INHALTSVERZEICHNIS
Kapitel Seite
1. EINLEITUNG 3
2. DIE WURZELN DES POLITISCHEN KULTUR-ANSATZES 3
3. ALMOND UND VERBA: THE CIVIC CULTURE POLITICAL ATTITUDES
AND DEMOCRACA IN FIVE NATIONS 5
3.1. Der Begriff politische Kultur 5
3.2. Orientierungen gegenüber politischen Objekten 5
3.3. Politische Objekte: Das politische System und seine Bestandteile
als Gegenstände politischer Orientierungen 6
3.4. Typen politischer Kultur 7
3.5. Politische Stabilität Übereinstimmung zwischen politischem System
und politischer Kultur 8
3.6. Mischtypen politischer Kultur und die Civic Culture 11
3.7. Die ausgewählten Forschungsobjekte 13
3.8. Die Methoden der Studie 14
3.9. Die Ergebnisse der Studie Länderprofile und Bürgertypen 16
3.9.1. Italien: Politische Kultur der Entfremdung 16
3.9.2. Mexiko: Politische Selbstüberschätzung und Systementfremdung 17
3.9.3. Deutschland: Untertanenkultur 18
3.9.4. USA: Partizipatorische Staatsbürgerkultur 18
3.9.5. Großbritannien: Staatsbürgerkultur mit Untertanen Elementen 19
4. DIE KRITIK AN DER AUFFASSUNG POLITISCHER KULTUR
NACH ALMOND UND VERBA 19
4.1. Politische Kultur als Progrnoseinstrument 20
4.2. Die Definition politischer Kultur und ihre Aspekte 20
4.3. Operationalisierung und Methoden 21
4.4. Ethnozentrismus: Die USA und Großbritannien als kulturelle Messlatte 22
4.5. Ist Kultur messbar 23
4.6. Der Zusammenhang zwischen politischer Kultur und politischer Stabilität:
Die Mesoebene 23
4.7. Die Gewichtung von Einstellungen 25
4.8. Weitere Erklärungsfaktoren für politische Kultur 26
5. SCHLUSSBEMERKUNG 26
6. LITERATURVERZEICHNIS 27
1. EINLEITUNG
Das Konzept der Politischen Kultur stellt einen der am heftigsten umstrittensten Forschungsansätze dar. Obwohl der Begriff schon in der Epoche der Aufklärung von Hegel geprägt wurde, erhielt er seinen he u- te noch gebrauchten Sinn das erste Mal 1956 von dem amerikanischen Wissenschaftler Gabriel Almond, der damit eine Flut an Publikationen über diesen Ansatz auslöste, besonders nach der Veröffentlichung eines Forschungsberichts über eine in mehreren Ländern durchgeführte Untersuchung zur politischen Kultur 1963 zusammen mit Sidney Verba. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich nun mit dieser Studie und ihren Ergebnissen. Dabei stellt ihre Darstellung den Schwerpunkt meiner Ausführungen dar, ich möchte jedoch auch auf die Schwierigkeiten und Probleme des Konzeptes Politische Kultur eingehen, die bereits vor, während und nach der Durchführung der Studie auftauchten und entsprechende Kritik nach sich zogen. Zunächst sollen daher die Ursprünge des Ansatzes kurz umrissen werden, im zweiten Teil erfolgt sodann die Beschreibung des Projektes selber und der dritte Abschnitt umfasst die Zusam- menfassung der wic htigsten Kritikpunkte.
2. DIE WURZELN DES POLITISCHEN KULTUR-ANSATZES
Da in dieser Arbeit politische Kultur im Sinne von Almond und Verba besprochen werden soll, möchte ich im folgenden nur oberflächlich auf die diesem Ansatz vorrangegangenen Konzepte eingehen. Vorlä u- fer der Idee der politischen Kultur finden sich bereits in der Antike. So beschäftigten sich Platon und A- ristoteles mit bestimmten „Geisteszuständen“, welche entweder Revolutionen oder aber Stabilität be- günstigen sollten, sowie mit der Bedeutung von Sozialisation, und es scheint sogar eine Art „Nationa l- charakterforschung“ gegeben zu haben, da Roger Eatwell bemerkt, „the Greeks attributed notably diffe- rent characteristics to Athenians, Spartans, and Corinthians – as well as to the barbarian ‚Other’“. 1 Auch Jean Jacques Rousseau und Alexis de Toqueville zeigten Interesse an den Werten, die Politik zugrunde liegen. Letzterer bemerkte während seiner Reise durch die Vereinigten Staaten die hohe Bedeutung, die Werten wie Individualismus und Pioniergeist zugewiesen werden 2 In neuerer Zeit behauptete Seymour Martin Lipset einen Zusammenhang zwischen protestantisch geprägten Gesellschaften und der Dauerhaf- tigkeit von Demokratie. 3 Waren Almond und Verba von diesen Erkenntnissen sicherlich beeinflusst, entstand ihre Studie jedoch hauptsächlich als Antwort auf mehrere zeitgeschichtliche Phänomene. Erstens traten sie der gängigen Beschäftigung der Politikwissenschaft mit politischen Institutionen und Eliten und der Vernachlässigung der Rolle der Menschen als Teil des politischen Systems entgegen. Sie schlossen sich der gerade entste- henden Behavioralismus-Forschung an, welche ihren Fokus auf Verhalten und seine determinierenden
1 Eatwell, Roger: Introduction. The Importance of the Political Culture Approach, in: ders. (Hg.): European Political Cul- ture. Conflict or Convergence? London 1997, S. 1.
2 Toqueville, Alexis de: Democracy in America, New York 1945.
3 Lipset, Seymour Martin: Political Man, London 1960.
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Faktoren richtete und die Annahme der Rational- oder Strategic -Choice-Theorie, Menschen handelten al- lein nach nutzenmaximierenden Überlegungen, als zu simplizistisch zurückwies. Zweitens nutzten sie die gerade neu aufgekommenen sozialwissenschaftlichen Techniken, namentlich die Umfrageforschung, de- ren Bedeutung insbesondere während der vierziger Jahre in den USA enorm gestiegen war. 4 Der dritte Grund war die Frage nach den Ursachen des Zusammenbruchs einiger Demokratien, vor allem Deutsch- lands, aber auch nach den Erfolgschancen der neu entstehenden Demokratien in der Dritten Welt. Institu- tionelle und modernisierungstheoretische Ansätze hatten hier bereits versagt bzw. schienen keine Ant- worten auf die Frage geben zu können, weshalb bei gleichen sozialen, wirtschaftlichen und institutione l- len Ausgangsbedingungen unterschiedlich stabile Demokratien entstanden und wie hoch die Erfolgs- chancen dieser jungen Systeme waren, sich demokratisch zu kons olidieren. Auch herrschte Unsicherheit über die Durchsetzungsfähigkeit der demokratisch-kapitalistisch ausgerichteten westlichen Staaten ge- genüber dem totalitären Systemtypus auf der Osthalbkugel. 5 An diesem Punkt setzten Almond und Verba nun ihre Überlegungen an. In ihren Augen musste es weite- re „Faktoren außerhalb des Institutionengefüges und der Ökonomie geben, die für den Bestand des de- mokratischen Systemtypus von Bedeutung waren.“ 6 Diese glaubten sie in den zustimmenden oder able h- nenden Einstellungen sowie den Werten der Bevölkerung gegenüber der Politik gefunden zu haben, wel- che einen gewissen Einfluss auf die Stabilität eines politischen Systems ausüben könnten, indem sie ent- weder seiner Struktur entsprächen oder aber dies nicht täten. Diese „politische Kultur“ versuchten sie nun anhand einer fünf Länder untersuc henden Studie aufzuspüren. Ihre Fragen lauteten dabei, welche Eigenschaften und Einstellungen demokratische Bürger ausmachten, welche Rolle die Sozialisation im Kindesalter bei der Formung solcher Haltungen spielte, ob es demokratieförderliche Einstellunge n über- haupt gab und wenn ja, ob diese gelernt werden konnten. Dahinter stand die zentrale Hypothese, dass ein bestimmter Katalog von Einstellungen, Meinungen und Werten, die „Civic Culture“, besonders stabili- tätsfördernd für eine Demokratie sei. Dieser sollte ermittelt und die Frage beantwortet werden, inwieweit diese Eigenschaften als Produkt der jeweiligen Geschichte des Landes zu betrachten waren und ob sie übernommen werden konnten. 7 Im Folgenden sollen nun zuerst die Almond und Verbas Konzept zugrunde legenden Begriffe politische Kultur, Orientierungen und Objekte von Orientierungen, beschrieben und danach die Aufstellung der Hypothese der Studie anhand der Entwicklung der unterschiedlichen Typen politischer Kultur nachvoll- zogen werden.
4 Almond, Gabriel A.: The Intellectual History of the Civic Culture Concept, in: ders./Verba, Sidney (Hg.): The Civic Culture Revisited, Boston 1980, S. 15f.
5 Eatwell (1997), S. 2.
6 Westle, Bettina: Politische Kultur, in: Lauth, Hans-Joachim (Hg.): Vergleichende Regierungslehre, Wiesbaden 2002, S. 320.
7 Almond, Gabriel/Sidney, Verba: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations, Princeton 1963, S. 10f.
4
3. ALMOND UND VERBA: THE CIVIC CULTURE – POLITICAL ATTITUDES
AND DEMOCRACY IN FIVE NATIONS
3.1. Der Begriff „politische Kultur“
Kultur stellt für Almond und Verba die „psychological orientation toward social objects“ dar und sie be- nutzen ihn „to utilize the conceptual frameworks and approaches of anthropology, sociology, and psy- chology”, denn bestimmte damit verbundene anthropologische oder soziologische Kategorien wie Sozia- lisation erachten sie als nützlich für die Erforschung politischer Kultur. 8 Dagegen ist politische Kultur die Abbildung des politischen Systems in der Wahrnehmung, den Gefühlen und Bewertungen seiner Bevöl- kerung, eine Art „Teppich“ also, der das System unterlegt. 9 Diesen Ausdruck präferierten sie anstelle des zu dieser Zeit sehr gebräuchlichen Begr iffs des Nationalcharakters, da nur die politisch relevanten Ein- stellungen und Entwicklungsmuster in einer politischen Gemeinschaft aufgedeckt werden sollen. Das bedeutet weiter, dass die politischen und nicht-politischen Orientierungen voneinander getrennt werden müssen, um allein die politische Kultur einer Gesellschaft erkennen zu können. Politische Kultur de- finierten Almond und Verba demnach als „the particular distribution of patterns of orientation toward po- litical objects among the members of the nation“. 10 Obgleich politische Kultur also immer nur das Merkmal eines Kollektivs sein kann, misst man sie anhand der psychologischen Anlagen und Einstellun- gen seiner Mitglieder und stellt die Art und Eigenschaften der politischen Kultur mit Hilfe der Verteilung und Intensität dieser einzelnen Orientierungen fest. Die Bezugsgröße für politische Kultur stellt der Nati- onalstaat dar, keine regionalen nach religiösen, ethnischen oder sozialen Unterschieden gebildete Unter- einheiten. Sie entsteht aber durch die bestimmte Verteilung von Einstellungen der Bevölkerung einer Na- tion gegenüber politischen Objekten. Das bedeutet, dass politische Kultur so etwas wie ein Aggregat in- dividueller Orientierungen darstellt, die Verbindung also zwischen der Ebene des Individuums (Mikr o- ebene) und der des politischen Systems und seiner Leistung (Makroebene): „This relationship between the attitudes and motivations of the discrete individuals who make up political systems and the character and performance of political systems may be discovered systematically through the concepts of political culture“. 11 Nicht Institutionen oder das Verhalten der Mitglieder eines politischen Systems galt es also laut Almond und Verba zu erforschen, sondern die „politische Psychologie“ einer Gesellschaft, d.h. die politischen Einstellungen von Individuen. Dies soll im Folgenden näher beschrieben werden.
3.2. Orientierungen gegenüber politischen Objekten
Die Summe psychologischer Einstellungen eines Individuums gegenüber den Bestandteilen des politi- schen Systems bezeichneten Almond und Verba in Anlehnung an Parsons und Shils mit dem Oberbegriff
8 Almond/Verba (1963), S. 13.
9 ebd., S. 14.
10 ebd., S. 15.
11 ebd., S. 33.
5
der Orientierungen. 12 Dieser umfasst sowohl Me inungen, Haltungen, Einstellungen und Überzeugungen als auch Normen und Werte, wobei Meinungen die kurzlebigsten Orientie rungen darstellen (z.B. die Meinung zu einer politischen Tagesfrage), Einstellungen hingegen etwas dauerhafter (Präferenzen für ei- ne politische Partei) und Werte schließlich tief verankert und schwer auszulöschen sind (soziale Gerech- tigkeit, individuelle Selbstbestimmung). Die Orientierungen wurden in drei Kategorien unterteilt: kogni- tive oder wissensmäßige Orientierungen bezeichnen das Wissen über oder die Wahrnehmung politischer Objekte, affektive bzw. gefühlsmäßige Orientierungen beziehen sich auf Gefühle und evaluative oder bewertende Orientierungen auf Bewertungen und Meinungen hinsichtlich politischer Objekte. 13 Sie soll- ten weiterhin ein gewisses Maß an Kohärenz aufzeigen, um überhaupt die Feststellung bestimmter Ver- teilungsmuster auf der Makroebene zu ermöglichen.
3.3. Politische Objekte Das politische System und seine Bestandteile als Gegenstände politischer
Orientierungen Das Konzept der politischen Objekte, gegen die sich Orientierungen richten, übernahmen Almond und Verba von der Systemtheorie David Eastons. Diese geht davon aus, dass der Bürger eines politischen Systems seine Forderungen, aber auch Legitimitätsbekundungen, als „Inputs“ in die Entscheidungsstruk- turen des Systems einspeist, welche zunächst in einem Aggregationsprozess zusammengefasst, gebündelt und dann in Entsche idungen umgesetzt werden, deren Auswirkungen in Form von „Outputs“ im System wieder erscheinen. Diese nimmt der Bürger in einer „Feedback Loop“ wahr, bewertet sie und gibt unter diesem Eindruck erneut Inputs ab. Politische Kultur dient bei Easton als Filter an zwei Stellen: zum einen beeinflusst sie die „demands and supports“ des Bürgers, zum anderen die Ergebnisse der Outputs und wie sie wahrgenommen werden. 14 Von diesem Konzept leiteten nun Almond und Verba ihre Vorstellung der politischen Objekte ab, auf die sich die Orientierungen der Bürger richten. Zunächst war dies das politische System als Ganzes, in dem sich das Individuum befindet, also der Nationalstaat mit seiner Entstehungsgeschichte, Ort, Bestandteilen und Funktionsweise. Ein weiteres Objekt stellten die Inputprozesse und die dabei beteiligten Akteure dar: Interessensfluss von den Bürgern in das politische System und die dabei agierenden Institutionen wie Interessengruppen, Parteien und Verwaltungen. „Output“ umfasste namentlich politische Entsche i- dungsstrukturen und –träger wie Behörden und Gerichte. Das Objekt „Selbst als politischer Akteur“ schließlich meinte das Individuum selbst im politischen System, also seine Auffassung gegenüber den eigenen politischen Einflussmöglichkeiten und den herrschenden Partizipationsnormen.
Mit Hilfe einer aus den politischen Orientierungen einerseits und den politischen Objekten andererseits erstellten Matrix meinten Almond und Verba nun, politische Kultur aufspüren zu können, wobei ihnen folgende grundlegende und stark vereinfachte Fragenstruktur diente:
12 Almond, Gabriel A.: Co mparative Political Systems, in: Journal of Politics, 18(1956), S. 395 ; Parsons, Talcott/Shils, Edward A.: Toward a General Theory of Action, Cambridge 1951, S. 53ff.
13 Almond/Verba (1963), S. 15.
14 Easton, David: A Systems Analysis of Political Life, Chicago 1979.
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Abbildung 1: Dimensionen politischer Orientierung
Damit ist mit anderen Worten politische Kultur die Verteilung der Häufigkeiten der verschiedenen Arten wissensmäßiger, gefühlsmäßiger und bewertender Einstellungen gegenüber dem politischen System als Ganzen, den Input- und Outputstrukturen und dem Selbst als politischem Akteur: “Characterizing the po- litical culture of a nation means, in effect, filling in such a matrix for a valid sample of its population.“ 15 Basierend auf diesem Modell unterschieden Almond und Verba dann drei verschiedene Haupttypen poli- tischer Kultur.
3.4. Typen politischer Kultur
Die Parochialkultur zeichnet sich durch die Abwesenheit aller Orientierungen gegenüber den vier Ob- je kten aus, so dass keinerlei spezifisch politischen Haltungen, Meinungen oder Gefühle gegenüber polit i- schen Objekten existieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es in so einer Gesellschaft keinerlei Einste l- lungen und Werte gibt, nur beziehen sich diese gleichermaßen auf soziale, ökonomische, religiöse, politi- sche etc. Elemente, sie sind also schwer voneinander zu trennen. So wird beispielsweise nicht einmal das politische System an sich als eigene Handlungsgröße wahrgenommen, ganz zu schweigen von den ande- ren Objekten, sondern die Individuen orientieren sich ausschließlich am unmittelbaren sozialen Kontext, z.B. der Familie, der Dorf- oder Stammesgemeinschaft oder einer religiösen Gemeinschaft. Almond und Verba glaubten diesen Kulturtyp vornehmlich in afrikanischen und anderen Entwicklungsländern zu fin- den, in denen es noch keine ausdifferenzierten politischen Rollen und Akteure gab: „headmanship, chie f- tainship, ‚shamanship’ are diffuse political -economic -religious roles, and for members of these societies
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Ruth Heidingsfelder, 2002, The Civic Culture - Der Begriff der Politischen Kultur bei Sidney und Verba und seine Problematik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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