Der Begriff des Sklaven bei Aristoteles unterscheidet sich wesentlich von dem Begriff, den wir heute vom Sklaven haben. Aristoteles sieht den Sklaven als unentbehrlichen Bestandteil der Familie und dieser ist somit einer der fundamentalen Elemente des Staates. Der Sklave ermöglicht das gute Leben in der Polis, in dem er für den Erhalt der Familie sorgt. Er ermöglicht es dem Herrn sich mit anderen, wichtigeren Dingen als die des täglichen Lebens zu beschäftigen und ist somit neben der Tugend des Herrn eine der Voraussetzungen für politische und philosophische Aktivität. Um diesen Zusammenhang darzustellen werde ich in der folgenden Hausarbeit zunächst das Umfeld des Sklaven, die Familie bzw. das Haus näher betrachten. Danach werde ich darauf aufbauend die spezifische Bedeutung des Begriffes des Sklaven bei Aristoteles untersuchen. Dabei sind immer wieder Bezüge zum Aufbau des Staates bei Aristoteles notwendig, da die Verhältnisse in den Gemeinschaften von der Mikroebene der Familie, eigentlich sogar schon die „Nanoebene“ der Seelenteile, bis zur Makroebene der Polis analog zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Des Weiteren werde ich den Unterschied zwischen Sklaven nach Gesetz und Sklaven nach Natur zum Gegenstand meiner Untersuchung machen, um abschließend einige Parallelen zwischen der Sklaverei zur Zeit von Aristoteles und der Sklaverei unserer Zeit zu ziehen. Ausgangspunkt hierbei ist der Vorwurf gegen Aristoteles, er habe der Sklaverei die philosophischen Weihen erteilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung
2. Der Begriff des Sklaven bei Aristoteles
2.1 Der Begriff der oikia
2.2 Der Begriff des Sklaven
2.3 „Sklave von Natur“ und „Sklave von Gesetz“
3. Moderne und alte Sklaverei
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Sklavenverständnis des Aristoteles im Kontext seiner politischen Philosophie, setzt es in Bezug zur damaligen sozialen Realität und stellt es der modernen Sklaverei gegenüber, um die philosophische Legitimation und die historischen Unterschiede zu verdeutlichen.
- Aristotelische Definition der Sklaverei und Einordnung in das System der oikia.
- Unterscheidung zwischen dem Sklaven von Natur und dem Sklaven von Gesetz.
- Funktion des Sklaven als "beseeltes Werkzeug" für den Erhalt des Hauses.
- Vergleichende Analyse zwischen antiker Sklaverei und heutigen Formen der Ausbeutung.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Vorwurf der philosophischen Rechtfertigung von Unfreiheit.
Auszug aus dem Buch
2.2 DER BEGRIFF DES SKLAVEN
Die spezifische Bedeutung des Begriffes des Sklaven bei Aristoteles macht einen weiteren Hauptunterschied zum heutigen Begriff des Sklaven deutlich. Der Beherrschte braucht die Abhängigkeit zum Herrschenden genauso wie dieser den Beherrschten. Die Beziehung ist von beiderseitigem Vorteil. Der Sklave ist Teil des Herrn, unverzichtbarer, notwendiger Teil des Hauses. Sowohl Herr als auch Haus brauchen den Sklaven zur Erwerbstätigkeit, also zur Ernährung und somit zur Selbsterhaltung. Derart unverzichtbar wird der Sklave bei Aristoteles dadurch, dass er, im Gegensatz zum Herrn, rein physisch zur Bewältigung körperlicher Arbeit in der Lage ist. Ohne den Sklaven wäre somit der Herr nicht fähig, sich und die Familie zu ernähren, da ihm nämlich über die Vernunft und über die Tugend nur leitende, organisierende und planende Fähigkeiten zukommen; er ist sozusagen der Manager des Oikia-Konzerns. Körperliche Arbeit kann der Herr nicht verrichten, da er seine Zeit für wichtigere Tätigkeiten verwenden soll, nämlich für Politik und Philosophie, wozu ein hohes Maß an Tugend erforderlich ist; außerdem besteht für Aristoteles zwischen Tugend und körperlicher Arbeit eine Unverträglichkeit.
„Die Wissenschaft des Herrn aber besteht darin, dass er die Sklaven zu gebrauchen versteht, denn nicht darin zeigt sich der Herr, dass er Sklaven erwirbt, sondern darin, dass er sie richtig gebraucht.“ Der Herr gebraucht den Sklaven also für Dienste zum Erhalt der Familie, so wie der Sklave seinerseits Werkzeuge gebraucht, um diese Dienste zu verrichten. Möchte der Herr beispielsweise das Haus heizen, damit die Familie nicht erfriert, verwendet er den Sklaven, damit dieser Feuer macht. Der Sklave geht also Holz hacken und macht damit Feuer, dabei verwendet er als Werkzeug die Axt. Der Herr benutzt also das Werkzeug (organon) Sklave um Feuer zu machen mit dem Zweck zu Heizen. Der Sklave benutzt das Werkzeug Axt um Holz zu hacken mit dem Zweck Feuer zu machen. Ein einfaches Beispiel, das zeigen soll, dass das Endziel der Handlung „Familienerhalt durch Heizen“ dem Herrn bewusst ist und er die nötigen Schritte einleitet, ohne selbst körperlich aktiv zu werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkung: Die Einleitung umreißt die Motivation der Arbeit, den aristotelischen Sklavenbegriff vor dem Hintergrund der antiken Polis zu untersuchen und Vorwürfe der philosophischen Rechtfertigung kritisch zu prüfen.
2. Der Begriff des Sklaven bei Aristoteles: Dieses Kapitel erläutert das System der Abhängigkeiten innerhalb der oikia und definiert den Sklaven sowohl als Teil des Haushaltes als auch als lebendiges, notwendiges Werkzeug des Handelns.
2.1 Der Begriff der oikia: Hier wird die natürliche Gemeinschaft des Hauses als grundlegendes Element des Staates beschrieben, in der Herrschaftsverhältnisse der Selbsterhaltung dienen.
2.2 Der Begriff des Sklaven: Dieser Abschnitt fokussiert auf die komplementäre Abhängigkeit zwischen Herr und Sklave, wobei der Sklave körperliche Arbeit leistet, während der Herr tugendhafte Tätigkeiten wie Politik ausübt.
2.3 „Sklave von Natur“ und „Sklave von Gesetz“: Hier erfolgt die Differenzierung zwischen Menschen, die aufgrund ihrer Natur für die Unterordnung bestimmt sind, und solchen, die durch Kriegsgefangenschaft unfrei werden.
3. Moderne und alte Sklaverei: Es wird ein systematischer Vergleich zwischen der antiken Sklaverei und der heutigen, oft kriminell organisierten Ausbeutung gezogen, unter Einbeziehung ökonomischer und ethischer Unterschiede.
4. Schlussbemerkung: Das Fazit stellt fest, dass der Sklavenbegriff des Aristoteles ein historisches Konstrukt ist, das nicht direkt auf heutige Werte und Menschenrechtsvorstellungen übertragen werden kann.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Sklaverei, Politik, oikia, Sklave von Natur, antike Philosophie, Selbsterhaltung, Herrschaftsverhältnis, Menschenwürde, Hausgemeinschaft, moderne Sklaverei, Ausbeutung, tugendhaftes Handeln, griechische Antike, Arbeitsteilung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Begriff des Sklaven bei Aristoteles und setzt diesen in den Kontext der häuslichen Gemeinschaft und des antiken Staatsverständnisses.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die soziale Struktur der oikia, die philosophische Rechtfertigung von Sklaverei bei Aristoteles sowie ein Vergleich mit heutigen Formen der Sklaverei.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Sklavenverständnis des Aristoteles differenziert zu beleuchten und der modernen Kritik an seiner angeblichen philosophischen Legitimierung von Unfreiheit zu begegnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-historische Untersuchung, die Primärquellen (Aristoteles' Politik) und fachspezifische Literatur zur Sklaverei analysiert und in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Umfelds (oikia), die Definition des Sklaven als beseeltes Werkzeug, die Unterscheidung zwischen natürlicher und rechtlicher Sklaverei sowie eine vergleichende Analyse zur modernen Sklaverei.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Aristoteles, oikia, Sklaverei, Selbsterhaltung, Menschenwürde und den Vergleich zwischen antiken und modernen Herrschaftsstrukturen charakterisiert.
Wie unterscheidet Aristoteles den "Sklaven von Natur" vom "Sklaven von Gesetz"?
Der Sklave von Natur ist aufgrund seiner intellektuellen Beschaffenheit dazu prädestiniert, geleitet zu werden, während der Sklave von Gesetz meist durch Kriegsfolgen unverschuldet in die Unfreiheit geriet.
Warum ist der Vergleich zwischen antiker und moderner Sklaverei problematisch?
Der Vergleich ist problematisch, da die moderne Sklaverei auf universellen Menschenrechten basiert und kriminell agiert, während das antike System gesellschaftlich und rechtlich in die Polis-Struktur integriert war.
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- Bruno Gransche (Author), 2004, Der Begriff des Sklaven bei Aristoteles, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30947