelle: Jaubert 1989, S. 73
Abb. 7: Die von Hoffmann retuschierte Abb. 8: Die retuschierte Zigarette Stalins Vertragsunterzeichnung
Quelle: Jaubert 1989, S. 73 Quelle: Jaubert 1989, S. 73
Nicht immer blieben Veränderungen von Fotos unentdeckt. Eine große Blamage gab es im März 1969, als nach der Zerschlagung des Prager Frühlings aus einem Gruppenfoto der tschechoslowakischen Führungsspitze Alexander Dubcek entfernt wurde. Dabei vergaß der Retuscheur aufgrund mangelnder Sorgfalt einen einzelnen Schuh im Bild. Er hatte zwar die übrigen Männer etwas näher aneinandergerückt, das Haus im Hintergrund ein wenig verschoben, jedoch vergaß er Dubceks Schuh zu entfernen. 15
Quelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 16
Quelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 16
15 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 16
Quelle: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 16
Im September 1971 traf Bundeskanzler Willy Brandt den sowjetischen Generalsekretär der kommunistischen Partei, Leonid Breschnjew, auf der Krim. Bei dieser Zusammenkunft wurde so viel geraucht, dass die Aschenbecher überfüllt waren, außerdem wurde viel getrunken, es herrschte eine herzliche, lockere Stimmung.
Als zu später Stunde den Fotografen Zugang gewährt wurde, stellte sich ihnen die Situation wie beschrieben dar. In den Veröffentlichungen der deutschen Presse wurde sie exakt so wieder gegeben. Das in der Zeitung „Prawda“ abgedruckte Foto hingegen machte einen wesentlich aufgeräumteren Eindruck, da dort sämtliche Flaschen und Zigarettenpackungen fehlten. Man hatte das Treffen zu einem würdigen Ereignis umgestaltet. 16
16 Jaubert 1989, S. 173
2.2 Die Geschichte der digitalen Bildbearbeitung
Die Geschichte der digitalen Bildbearbeitung begann bereits um das Jahr 1960, als große Firmen und Forschungszentren anfingen, den Computer zur Berechnung von Graphiken zu nutzen. Jedoch dauerte es seitdem noch sehr lange, bis die digitale Bildbearbeitung mehr zu leisten vermochte, als mittels herkömmlicher Technik möglich war.
Die siebziger Jahre waren eine Zeit intensiver Forschungen und viele entscheidende Lösungen zu technischen Problemen wurden in dieser Zeit gefunden. In den achtziger Jahren gelangten die Erfindungen aus den Forschungslabors schließlich in die Industrie. Zu dieser Zeit benötigte der Computer teilweise Stunden, um einfachste Befehle auszuführen, außerdem waren die Benutzeroberflächen der damaligen Systeme zunächst von Informatikern für Informatiker geschaffen, was die Bedienung für normale Benutzer erheblich erschwerte. 17
Das erste digital manipulierte Foto, welches in großem Maße Aufsehen erregte, wurde im Februar 1982 auf der Titelseite der Zeitschrift „National Geographic“ veröffentlicht. Es zeigte die Pyramiden von Gizeh, welche allerdings per Computer etwas näher aneinander gerückt worden waren. Der Fotograf hatte die Pyramiden
17 Vgl. Bildungsserver.at 2003
im Querformat fotografiert, für das Titelfoto war allerdings ein Foto im Hochformat benötigt worden, weshalb sich die Redaktion entschloss, das Bild per Computer passend zu gestalten. Die Veränderung des Fotos wurde entdeckt, da ein weiteres Bild, vom gleichen Standort aus fotografiert, im Inneren der Zeitschrift abgedruckt war.
Diese Bildmanipulation löste erstmals eine große Diskussion um die Möglichkeiten und Gefahren der digitalen Bildbearbeitung aus. 18
Abb. 14: Die manipulierte National Geographic-Ausgabe vom Februar 1982
Im Frühjahr 1992 war das Dauerthema in sämtlichen Boulevardzeitschriften die Schwangerschaft von Prinzessin Stephanie von Monaco. Es ging dabei vor allem um familiäre Schwierigkeiten, da Stephanie unverheiratet ein Kind erwartete. Offenbar waren die Geschichten um und über die Schwangerschaft Stephanies eine Garantie für hohe Auflagen. Das führte sogar dazu, dass zahlreiche Zeitschriften ihre Titelseiten bereits vor der Entbindung am 26. November 1992 mit der jungen Mutter samt einem Kind im Arm illustrierten. Es handelte sich dabei um eine Fotomontage von der man sich versprach, die Verkaufschancen zu verbessern. 19
18 Wheeler 2002, S. 44 f.
19 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 1998, S. 78
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Esther Rosendahl, 2003, Von der Retusche zum Fake: Entwicklung, Methoden und Aspekte der Bildbearbeitung in der Pressefotografie, München, GRIN Verlag GmbH
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