I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
I. Einleitung S.4
II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam S.4-6
2.1. Definition von Krankheit im allgemeinen Sprachgebrauch 2.2. Phänomen der Besessenheit - Besessenheitstrance
III. Der Gnawa - Kult in Marokko S.6-15
3.1. Hintergründe - historische Herkunft und Legenden 3.2. Die Gnawa - Musikanten
3.3. Die Musikinstrumente
3.4. Die Anhänger des Besessenheitskultes
3.5. Die Wahrsager/innen des Gnawa - Kultes
3.6. Die hadra - die nächtliche Geisterbeschwörung als bedeutendste
IV. Die Zar - Zeremonie in Ägypten S.15-22
4.1. Hintergründe des Zar
4.2. Die Schecha - Priesterin und Heilerin 4.3. Die Musiker der Zar- Zeremonie und ihre Instrumente 4.3.1. Die drei verschiedenen Arten von Musikgruppen 4.4. Die Zar - Geister „djinn“
4.5. Der kleine Zar
4.5.1. Die Sucht nach Trance und Besessenheit 4.6. Der große Zar
4.6.1. Verlauf einer großen Zar - Zeremonie 4.7. Der Zar als Mittel weiblicher Emanzipation
V. Gnawa - Kult und Zar - Zeremonie - ein zusammenfassender Vergleich S.22-25 5.1. Die Volksreligio n als Mittel weiblicher Emanzipation 5.2. Gunbri und Tumbura - die Kultinstrumente im Vergleich 5.3. Zusammenfassung
VI. Literaturverzeichnis S.26
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I. Einleitung
In der islamischen Welt wird oft von einer Trennung der Gesellschaft in einen männlichen und einen weiblichen Teil gesprochen. Auf religiöser Ebene entspricht dies dem Gegensatz zwischen „offiziellem“ und „volkstümlichem“ Islam (vgl. Welte, S. 29), dessen Träger zum größten Teil Frauen und männliche Randgruppen, wie Homosexuelle oder Transvestiten, sind. Im Rahmen des volkstümlichen Islam gibt es eine Reihe von Besessenheitskulten und Zeremonien, in deren Mittelpunkt der Glaube an verschiedene Geister steht, von denen die Anhänger des Kultes überzeugt sind „besessen“ zu sein. Diese Besessenheit zeigt sich durch ganz verschiedene „Krankheiten“ des Betroffenen wie zum Beispiel psychische Probleme, physische Krankheiten oder Kinderlosigkeit.
Besessenheitskulte enthalten viele Elemente des Islam, sind aber auch geprägt von Bräuchen vorislamischer Religionen, wie den Naturreligionen der schwarzafrikanischen Bevölkerung, dem Christentum oder dem Judentum.
Da die volkstümlichen Kulte so verschieden sind wie die islamische Lebenswelt selbst, beschränkt sich diese Hausarbeit auf zwei Ausprägungen, die zwar sehr unterschiedlich sind, sich jedoch in ihren Grundzügen ähneln: den Gnawa - Kult in Marokko und die Zar - Zeremonie in Ägypten.
Ersteres bezeichnet eine volkstümliche Bruderschaft, die sich aus Nachfahren westafrikanischer Sklaven zusammensetzt. Sie sind besonders für ihre zwölf - stündigen nächtlichen Geisterbeschwörungen und ihre ganz einzigartige Musik bekannt, die auch von marokkanischen Popgruppen immer wieder imitiert wird.
Der Zar ist ein ägyptisches Frauenheilungsritual. Zar ist dabei der Name der gesamten Zeremonie, steht aber auch für den Geist, von dem der Erkrankte befallen ist.
Zwar ist Musik im Islam umstritten, jedoch spielt sie für die meisten Kulte eine ganz zentrale Rolle, da durch ihren Einsatz die Teilnehmer eines Kultes in einen tranceartigen Zustand verfallen können. Dieser scheint es ihnen zu ermöglichen, mit den Geistern zu kommunizieren, von denen sie sich besessen fühlen.
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II. Krankheit und Besessenheit im volkstümlichen Islam 2.1. Definition von Krankheit im allgemeinen Sprachgebrauch
Da viele Teilnehmer an ritualisierten Besessenheiten keine körperlichen Beschwerden aufweisen und auch keine aufzeigbaren psychischen Probleme haben, stellt sich die Frage, welche Art von Krankheit es zum Beispiel durch die Zar - Zeremonie zu bekämpfen gilt. So definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO das Wort Gesundheit in ihrer Gründungsurkunde 1946 folgendermaßen: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens [...] und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen.“ (Legewie/Ehlers, S. 246)
Zwar geht diese Erklärung von einem Idealzustand geistiger und körperlicher Gesundheit aus, jedoch zeigt sie, dass individuelle Zufriedenheit in hohem Maße den Gesundheitszustand eines Menschen beeinflussen und so auch Umstände wie soziale Unterdrückung massive gesundheitliche Schäden in einem Menschen hervorrufen können. Das wäre auch eine Erklärung dafür, dass die meisten Teilnehmer von Besessenheitsritualen sozial unterdrückten islamischen Schichten wie Frauen oder männlichen Randgruppen zuzuordnen sind.
2.2. Phänomen der Besessenheit - Besessenheitstrance
Spezifisch sowohl für die Gnawa als auch den Zar ist die Trance der Teilnehmer. So werden mittels bestimmter Musik Geister beschworen und die erfolgende Trance gilt als durch diese Geister verursacht und Bestätigung ihrer Präsenz. Das wirft die Frage auf, welche individuelle und kulturelle Funktion die so genannte „Besessenheitstrance“ hat. (vgl. Welte, S.20) „Besessen sein“ wird oft als Metapher verstanden für Zustände wie: neben sich stehen, nicht verantwortlich sein für sein Tun, extreme Liebe, Hass, schlechte Laune, Wut, Wagemut, Zwangsvorstellungen, Faszination oder Obesession. Ähnlich wie der Einfluss von Drogen, die jedoch von vielen Teilnehmern zur Verstärkung der Wirkung noch zusätzlich eingenommen wird, verändert sich auch während eines Trancezustandes das Verhalten eines Menschen. So kann es zu Störungen von Konzentration und Aufmerksamkeit oder zur Abschwächung des Urteilsvermögens kommen. Andere Merkmale sind die Rückkehr zu prälogischem Denken, Störungen des Zeitgefühls, Verlust der Selbstbeherrschung oder ein ständiger Wechsel der emotionalen Verfassung. (vgl. Welte, S.22)
Da die Teilnehmer an ritualisierten Besessenheiten (vgl. Welte, S.21) meist Frauen sind, wird eine Funktion der Trance bereits sichtbar. Denn sie bietet ihnen die Möglichkeit, soziales Prestige zu erlangen oder aus ihrer unerträglichen Situation zu entfliehen. Durch die Trance können sie ein Verhalten ausleben, das innerhalb ihres kulturellen Kontextes gar nicht möglich wäre. Auf der
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anderen Seite verschaffen sie sich Beachtung und Bewunderung und knüpfen Kontakte durch die Integration in eine Gruppe.
Diese Kulte dienen als „Sicherheitsventil“ einer Gesellschaft.(vgl. Welte S.25) Denn indem verschiedene Geister für die eigene unbefriedigende Situation verantwortlich gemacht werden, wird nicht die soziale oder politische Struktur eines Staates angegriffen. Aus diesem Grund sind Besessenheits- oder Trancekulte meist in komplexen hierarchischen Gesellschaften zu finden, wie zum Beispiel dem Islam.(vgl. Welte, S.21)
IV. Der Gnawa - Kult in Marokko 3.1. Hintergründe - historische Herkunft und Legenden
Die Gnawa sind eine volkstümliche Bruderschaft aus Nachfahren afrikanischer Sklaven, die von den Arabern aus den Subsahara - Ländern Westafrikas (Mauretanien, Senegal, Mali, Niger, Guinea) nach Marokko deportiert worden sind. (vgl. www.weltmusik.de/iwalewa/artists/g/ gnawa_sidi_mimoun.htm) Der Bevölkerungsanteil dieser Sklaven, der so genannten Haratin, ist mit etwa 500.000 Bewohnern sehr gering. Sie leben vorwiegend in den Oasen und Siedlungen des Südens: In der Stadt Marrakesch und vor allem im Draatal bei Zagora. Die Haratin gehören heute zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen des Landes und werden von der übrigen Bevölkerung nur gering geachtet.
Nur ein paar tausend Haratin sind zugleich auch Anhänger der Gnawa - Bruderschaft.(vgl. www.cross-culture-music.de/moregnawa_impulse.html) Dem Wesen nach sind die Gnawa unislamisch, da ihnen das Zentrum ihres Glaubens fehlt, in dem ihr Ahnherr begraben liegt. Wenn sie sich jedoch als taifa, (Untergruppe einer klassisch - islamischen Bruderschaft) bezeichnen, um einen Meister gruppieren und auf einen fiktiven Ahnherren zurückführen erscheinen sie wie eine klassisch - islamische Bruderschaft.
Außer den Gnawa gibt es in Marokko noch sechs ähnliche Bruderschaften. Am bekanntesten sind hier die ‘Isawa und die Hamadsa, die durch eine Studie Crazanpanos näher beleuchtet wurden. (vgl. V. Crapanzano: Die Hamadsa)
Ethymologisch gesehen leitet sich Gnawa wahrscheinlich von den Wörtern „Guinea“ und „Djenné“ ab. „Guinea“ nennen die Berber Marokkos den ehemaligen Westsudan, das heute Westafrika, dem Herkunftsgebiet der Gnawa, entspricht. „Djenné“ bezeichnet eine westafrikanische Handelsstadt 500 Kilometer südlich von Timbuktu. Darüber hinaus wurden die Schwarzen Westafrikas von den Arabern und Berbern Marokkos „Gnawa“ genannt.
Es gibt zwei wesentliche Variationen des Gnawa - Kultes: Die Gnawa des nördlichen Sahararandes berufen sich auf Sidi Bilal, ein freigelassener schwarzer Sklave und erster
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Arbeit zitieren:
Katja Schirmer, 2003, Musik, Krankheit und Besessenheit - Trancekulte im Rahmen des volkstümlichen Islam am Beispiel des Gnawa-Kultes in Marokko und der Zar-Zeremonie in Ägypten, München, GRIN Verlag GmbH
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