Inhalt
1 Einleitung 3
2 Was ist sozial an der sozialen Kognition 4
3 Grundlagen der Kognition 5
3.1 Informationsverarbeitung 5
3.2 Struktur des Wissens 6
3.3 Schlussfolgerungen Entscheidungen und Urteile Beeinflussung 7
3.4 Urteilsheuristiken 8
4 Kognitive Vorgänge im Alltag 9
4.1 Testen sozialer Hypothesen 9
4.2 Stereotype 9
4.3 Illusorische Korrelation 10
4.4 Der Bestätigungseffekt 11
4.5 Der Anspielungseffekt 11
5 Die Bedeutung von Umwelteinflüssen in kognitiven Prozessen 11
5.1 Verteilung von Stimulusinformationen 12
5.2 Sprache und Kommunikation 12
5.2.1 Implizite Verbkausalität 12
5.2.2 Adjektive 13
5.2.3 Systematische Ordnung 13
5.2.4 Linguistische Kategorien 14
5.2.5 Linguistische Intergruppenverzerrung 14
5.3 Die kognitiv-affektive Regulation 15
5.3.1 Stimmungskongruenz 15
6 Schlussfolgerungen 16
Quellen 16
2
1 Einleitung
Henri Tajfel sagt: „Der größte Anpassungsvorteil des Menschen liegt in der Fähigkeit, sein Verhalten danach auszurichten, wie er eine Situation wahrnimmt und versteht“ 1 . Damit ist man dem Kern der sozialen Kognition bereits auf den Fersen. Es geht darum, dass die eigene Reaktion von vielen verschiedenen Faktoren abhängig ist und nicht stur nach einem vorgegebenen Muster abläuft.
Der Mensch ist geprägt von Vorstellungen, Wahrnehmungen und Stereotypen. Er reagiert individuell und verschieden. Soziales Verhalten wird demnach nicht direkt von Reizen bestimmt, sondern überwiegend durch die innere Auseinandersetzung mit dem Gehörten, Gesehenen und Erlebten.
Von daher ist es wichtig, zu begreifen, wie „Individuen ihre subjektive Realität konstruieren“ 2 , denn nur dann kann verstanden werden, was soziales Verhalten eigentlich ist. Dies ist auch die Kernfrage der sozialen Kognition, bei der es darum geht, soziales Wissen und kognitive Prozesse zu untersuchen 3 .
Ziel der sozialen Kognition ist es also, die verschiedenen Prozesse, die zu einer Meinungsbildung führen, kenntlich zu machen. Es soll herausgefunden werden, „wie Informationen enkodiert, gespeichert und aus dem Gedächtnis abgerufen werden.“ 4 Durch die Vielzahl von Prozessen, die in der sozialen Kognition eine Rolle spielen, hat sich dieses Gebiet der Sozialpsychologie zu einem der beliebtesten Forschungsgebiete entwickelt. Im Besonderen spielen hier Einstellungsänderung, Attributionsforschung und Stereotype eine herausragende Rolle.
Wichtig ist auch, dass sich die Forscher keineswegs nur für Fakten interessieren. So sind Affekte und Emotionen ebenso wichtig wie die rationalen Abläufe. Auch die kognitive Psychologie ist bei der sozialen Kognition von Bedeutung. Dies zeigt sich besonders daran, dass „viele Begriffe und Annahmen aus der kognitiven Psychologie entliehen“ 5 sind.
Die Frage, ob Urteile über Menschen stark vom Vorwissen des Urteilbildenden abhängen und nicht nur von den momentanen Stimuli (= Reizen), soll im folgenden beantwortet werden.
1 Tajfel 1969, S. 81, in: Fiedler / Bless 2002, S. 126
2 Fiedler / Bless 2002, S. 127 3 Fiedler / Bless 2002, S. 127 4 Fiedler / Bless 2002, S. 127 5 Anderson 1976, in: Fiedler / Bless 2002, S. 127
3
Beispiele für Urteile können am äußeren Erscheinungsbild eines Menschen festgemacht werden, an seiner Herkunft, seiner Sprache etc. . Von diesem Vorwissen hängt automatisch der Gesprächsverlauf zweier oder mehrerer Menschen ab. Je nachdem was man vom Anderen weiß, wird man unbewusst unterschiedliche Fragen stellen, aufmerksam für bestimmte Verhaltensmuster sein und davon – ebenfalls unbewusst – seine spätere Entscheidung abhängig machen. Die Grundannahme mit der man in eine Situation hineingeht entscheidet also bereits in Teilen über die spätere Entscheidung. Die zweite Grundannahme stellt darauf ab, dass das Denken stark von der „Begrenztheit der Verarbeitungskapazität beeinflusst wird“ 6 . Demnach ist die Kapazität dessen was wir verarbeiten können, nicht groß genug, um alles Wahrgenommene zu verarbeiten.
Die Motivation spielt bei der Verarbeitungskapazität ebenfalls eine wichtige Rolle. Ist sie gering, wird die Entscheidung stärker vom Vorwissen abhängen als das bei größerer Motivation der Fall wäre. Dieses Modell wird auch als Top-down-Verarbeitung 7 bezeichnet.
Das Gegenstück nennt man Bottom-up-Verarbeitung 8 . Dieses kommt zur Anwendung wenn man mehr Verarbeitungsressourcen zur Verfügung stellt. Hieraus wird ersichtlich, dass das Ausmaß oder die Tiefe der Verarbeitung einen großen Einfluss auf unsere Entscheidungen haben.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass kognitive Prozesse teils automatisch ablaufen, teils aber auch kontrollierbar sind. So kann man sich zum Beispiel bewusst einen bestimmten Inhalt seines Gedächtnisses vor Augen führen um zu einer Entscheidung zu kommen. In anderen Situationen wird automatisch bestimmtes Vorwissen in die Entscheidung einfließen.
2 Was ist sozial an der sozialen Kognition?
Kognitive Prozesse sind nur ein Teil der sozialen Kognition. Ein anderer wichtiger Punkt ist, „dass der soziale Charakter der Informationsverarbeitung hervorgehoben wird“ 9 . Durch die Abhängigkeit unserer Entscheidung von Vorwissen und momentanen Reizen wird deutlich, dass es sich bei der sozialen Kognition um einen sozialen Prozess handelt. Wobei wichtig ist, dass „sozial“ nicht gleich „wohlwollend“ bedeuten muss. Soziale Prozesse begleiten uns unser ganzes Leben und auch daraus ist ersichtlich, dass es sich bei der sozialen Kognition um einen sozialen Prozess handelt.
6 Fiedler / Bless 2002, S. 128
7 Fiedler / Bless 2002, S. 129
8 Fiedler / Bless 2002, S. 129
9 Fiedler / Bless 2002, S. 129
4
Mit dem „evolutionstheoretischen Ansatz zum logischen Denken“ 10 wird klar, dass das Denken der Menschen stark vom sozialen Kontext abhängt. So erklärt sich auch das „Versagen selbst hoch intelligenter Menschen bei Aufgaben zum logischen Denken“ 11 . Eine weitere Antwort auf die Frage was sozial ist an der sozialen Kognition kann aus den unterschiedlichen Reizeigenschaften der physikalischen Umwelt (Farbe, Töne, Größe etc.) und denen der sozialen Umwelt (Risiko, Liebe, Ehrlichkeit etc.) gegeben werden. Während wir für die Reize der physikalischen Umwelt Sinnesrezeptoren haben, die uns einen direkten Zugang zu den Reizen verschaffen, gibt es für die soziale Umwelt so etwas nicht. Hier werden Gefühle und Emotionen erlebt und verarbeitet, die nicht klar messbar sind und von jedem auf unterschiedliche Art und Weise wahrgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist, dass die „Wahrnehmung“ von Maskulinität auf den gleichen Hinweisreizen beruht, wie die von Rationalität. Nämlich auf den geringen Ausdruck von Emotionen und tiefer Stimme 12 .
3 Grundlagen der Kognition
3.1 Informationsverarbeitung
Die menschliche Informationsverarbeitung besteht aus verschiedenen Prozessen, mit denen sich die kognitive Psychologie beschäftigt. Um dies verdeutlicht darzustellen wurde ein Schema entwickelt, das die kognitiven Stufen der Informationsverarbeitung darstellt.
Die Informationsverarbeitung beginnt mit der Wahrnehmung eines Reizereignisses (Stimuli). Das Wahrgenommene wird dann mit bekanntem Wissen (Kategorien) in Beziehung gesetzt (Enkodierung) und interpretiert. Daraus folgt ein Urteil oder eine
10 Fiedler / Bless 2002, S. 130
11 Cosmides 1989, in: Fiedler / Bless 2002, S. 130
12 Fiedler / Bless 2002, S. 132
5
Schlussfolgerung, die zu einer Verhaltensreaktion führen. Die enkodierte Wahrnehmung wird dabei im Gedächtnis abgespeichert und kann wiederum Einfluss auf zukünftige Ereignisse haben.
Die Wahrnehmung solcher Stimuli ist abhängig von der Informationsselektion. Diese richtet unsere Aufmerksamkeit einerseits auf für unsere momentanen Ziele relevanten Reize und andererseits auf die Salienz der Stimulusmerkmale (Merkmale des Reizereignisses). Salienz bezeichnet die Unterschiedlichkeit eines Stimulus in Relation zum Kontext (zum Beispiel eine Frau in einer Gruppe von Männern). 13 Durch die Informationsselektion wird es dem Menschen vereinfacht mit seiner begrenzten kognitiven Verarbeitungskapazität umzugehen.
3.2 Struktur des Wissens
Das soziale Wissen des Menschen hat einen komplexen Aufbau, den wir an dieser Stelle verdeutlichen möchten. Das wesentliche Strukturmerkmal sind die Kategorien. Kategorie: Gruppierung von zwei oder mehr unterscheidbaren Objekten, die ähnlich behandelt werden. Klasse von in der Welt vorhandenen Objekten. 14 Wahrnehmungen werden in Kategorien eingeordnet (kategorisiert), die es ermöglichen mehr Informationen über das Wahrgenommene zu erschließen, als tatsächlich gegeben sind, was jedoch auch zu falschen Schlussfolgerungen führen kann. Die Kategorisierung und Enkodierung sind abhängig vom Vorwissen, der Anwendbarkeit des Vorwissens und der momentanen Zugänglichkeit zu diesem Vorwissen. Alle vorhandenen Kategorien im Gedächtnis eines Menschen sind untereinander verknüpft und bilden ein assoziatives Netzwerk. Dabei sind sich Kategorien mit gemeinsamen oder ähnlichen Eigenschaften näher als unähnliche. Bei der Kategorisierung können demnach auch Verwandte Kategorien Einfluss auf Schlussfolgerungen haben. Durch dieses assoziative Netzwerk erlangt das gespeicherte soziale Wissen großen Einfluss auf Schlussfolgerungen und Urteile. Auch die „Bottom-Up-Verarbeitung“ ist daher durch altes Wissen beeinflusst und eingeschränkt. Sobald es sich um eine soziale Gruppe einer Kategorie handelt, spricht man von dem Begriff Stereotyp.
Stereotyp: Sozial geteilte Meinungen über Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen von Mitgliedern einer sozialen Kategorie. Durch die Bildung von Stereotypen lässt man die Individualität außer Acht. 15 Stereotypen helfen besonders bei der Enkodierung von speziellen Situationen. Die Repräsentation der Kategorien im Gedächtnis kann auf zweierlei Weisen geschehen. Ein Modell beschreibt die Repräsentation durch Prototypen.
13 Fiedler / Bless 2002, S. 137
14 Fiedler / Bless 2002, S. 134
15 Fiedler / Bless 2002, S. 134
6
Prototyp: Das beste Exemplar einer gegebenen Kategorie. Eine abstrakte Repräsentation der Merkmale, die mit einer Kategorie assoziiert werden, die im Gedächtnis gespeichert ist und zur Organisation von Informationen dient. 16 Der Mensch bildet sich einen Mittelwert, der die zentrale Tendenz einer Kategorie darstellt und sie somit definiert. Das zweite Modell besteht aus der beispielbasierten Repräsentation.
Beispielbasierte Repräsentation: Die Repräsentation eines Begriffs (Gruppe, Kategorie) im Gedächtnis, die eher im Sinne konkreter Beispiele als abstrakter Merkmale erfolgt. 17 Hierbei hat der Mensch ein ganz bestimmtes Beispiel einer Kategorie im Gedächtnis, das als Ideal für diese Kategorie steht. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der menschlichen Wissensstruktur sind Scripte.
Script: Wissensstruktur, die routineartige Handlungsepisoden in bestimmten Gegenstandsbereichen repräsentiert. 18 Sie dienen dazu, standardisierte Abfolgen von Verhalten, Ereignissen oder Zuständen zu beschreiben, sodass der Mensch sie jederzeit, meist regelmäßig, schnell und einfach abrufen kann.
3.3 Schlussfolgerungen, Entscheidungen und Urteile – Beeinflussung
Schlussfolgerungen, Entscheidungen und Urteile entstehen durch die Enkodierung und Interpretation von Wahrnehmungen und lassen sich von bestimmten Effekten beeinflussen. Einer dieser Effekte ist der Primacy-Effekt.
Primacy-Effekt: Die Tendenz, dass früher eingehende Informationen einen stärkeren Einfluss auf die eigenen Urteile oder die Erinnerungen an Personen , Objekte oder Themen haben als später eingehende Informationen. 19 Diese Tendenz ist jedoch begrenzt auf die so genannten „Online-Abgegebenen Urteile“. Das heißt, dass ein Urteil in einer gegebenen Situation gebildet werden muss. Wenn man davon ausgeht, dass eine Person die Informationen A, B, C, D, und E bekommt und anschließend ein Urteil über die Person X fällen muss, so ist das Urteil wahrscheinlich stärker von der Information A beeinflusst als von B oder C. Auf die so genannten „Gedächtnisbasierten-Urteile“ trifft diese Tendenz jedoch nicht zu. Diese Urteile werden nicht in einer Situation gefällt, sondern zu einem späteren Zeitpunkt, basierend auf den Erinnerungen. Hier ist das Gegenteil der Fall, da sich stärker auf zuletzt eingegangene
16 Fiedler / Bless 2002, S. 134
17 Fiedler / Bless 2002, S. 134
18 Fiedler / Bless 2002, S. 135
19 Fiedler / Bless 2002, S. 136
7
Informationen bezogen wird. Demnach wäre das Urteil über X von E stärker beeinflusst als von A und B. Ein anderer Effekt ist der Priming-Effekt.
Priming-Effekt: Der Befund, dass ein Schema mit größerer Wahrscheinlichkeit aktiviert wird, wenn es vor kurzem präsentiert oder in der Vergangenheit verwendet wurde. 20 Anhand eines hierzu durchgeführten Experiments von Higgins, Rholes und Jones (1977) 21 lässt sich dieser Effekt veranschaulichen. Einer Reihe von Personen wurde eine Beschreibung einer Zielperson gegeben, die sowohl positive als auch negative Interpretationen zulässt. Vor dieser Beschreibung mussten sich die Teilnehmer verschiedene Eigenschaftswörter merken, die getrennt in entweder „Positiv-anwendbare“, „Negativ-anwendbare“, „Positiv-nichtanwendbare“ oder „Negativ-nichtanwendbare“ waren. Die Teilnehmer, die sich die „Positiv-anwendbaren“ Eigenschaftswörter merken sollten, urteilten auch positiv über die Zielperson. Bei den „Negativ-anwendbaren“ Wörtern wurde dementsprechend ein negativer Eindruck über die Zielperson deutlich. Die Nichtanwendbaren Kategorien hatten keinen Einfluss auf die Eindrucksbildung. Diese beiden Effekte verdeutlichen, wie einfach menschliche Entscheidungen beeinflusst werden können.
3.4 Urteilsheuristiken
Faustregeln, die auch unter großer Unsicherheit schnelle und ökonomische Urteile ermöglichen.
Urteilsheuristiken sind ein kognitives Werkzeug sozialer Individuen, die dazu dienen, ohne besonders großen Aufwand Urteile zu treffen. Die Ergebnisse der Urteilsheuristiken sind meist recht gut, auch wenn sie oft systematisch verzerrt sind. Die Urteilsheuristiken haben verschiedene Methoden der Urteilsbildung, die hier im Einzelnen beschrieben sind:
Verfügbarkeitsheuristik: Urteilsheuristik, mit der die Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit von Ereignissen beurteilt wird. Dies geschieht auf der Basis der jeweiligen Leichtigkeit, mit der relevante Erinnerungen aus dem Gedächtnis abgerufen werden können. 22
Repräsentativitätsheuristik: Urteilsheuristik, die herangezogen wird, um Ereigniswahrscheinlichkeiten auf der Basis grober Ähnlichkeitsprinzipien zu schätzen. Ein
20 Fiedler / Bless 2002, S. 138
21 in: Fiedler / Bless 2002, S. 138
22 Fiedler / Bless 2002, S. 147
8
Symptom wird zum Beispiel als Beweis für eine bedrohliche Krankheit herangezogen, obwohl die objektive Basisrate für diese Krankheit extrem niedrig ist. 23
Verankerungs- und Anpassungsheuristik: Eine Urteilsheuristik, die zu charakteristischen Verzerrungen führt: Eine quantitative Tendenz wird in Richtung auf den Anfangswert oder Anker hin verzerrt; der daran anschließende Anpassungsprozess ist typischerweise verzerrt. 24
Simulationsheuristik: Ergebnisse oder Ereignisse werden in dem Maß als wahrscheinlich beurteilt, in dem sie mental simuliert oder vorgestellt werden können. 25
4 Kognitive Vorgänge im Alltag
Im Alltag sind die kognitiven Vorgänge des Wahrnehmens, Enkodierens, Organisierens und Beurteilens in zielgerichtetes Handeln und Problemlösen eingebettet. 26
4.1 Testen sozialer Hypothesen
Unter dem Testen sozialer Hypothesen versteht man das „Bestätigen oder Widerlegen von Annahmen durch sozial motivierte Vorgänge wie Aufmerksamkeit, Informationssuche, logisches Denken und (oftmals selektives) Erinnern“ 27 . In diesem Prozess des Testens sozialer Hypothesen wird altes Wissen angesichts neuer Stimulusdaten auf den aktuellen Stand gebracht.
4.2 Stereotype
Allerdings bleiben Erwartungen und Stereotype in der Regel auch nach diesem Prozess weiterhin erhalten. Stereotype, das heißt „mit Vorurteilen behaftete Meinungen über Individuen oder Gruppen“ 28 sind äußerst resistent gegen Veränderungen. Nur in Ausnahmefällen kommt es beim Testen sozialer Hypothesen zu Befunden, die den eigenen Erwartungen widersprechen.
23 Fiedler / Bless 2002, S. 147
24 Fiedler / Bless 2002, S. 148
25 Fiedler / Bless 2002, S. 149
26 Fiedler / Bless 2002, S. 150
27 vgl. ebd.
28 Microsoft Encarta 1999
9
Aus mehreren Gründen 29 bleiben Erwartungen und Stereotype, derer man sich eigentlich angesichts einer aktuellen Situation entledigen sollte, erhalten:
1. Erwartungen können entstehen, ohne dass ausschlaggebende „objektive“ Belege
dafür vorhanden sind
2. Menschen schaffen sich oft die Wirklichkeit, die sie erwarten. Solche sich selbst
erfüllenden Prophezeiungen verringern die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Befunden kommt, die den eigenen Erwartungen widersprechen
3. Menschen können aktiv nach Belegen für ihre Hypothese suchen
4. Mehrdeutige Informationen können mit der Ausgangshypothese in Übereinstimmung gebracht werden
5. Wenn sich die den Erwartungen widersprechenden Befunde nicht leugnen lassen
können diese als Ausnahme betrachtet werden Um einen Stereotyp zu verändern, ist es am günstigsten, wenn die ihm widersprechenden Informationen eindeutig sind und klar mit einem „prototypischen Mitglied der stereotypisierten Gruppe“ 30 in Verbindung gebracht werden können. Entspricht das Mitglied nicht vollständig dem Prototyp dieser Gruppe, so könnte ein Subtypisierungsprozess den Stereotyp vor einer Veränderung bewahren. Subtypisierung bezeichnet die Möglichkeit, Stereotypen dadurch aufrecht zu erhalten, dass man „widersprechende Beobachtungen einem Subtyp von Menschen zuordnet, die von der mit einem Stereotyp belegten Gruppe unterschieden werden“ 31 .
4.3 Illusorische Korrelation 32
Soziales Stereotypisieren beinhaltet das oben beschriebene Testen von Hypothesen auf subjektiv erwartete Zusammenhänge zwischen Gruppenmitgliedschaft und
Verhaltenseigenschaft. Ein solch Informationsverarbeitung auf allen Ebenen. Wenn eine stereotype Erwartung die tatsächlich in einer Reihe von Stimulusbeobachtungen bestehende Korrelation verfälscht, spricht man von einer illusorischen Korrelation, um das Eingebildete, das stereotype Denken, hervorzuheben
33
.
Eine Illusorische Korrelation bezeichnet also eine „Überschätzung der Stärke eines Zusammenhangs zwischen zwei gewöhnlich voneinander unterschiedenen Variablen“. Sie stellt eine mögliche kognitive Basis für die Bildung von Stereotypen“ 34 dar.
29 Fiedler / Bless 2002, S. 150
30 Fiedler / Bless 2002, S. 152
31 vgl. ebd.
32 Hamilton / Gifford 1976, in: Fiedler / Bless 2002, S. 155
33 Fiedler / Bless 2002, S. 151
34 vgl. ebd.
10
4.4 Der Bestätigungseffekt
Auch die Art und Weise, wie soziale Hypothesen in sozialen Interaktionen überprüft werden, lassen eine Hypothese Wirklichkeit werden 35 .
In einer sozialen Interaktion neigen die Partner dazu, für jeden Frageinhalt eine Bestätigung zu liefern und andererseits die erhaltenen Eindrücke in Richtung der jeweiligen Frage zu verzerren. Auch provozieren die Fragen eine Bestätigung für die Eigenschaft, die der Fragesteller im Kopf hat 36 , im Falle der Untersuchung von Snyder und Swann (1978) Extravertiertheit oder Introvertiertheit 37 .
4.5 Der Anspielungseffekt 38
Unter Umständen kann nicht einmal ein zu einer Hypothese offenkundiges Gegenteil verhindern, dass die Hypothese bestätigt wird. Die Effekte von belastenden Anspielungen in den Massenmedien sind nicht zu unterschätzen 39 . Den Eindruck, den sich Zuschauer nach der Frage „Steht Bob Talbert mit der Mafia in Verbindung?“ von der Zielperson bildeten, tendierte in die negative Richtung, selbst dann, wenn die Unterstellung eine Verneinung des Sachverhaltes enthielt („Bob Talbert steht nicht in Verbindung mit der Mafia.“). Ein solcher Anspielungseffekt konnte auch oft in Untersuchungen über Augenzeugenberichte gezeigt werden 40 . Allein der mentale Vorgang, darüber nachzudenken, ob Bob Talbert mit der Mafia in Verbindung steht, kann die Versuchsperson dazu zwingen, Bob Talbert in der Vorstellung für einen Moment in den Kontext von Mafia und Kriminalität hineinzukonstruieren, und sei es nur, um die Anspielung verneinen zu können. Dieser Moment kann jedoch ausreichen, um eine Spur im Gedächtnis zu hinterlassen. Später können sich in den Eindrücken über eine Person die tatsächlich beobachteten Informationen mit dieser Art selbst erzeugter Konstruktionen 41 vermischen; dadurch wird es schwierig, den Anspielungseffekt unwirksam zu machen.
5 Die Bedeutung von Umwelteinflüssen in kognitiven Prozessen
Um soziale Kognition und Verhalten verstehen zu können, ist es wichtig, die Stimulusumgebung zu beschreiben, die auf das soziale Individuum einwirkt. 42
35 Fiedler / Bless 2002, S. 152
36 Fiedler / Bless 2002, S. 153 37 Fiedler / Bless 2002, S. 151 38 Fiedler / Bless 2002, S. 154 39 Wegner / Wenzlaff / Kerker / Beattie 1981 in: Fiedler / Bless 2002, S. 154 40 Loftus 1979, in: Fiedler / Bless 2002, S. 155 41 Johnson / Raye 1981 in: Fiedler / Bless 2002, S. 155 42 Fiedler / Bless 2002, S. 155
11
5.1 Verteilung von Stimulusinformationen 43
Der Ursprung für eine schwerwiegende kognitive Verzerrung lässt sich oft in der Stimulusumwelt finden. Ist die Stimulusverteilung schief, lässt sich – neben der illusorischen Korrelation eine weitere – kognitive Illusion beobachten. In einem Versuch werden zwei Gruppen, Gruppe A und Gruppe B, wünschenswerte und nichtwünschenswerte Verhaltensweisen zugeschrieben. Das Verhältnis von positiven zu negativen Verhaltensweisen ist in beiden Gruppen gleich, allerdings ist die Stimulusverteilung schief. Das bedeutet, dass Beobachtungen über Gruppe B (Minderheit) weniger häufig sind als über Gruppe A (Mehrheit) 44 . Trotzdem sich beide Gruppen mit Blick auf Positivität nicht unterscheiden, wurde von der Minderheit B ein deutlich negativerer Eindruck gebildet als von der Mehrheit A. Dieses Phänomen wurde in zahlreichen Experimenten wiederholt 45 und kann daher als eine dauerhafte Quelle für die Abwertung von Minderheiten angesehen werden.
Die Größe der Beobachtungsstichprobe, also die Häufigkeitsverteilung der Stimuli in der Umwelt vermittelte also die Positivität über die Mehrheit effizienter 46 .
5.2 Sprache und Kommunikation 47
Die Wahl der Worte, die wir verwenden, um Menschen und ihr Verhalten zu beschreiben, hat starke Auswirkungen auf kognitive Schlussfolgerungen und implizite Attributionen.
5.2.1 Implizite Verbkausalität
Bezeichnet die „Tendenz, im Fall von Handlungsverben die Ursachen im Subjekt des Satzes begründet zu sehen und im Fall von Zustandsverben die Ursachen auf das Objekt des Satzes zurückzuführen“ 48 . Beispiel:
„Der Schüler gehorcht dem Lehrer“ (Handlungsverb Gehorsam des Schülers) „Der Schüler achtet den Lehrer“ (Zustandsverb Ansehen des Lehrers)
43 vgl. ebd.
44 Fiedler / Bless 2002, S. 156 45 Mullen / Johnson 1990, in: Fiedler / Bless 2002, S. 156 46 Fiedler / Bless 2002, S. 156 47 vgl. ebd.
48 Fiedler / Bless 2002, S. 157
12
5.2.2 Adjektive 49
Adjektive, die wir verwenden um Eigenschaften und Einstellungen von Personen und Gruppen zu beschreiben, unterscheiden sich deutlich „in Bezug auf die Vielzahl von Verhaltensweisen, auf die sie sich beziehen, und den Umfang an Verhaltensbelegen, die notwendig sind, um Hypothesen über Eigenschaften zu bestätigen oder zu widerlegen“ 50 (ehrlich – unehrlich). Sie unterscheiden sich auch in der Breite des von ihnen abgedeckten Gegenstandsbereichs (redselig – extravertiert). Wörter, die zur Beschreibung von Personen oder Verhalten verwendet werden, können die Bildung und die Veränderung von sozialen Stereotypen stark beeinflussen.
5.2.3 Systematische Ordnung 51
1. Ebene: Beschreibende Handlungsverben
beziehen sich auf einer konkreten Ebene auf konkrete Handlungen in spezifischen Situationen mit wenig Interpretationsspielraum über das beobachtete Verhalten hinaus.
2. Ebene: Interpretative Handlungsverben
beziehen sich ebenfalls auf einzelne Handlungsepisoden, abstrahieren jedoch von den physischen und wahrnehmbaren Erscheinungsformen, in denen sich die einzelne Handlung äußert.
3. Ebene: Zustandsverben
beziehen sich auf eher dauerhafte Gefühls- oder Geisteszustände, die von einer einzigen Handlungsepisode abstrahieren
4. Ebene: Adjektive
abstrahieren von konkreten Handlungen und Situationen, auch von Personen, die Objekte der Handlung sind
49 vgl. ebd.
50 Rothbart / Park 1986, in: Fiedler / Bless 2002, S. 157
51 Semin / Fiedler 1988 in: Fiedler / Bless 2002, S. 157
13
Arbeit zitieren:
Markus Bürgel, Inga Großmann, Oliver Palussek, 2004, Soziale Kognition, München, GRIN Verlag GmbH
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