Inhaltsverzeichnis
1E I N F ÜHRUNG 1
1.1 Erkenntnisinteresse 3
1.2 Vorgehensweise 5
2 STANDORTBESTIMMUNG: DIE FRAGE NACH STREß IM KONTEXT VON
E -MAIL-KOMMUNIKATION. 7
2.1 Hinweise auf die Entstehung neuer medienspezifischer Konventionen. 8
2.2 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse als Problem der
Kommunikationswissenschaften 9
2.3 Streß als Indikator für die Anpassungsfähigkeit an neue medienspezifische
Konventionen 10
3 E-MAIL-KOMMUNIKATION ALS „REGELGELEITETES GESCHEHEN“ 12
3.1 Erwartungen als Manifestationen von Kommunikationsregeln 13
3.1.1 Funktionen von Kommunikationsregeln 14
3.1.2 Typen von Kommunikationsregeln. 16
3.1.2.1 Regulative und konstitutive Regeln 16
3.1.2.2 Implizite und explizite Kommunikationsregeln 17
3.1.2.3 Prozeduale Regeln. 18
3.1.3 Klassifizierung der Kommunikationsregel „schnell zurück-schreiben“ 18
3.2 Zur Konstitution neuer Kommunikationsregeln. 19
3.2.1 E-Mail als „bedeutungsfreier Raum“ 20
3.2.2 Medienbezogene Gebrauchsweisen als Grundlage der Aushandlung
neuer Kommunikationsregeln 22
3.2.3 Zur Bedeutung gruppenspezifischer Aneignungsprozesse 23
3.2.4 Die „kommunikative Bedeutung von E-Mail“ als Hinweis für die
Konstitution der Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ 25
3.3 Zur Aushandlung von Kommunikationsregeln unter veränderten
Rahmenbedingungen. 26
3.3.1 Die „präfigurative Kraft“ von Kommunikationsregeln. 27
3.3.2 Erreichbarkeit und die Bewertung der Gebrauchsweise von E-Mail. 28
3.3.3 Exkurs: „Verpflichtung“ als Erwartungsdimension. 30
3.4 Resümee 31
II
4S T R E ß ALS KOGNITIV-TRANSAKTIONALER PROZEß 33
4.1 Standortbestimmung. 33
4.1.1 Forschungsdisziplin: Streß als Gegenstand der Sozialpsychologie 35
4.1.2 Modellcharakter: Streß als Prozeß 36
4.2 Grundbegriffe und theoretische Einordnung 37
4.2.1 Stressoren 37
4.2.1.1 Die Erwartung „schnell zurückschreiben“ als chronischer Stressor 39
4.2.2 Kognitive Bewertung von Stressoren („Appraisals“) 40
4.2.2.1 Primäre Bewertung: Der Begriff der (kommunikativen) Anforderung. 41
4.2.2.2 Bewertung von Bewältigungspotentialen. 42
4.2.3 Kontextmerkmale („Moderators“) 43
4.2.3.1 Erreichbarkeit als streßförderndes, externes Kontextmerkmal 46
4.2.4 Streßbewältigung („Coping“) 47
4.2.4.1 Gebrauchsweisen von E-Mail als Streßbewältigungsmechanismen 49
4.2.5 Streßerfahrungen als Streßreaktionen. 50
4.3 Resümee: Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation. 51
5 ÜBERSICHT ÜBER ABGELEITETE HYPOTHESEN. 53
6 METHODE 55
6.1 Design der Studie: Grundgesamtheit und Stichprobenziehung 55
6.2 Pretest 56
6.3 Hauptfeldphase. 57
6.4 Inhaltliche Konzeption - Fragenbereiche 58
6.5 Zur Erhebung „subjektiver Streßerfahrungen“ 60
6.6 Vorbereitung der Datenanalyse. 62
6.7 Rekodierung 62
III
7 DARSTELLUNG DER ERGEBNISSE. 64
7.1 Beschreibung der Untersuchungsteilnehmer 65
7.1.1 Quantitative Nutzungsmerkmale. 66
7.1.2 Qualitative Nutzungsmerkmale 70
7.1.3 Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ 72
7.1.4 Wahrgenommene Erreichbarkeit 73
7.1.5 Die Anforderung „schnell zurückschreiben“ (IndexKA) 73
7.1.6 Streßerleben. 76
7.1.6.1 Häufigkeit von Streßerfahrungen 77
7.1.6.2 Intensität von Streßerfahrungen. 78
7.1.6.3 Hinweise auf die „Bedeutung“ von Streßerfahrungen. 80
7.2 Zusammenhang zwischen wahrgenommenen Erwartungshaltungen bezüglich
einer hohen Antwortgeschwindigkeit und der kommunikativen Anforderung
„schnell zurückschreiben“ (H1) 83
7.3 Zusammenhang zwischen wahrgenommener Erreichbarkeit und der
kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“ (H3) 84
7.4 Zusammenhang zwischen kommunikativer Anforderung und Intensität von
Stre ßerfahrungen (H2) 85
7.5 Plausibilitätskontrolle: Zusammenhang zwischen der Erwartung „schnell
zur ückschreiben“, dem Kriterium Erreichbarkeit und der Intensität von Streß 86
7.6 Zusammenhänge zwischen Streßerfahrungen und der Gebrauchsweise von
E -Mail (H4) 87
7.6.1 Quantitatives Nutzungsverhalten 89
7.6.2 Qualitatives Nutzungsverhalten 90
7.6.2.1 Rechtschreibung 91
7.6.2.2 Schreibstil 92
7.6.2.3 Die Kurzmitteilung „schreibe später zurück“ 94
7.7 Zusammenfassung der Ergebnisse. 96
8 SCHLUßBETRACHTUNG. 101
LITERATURVERZEICHNIS 104
ANHANG. 110
Tabellen 110
IV
Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Beispiele für Funktionen von Kommunikationsregeln........................................... 15 Tab. 2: Altersgruppen in Jahren ....................................................................................... 65 Tab. 3: E-Mail-Nutzungsdauer in Monaten ....................................................................... 66 Tab. 4: Nutzungshäufigkeit .............................................................................................. 67 Tab. 5: Anzahl empfangener und zu beantwortender E-Mails pro Woche
(IndexF9F11) ....................................................................................................... 68 Tab. 6: Anzahl versendeter E-Mails pro Woche (rc)......................................................... 68 Tab. 7: Antwortgeschwindigkeit........................................................................................ 69 Tab. 8: Verweigerung: E-Mails lesen................................................................................ 69 Tab. 9: Verweigerung: E-Mails beantworten..................................................................... 70 Tab.10: Rechtschreibung .................................................................................................. 71 Tab.11: Schreibstil ............................................................................................................ 71 Tab.12: Kurzmessages: „Schreibe später zurück“............................................................. 72 Tab.13: Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“..................................... 72
Tab.14: Erreichbarkeit....................................................................................................... 73 Tab.15: Korrelation der Indikatorvariablen zur Messung der kommunikativen Anforderung „schnell zurückschreiben“ ....................................................75 Tab.16: Zusammenhänge zwischen Intensität von Streßerfahrungen (V21) und intuitiv ausgewählten Affektvariablen (V40,V35,V37,V47,V42)............................. 81 Tab.17: Hypothesentest 1 (Korrelation V43 & IndexKA).................................................... 83 Tab.18: Hypothesentest 3 (Korrelation V34 & IndexKA).................................................... 84 Tab.19: Hypothesentest 2 (Korrelation V21 & IndexKA).................................................... 85 Tab.20: Zusammenhänge zwischen dem Merkmal „Erreichbarkeit“ (V34), der
Tab.21: Merkmale in Korrelationsmatrix 1 (intervallskalierte Items) .................................. 88 Tab.22: Merkmale in Korrelationsmatrix 2 (ordinalskalierte Items) .................................... 88 Tab.23: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität der
Rechtschreibung (V21RC & V36RC).................................................................... 91 Tab.24: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität des Schreibstils
(V21RC & V38RC) ............................................................................................... 93 Tab.25: Kreuztabelle - Intensität von Streßerfahrungen und Qualität des Schreibstils
(V21RC & V46RC) ............................................................................................... 94 Tab.26: Korrelationsmatrix 1 (intervallskalierte Merkmale).............................................. 110 Tab.27: Korrelationsmatrix 2 (ordinal skalierte Merkmale) .............................................. 111 Tab.28: Rekodierungsschritte ......................................................................................... 111
V
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Untersuchungsebenen
Abb. 2: Kommunikative Ebenen von E-Mail und deren Interpretationsbedarf
Abb. 3: E-Mail-Netiquette als Beispiel expliziter Kommunikationsregeln.
Abb. 4: Event- versus chronische Stressoren.
Abb. 5: Möglichkeiten der Streßbewältigung
Abb. 6: Streß als Prozeß
Abb. 7: Analyseplan
Abb. 8: Häufigkeitsverteilung der kommunikativen Anforderung „schnell
zur ückschreiben“ (Index)
Abb. 9: Häufigkeitsverteilung der Anzahl von Streßerfahrungen
Abb.10 : Intensität von Streßerfahrungen.
VI
1 Einführung
„Druck übt E-Mail überhaupt gerne aus. So schnell die Nachricht da ist, so schnell wird auch eine Antwort erwartet. Die Schnelligkeit hat zur Folge, daß der Umgang mit der Sprache schlampiger wird und daß über Inhalte weniger reflektiert wird. [...] Es lag nicht an mir, die Sache so zu regeln. Das sind Zwänge mit unübersehbaren Langzeitwirkungen“ (Morley, David 1996).
Die Herstellung, Verbreitung und Archivierung von Texten über E-Mail stellt 1 dar. Längst hat das eine der populärsten Formen der Internetkommunikation Medium 2 die Pionierzeit überwunden, in der seine Nutzung akademischen Kreisen oder Informatikstudenten vorbehalten blieb. Als universelles und „netzgrenzenüberschreitendes“ Medium verbindet E-Mail im März 1999 welt- 3 weit 158.5 Millionen Menschen .
Im Hinblick auf mögliche Folgeabschätzungen ist festzustellen, daß E-Mail die Komplexität kommunikativer Handlungspotentiale erhöht: Nutzer überwinden herkömmliche Grenzen und sind in der Lage, mit relativ geringem zeitlichem, organisatorischem wie finanziellem Aufwand mit Kommunikationspartnern 4 . In diesem Zusammenhang konstatieren weltweit in Verbindung zu treten
jüngere Forschungsansätze einen Abbau kommunikativer Barrieren sowohl in horizontaler (Raum/Zeit) als auch in vertikaler (sozialer) Perspektive (vgl. Sproull/Kiesler 1991; Weisband 1992).
technischer Kriterien aus der Verbindung verschiedener Netzwerke besteht. Der Datenaustausch über dieses Netz wird als Internetkommunikation bezeichnet (vgl. December 1996: 18).
2 Der Begriff „Medium“ bezieht sich zunächst auf das rein technische Vermittlungssys-
tem („Medium 1. Ordnung“; vgl. Weischenberg 1998: 51). 3 Quelle: NUA Internet Surveys (1999): How many Online? Online im Internet:
http://www.nua.ie/surveys/how_many_online/index.html [Stand 14.07.1999]. 4 „Es gibt praktisch keine Grenzen, weder inhaltliche noch geographische [...] via Mo-
dem und Bildschirm werden starre Regeln und Begrenzungen aufgehoben: daß Kommunikation vor allem auf die eigene Region oder das eigene Land beschränkt ist, daß sie um so teurer ist, je größer die Entfernungen zwischen den Beteiligten werden [...]“ (Grüne/Urlings 1996: 494).
1
Eine Steigerung der Komplexität kann positiv als Erweiterung von Handlungsoptionen betrachtet werden, sie läßt jedoch auch eine Erhöhung von Hand- 5 lungs- und Entscheidungszwängen vermuten .
Genau diese Vermutung wird durch Alltagsbeobachtungen des Verfassers bestätigt. Ihnen zufolge thematisieren einige E-Mail-Nutzer einen hohen Erwartungsdruck ihres kommunikativen Umfeldes bezüglich der Antwortgeschwindigkeit und klagen in diesem Zusammenhang über Streß. Wie lassen sich diese Beobachtungen erklären? 6 in Sekundenschnelle global verbreitet werden, so steigen Können Messages
möglicherweise die Erwartungen der Kommunikationspartner hinsichtlich des Kommunikationsverhaltens wie z.B. der Antwortgeschwindigkeit. Zudem sind Nutzer zunehmend erreichbar und somit verstärkt den Erwartungen und Sanktionen ihrer Kommunikationspartner ausgesetzt. Führt die Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ vor dem Hintergrund einer zunehmenden Erreichbarkeit zu dem Versuch, diese Erwartung zu erfüllen, so kann die Nutzung bzw. die Möglichkeit der Nutzung 7 erlebt werden: „... man fühlt sich durch etwas beanvon E-Mail als Streß
sprucht oder überbeansprucht und ist sich nicht sicher, wie man damit umgehen kann, d.h. ob man die Situation mittels eigener Kräfte optimal in den Griff bekommt ...“ (Schwarzer 1993: 11).
Aus kommunikationswissenschaftlichem Blickwinkel betrachtet erscheint eine mögliche Entstehung von Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation in zweierlei Hinsicht relevant: Zum einen kann Streß als eines der Probleme betrachtet werden, welche sich Rammert zufolge aus der „sozialen Integration“ neuer Kommunikationsmedien ergeben können (Rammert 1990a: 34f.). Nicht die Eigenschaften des Computers, sondern die sozialen Bindungskräfte, die „Integration seines Einsatzes“, könnten, so der Autor, zu „Krisen für die Kom-
auchBeschränkungen auferlegt (vgl. Wiest 1994: 3, Eckert/Winter 1987: 69ff.). 6 Mit diesem Ausdruck werden im folgenden Texte und Schriftzeichen bezeichnet, wel-
che über das Internet verschickt werden.
7 Der Streßbegriff wird im Verlauf der Arbeit zu definieren sein und bezieht sich an die-
ser Stelle auf seine Alltagsbedeutung.
2
munikation im Alltag“ werden 8 . Zum anderen ist denkbar, daß sich „gestreßte“ E-Mail-Nutzer in ihrer medienbezogenen Gebrauchsweise von „nicht gestreßten“ Nutzern unterscheiden. Derartige Unterschiede im Mediennutzungsverhalten lassen sich in Bezug auf eine systemische Betrachtungsweise von Streß erklären, nach der medienbezogene Gebrauchsweisen auch als Streßbewältigungsmechanismen betrachtet werden können. In diesem Fall handelt es sich bei dem Untersuchungsgegenstand möglicherweise um ein Erklärungsmerkmal mit bislang ungeklärtem analytischem Potential.
1.1 Erkenntnisinteresse
Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Untersuchung der analytischen 9 von Streß im Zusammenhang mit E-Mail-Kommunikation. Diese Dimension
Dimension steht für die Frage: „Was verursacht Streß, und wie wird reagiert?“ (Fritzsche 1998: 12). Abb.1 verdeutlicht diesbezüglich zwei Ebenen, denen sich die folgenden forschungsleitenden Fragen zuordnen lassen.
Abb. 1: Untersuchungsebenen
Bezüglich möglicher Ursachen (Ebene 1) konzentriert sich die Arbeit auf die Untersuchung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ und auf das Phänomen der „ständigen Erreichbarkeit“. Dabei handelt es sich um zwei freiheitsbeschränkende Aspekte von E-Mail, welche Gegenstand öffentlicher Diskus-
munikationstechnologienmit widersprüchlichen und wechselnden Bedürfnissen des Gemeinschaftslebens abzustimmen (vgl. auch 1990a: 34f.; 1988: 194-195). 9 Von dieser deutlich zu unterscheiden sind die kritische und die konstruktive Dimension
von Streß, welche nicht Gegenstand dieser Arbeit sind. Diese kennzeichnen Fragen nach den Schäden, die Streß verursacht (kritische Dimension) oder konzentrieren sich auf positive Aspekte von Streß (konstruktive Dimension) (vgl. Fritzsche 1998: 12).
3
sionen sind 10 . Gelingt es, ein Profil „gestreßter“ E-Mail-Nutzer zu erstellen, so können die gewonnenen Ergebnisse einer Folgeabschätzung der Einführung des Mediums in Organisationen dienen und bei der Erstellung von Verhal-tensstandards hilfreich sein (vgl. hierzu Wiest/Holland 1992: 41).
Der Frage nach den Ursachen liegen die folgenden induktiv gewonnenen forschungsleitenden Fragen zugrunde:
• F ührt die Nutzung von E-Mail bei einer bestimmten Gruppe von Anwendern zu Streß?
• Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ und Streß?
• Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Phänomen der „ständigen Erreichbarkeit“ und Streß?
Im Hinblick auf mögliche Reaktionen (Ebene 2) richtet sich im folgenden der Blick auf das Nutzungsverhalten „gestreßter“ E-Mail-Nutzer. Diese Untersuchung gibt diesbezüglich Hinweise auf die Effizienz einer Berücksichtigung von Streß für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation. Damit kommt sie der häufig formulierten Forderung nach einer Identifikation von Kontextvariablen nach, deren Berücksichtigung im Rahmen der Entwicklung von Theorien technisch vermittelter Kommunikation unabdingbar ist (vgl. Höflich 1996: 26).
Bezüglich möglicher Reaktionen „gestreßter“ E-Mail-Nutzer unterliegt der Arbeit folgende Fragestellung:
• Welche quantitativen und qualitativen Gebrauchsweisen von E-Mail werden mobilisiert, um Streß zu bewältigen?
Die Erwartung „schnell zurückschreiben“ und „Erreichbarkeit“ stellen einen Ausschnitt aus einer Vielzahl von Faktoren dar, welche einer möglichen Entstehung von Streß im Rahmen von E-Mail-Kommunikation zugrunde liegen. 11 . Eine Rekonstruktion von Streß kann daher nicht Ziel dieser Arbeit sein
gang innerhalb eines mehrdimensionalen Phänomens handelt (vgl. Selye 1976).
4
Vielmehr soll dem interdisziplinären Charakter des Streßbegriffs Rechnung getragen werden, indem Hinweise auf seine integrativen Potentiale für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation am Beispiel der beschriebenen Merkmale dargestellt und empirisch geprüft werden.
1.2 Vorgehensweise
Die Untersuchung von Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Nach einer kurzen Standortbestimmung wird in Kapitel 3 zunächst der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Wahrnehmung von Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindigkeit unter einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive erklären läßt. Einer „regelorientierten Perspektive“ folgend wird verdeutlicht, daß die Nutzung von E-Mail mit einer Konstitution neuer sozialer Konventionen einhergeht, welche sich in den (wahrgenommenen) Erwartungen der Kommunikationspartner manifestieren. Gleichzeitig werden Nutzer im Kontext der E-Mail-Kommunikation mit einer Veränderung von Aufmerksamkeitsstrukturen (Erreichbarkeit) konfrontiert, die einer Aushandlung dieser Konventionen zugrunde liegen.
Die Entstehung neuer sozialer Konventionen einerseits und die ihren Aus-handlungsprozessen zugrunde liegende Aufmerksamkeitsstruktur andererseits werden in Kapitel 4 zur Erklärung der Frage herangezogen, warum es im Zuge der Aneignung von E-Mail zu Streßphänomenen kommen kann. Dabei erfolgt die Aufarbeitung des Streßbegriffs in enger Anlehnung an das kognitivtransaktionale Modell, welches Streß als einen aktiven, reflexiven Prozeß versteht und somit Rückschlüsse auf einen Zusammenhang zwischen Streßerleben und medienspezifischen Gebrauchsweisen zuläßt. Im Verlaufe dieses Kapitels werden die Alltagsbeobachtungen des Verfassers theoretisch einge-ordnet und als Hypothesen formuliert.
Dem empirischen Teil der Arbeit liegt eine Befragung unter Mitarbeitern eines amerikanischen Colleges zugrunde. Dabei wurden die Merkmale bzw. Begriffe eigenständig operationalisiert, d.h. die Arbeit bedient sich nicht vorhandener oder bewährter Items aus anderen Studien. Die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise liegt darin begründet, daß es sich bei den Modellvariablen des kognitiv-transaktionalen Streßmodells um Konstrukte handelt, deren Messung vom jeweiligen Kontext abhängt, in welchem Streß auftritt. Gleichzeitig liegen
5
bezüglich des Untersuchungsgegenstandes bislang weder Forschungsergebnisse noch bewährte Operationalisierungen vor.
Vor dem Hintergrund weist die Arbeit einen eher explorativen Charakter auf und verfolgt das Ziel, unter theoretischen wie empirischen Gesichtspunkten Hinweise auf relevante Einflußgrößen im Streßprozeß und ihre Verbindungen zu geben.
6
2 Standortbestimmung: Die Frage nach Streß im Kontext von E-Mail-Kommunikation
Eine Verdeutlichung der integrativen Potentiale von Streß für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation erfordert zunächst einen kurzen Problemaufriß. Anhand einer Metabetrachtung werden im folgenden Indizien für die 12 aufgezeigt, Konstitution einer e-mail-spezifischen Kommunikationskultur welche sich in einer Ausbildung medienspezifischer sozialer Konventionen manifestiert (vgl. Kap. 2.1). Eine Veränderung sozialer Einflußgrößen stellt zum einen ein Problem für die Kommunikationswissenschaften dar, führt sie doch dazu, daß geleistete Folgeabschätzungen „rechtzeitig zu spät kom- 13 (vgl.Kap. 2.2). Zum anderen verlangt eine Konstitution medienbezomen“
gener sozialer Einflußgrößen Anpassungsleistungen 14 der Nutzer. Diese sind gefordert, ihre Gebrauchsweise von E-Mail vor dem Hintergrund neuer Konventionen zu gestalten.
Wenn Streß - was im Rahmen dieser Arbeit zu prüfen sein wird - als ein Indi-kator für die Fähigkeit betrachtet werden kann, sich neuen sozialen Konventionen anzupassen, so kann der Begriff möglicherweise zur Beschreibung von E-Mail-Kommunikation instrumentalisiert werden (vgl. Kap. 2.3).
13 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse wird gegenwärtig verstärkt im Bereich der Inter-
netkommunkation diskutiert. Gleichwohl tritt hier ein Problem zu Tage, welches generell als Schwierigkeit der Beschreibung von Kommunikation verstanden werden kann (vgl. Höflich 1996: 81ff.).
14 Anpassung bezeichnet einen Prozeß, durch den zwischen den Fähigkeiten, Bedürfnis-
sen, Erwartungen und Zielen des Individuums einerseits und den von der sozialen Umwelt an das Individuum gerichteten Anforderungen ebenso wie den ihm von der Umwelt gebotenen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung andererseits ein „Gleichgewicht“ hergestellt wird (vgl. Klima 1988: 44).
7
2.1 Hinweise auf die Entstehung neuer medienspezifischer Konventionen
Ein Ausgangspunkt zur Folgeabschätzung der Einführung von E-Mail waren in den letzten Jahren die kommunikativen Rahmenbedingungen, unter welchen Kommunikation über das Internet stattfindet. Insbesondere die Abwesenheit audiovisueller Signale (Gestik, Stimmuntertöne) und der asynchrone Kommunikationsverlauf sind Grundlage einer Vielzahl von sogenannten Restriktionshypothesen, welche, ausgehend von kommunikativen Einschränkungen, auf 15 Eine Konzentration auf situative Rahkommunikatives Verhalten schließen.
menbedingungen erscheint jedoch in Anlehnung an neuere Ansätze der Kommunikationswissenschaften als reduktionistisch: Beschreibt Kommunikation einen aktiven Prozeß der Wirklichkeitskonstruktion, so erfordert die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation die Berücksichtigung der Wahrnehmung und ihren externen wie internen Einflußbereich (vgl. Merten 1994b: 309ff.).
Wenngleich sich E-Mail-Kommunikation nicht allein auf der Grundlage situativer Rahmenbedingungen erklären läßt, so geben diese Hinweise für eine Veränderung von Wahrnehmungs- respektive Interpretationsprozessen: Findet E-Mail-Kommunikation vor dem Hintergrund neuer kommunikativer Rahmenbedingungen statt, so stellt das Ziel der intersubjektiven Verständi- 16 dieNutzer vor die Aufgabe, kommunikativen Zeichen vor dem Hintergung
grund eines sich verändernden symbolischen Universums „ähnliche“ 17 Bedeutung zuzuweisen.
und erweitern die Abwesenheit audiovisueller Signale und der asynchrone Kommunikationsverlauf kommunikatives Handeln, indem die Individuen vor Macht und Einflüssen der Kommunikationspartner geschützt werden (vgl. Dubrovsky et al. 1991; Kiesler/Sproull 1992; Rosenberg 1992; Weisband 1992).
16 Verständigung meint die gegenseitige Unterstellung der Kommunikationspartner, „sich
zu verstehen“. Voraussetzung ist u.a. ein gemeinsamer Bezug auf Kommunikationsregeln, auf deren Grundlage die Koordination von Bedeutung erfolgen kann (vgl. Höflich 1996: 31).
17 Freilich bleibt Verständigung nicht nur in neuen Kommunikationssituationen ungewiß:
„Der Mensch konstruiert aktiv seine Wirklichkeit, ohne sich jemals der Wirklichkeitskonstruktion anderer endgültig sicher sein zu können“ (Höflich 1996: 30).
8
Dies gilt für alle (meta-)kommunikativen 18 Ebenen von E-Mail, so z.B. für die Interpretation von empfangenen Texten und elektronischen Parasprachen 19 , für die Deutung der Gebrauchsweise von E-Mail sowie der Medienwahl (vgl. Abb.2).
Abb. 2: Kommunikative Ebenen von E-Mail und deren Interpretationsbedarf
Eine bedingte Modifikation von Interpretationsprozessen deutet auf eine Veränderung von Wahrnehmungsprozessen hin und manifestiert sich u.a. in ei- 20 ner Ausbildung medienbezogener Konventionen . Diese stehen nach Höflich
für Erwartungshaltungen hinsichtlich des Gebrauchs von Kommunikationstechnologien und können als externe oder soziale Einflußgrößen auf Wahrnehmungsprozesse betrachtet werden (vgl. Höflich 1996: 81).
2.2 Die Dynamik sozialer Einflußprozesse als Problem der Kommunikationswissenschaften
Die Notwendigkeit einer Berücksichtigung sozialer Einflüsse, die der Kommunikation über E-Mail zugrunde liegen, erschwert die Leistung von Folgeabschätzungen erheblich. Hierfür lassen sich zwei Gründe anführen: Erstens ist davon auszugehen, daß sich soziale Konventionen in Abhängigkeit des sozialen Umfeldes ausbilden. Vor diesem Hintergrund beschreibt die
eigene Verhalten zu interpretieren ist oder wie das Kommunikationsverhalten der Kommunikationspartner interpretiert wird. Vgl. hierzu Höflich 1996: S.110.
19 So beschreibt Wilkins (1991) die Entwicklung einer metakommunikativen Ebene in der
Online-Sprache. In dieser können Gemütszustände, Ironie, Sarkasmus usw. in Form von „Emoticons“ ausgedrückt werden. Ein bekanntes Beispiel ist das „Smiley“. Es entsteht, indem über eine Tastenkombination Gesichtszüge imitiert werden, die jeweils bestimmte Gefühlsregungen symbolisieren.
20 Um der Frage nach den sozialen Konventionen nachzugehen, beschäftigt sich die Ar-
beit in Kapitel 3 mit Kommunikationsregeln. Diese weisen - wie zu zeigen sein wirdregulative wie interpretationsleitende Funktionen auf und lassen sich als intersubjektive Grundlage von Kommunikation betrachten.
9
Konzeption der semantischen Netzwerke (vgl. Höflich 1996: 296ff) die Entwicklung spezifischer Nutzerkreise, deren Mitglieder sich durch eigene Be- 21 22 deutungswelten und ähnliche Gebrauchsweisen auszeichnen .
Zweitens wird die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation, wie in Kapitel 2.1 dargestellt, mit dem Problem einer dynamischen Entwicklung sozialer Einflußgrößen konfrontiert: „Die Kommunikationskultur wandelt sich respektlos schnell, sehr grundlegend, und keiner kennt das Ergebnis dieses Prozesses“ (Glotz 1995: 41).
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß sich vorliegende Folgeab- 23 . schätzungen zur Internetkommunikation zum Teil erheblich unterscheiden Gestaltet sich bereits die Rekonstruktion von Kommunikation über klassische Medien vor dem Hintergrund einer „Black-Box“ 24 - der Wahrnehmung und ihrem internen wie externen Einflußbereich - als schwieriges Unterfangen, so erscheint die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation auf den ersten Blick als eine kaum zu bewältigende Herausforderung: E-Mail-Kommunikation steigert vor dem Hintergrund nutzer- bzw. gruppenspezifischer Bedeutungswelten Komplexität und konfrontiert die Wissenschaft mit einem sich verändernden Universum externer bzw. sozialer Einflußgrößen.
2.3 Streß als Indikator für die Anpassungsfähigkeit an neue medienspezifische Konventionen
Mit der Untersuchung der kontextuellen Bedeutung von Streß setzt die vorliegende Arbeit an der Dynamik der Kommunikationskultur an und macht damit - salopp ausgedrückt - den Bock zum Gärtner:
von gruppenspezifischen Parasprachen hin, welche u.a. der Selbstbestätigung der Gruppenmitglieder und deren Abgrenzung gegenüber Außenstehenden dienen. 22 Erst vor dem Hintergrund der Art und Weise des Gebrauchs wird E-Mail zu einem Me-
dium im Sinne einer „sozialen Bedeutungsproduktion und -vermittlung“ (vgl. Weischenberg 1998: 51). Die Bedeutung gruppenspezifischer Verwendungsweisen berücksichtigend wird E-Mail daher im weiteren Verlauf der Arbeit als „Medium 2. Ordnung“ verstanden (vgl. ebd.).
23 F ür einen Überblick über verschiedene Forschungsansätze im Bereich der Internet-
kommunikation vgl. December 1996; Rössler 1998.
24 Der Begriff steht in der Psychologie für den Wahrnehmungapparat und verdeutlicht die
Unzulänglichkeit, intrapsychische Vorgänge abzubilden (vgl. Watzlawick et al. 1990: 45).
10
Manifestiert sich eine verändernde Kommunikationskultur u.a. in einer Konstitution neuer sozialer Konventionen im Hinblick auf eine „adäquate“ Gestaltung der Gebrauchsweise von E-Mail, so verlangt dies Anpassungsleistungen der Nutzer. Letztere werden im Verlauf von Aneignungsprozessen aufgefordert, ihr Kommunikationsverhalten auf Basis dieser neuer Konventionen zu gestalten.
Gelingt es Nutzern im Zuge der Aneignung nicht, die Erwartungen ihres kommunikativen Umfeldes ihren Handlungspotentialen entsprechend zu gestalten und kommt es zu einer Erschöpfung individueller Bewältigungsfähigkeiten, so liegt die Entstehung von Streßphänomenen nahe. Wird Streß, wie im folgenden Kapitel aufgezeigt wird, als reflexiver Prozeß verstanden, so kann mit Hilfe dieses Begriffes möglicherweise ein Beitrag zur Erklärung und Beschreibung von E-Mail-Kommunikation geleisten werden. Ist dies der Fall, bietet sich eine Bezugnahme auf Streß insofern an, als Aus-handlungsprozesse von Nutzern aller „semantischen Netzwerke“ geleistet werden müssen.
11
3 E-Mail-Kommunikation als „regelgeleitetes Geschehen“
„Wenn wir Stress als ein Anpassungs- und Kontrollproblem angesichts von Umweltveränderungen einer Person verstehen, dann können alle Veränderungen, die den Menschen zu einer Anpassungsleistung zwingen und denen er sich
- zumindest zunächst - nicht gewachsen fühlt, zum Stressor werden“ (Fritzsche 1998: 17).
Werden Technologien zur Realisierung von kommunikativen Absichten und Bedürfnissen angeeignet, dann erfordert dies Luhmann zufolge (nach Höflich 1996: 15) individuelle wie kollektive Anpassungsleistungen, welche mit einer 25 Veränderung der gesellschaftlichen Kommunikationsweise einhergehen. Ausgehend von einem Alltagsverständnis ist eine Vielzahl möglicher Anpassungsleistungen denkbar, welche Kommunikation über E-Mail erfordern und denen sich Menschen zumindest zeitweise nicht gewachsen fühlen könnten 26 . Die im Rahmen des Entdeckungszusammenhangs beschriebe(vgl. ebd.)
nen Beobachtungen weisen auf eine spezifische Form von Anpassungsleistungen hin:
Sie lassen vermuten, daß Menschen im Rahmen von E-Mail-Kommunikation mit veränderten Erwartungshaltungen bezüglich ihrer Gebrauchsweise von E-Mail konfrontiert werden und geben darüber hinaus Anlaß zu der Annahme, daß die Nutzer gefordert sind, sich neuen sozialen Konventionen anzupassen.
gesellschaftliche Veränderungen herangezogen wie die Verbreitung der Internetkommunikation. Einige Autoren sehen in der globalen Vernetzung elektronischer Medien revolutionäre soziale Umwälzungen (vgl. Sproull und Kiesler 1991) und prognostizieren eine Umstrukturierung des gesellschaftlichen Kommunikationsgefüges, vergleichbar mit anderen Entwicklungsschüben wie der Erfindung des Buchdrucks (vgl. Fieler und Weingarten 1988: 1ff.).
26 Der Umgang mit E-Mail erfordert beispielsweise technische Kompetenzen, die nicht
nur ältere Nutzer zunächst ausbilden müssen.
12
Ziel des folgenden Kapitels ist es zu prüfen, wie sich diese Annahme aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive erklären läßt und vor welchem theoretischen Hintergrund sich der Transfer des Streßbegriffes in die Kommunikationswissenschaften begründen läßt. Wie zu zeigen sein wird, bietet eine „regelorientierte Perspektive“ Hinweise auf folgende Fragen:
• wie sich wahrgenommene Erwartungen erklären lassen und welche Bedeutung sie für die Beschreibung von E-Mail-Kommunikation aufweisen (Kap. 3.1),
• warum der Kontext von E-Mail-Kommunikation zu einer Wahrnehmung neuer Erwartungshaltungen respektive zu einer Ausbildung neuer Kommunikationsregeln führt (Kap. 3.2),
• weshalb sich Nutzer diesen Kommunikationsregeln möglicherweise nicht gewachsen fühlen (Kap. 3.3).
3.1 Erwartungen als Manifestationen von Kommunikationsregeln
Der Begriff der Erwartung beschreibt die auf Erfahrung und/oder auf Kenntnis geltender Normen gestützte Annahme, daß sich eine bestimmte Person A in einer bestimmten Situation in einer vorhersehbaren Weise verhalten wird (vgl. 27 Friedrichs et al. 1988: 206).
Für eine Untersuchung von Erwartungen im Kontext von E-Mail-Kommunikation sind die beiden Definitionsmerkmale relevant, nach denen Erwartungen situationsspezifisch entstehen (1) und auf geltenden Normen beruhen (2).
Im folgenden wird beiden Kriterien Rechnung getragen, indem eine Betrach- 28 erfolgt:„Um tung von Erwartungen unter einer regelorientierten Perspektive einen Ausschnitt menschlichen Verhaltens adäquat erklären zu können, müssen wir manchmal voraussetzen, daß es in Übereinstimmung mit einer Regel geschieht, und zwar selbst dann, wenn der Handelnde selbst nicht in der Lage ist, die betreffende Regel anzugeben und sich vielleicht nicht einmal der Tat-
Reflexivverhältnissen.Sie verstärken Selektivität und strukturieren Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion (vgl. Merten 1994b: 310).
28 Wenn auch bislang keine „einheitliche Regeltheorie“ existiert, so nimmt die Beschäfti-
gung mit Kommunikationsregeln nach Höflich (1996: 33) doch mittlerweile einen festen Platz in der Kommunikationsforschung ein. Für einen Überblick über vorliegende Ansätze vgl. ebd. 1996: 29ff., Wiest 1994: 40ff.
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sache bewußt ist, daß er in Übereinstimmung mit einer Regel gehandelt hat“ (Searle nach Höflich 1996: 33).
Regeln werden nach Shimanoff (1980: 57) als Handlungsanweisungen (Präskriptionen) verstanden, welche die Möglichkeit zu deren Befolgung implizieren und anzeigen, welches Verhalten unter bestimmten, ähnlichen Umständen verbindlich, bevorzugt oder verboten ist (vgl. auch Wiest 1994: 47). Der Begriff „Kommunikationsregel“ impliziert, daß sich eine Regel auf die Gestaltung kommunikativer Handlungen bezieht.
Vor diesem Hintergrund kann die Nutzung von E-Mail als regelorientiertes Handeln verstanden werden. Unter Bezugnahme auf eine „regelorientierte Perspektive“ wird im folgenden davon ausgegangen, daß wahrgenommene Erwartungshaltungen bezüglich einer hohen Antwortgeschwindigkeit auf einer medienspezifischen Kommunikationsregel beruhen.
3.1.1 Funktionen von Kommunikationsregeln
Kommunikationsregeln ermöglichen unter funktionalen 29 Gesichtspunkten die Regulation, Interpretation, Bewertung, Rechtfertigung, Erklärung und Vorhersage von Verhaltensweisen (vgl. Shimanoff nach Höflich 1996: 41). Diese Funktionen lassen sich am Beispiel der Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ verdeutlichen:
quenzen kommunikativen Verhaltens verstanden, nicht der Zweck oder die Intention, obwohl diese beteiligt sein können (vgl. Wieman/Giles 1992: 213).
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Tab. 1: Beispiele für Funktionen von Kommunikationsregeln
die Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“.
Kommunikationsregeln dienen der Handlungs- und Bedeutungskoordination und können somit als intersubjektive Grundlage von Kommunikation betrachtet werden. Demnach ist der Bezug auf einen gemeinsamen Regelbestand die Grundlage für die Gestaltung von Inhalts- wie Beziehungsaspekten von Kommunikation: „[...] wenn zwei oder mehr wechselseitig kontingent interagierende Akteure im Rahmen zielgerichteter Verhaltenssequenzen einander In-formationen durch verschiedenartige Zeichenkomplexe mit der Absicht übermitteln, der Interaktionspartner möge das Gemeinte verstehen und das Gewollte tun“ (Winterhoff-Spurk/Vitouch1989: 248).
geln, um anzuzeigen, wie das eigene Handeln zu interpretieren ist (man muß sie kennen, um sie zu brechen). Zum anderen stellen Regelverletzungen „Testfälle“ dar, die der Ermittlung der Bedeutung regelbezogenen kommunikativen Handelns dienen (vgl. Höflich 1996: 83).
31 Es ist davon auszugehen, daß die Bewertung des Verhaltens davon abhängig ist, ob A
glaubt, daß B die E-Mail erhalten hat. Zur Bedeutung der Interpretierbarkeit vgl. Kapitel 3.4.
32 Erst die Beobachtung des Verhaltens über einen längeren Zeitraum läßt erkennen, ob
eine Regel a) nicht existiert, oder ob sie b) existiert, aber gebrochen wird. Antwortet Person B häufiger erst nach einer Woche, so kündigt er die Regel auf bzw. zeigt an, daß er sie nicht als verbindlich betrachtet. Zur Aushandlung von Kommunikationsregeln vgl. Kapitel 3.2.2.
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3.1.2 Typen von Kommunikationsregeln
In der Literatur finden sich verschiedene Klassifizierungsvorschläge für (Kommunikations-)Regeln (vgl. Höflich 1996: 29ff.). Dieses Kapitel beschreibt eine Auswahl von Regeltypen, welche hinsichtlich ihrer Differenzierungsmerkmale Schlußfolgerungen bezüglich ihrer Entstehung zulassen.
3.1.2.1 Regulative und konstitutive Regeln
Im Hinblick auf die beiden Funktionen der Handlungs- und Bedeutungskoordination erweitern Cronen und Pearce den Regelbegriff und differenzieren zwi- 33 . schen regulativen und konstitutiven Regeln
Regulative Regeln erfüllen die Funktion der Handlungskoordination, indem sie der Erzielung positiver bzw. der Vermeidung negativer Sanktionen 34 dienen. Konstitutive Regeln ermöglichen die Zuschreibung und Konstitution von Sinn. Sie können als ein Aspekt der Informationsverarbeitung verstanden werden, indem sie in der Form „X gilt als Y im Kontext C“ neue Verhaltensformen definieren. Sie existieren nicht nur im klassischen Sinne als äußere soziale Phänomene, sondern können Höflich folgend auch als individuelles Regelrepertoire „in den Köpfen“ der Handelnden beschrieben werden (1996: 48). Handeln auf Grundlage regulativer Regeln setzt dabei konstitutive Regeln voraus: „Regulative Regeln beziehen sich auf Handlungssequenzen und schreiben die aufeinanderfolgenden Handlungen der Person vor. Dies geschieht vor dem Hintergrund vorgängiger Bedeutungszuschreibungen (d.h. auf der Grundlage konstitutiver Regeln), so daß dementsprechend regulative Regeln als kognitive Reorganisationen konstitutiver Regeln zu verstehen sind“ (Höflich 1996: 48).
von Bedeutung vor dem Hintergrund wechselseitiger Interpretationsprozesse als die primäre Leistung von Kommunikation (vgl. Cronen/Pearce nach Höflich 1996: 46; Cronen et al. 1982: 61ff.).
34 Zu negativen Sanktionen zählen nach Höflich (1991: 75) auch die Bewertung von
Handlungen und Bewertungen der Person.
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3.1.2.2 Implizite und explizite Kommunikationsregeln
Unter impliziten Regeln versteht Shimanoff (nach Wiest 1994: 49) Verbindlichkeiten, die den Akteuren nicht als solche bewußt sind. Sie sind nicht in der Lage diese als solche zu formulieren, sondern handeln auf Basis eines „intuitiven“ Wissens um die Angemessenheit ihres Verhaltens: „Gerade im Fall alltäglicher Routinen werden uns die zugrundeliegenden Regeln meist erst bewußt, wenn unsere Erwartungen einmal enttäuscht werden“ (Wiest 1994: 49). Diesen impliziten Regeln stehen explizite Regeln gegenüber, welche schriftlich, in kodifizierter Form, z.B. in Etikettenbüchern, vorliegen. ‚Netiquetten‘ existieren mittlerweile auch für die Kommunikation über E-Mail. Abb.3 stellt ein Beispiel aus einer Vielzahl vorliegender expliziter Kommunikationsregeln dar.
35 Abb. 3: E-Mail-Netiquette als Beispiel expliziter Kommunikationsregeln
net: http://everythingemail.net/email_help_tips.html#netiquette [Stand 14.07.1999].
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3.1.2.3 Prozeduale Regeln
Die Nutzung von E-Mail setzt als regelorientiertes Handeln den Bezug auf einen gemeinsam als verbindlich unterstellten Regelsatz voraus (vgl. Höflich 1996: 41). Hierbei ist anzunehmen, daß sowohl explizite wie auch implizite Kommunikationsregeln eng mit den Spezifika des Mediums E-Mail verbunden sind. Im Hintergrund steht die Annahme, daß E-Mail als elektronisches Medium der Textkommunikation andere Verhaltensstandards voraussetzt als auditive oder visuelle Medien, und daß synchrone Kommunikation anders verläuft als asynchrone.
Prozeduale Regeln sind in diesem Zusammenhang als Kommunikationsregeln zu verstehen, die sich auf die formale Nutzung von Medien beziehen bzw. welche bestimmen, wie Inhalte medienadäquat kommuniziert werden. Höflich folgend (1996: 93) machen prozeduale Kommunikationsregeln technisch vermittelte Kommunikation unter semantischen und pragmatischen Gesichtspunkten überhaupt erst möglich.
3.1.3 Klassifizierung der Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“
Die Wahrnehmung der Erwartung „schnell zurückschreiben“ beschreibt die Annahme eines Individuums A darüber, welche Verhaltensprognosen und Forderungen ein anderes Individuum im Rahmen der E-Mail-Kommunikation gegenüber A bereithält. Dieser Beschreibung folgend kann sie auch als eine 36 . „Erwartungserwartung“ begriffen werden
Den bisherigen Aufführungen zufolge beruht diese Erwartung auf einer Kommunikationsregel.
Welche Aussagen lassen sich bezugnehmend auf die beschriebenen „Regeltypen“ für diese Kommunikationsregel „schnell zurückschreiben“ treffen? Die Erwartung impliziert erstens eine verbindliche oder bevorzugte Gebrauchsweise von E-Mail. Wie das Beispiel in Kapitel 3.1.1 zeigt, ist davon auszugehen, daß eine Verletzung der Regel negativ bewertet und damit negativ sanktioniert wird. Somit deutet die Wahrnehmung dieser Erwartungs-
anderenerwarten können, um adäquat reagieren zu können (Luhmann, nach Lautmann 1988: 207).
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Arbeit zitieren:
Markus Joepgen, 1999, Kommunikationsstress - Eine explorative Fallstudie am Beispiel von E-Mail-Kommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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