Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. The Beatles: Magical Mystery Tour - Ein Projekt 5
3. Surrealismus 6
3.1. Surrealistische Elemente im interdisziplinären Vergleich 7
3.1.1. Bretons écriture automatique vs. Drehbuch’ der Beatles 7
3.1.2. Bretons Sprachspiele vs. filmimmanente Nonsens’-Songtexte der Beatles 8
3.1.3. Bretons Bedeutung des Traums (récits de rêves) und seine Umsetzung im Film 10
3.1.4. Bretons Bedeutung des Zufalls 11
4. Semiotische Betrachtung des Films 12
Exkurs : Das semiotische Dreieck nach Charles Sanders Peirce. 12
4.1. Symbole in Magical Mystery Tour 13
5. Warum surrealistisch? Mögliche Gründe für die Genre-Wahl 16
6. Fazit 19
7. Literatur 20
7.1. Lexika 20
7.2. The Beatles 20
7.3. Semiotik 20
7.4. Mythentheorie. 20
7.5. Surrealismus 20
7.6. Sonstige Literatur. 21
8. DVD-Material 21
1. Einleitung
Seit Jahrtausenden erzählen sich Menschen Geschichten; Geschichten über fantastische Geschöpfe in einer magiedurchfluteten Welt, die durch höhere Mächte gelenkt und beeinflusst wird. Ob es sich nun um Homers »Odyssee«, das indische Epos »Mahābhārata« oder die Märchensammlung der Gebrüder Grimm handelt: Mythen sind seit jeher fester Bestandteil aller Kulturen und konstituieren noch heute unsere Wirklichkeit.
Doch ist diese ‘Wirklichkeit’ eine rigide, für alle Menschen gleich normierende Größe, anhand derer ein jeder sein Leben organisiert oder gibt es darüber hinaus noch eine andere, eine ‘Über-Wirklichkeit’? 1 Dieser ‘sur-réalité’, die nicht von irgendeinem undefinierbaren ‘Außen’ oktroyiert wird, sondern - ähnlich den Mythen, die Ernst Cassirer 2 mit dem Ausdruck der „Objektivation von Gefühlen“ (Cassirer 1949: 64), d.h. eine auf dem Gefühl basierende Deutung der Welt in Bildern, definiert - ein Produkt des Unterbewusstseins und der Introspektion ist, hat der französische Schriftsteller und Kritiker André Breton (1896-1966) mit seinen »Manifesten des Surrealismus« 3 eine theoretische Grundlage verliehen. Dieses Gerüst erlaubt es nun, Künstler wie Max Ernst, Salvador Dalí oder René Magritte und Schriftsteller wie Paul Eluard, Louis Aragon oder Flann O’Brien als ‘surrealistisch’ zu bezeichnen. Und die Beatles? Waren sie ‘surrealistisch’?
Bretons »Erstes Manifest« stammt aus dem Jahre 1924, die Hochphase durchlebte die Bewegung in den 1920er und 1930er Jahren und 1969 lösten sich die Surrealisten offiziell auf. Warum dreht nun eine populäre Rock-Band, wie es die Beatles waren, im Jahre 1967 - auf dem Höhepunkt ihres Schaffens - einen surrealistischen Film? »Magical Mystery Tour« 4 kann eindeutig als surrealistisch klassifiziert werden und enthält trotzdem zeit- und milieugebundene ‘Symbole’, d.h. Zeichen, die einen real-historischen Hintergrund ‘besitzen’ und somit dem Konstrukt einer ‘Über-Wirklichkeit’ zuwiderlaufen. Anhand des semiotischen Instrumentariums nach
1 Eng damit verbunden ist die kulturalistische Auffassung von ‘Wirklichkeit’, die ich in dieser Arbeit vertrete, und zwar, „daß Wirklichkeit aus empirisch hoch konditionierten Prozessen des kognitiven, kommunikativen und poietischen Handelns von sozial interagierenden Aktanten im Rahmen einer Kultur resultiert.“ (Nünning, Ansgar [Hrsg.]: Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze, Personen, Grundbergriffe. 2. überarb. und erw. Ausg. Stuttgart et al. 2001: 676.) Davon ist jedochwie aus Kapitel 3 ersichtlich werden wird - der Begriff ‘Surrealismus’ zu trennen.
2 Cassirer, Ernst (1949): Der Mythus des Staates. Zürich. (zuerst New Haven 1946).
3 Breton, André (2001): Die Manifeste des Surrealismus. 10. Aufl. Reinbek bei Hamburg. (zuerst Paris 1962).
4 The Beatles (2001): Magical Mystery Tour (DVD).
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Charles Sanders Peirce (1839-1914) werden wichtige ‘Symbole’ des Films aufgezeigt und in einen allgemeinen Kontext gebracht.
Die vorliegende Arbeit 5 befasst sich mit der Differenz zwischen ‘Surrealismus’ und ‘Realität’ in »Magical Mystery Tour«. Da der aktuelle Forschungsstand diesbezüglich keine Ergebnisse liefert, wird vornehmlich auf biografisches Quellenmaterial, Interviews sowie allgemeine Hintergrundinformationen zur Entstehung und Produktion des Films zurückgegriffen, welches einerseits mit Bretons »Manifesten«, andererseits mit der Peirce’schen Semiotik in Verbindung gebracht wird. Nach einer kurzen Einführung in das Projekt »Magical Mystery Tour« (Kapitel 2), sollen surrealistische Elemente genannt und an Beispielen aus dem Film nachgewiesen werden (Kapitel 3). In einem weiteren Schritt wird - unter Zuhilfenahme zei-chentheoretischer Methoden - der Bogen vom surrealistischen Charakter zu einem durchaus alltagsweltliche Aspekte reflektierenden Zeitzeugnis gespannt (Kapitel 4). Kapitel 5 geht schließlich der Frage nach, warum sich die Beatles 1967 zu einem surrealistischen Film entschlossen haben. Ein zusammenfassendes Fazit beschließt die Arbeit.
5 Der Titel dieser Arbeit geht auf ein Zitat André Bretons zurück: „Der Surrealismus ist die Systematisierung der Konfusion. Der Surrealismus schafft scheinbar eine Ordnung, aber nur so, daß die Idee eines Systems selbst verdächtig wird in der Assoziation. Der Surrealismus ist destruktiv, aber er zerstört nur, was er als Ketten betrachtet, die unsere Vision einschränken.“ (Zit. nach Richter, Hans [1978]: DA-DA. Kunst und Antikunst. Köln: 200.)
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2. The Beatles: »Magical Mystery Tour« - Ein Projekt
Das Konzept zu »Magical Mystery Tour« wurde bereits im April des Jahres 1967 entwickelt. Paul McCartney hatte sich zu jener Zeit eine Kamera zugelegt und fand Gefallen daran, eigene, kurze Filme zu drehen, mit denen er herumexperimentierte: Ich drehte damals eine Menge Hobbyfilme, und von meinem Interesse an der Filmerei war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu der Überlegung: ‘Wenn wir einen Kameramann engagieren und ihm sagen würden, was er aufnehmen soll, dann sind wir doch im Grunde die Filmemacher, oder? Beispielsweise wollen wir rückwärts über die Westminster Bridge gehen - mit den entsprechenden Instruktionen wird er das richtig drehen können. Ich müsste ihm nur erklären, worauf er das Objektiv richten soll.’ Daraus entwickelte sich dann die Idee, einen Bus zu mieten, ein paar Leute mitzunehmen und einen Film über eine magische Überraschungstour zu machen. (Paul McCartney in Miles 1999: 418.) 6
Zuvor waren die Beatles schon in zwei erfolgreichen Musikfilmen aufgetreten: 1964 in »A Hard Day’s Night« und 1965 in »Help!«; John Lennon spielte darüber hinaus in Richard Lesters Antikriegsfilm »How I Won The War« (1966/67) mit. Man hatte also bereits Erfahrung im Filmgeschäft gesammelt. (Vgl. Monaco 2002: 340.) 7 Das eigene Filmprojekt »Magical Mystery Tour« wurde jedoch kurzweilig in den Hin-tergrund gedrängt. Die Veröffentlichung des revolutionären Albums »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« stand bevor (01. Juni 1967), die Beatles gründeten »Apple«, machten Bekanntschaft mit dem Maharishi (vgl. Miles 1999: 425) und traten am 25. Juni 1967 bei der ersten weltweiten Satellitenverbindung in der Sendung »Our World« als ‘Botschafter Großbritanniens’ auf, in der sie »All You Need Is Love« vor etwa 350 Millionen Zuschauern sangen. (Vgl. The Beatles 2000: 257.) 8 In der Zwischenzeit wurden jedoch schon einige Songs für »Magical Mystery Tour« aufgenommen, als deren Vehikel der Film primär fungierte. (Vgl. Miles 1999: 421.) Um diese sechs Songs, die im Film vorkommen, wurde eine einfache Geschichte konstruiert: Eine illustre, 43köpfige Reisegruppe (darunter die Beatles selbst) besichtigt mit einem buntbemalten Bus den Südwesten Englands. Der Zuschauer wird während des etwa fünfundfünfzig Minuten dauernden Films Zeuge skurriler Protagonisten, die in surrealen Situationen agieren; man veranstaltet einen Marathon, bei dem sowohl gelaufen als auch mit Motorrad, Auto und Bus gefahren wird; man sieht Zauberer in einem Labor, die die Fahrt per Teleskop verfolgen; man erlebt die seltsam-anmutenden Träume zweier Charaktere mit und ist Gast einer Striptease-Show.
6 Miles, Barry (1999): Paul McCartney. Many Years From Now. Reinbek bei Hamburg (zuerst London 1997).
7 Monaco, James (2002): Film verstehen. Kunst, Technik, Sprache, Geschichte und Theorie des Films und der neuen Medien. 4. Aufl. Reinbek bei Hamburg (zuerst London/New York 1977).
8 Beatles, The (2000): Anthology. München.
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Der erste Drehtag war der 11. September 1967. (Vgl. Barrow 1999: 8.) 9 Innerhalb von nur zwei Wochen wurde der Film komplett gedreht. Die sog. ‘Post-Production’ nahm jedoch zehn Wochen in Anspruch, in denen das etwa zehnstündige Material geschnitten wurde. (Dabei wurde für die »Flying«-Sequenz auch aussortiertes Material von Stanley Kubricks 1963 produzierten Film »Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben« eingefügt; vgl. Miles 1999: 439.)
Die BBC strahlte »Magical Mystery Tour« am 26. Dezember 1967 um 20:35 Uhr in Schwarzweiß aus (vgl. Miles 1999: 445). Der Film wurde ein Flop, da das Publikum das traditionelle Weihnachtsprogramm erwartet hatte. Außerdem verlor er ohne Farbe an Wirkung.
Für die Kids war unser Film natürlich eine Riesensache, aber insgesamt wurde er gnadenlos verrissen. Im nachhinein betrachtet, wäre es sicher klüger gewesen, Magical Mystery Tour an einem normalen Freitagabend zu zeigen, zu einer späteren Sendezeit und in Farbe. (Paul McCartney in: Miles 1999: 445/Hervorheb. i. O.) »Magical Mystery Tour« wurde am 05. Januar 1968 wiederholt, diesmal jedoch nicht in Schwarzweiß. Doch „zu der Zeit besaßen die wenigsten Briten einen Farbfernseher; Colour-TV gab es erst seit sechs Monaten.“ (Miles 1999: 445)
3. Surrealismus
Bevor ich »Magical Mystery Tour« mit dem Surrealismus in Verbindung bringen werde, möchte ich nachfolgend klären, was der Surrealismus überhaupt ist. Die Wortneuschöpfung ‘Surrealismus’ geht auf Guillaume Apollinaire (1880-1918) zurück, der sein Theaterstück »Die Brüste des Tiresias« 10 (1917) mit »Surrealistisches Drama in zwei Akten und einem Prolog« untertitelte und „mit dieser neuen Bezeichnung einen den photographischen Realismus, den Naturalismus und Symbolismus überschreitenden Naturbezug“ 11 (Siepe 1995: 339) meinte. Im Gegensatz dazu - und allen wissenschaftlichen Definitionen vorwegreifend - hat André Breton selbst eine Begriffserklärung gegeben, und zwar im Jahre 1924 in seinem »Ersten Manifest des Surrealismus«:
SURREALISMUS, Subst., m. - Reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des Den-
9 Barrow,Tony (1999): The making of The Beatles’ Magical Mystery Tour. London.
10 Apollinaire, Guillaume (1987): Die Brüste des Tiresias. Surrealistisches Drama in zwei Akten und einem Prolog. Stuttgart (zuerst Paris 1917).
11 Siepe, Hans Theo: Im Grenzgebiet von Innen- und Außenwelt. Der französische Surrealismus (1919-1939). In: Grimminger, Rolf et al. (Hrsg.): Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg 1995, S. 339-366.
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Arbeit zitieren:
Nico Schulte-Ebbert, 2004, Die Systematisierung der Konfusion: Surrealistische Tendenzen in 'Magical Mystery Tour', München, GRIN Verlag GmbH
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