I
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 1
1.1. Gegenstand Ziel und Gliederung der Arbeit 2
I TEIL: EINFÜHRUNG IN THEMENSPEZIFISCHE GRUNDLAGEN
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation 6
2.1. Entwicklung und Stand der Forschung 6
2.2. Ansätze und methodologische Grundlage der Arbeit 8
2.2.1. Der Kontrastiv-pragmatische Ansatz 9
2.2.2. Interaktions prozeßorientierte Ansätze 11
2.3. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation für
die Wirtschaft 13
3. Begriffsdefinitionen 16
3.1. Die wechselseitige Verknüpfung von Kultur und Sprache 16
3.1.1. Der zugrundliegende Kulturbegriff 16
3.1.2. Sprache und Kommunikation 19
3.1.4. Interkulturelle versus intrakulturelle Kommunikation 24
3.2. Kommunikation in wirtschaftlichen Zusammenhängen 26
3.2.1. Wirtschaft 26
3.2.2. Interkulturelle Wirtschaftskommunikation 26
II TEIL: PROBLEMBEREICHE DER KOMMUNIKATION ZWISCHEN
INTERNATIONALEN GESCHÄFTSPARTNERN
4. Allgemeine Voraussetzungen und Probleme fremdkultureller
Begegnungen 31
4.1. Mißverständnisse 33
4.2. Lernersprachliche Defizite 35
4.3. Wahl der Kontaktsprache 36
4.4. Pragmatischer Transfer 37
5. Mündliche versus schriftliche Wirtschaftskommunikation:
Eine Abgrenzung 39
5.1. Kulturbedingte Kommunikationsunterschiede im Bereich
Mündlichkeit versus Schriftlichkeit 40
5.2. Der Geschäftsbrief 43
II
Inhaltsverzeichnis
6. Verbale Kommunikation 46
6.1. Face-to face-Kommunikation in Abgrenzung zu
Telefongesprächen 46
6.2. Sprachliches Lexikon 50
6.3. Sprechakte 51
6.4. Sprechhandlungssequenzen 53
6.4.1. Begrüßung 53
6.4.2. Höflichkeit 55
6.4.3. Anredeformen 56
6.5. Konventionen des Diskursablaufs 57
6.6. Grad der Indirektheit 59
7. Paraverbale Kommunikation 62
7.1. Rhythmus und Lautstärke 62
7.2. Prosodie und Tonhöhe 64
8. Nonverbale Kommunikation 66
8.1. Gestik 68
8.2. Mimik und Blickkontaktverhalten 70
8.3. Körperhaltung 72
9. Extraverbale Elemente 75
9.1. Die Sprache des Raumes 75
9.2. Die Zeitsprache 76
9.3. Die Vertragssprache 77
9.4. Denkmuster 78
9.5. Kontextabhängigkeit in der Kommunikation 80
10. Kommunikativer Stil 83
10.1. Die Bedeutung von Kontextualisierungshinweisen 84
10.2. Stilunterschiede und ihre Relevanz für Mißverständnisse 86
11. Unterschiede im Rezipientenverhalten 88
11.1. Hörersignale 89
11.2. Rezipientenechos 90
12. Der Übersetzer als Vermittler 91
12.1. Problemfelder der Übersetzung 92
12.1.1. Lexikalisch-semantische Konventionen 93
12.1.2. Para und nonverbale Konventionen 93
12.1.3. Konventionen pragmatischer Sprechhandlungen 94
III
Inhaltsverzeichnis
III TEIL: MIßVERSTÄNDNISSE ZWISCHEN AMERIKANISCHEN UND
CHINESISCHEN MANAGERN: EIN EXEMPLARISCHES
BEISPIEL
13. Interkulturelle Kommunikation mit sprachlichen
Hindernissen 96
13.1. Falsche Anrede als Auslöser für Mißverständnisse 97
14. Schlußbetrachtung 99
15. Verzeichnisse 104
15.1. Abbildungsverzeichnis 104
15.2. Literaturverzeichnis 105
15.3. Internetquellen 114
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1. Einleitung
1. Einleitung
Interkulturelle Mißverständnisse werden häufig als zentrales Forschungs- und gleichzeitig als Legitimationsobjekt zur wissenschaftlichen Bearbeitung des Phänomens der interkulturellen Kommunikation herangezogen. Mittels empirischer Studien bestätigen Forscher, was die gesamte Gesellschaft schon vorher vage erahnte: Kommunikationsprozesse zwischen Angehöri- gen zweier oder mehrer Kulturen verlaufen meist weitaus störanfälliger als die Kommunikation zwischen Angehörigen einer einzigen Kultur (für eine Zitatensammlung einschlägiger Äußerungen vgl. ROST-ROST 1994: 9). Mit der zunehmenden Internationalisierung der wirtschaftlichen Beziehun- gen innerhalb der letzen drei Jahrzehnte ist auch ein wachsendes Interesse an interkulturellen Kommunikationsproblemen zu verzeichnen, die bei Kon- takten mit ausländischen Geschäftspartnern entstehen können. Die Erkennt- nis, daß kommunikative Mißverständnisse der positiven Entwicklung von Geschäftsbeziehungen im Wege stehen oder das Zustandekommen solcher Beziehungen im Extremfall sogar verhindern können, hat eine wachsende Zahl an Publikationen, die solche kommunikativen Mißverständnisse analy- sieren und vorbeugen wollen, hervorgerufen. Dabei sind sich die Autoren einig, daß Kommunikationsstörungen zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen unterschiedlichste Bereiche betreffen, hier sind u.a. zu nennen: fremdsprachliche Verständigungsprobleme, Störungen in der verbalen, pa- raverbalen, nonverbalen und extraverbalen Kommunikation, sowie Störun- gen infolge unterschiedlicher kommunikativer Stile.
Die Palette der Bereiche in der Wirtschaft, in denen es aufgrund von kultu- rellen Unterschieden zu Mißverständnissen kommen kann, ist sehr breit ge- fächert und umfaßt u.a. solch verschiedenartige Gebiete wie z.B. Verhand- lungsstile, Formen der Begrüßung, Organisationsformen, Dauer und Ziele von Verhandlungsgesprächen, das Verständnis von Zeit.
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1. Einleitung
1.1. Gegenstand, Ziel und Gliederung der Arbeit
Wenn interkulturelle Kommunikationsforschung zum Ziel hat, kulturbe- dingte Einstellungen, Sicht- und Handlungsweisen, Konventionen, Werte usw. und deren Einfluß auf die Kommunikation mit Angehörigen anderer Kulturen zu analysieren, dann kann der Beitrag der Linguistik nicht in erster Linie in der Beschreibung von Sprachsystemen liegen, sondern muß die Verwendung von sprachlichen Strukturen innerhalb der Kommunikation behandeln. Der Beitrag muß auf den Begriffe von sprach- und kommunika- tionswissenschaftlichen Untersuchungen aufbauen, die die Bedingungen für das Zustandekommen von Verständigung in der Kommunikation untersu- chen und die Strukturen der Einzelsprachen als Mittel betrachten, diese Ver- ständigung herbeizuführen. Nur in einem solchen Untersuchungsfeld kann die interkulturelle kommunikations-relevante Thematik von kulturspezifi- schen Werten linguistisch behandelt werden (vgl. GÜNTHNER 1993: 4-5).
Innerhalb dieser Forschungsrichtung bezeichnet ‚Interkulturelle Wirt- schaftskommunikation’ ein Forschungsfeld, das sich mit sprachlich und kul- turell bedingten Kommunikationsproblemen in internationalen Wirtschafts- beziehungen beschäftigt. Die Aufgabe besteht darin, systematisch und inter- disziplinär zu analysieren, welche Faktoren die grenzüberschreitende Kom- munikation in Handlungsfeldern der Wirtschaft positiv oder negativ beein- flussen. In der vorliegenden Arbeit sollen dabei die wesentlichen Faktoren unter linguistischen Gesichtspunkten analysiert und diskutiert werden.
Die Literatur zu diesem Thema ist nur schwer zu überschauen, zumal sie aus verschiedenen interdisziplinären Bereichen herangezogen werden muß, um die Komplexität der Thematik vollständig zu erfassen. Der Schwerpunkt der herangezogenen Werke liegt daher auf der Literatur zur interkulturellen Kommunikation; hier findet man mehrheitlich Sammelbände und Fallstu- dien unterschiedlicher Qualität, aber nur selten linguistisch-orientierte Mo- nographien einführender Natur. Aufgrund der Komplexität und Vielschich- tigkeit des Forschungsfeldes thematisieren Forscher innerhalb der linguisti- schen Analysen lediglich einzelne Aspekte der interkulturellen Kommuni- kation, beispielsweise „Diskursstrategien“ (GÜNTHNER 1993) oder „Intona-
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1. Einleitung
torische Verfahren“ (RABANUS 2001) und beschränken sich dabei in der Regel auf die Kontrastierung von zwei maximal drei Kulturen. Die Vielfalt der Kulturen und relevanten Forschungsrichtungen – mit ihrer jeweilige Perspektive, sowie die Vielschichtigkeit der Dimensionen interkultureller Wirtschaftskommunikation (mündliche vs. schriftliche / direkte vs. indirekte Kommunikation) zeichnen die Problematik aus, die dieser Arbeit gegenüber steht.
Aufgrund dessen wurde der zentrale Analyseschwerpunkt dieser Arbeit auf die direkte mündliche Kommunikation gelegt. Untersuchungsgegenstand sind demnach Face-to-face-Interaktionen zwischen international agierenden Managern. Eine vollständige Analyse aller Phänomene und Problemberei- che ist im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich. Deshalb werden weitere Problem-felder (z.B. internationaler Briefverkehr, Computerkommunikation und Telefongespräche) lediglich in Abgrenzung dargestellt, aber nicht im Detail diskutiert.
Es wurde bewußt eine ansätze-übergreifende Methode für die Analyse ge- wählt, um möglichst differenzierte Ergebnisse zu erzielen. Ausgehend von der interkulturellen linguistischen Forschungsrichtung, deren Ansätze in ei- ner Wechselbeziehung zu verschiedenen anderen Disziplinen (z.B. Soziolo- gie, Sozialpsychologie, Kulturanthropologie) stehen, soll sich die methodo- logische Vorgehensweise der Arbeit im wesentlichen an der kontrastiven Pragmatik und dem interaktionistischen Ansatz orientieren (nähere Ausfüh- rungen siehe Kapitel 2.2.).
Resultierend aus dem gewählten Analyseschwerpunkt ist es das Ziel dieser Arbeit, einen Überblick über die verschiedenen Problembereiche der inter- kulturellen Kommunikation in wirtschaftlichen Zusammenhängen zu schaf- fen und kritisch zu analysieren, zu welchen kommunikativen Problemen es kommen kann, wenn sich Manager in direkter Interaktion mit internationa- len Geschäftspartnern befinden.
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1. Einleitung
Die Arbeit ist in drei aufeinander aufbauende Teile gegliedert. Im ersten Teil wird der theoretische Rahmen für die Analyse gesteckt. Dabei wird zu- nächst der Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation vorgestellt, die verschiedenen relevanten Forschungsansätze diskutiert und die methodologische Grundlage für die Arbeit näher erläutert (Kapitel 2). Im Anschluß folgt eine definitorische Abgrenzung der zugrundeliegenden Beg- riffe Kultur, Kommunikation, interkulturelle Kommunikation, Wirtschaft und interkulturelle Wirtschaftskommunikation (Kapitel 3).
Der folgende Hauptteil beschäftigt sich mit der Frage: Welche sprachlichen und kommunikativen Problembereiche treten in der Kommunikation zwi- schen international agierenden Managern als Angehörige verschiedener Kulturen auf? Dabei soll die linguistische Analyse exemplarisch ausgewähl- ter interkultureller Phänomene der direkten mündlichen Kommunikation in Abgrenzung zu weiteren Problemfeldern im Vordergrund stehen. Zunächst werden allgemeine Phänomene und Voraussetzungen interkultureller Kom- munikation vorgestellt (Kapitel 4). Dem schließt sich ein kurzes Kapitel an, indem mündliche und schriftliche Wirtschaftskommunikation voneinander abgegrenzt werden (Kapitel 5). Anhand der vier Dimensionen verbal, para- verbal, nonverbal und extraverbal wird nun eine kontrastive Analyse mit exemplarischen Beispielen aus verschiedenen Kulturen vorgenommen (Ka- pitel 6-9), der sich eine interaktionistische Analyse des kommunikativen Stils anschließt (Kapitel 10). In einem letzten Abschnitt wird das Rezipien- tenverhalten als Quelle für Mißverständnisse (Kapitel 11) und die Proble- matik des Sprachmittlerdiskurses anhand eines gesonderten Kapitels über die Rolle des Übersetzers (Kapitel 12) thematisiert.
Im dritten Teil wird ein zuvor theoretisch diskutiertes Problem an einem konkreten Kommunikationsbeispiel illustriert. Aufgrund der großen kultu- rellen Distanz und der damit zu erwartenden Mißverständnisse wurde hier- für die Kommunikation zwischen westlichen und asiatischen Managern ausgewählt (Kapitel 13).
5 1. Einleitung
In der abschließenden Schlußbetrachtung werden nicht nur die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengefaßt, sondern es findet auch ein kurzer Transfer der erzielten Ergebnisse in die Fremdsprachendidaktik statt, um somit die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit im Forschungs- bereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation hervorzuheben und die Relevanz und die Bedeutung der linguistischen Analyse zu betonen (Kapitel 14).
6
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
I. TEIL: EINFÜHRUNG IN THEMENSPEZIFISCHE
GRUNDLAGEN
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschafts-
kommunikation
In Anlehnung an die These von Bernd-Dietrich Müller (1991) wird die Ana- lyse von kommunikativen Handlungen im Rahmen von Wirtschaftsbezie- hungen unter Beteiligung von Personen aus verschiedenen Ländern bzw. Kulturen in dieser Arbeit als Teil des Forschungsbereichs Interkulturelle Kommunikation und nicht als Sonderfall einer engeren Fachsprachen- Linguistik betrachtet (vgl. MÜLLER 1991: 27). Grund dafür ist die Tatsache, daß sich die Fachsprachenforschung bisher kaum mit interkultureller Kom- munikation in der Wirtschaft beschäftigt hat. Bis vor wenigen Jahren stan- den in diesem Forschungsbereich hauptsächlich lexikalische, syntaktische und textuelle Aspekte im Vordergrund. Hier sind insbesondere kontrastiv angelegte Untersuchungen durchgeführt worden. Pragmatische bzw. dis- kursbezogene Aspekte der Wirtschaftskommunikation wurden dabei ver- nachlässigt. Erst seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts ent- standen Arbeiten in diese Richtung (vgl. z.B. KEIM 1994).
2.1. Entwicklung und Stand der Forschung
Bereits in der Einleitung zu dieser Arbeit wurde die Grundannahme er- wähnt, daß Kommunikation in interkulturellen Kontexten grundsätzlich störanfälliger verläuft als ‚normale’, intrakulturelle Kommunikation. For- schungsüberblicke zur interkulturellen Kommunikation blicken relativ ein- heitlich auf eine ca. zwanzig- bis dreißigjährige Entwicklung interkultureller Kommunikation als Gegenstand der akademischen Forschung zurück (vgl. u.a. REHBEIN 1985b: 8-9; HINNENKAMP 1994b: 47).
7
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Ihre Wurzel hat diese Forschung in den USA. Im deutschsprachigen Raum ist der Forschungsbereich Interkulturelle Kommunikation noch relativ jung, gleichwohl aber ein Gebiet mit zunehmenden öffentlichen Interesse. Im Vorwort des Bandes Analyzing Intercultural Communication heißt es in diesem Zusammenhang:
Intercultural communication has since long become an everyday
experience for more and more people in the world. But although the relation between language and culture has always been a topic in the history of linguistics and although descriptions of sociocul- tural differences in language use, too, have a continual tradition, it is only since the recent past that problems of intercultural communication have become an area of focal interest for a larger part of the linguistic profession (KNAPP/ENNINGER/KNAPP- POTTHOFF 1987: V)
Neben der Fremdsprachendidaktik und der Konzeptionierung und Durch- führung von Trainingsangeboten entstand Ende des 20. Jahrhunderts das neue Arbeitsfeld Interkulturelle Wirtschaftskommunikation innerhalb der interkulturellen Kommunikationsforschung (vgl. LUCHTENBERG 1999: 9). Aufgrund der Komplexität interkultureller Kommunikation bleibt innerhalb der Forschung ein rein linguistischer Zugriff von vorneherein unzureichend: „The complexity of this subject necessitates an interdisciplinary and multi- perspectival approach“ (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: V). Wichtige Bezugsdisziplinen sind insbesondere die Kulturanthropologie, die Psychologie und die Soziologie und im Bereich der interkulturellen Wirt- schaftskommunikation natürlich auch Disziplinen wie Wirtschafts-, Politik- und Sozialwissenschaften und Fremdsprachendidaktik (ROCHE 2001: 9). In der modernen Linguistik haben Fragestellungen zur interkulturellen Kommunikation spätestens mit Beginn der 80ziger Jahre einen festen Platz erhalten; untersucht wurden und werden vor allem die Schlüsselprobleme interkultureller Kommunikation wie „fehlgeschlagene Kommunikation“ und „Mißverständnisse“ (REHBEIN 1985b: 9), deren zukünftige Vermeidung ei- nen wissenschaftlichen Vorlauf, d.h. die Beschreibung und Erklärung ihrer wichtigsten Ursachen erfordert. In der Bundesrepublik Deutschland gehen die ersten Arbeiten zur interkulturellen Kommunikation aus linguistischer
8
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Sicht auf die Erforschung von Interaktionen zwischen Deutschen und Migranten in Schulen und anderen Institutionen zurück (vgl. REHBEIN 1985b: 8-9). 2
2.2. Ansätze und methodologische Grundlage der Arbeit
Seit den 70ziger Jahren befassen sich unterschiedliche Forschungsrichtun- gen – von der Sozialpsychologie über die Anthropologie, Soziologie und Fremdsprachenforschung bis hin zur Linguistik – mit Schwierigkeiten, die in interkulturellen Interaktionen auftreten. Diese Forschungsrichtungen ver- bindet die Beobachtung, daß Kommunikationsprozesse zwischen Angehöri- gen verschiedener Kulturkreise leichter zum Scheitern verurteilt sind, als solche zwischen Angehörigen derselben Kulturgruppe (vgl. STREEK 1985: 103). Die Ursachen für dieses Scheitern versuchen verschiedene Ansätze anhand unterschiedlicher methodischer Vorgehensweise und Fragestellun- gen herauszufiltern.
Im Forschungsbereich interkulturelle Kommunikation, sowie in der vielfäl- tigen Literatur, unterscheidet man grundsätzlich zwei Ansatzmöglichkeiten. Auf der einen Seite kontrastive Analysen, die aufgrund eines Vergleichs von unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Verhaltensweisen und Verhaltenserwartungen Probleme in der interkulturellen Kommunikation zu erklären versuchen, wobei hier prototypisch auf den Bereich der Kontrasti- ven Pragmatik verwiesen werden kann. Auf der anderen Seite werden Ana- lysen von interkultureller Kommunikation als konkrete Begegnungen unter- sucht, die in die Interaktion hineinwirkende und/oder aus der Interaktion herauswirkende kulturspezifische Ursachen für Mißverständnisse interpre- tieren (vgl. HINNENKAMP 1994b: 51/ROST-ROTH 1994: 35).
2 Für weiterführende Informationen zur Forschungsgeschichte der interkulturellen Kom-
munikation und Wirtschaftskommunikation wird u.a. die Lektüre von REHBEIN
(1985b: 7-9), REUTER/SCHRÖDER/TIITTULA (1991: 96-109) empfohlen.
9
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
2.2.1. Der Kontrastiv-pragmatische Ansatz
Volker Hinnenkamp zufolge lassen sich im Bereich der Sprachwissenschaft kontrastive gegenüber interaktionstheoretisch orientierte Ansätze unter- scheiden. Insbesondere die Kontrastive Pragmatik und die Interaktionale Soziolinguistik haben sich als eigenständige Richtungen herauskristallisiert (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53-58). Hinnenkamp subsumiert aus den Arbei- ten innerhalb der kontrastiven Pragmatik die Annahme, Sprechakte und In- teraktionsstile unterschiedlicher Kulturen könnten einander gegenüberge- stellt und verglichen werden. In interkulturellen Kontaktsituationen inter- pretieren Muttersprachler und Nichtmuttersprachler den Stil des anderen jeweils nach den Regeln, die sie auch ihrem eigenen kommunikativen Han- deln zugrunde legen. Sprechakte und Interaktionsstile werden also von Hö- rern nach Dekodierungsregeln interpretiert, die sich von denen des Spre- chers mehr oder weniger unterscheiden. Die dadurch entstandene Fehlkom- munikation wird in der kontrastiven Pragmatik daher dem interkulturellen Umfeld zugeschrieben (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53).
Aufgabe der kontrastiven Pragmatik ist es, die Strukturen und deren Funkti- on in allen Sprachen und Kulturen, die an einer interkulturellen Kontaktsi- tuation beteiligt sind, zu beschreiben. Ähnlichen Strukturen zweier Spra- chen wird häufig in jeder einzelnen Sprache eine unterschiedliche Funktion zugeordnet. Denkbar ist umgekehrt auch der Ausdruck derselben Funktion in Form voneinander divergierender Strukturen. Schlimmstenfalls wird durch den Gebrauch einer bestimmten Struktur nicht nur die gewünschte Funktion in einer anderen Sprache nicht erzielt, sondern eine völlig andere Funktion ausgelöst. In diesem Fall wird die Existenz einer Fehlkommunika- tion den beteiligten Sprechern zunächst gar nicht bewußt. Beide Partner kommen nach ihren eigenen Regeln zu einer schlüssigen Interpretation. Ganz deutlich wird für sie eine bestimmte pragmatische Funktion ausge- drückt, die ihnen jedoch in der Situation meist als unangemessen erscheint.
Möglichkeiten der Fehlkommunikation lassen sich auf allen verbalen und nonverbalen Ebenen finden. Als Beispiel nennt Hinnenkamp Irritationen, die auftreten können, wenn ein Sprecher in Situationen Komplimente macht,
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2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
in denen dies nach Auffassung der anderen Kultur unangemessen ist. Nichtmuttersprachler können im Deutschen oft nur schwer unterscheiden, in welchen Situationen sie ihr Gegenüber duzen oder siezen sollen (vgl. HINNENKAMP 1994b: 53).
Untersucht man in der kontrastiven Pragmatik zunächst völlig isolierte Sprechakte, so ist Hinnenkamp zufolge die Forschung heute dazu überge- gangen, Datenmaterial nach ethnographischen Methoden in ihrem speziellen Kontext zu erfassen. Hat man einen Sprechakt innerhalb eines soziokulturel- len Systems genau untersucht und seine Funktion in diesem System zuge- schrieben, so kann in anderen soziokulturellen Systemen nach äquivalenten oder zumindest ähnlichen Sprechakten gesucht werden. Finden sich Ent- sprechungen, so können nun Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Ver- hältnis von Struktur und Funktion beschrieben werden. Hinnenkamp be- mängelt, daß diese Forschungsrichtung bisher nicht darüber hinausgekom- men ist, lediglich stereotype Sprechakttypen wie unterschiedliches Anrede- verhalten oder Höflichkeitsfloskeln zu analysieren (vgl. HINNENKAMP 1994b: 54). Darüber hinaus kritisiert er, daß die kontrastive Pragmatik dabei meist keine interkulturellen Kontaktsituationen untersucht, sondern nur un- terschiedliche Standards beschrieben hat. Lediglich die Autoren Gass und Varonis legen eine Studie vor, die Kontaktsituationen aus kontrastiv- pragmatischer Perspektive untersucht (vgl. GASS/VARONIS 1991).
Hinnenkamp verweist schließlich auf einige methodologische Schwächen der kontrastiven Pragmatik. Ihm zufolge ist bereits die Unterstellung, man könne in zwei verschiedenen Kulturen Sprechakte mit gleicher oder ähnli- cher Funktion finden, eine Annahme, für die keine ersichtlichen Gründe e- xistieren. Hinnenkamp zufolge unterstellt der Forscher allein mit der Suche nach ähnlichen Sprechakte deren Existenz. Auf dieser Basis läßt sich die Frage formulieren, ob es Funktionen von Sprechakten gibt, die universeller Natur sind, oder ob derartige Funktionen grundsätzlich kulturgebunden sind (vgl. HINNENKAMP 1994b: 54).
Dem Ansatz entsprechend liegt auch ein bestimmtes Kulturverständnis vor. Um einander ähnliche Sprechakte in zwei soziokulturellen Systemen zu i-
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2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
dentifizieren, müssen vorab Situationen denkbar sein, die in beiden Kultu- ren existieren, um eine gleiche Basis für möglichst ähnliche Sprechakte de- finieren zu können. Diese Forderung unterstellt logischerweise auch auf kul- tureller Ebene die Erwartbarkeit äquivalenter, wenn nicht sogar gleicher si- tuativer Muster. Hinnenkamp zufolge ist auch diese Annahme nicht haltbar und reduziert die tatsächliche Unterschiedlichkeit von Kulturen (vgl.
HINENKAMP 1994a: 54). Die aus kulturvergleichenden Studien gewonne-
nen, kontrastiven Thesen implizieren darüber hinaus grundsätzlich die eige- ne kulturelle Perspektive des Forschers, aus der die herausgearbeiteten Un- terschiede beschrieben werden. Hartmut Schröder warnt daher vor dem permanenten Ethnozentrismus, den kulturkontrastive Untersuchungen bein- halten (vgl. SCHRÖDER 1998: 41).
2.2.2. Interaktions-/prozeßorientierte Ansätze
Ungleich der kontrastiven Pragmatik gehen Arbeiten aus der Richtung der interaktionalen Soziolinguistik nicht von der grundsätzlichen Existenz stan- dardisierter Situationen und entsprechender Sprechakttypen aus. Statt des- sen unterstellen Forscher dieser Richtung, daß Interaktionspartner die ge- meinsame Interpretation ihrer Situation immer individuell und permanent aushandeln. Anstelle standardisierter Sprechaktsituationen orientieren sich Sprecher aus dieser Perspektive an sogenannten ‚Kontextualisierungshin- weisen’. John J. Gumperz (vgl. z.B. GUMPERZ 1982: 130ff), den Hinnen- kamp (und andere Autoren wie Knapp, Rost-Roth, Günthner etc.) als Be- gründer dieses Ansatzes nennt, versteht darunter Zeichen unterschiedlichs- ter Form, die in den Bereichen der Kinetik, der Proxemik, der Prosodie, des Blickverhaltens, der zeitlichen Plazierung, der Sprachwahl, der lexikali- schen Variation oder der sprachlichen Formulierung zu finden sind. Unter- stellt die Kontrastive Pragmatik interkulturelle Unterschiede im Verhältnis von Struktur und Funktion eines Sprechaktes, so konstatieren Arbeiten der Interaktionalen Soziolinguistik, daß diese Kontextualisierungshinweise in jeder Kultur unterschiedlich ausfallen. Beide Ansätze erklären so auf unter- schiedliche Weise das selbe Phänomen: aufgrund der kulturellen Differen-
12
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
zen kommt es in interkulturellen Kontaktsituationen zu Fehlkommunikation (vgl. HINNENKAMP 1994b: 56).
Im Gegensatz zu den von der Kontrastiven Pragmatik unterstellten Unter- schieden, wirken die der Interaktionalen Soziolinguistik jedoch auf einer weitaus unbewußteren Ebene. Die Kontextualisierungshinweise jeder Kultur gelten in ihr als konventionalisiert und werden von ihren Mitgliedern nicht mehr wahrgenommen. Erkennen Sprecher also nach ihrem eigenen Muster einen Kontextualisierungshinweis, der von ihrem fremdkulturellen Interak- tionspartner nicht als solcher beabsichtigt war, so führt dies automatisch zu einer Fehlinterpretation, die nicht einmal als solche erkannt wird. Hartmut Schröder zufolge führen derartige unaufgeklärte Mißverständnisse statt des- sen zu einer verstärkten Stereotypenbildung (vgl. SCHRÖDER 1998: 46). Im Hinblick auf vorgefallene Mißverständnisse führt Hinnenkamp weiter aus, daß selbst anschließende Reparaturversuche meist zum Scheitern verur- teilt sind, da auch bei ihnen von konventionalisierten Kontextualisierungs- hinweisen Gebrauch gemacht wird (vgl. HINNENKAMP 1994b: 56). Gass und Varonis dagegen sehen in Mißverständnissen sowohl eine Gefahr als auch eine Chance: Während unaufgeklärte Mißverständnissen zur einer Stereoty- penbildung führen können, so ist es möglich, daß die erfolgreiche Aufklä- rungen eines Mißverständnisses zur positiven interpersonalen Verständi- gung beitragen kann (vgl. GASS/VARONIS 1991: 142). Gass und Varonis, die den Umgang mit Mißverständnissen in interkulturellen Kontaktsituationen aus interaktionstheoretischer Perspektive betrachten, arbeiten außerdem die Bedingungen zu einer erfolgreichen Verständigung heraus, die sich aus die- sem Ansatz ergeben. Können sich Interaktionspartner in interkulturellen Kontaktsituationen nicht mehr auf vorhandene Kontextualisierungshinweise stützen, so sind sie in um so größeren Maße auf die erfolgreiche interaktio- nale Aushandlung der Situation angewiesen. Gass und Varonis zufolge hän- gen sowohl Möglichkeit als auch Bereitschaft der beteiligten Personen zu einer interaktiven Konversation insbesondere von den kontextuellen Bedin- gungen ab und sind somit großen Schwankungen unterworfen (vgl. GASS/VARONIS 1991: 138).
13
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Dem Ansatz entsprechend liegt der Interaktionalen Soziolinguistik auch ein anderes Kulturverständnis zugrunde als der Kontrastiven Pragmatik. Stellt die Kultur für letztere eine standardisierte Struktur dar, in die sich Sprechakttypen an jeweils interkulturell äquivalenten Stellen einbetten lie- ßen, so wird Kultur für die interaktionale Soziolinguistik zum Inbegriff spe- zieller kognitiver Wissensstrukturen. Kultur beinhaltet für die betroffenen Individuen ein Arsenal erworbener Wissensstrukturen, die es ihnen ermög- licht, ihre Umwelt sinnstiftend zu interpretieren. Zu dieser Ebene gehören auch die Gumperzschen Kontextualisierungshinweise (nähere Ausführungen folgen in Kapitel 10). Kultur wird aus dieser Perspektive zum determinieren- den Aspekt für die Lebenswelt der Individuen, aus denen sich diese nur schwerlich herauslösen können (vgl. HINNENKAMP 1994b: 57).
Abschließend sei erwähnt, daß weitere Methoden (wie. z.B. die Diskursana- lyse) in den letzten Jahren Eingang in die linguistische Erforschung inter- kultureller Kommunikation gefunden haben (siehe u.a. GÜNTHNER 1993: 24ff). Ihre Darstellung und Diskussion würde aber den Rahmen dieser Ar- beit überschreiten.
2.3. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation für die
Wirtschaft
Weltweit und europaweit sind Unternehmen längst miteinander vernetzt. Daher ist in Deutschland politische und wirtschaftliche Unternehmenskom- munikation seit langem keine monokulturelle Angelegenheit mehr. Für die Bundesrepublik beinhaltet Unternehmenskommunikation schon immer in- terkulturelle Aspekte. Gründe dafür sind ihre vorwiegend exportorientierte Wirtschaft, sowie eine hohe Zahl an Migrationsarbeitern (vgl. u.a. BRÜNNER 2000: 39ff, MÜLLER 1991b: 27ff).
Die Kommunikation von Mitarbeitern innerhalb eines Unternehmens ist be- reits eine große Herausforderung. Noch anspruchsvoller ist es, wirtschaftli- che Beziehungen zwischen verschiedenen Firmen und Unternehmenskultu- ren zu gestalten. In einer Zeit dynamischer Kooperation über alle Grenzen hinweg geht es in Theorie und Praxis der Wirtschaftskommunikation ver-
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2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
stärkt um den Umgang mit Kulturunterschieden. Interkulturelle Kommuni- kation ist zu einem wesentlichen Teil eines interkulturell ausgerichteten Managementansatzes geworden (vgl. z.B. ROTHLAUF 1999; FISCHER 1996). Sprach-, Kommunikation-, und Kulturkenntnisse, so genannte ‚soft skills’, werden z.B. für den Umgang mit ausländischen Kunden gebraucht. Wer im Ausland ein Produkt verkaufen will, muß es dem Geschäftspartner mög- lichst leicht machen, das angepriesene Waren- und Dienstleistungsangebot zu verstehen und zu bewerten. In der Fachliteratur wird allgemein von der interkulturellen Handlungs- und Kommunikationskompetenz als Qualifika- tionsmerkmal bzw. Schlüsselqualifikation des modernen Managements ge- sprochen. Als Beispiel sind hier spezielle Anforderungsprofile für ‚Euro- Manager’ zu nennen (vgl. BARMEYER 2000: 267ff, HINKE 1991: 219ff, ROTHLAUF: 1999: 66ff). Dementsprechend ist das primäre Ziel der Semina- re und Trainingseinheiten zur interkulturellen (Wirtschafts-)Kommunikation die Erweiterung der interkulturellen Handlungskompetenz. Aufgrund dessen ist die Nachfrage nach interkultureller (Weiter-)Bildung in den letzten Jah- ren explosionsartig gestiegen.
Die zunehmende Internationalisierung einer Vielzahl von Arbeitsfeldern drückt sich zum einen in der quantitativen Zunahme der traditionellen Außenbeziehungen aus, zum anderen bewirkt sie eine neue Qualität der Be- gegnung von kulturdifferenten Werten, Wahrnehmungs- und Interpretati- onsschemata. Solche kulturellen Erfahrungen gehören also im wachsenden Maße zum Alltag des Zusammenlebens und -arbeitens. Sie manifestieren sich im Alltag in spezifischen Handlungs- und Kommunikationsformen und erfordern im Beruf die Bereitschaft zu längeren Auslandsentsendungen und die Fähigkeit zur Kooperation in multikulturellen Arbeitsteams. Wenn man den Anteil und die Bedeutsamkeit kommunikativer Tätigkeiten im Anforde- rungsprofil von Führungskräften zugrunde legt, stellt Kommunikation einen zentralen Aufgabenbereich im Management dar. Aufgaben wie z.B. Perso- nalführung, Entscheidungsfindung, Öffentlichkeitsarbeit oder Verhand- lungsführung sind umfangreich mit Kommunikation verbunden (vgl. HINKE 1991: 219ff).
15
2. Forschungsbereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation
Empirische Untersuchungen belegen, daß Führungskräfte zwischen 60% und 80% ihrer täglichen Arbeitszeit für Kommunikation verwenden. Einen ebenso hohen Stellenwert nehmen Tätigkeiten im internationalen Manage- ment ein; Auslandsmanager verbringen die Hälfte ihrer Zeit in Verhandlun- gen (vgl. HERBRAND 2000: 58).
Nahezu alle Ziele, die internationale Unternehmen mit der Entsendung von Führungskräften verfolgen, erfordern ein hohes Maß an Kommunikation mit Vertretern des Gastlandes. Hierzu gehören beispielsweise der Transfer von Know-how, die Ausbildung lokaler Mitarbeiter, die Verbesserung der Kom- munikation mit dem Stammhaus, sowie die Durchsetzung einer einheitli- chen Unternehmenspolitik (vgl. HINKE 1991: 219ff, STATTLER 1994: 386- 388).
Die asiatischen Länder stehen dabei in den letzten Jahren verstärkt im Blickfeld westlicher Firmen. Sie stellen aufgrund ihrer kostengünstigen Produktionsweise für Europa einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar. In be- ziehungsorientierten Systemen, wie sie in Asien zu finden sind, ist es für ei- nen deutschen Auslandsmitarbeiter besonders wichtig, persönliche Kontakte über die reine Arbeits- und Geschäftsbeziehung hinaus zu pflegen. Diese er- fordern fast zwangsläufig eine weitergehende Verständigungsmöglichkeit als nur eine Drittsprache (wie z.B. die Verkehrsprache Englisch) (vgl. Knapp 1995: 8-24).
Aber auch die wirtschaftliche Verständigung innerhalb Europas ist aufgrund der geringen Kulturdistanz und der unterstellten Ähnlichkeit der Sprachen bzw. Kulturen ein häufig unterschätztes Problem. Europa hat im Verhältnis zu seinem geographischen Gebiet die größte Konzentration von verschiede- nen Kulturen. In Europa zu leben und zu arbeiten heißt, „sich der Notwen- digkeit des Umgangs mit Unterschiedlichkeit bewußt zu sein“ (STATTLER 1994: 385). Aufgrund dessen beschäftigen sich viele Autoren mit der Kom- munikation zwischen Angehörigen zweier europäischer Staaten (vgl. hierzu z.B. FISCHER 1996, KEIM 1994).
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3. Begriffsdefinitionen
3. Begriffsdefinitionen
In der vorliegenden Arbeit soll der potentielle Einfluß von Interkulturalität in interpersonalen wirtschaftlichen Kommunikationssituationen analysiert werden. Kultur und Kommunikation sind sehr eng miteinander verbunden; wie Edward Hall schon sagte: „Culture is communication“ (HALL 1976). Gleichwohl ist es angesichts der unüberschaubaren Vielfalt der Definitionen von ‚Kultur’ und ‚Kommunikation’ notwendig, die der folgenden Analyse zugrundeliegende Verwendung dieser Begriffe offenzulegen. 3
3.1. Die wechselseitige Verknüpfung von Kultur und
Sprache
Alle Sprachwissenschaftler teilen die Überzeugung, daß zwischen Sprache und Kultur ein enger Zusammenhang besteht (vgl. u.a. ROCHE 2001: 16, GÜNTHNER 1993: 23). „Daß Sprache und Kultur zusammenhängen, ist tri- vial“, schreiben Knapp/Knapp-Potthoff (1990: 63). Doch es besteht eine ge- wisse Schwierigkeit, die zentralen Begriffe des Forschungsbereichs Inter- kulturelle (Wirtschafts-)Kommunikation eindeutig zu definieren.
In most of the work done under the label of ‘intercultural communica- tion’, the notations of culture and communication are very broad and vague, indeed. (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: 3).
3.1.1. Der zugrundliegende Kulturbegriff
Spricht man von interkultureller Kommunikation als Kommunikation zwi- schen Angehörigen unterschiedlicher Kulturen, so spielt der zugrundelie- gende Kulturbegriff eine maßgebliche Rolle bei der Eingrenzung des Unter- suchungsgegenstands.
3 Aus Raumgründen kann die Auseinandersetzung mit den Begriffen nur in einer extrem reduzierten Weise erfolgen. Insbesondere ist es im Rahmen dieser Arbeit nicht mög- lich, auf die Bibliotheken füllende Problematik des Kulturbegriffs oder auf begriffli- che Differenzierungen zwischen ‚interkulturell’, ‚interethnisch’ oder ‚cross-cultural’ einzugehen; zu letzterem sei auf Knapp/Knapp-Potthoff (1987)verwiesen.
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3. Begriffsdefinitionen
Die prägnanteste Kulturdefinition stammt von dem niederländischen Kul- turanthropologen Geert Hofstede. In seinem Werk Kulturen und Organisati- onen nennt Hofstede Kultur „die Software des Geistes“ (HOFSTEDE 1994:
5). Entsprechend dieser Ansicht ist Kultur die mentale Programmierung, die jedes Mitglied einer gegebenen Gemeinschaft, Nation, Organisation oder Gruppe erlebt und entsprechend derer er voraussichtlich folgerichtig han- deln wird. Kultur so verstanden, enthält eine Menge „alltäglicher und ge- wöhnlicher Dinge des Lebens, wie z. B. begrüßen, essen, zeigen oder ver- bergen von Emotionen, Körperabstand zu anderen, lieben oder Körperhy- giene“ (HOFSTEDE 1994: 5). Im Sinne der kognitiven Kulturanthropologie wird daher Kultur als ein zwischen Gesellschaftsmitgliedern geteiltes Wis- sen an Standards des Wahrnehmens, Glaubens, Bewertens und Handelns verstanden. Es bezieht sich auf Weltbilder, Werte, soziale Normen und Handlungsmuster, die in der sozialen Interaktion der Gesellschaftsmitglie- der manifestiert werden (vgl. GÜNTHNER 1993: 17-19).
Es erscheint sinnvoll, sich dem Beispiel einiger anderer Autoren. (z.B. Bar- meyer und Litters) anzuschließen und mit zwei „komplementären Kultur- begriffen“ zu arbeiten (BARMEYER 2000: 20). Der Begriff von Hofstede wird in dieser Arbeit durch den von Clifford Geertz, einem US- amerikanischen Kulturanthropologen, ergänzt. Dieser verwendet einen se- miotischen Kulturbegriff, d.h. Kultur ist nach seiner Auffassung ein System von Bedeutungen und damit ein ‚semantisches Inventar’. Kultur stellt somit einen geteilten Kontext dar, der den Individuen die richtige Interpretation von Symbolen und Zeichen ermöglicht. Das kulturell bedingte Handeln, in dem sich Symbole manifestieren, und auch die Bedeutung von Sinnhaftig- keiten, die im kollektiven System gespeichert und kommuniziert werden, stehen im Vordergrund (vgl. GEERTZ 1987: 9).
Aus linguistischer Sicht betonen Knapp, Enninger und Knapp-Potthoff in diesem Zusammenhang:
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3. Begriffsdefinitionen
In short, what is interesting as ‚cultural’ in linguistics analyses of in-
tercultural communication are those properties of the shared knowl- edge of a social group which, because of their distinctiveness, cause or may cause trouble in interaction with members of another group (KNAPP/ENNINGER/KNAPP-POTTHOFF 1987: 5).
Das heißt, daß Kultur nicht als eine statische, sondern als eine dynamische und innerhalb einer bestimmten Gesellschaft nicht homogene, sondern hete- rogene Form sprachlichen Handelns verstanden wird, so daß fehlgeschlage- ne Kommunikation und Mißverständnisse nicht nur interkulturell sondern auch intrakulturell bedingt sein können (vgl. REHBEIN 1985b: 30).
Sprache spiegelt die Kultur als System wieder, in dem sich das Individuum mehr oder minder frei entwickeln kann (vgl. HOFSTEDE 1993: 19). Das Grundgerüst für die Sprache bilden Syntax, Grammatik und Vokabular. Doch auch wenn Individuen dieselbe Sprache sprechen, bedeutet das noch nicht, daß sie dasselbe denken oder sogar dieselbe Meinung vertreten. Denn jedes Individuum verfügt über seinen eigenen Wortschatz, seine eigene Le- benswirklichkeit und kann innerhalb der Gesellschaft individuelle und ein- zigartige Haltungen und Absichten zum Ausdruck bringen.
In der interkulturellen Forschungsliteratur nehmen die meisten Autoren un- geachtet der Vielschichtigkeit des Kulturbegriffs eine enorme Vereinfa- chung in Kauf. So hält Jürgen Bolten im Falle interkultureller Wirtschafts- kommunikation eine Gleichsetzung kultureller Differenzierung mit nationa- len Grenzziehungen für erforderlich (vgl. BOLTEN 1995: 28). Das heißt, eine Kultur wird üblicherweise gleichgesetzt mit einer Gesellschaft, die durch nationalstaatliche Grenzen oder eine Menge von konstanten ethnischen Merkmalen wie Rasse, Sprache, Religion usw. von anderen Gesellschaften unterscheidbar ist. Eine nationale (z.B. die deutsche) oder ethnische (z.B. die arabische) Kultur ist allerdings kein homogenes Gebilde. Kulturelle Standards und ihre Manifestationen variieren zwischen unterschiedlichen Teilgruppen s.g. Subkulturen der Gesellschaft (vgl. MALETZKE 1996: 16- 17). Sigrid Luchtenberg räumt ein, daß in den weitaus Fällen im Bereich der interkulturellen Forschung auf die Unterschiede nationaler Kulturen mit
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3. Begriffsdefinitionen
dazugehörigen unterschiedlichen Sprachen zurückgegriffen wird (vgl. LUCHTENBERG 1999: 17).
Auch in der vorliegenden Arbeit soll eine derartige Auffassung Verwen- dung finden. Wenngleich eine derartige Abgrenzung nicht unproblematisch ist, so ist doch eines festzuhalten: Bei allen Unterschieden, die für sie je- weils spezifisch sind, umfassen Subkulturen stets einen gemeinsamen Kern an Weltbildern, Werten, Normen und Handlungsmustern, die sie als zu einer bestimmten Kultur gehörig ausweisen. Auch die Organisationskulturen von Unternehmen reflektieren deshalb die Kultur, in die sie eingebettet sind (vgl. PEILL-SCHOELLER 1994: 111ff).
Abschließend ist noch die Kulturdistanz als ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang zu nennen. Niederländer, Dänen und Schweizer sind den Deutschen vertrauter als Inder oder Japaner. Die einen stehen der eigenen Kultur näher, die anderen erscheinen weit entfernt. Mit den Worten nah und fern ist eine Dimension angesprochen, der bei der interkulturellen Begeg- nung große Bedeutung zukommt. Je mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Völkern existieren, um so geringer ist die Kulturdistanz und je weniger Ge- meinsamkeiten, desto größer ist die Kulturdistanz. Das heißt für die inter- kulturelle Kommunikation: Je geringer diese Distanz ist, desto einfacher und wahrscheinlicher ergibt sich ein adäquates Verstehen der anderen Seite. Bei größerer Kulturdistanz dagegen kommt es leichter zu einem Mißverste- hen oder Nicht-Verstehen (vgl. REHBEIN 1985b: 27ff).
3.1.2. Sprache und Kommunikation
Miteinander kommunizieren ist ein Grundphänomen menschlichen Zusam- menlebens. Allgemein beschreibt Kommunikation den Austausch, die Ver- ständigung und den Prozeß der Übermittlung von Informationen durch Aus- druck und Wahrnehmung von Zeichen jeder Art. Bei der einfachsten Art der Kommunikation zwischen zwei Personen hat der Sender ein bestimmtes Bild im Kopf, codiert dieses mit Hilfe der Sprache und übermittelt diesen Code. Der Empfänger hört nun das gesprochene Wort, decodiert es und (er-) kennt, im Idealfall, das Bild des Senders (vgl. LUCHTENBERG 1999: 9-10). Von einer reibungslosen Kommunikation kann allerdings erst dann gespro-
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2002, Interkulturelle Wirtschaftskommunikation - Analysen von Erscheinungsweisen und Problemfeldern, Munich, GRIN Publishing GmbH
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