Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 2
2. Zur Rezeption von Literatur in der höfischen Kultur des Mittelalters 3
3. Symbolische Elemente in der Kommunikation und Politik des
Mittelalters S. 5
4. Der „Willehalm“ Wolfram von Eschenbachs 7
4.1 Entstehung und Inhalt des „Willehalm“ 7
4.2 Zur Interpretationen der Munleun - Szene in der älteren
Forschung S. 10
4.3 Versuch der Auslegung der Szene unter Einbeziehung
neuerer Erkenntnissen der Mediävistik 12
5. Fazit 20
6. Bibliographie 21
1
1. Einleitung
Die Munleun - Szene in Wolfram von Eschenbachs „Willehalm“ ist schon oft von Literaturforschern diskutiert und interpretiert worden. Der Auftritt des Titelhelden vor dem König beim Hoftag stellt eine Schlüsselszene des Werkes dar. Zwischen den Beschreibungen der beiden großen Schlachten gegen die Heiden gelegen, wird hier das Schicksal der Provence besiegelt, in das die Heiden eingefallen sind. Nachdem Willehalm die erste Schlacht verloren hat, muss er in Munleun den König und die Fürsten dazu bewegen, ihn in der zweiten Schlacht zu unterstützen.
Willehalms Auftreten vor dem König ist jedoch nicht das eines Bittstellers. Vielmehr tritt er wütend und traurig auf und schleudert dem König wüste Beschimpfungen entgegen.
Um Willehalms Verhalten am Hof verständlich zu machen, und um zu zeigen, dass für die Zuhörer bzw. Leser im Mittelalter dieses Auftreten „lesbar“ war, möchte ich zunächst einige Fakten über die Rezeptionsbedingungen von Literatur im Mittelalter aufzeigen, und dann im dritten Kapitel dieser Arbeit zeigen, dass das öffentliche Auftreten und die öffentliche sowie private Kommunikation im Mittelalter von symbolischen Gebärden, Gesten und Emotionen geprägt waren, die von den mittelalte rlichen Menschen als verbindlich angesehen wurden. Im vierten Kapitel werde ich dann die Entstehungsgeschichte des „Willehalm“ kurz anreißen. Nach einem kurzen Exkurs durch ältere Interpretationen der Szene, die darin meist einen Gefühlsausbruch des Titelhelden und einen Gegensatz vom starken Fürsten und schwachen Herrscher sehen, möchte ich zeigen, dass aus Willehalms Verhalten auch eine andere Absicht herauslesbar ist. Dabei stütze ich mich auf Erkenntnisse von Gerd Althoff, Kathryn Starkey und Bernd Thum , die ich in den vorhergehenden Kapiteln präsentiert habe. Meine These lautet, dass sich Willehalm der Konventionen öffentlicher Kommunikation bewusst ist, dass er sich dieser Konventionen bedient und sie zum Teil bewusst missachtet, um sein Ziel, die Unterstützung des Königs für den Kampf gegen die Heiden, zu erreichen.
2
2. Zur Rezeption von Literatur in der höfischen Kultur des
Mittelalters
Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts war der größte Teil des Adels illiterat, also des Lesens und Schreibens unkundig. „Mit aller Selbstverständlichkeit hat Berthold von Regensburg (t 1272) die Laien pauschal als Leseunkundige angesprochen: ’Da ihr Laien nicht lesen könnt wie wir Kleriker’ “ 1 . Ausnahmen gab es, diese waren jedoch häufig auf die Tatsache zurückzuführen, dass Familienmitglieder, die zunächst für eine geistliche Laufbahn vorgesehen waren, wieder in das weltliche Leben zurückkehrten 2 . Lateinische Bildung scheint bis ins Spätmittelalter im deutschsprachigen Raum fast ausschließlich dem Klerus vorbehalten gewesen zu sein. Bumke führt den kaiserlichen Kanzler Wipo ∗ an, der
sich in seinem „Tetralogus“ darüber beklagt, dass die Kinder aus hochherrschaftlichem Hause nicht über lateinische Bildung verfügten, dass Bildung sogar als schimpflich angesehen wird, im Unterschied zu Italien, wo seit der Römerzeit die Kinder aus Adelsfamilien ausgebildet wurden 3 . Da Mädchen aus Adelskreisen zum Unterschied zu den Jungen religiöser erzogen wurden, konnten sie eher lesen und schreiben und hatten dadurch auch einen besseren Zugang zur höfischen Literatur. „Auf Grund ihrer besseren Bildung waren die adligen Frauen in höherem Maße als die Männer qualifiziert, in Fragen der Literatur mitzureden“ 4 . Dass Frauen in hohem Maße an Schöpfung und Rezeption von Literatur teilhatten, beweisen das ausgeprägte Mäzenatentum adliger Frauen besonders in der Frühzeit der höfischen Dichtung, wie auch die direkten Anreden der Dichter in ihren Werken, die sich oft direkt an ein weibliches Publikum richten 5 .
1 Bumke, „Höfische Kultur,“ S. 605
2 vgl. dazu Bumke, „Höfische Kultur“, S. 606
∗ Kanzler und Hofkaplan der Kaiser Kaisers Konrad II. und Heinrich III., Verfasser der „Gesta Chuonradi imperatoris“, einem Musterbeispiel der dynastisch geprägten Historiographie, die eine Anleitung zum Regieren für den Kaiser Heinrich III. darstellen sollte
3 vgl. dazu Bumke, „Höfische Kultur“, S. 602
4 Bumke, „Höfische Kultur“, S. 704
5 vgl. dazu Bumke, „Höfische Kultur“, S. 705
3
Doch wer waren die Leser bzw. Zuhörer, an die sich der Autor richtete? Bumke analysiert Urkunden, die aus der Zeit der ersten volkssprachigen Dichtungen erhalten sind, und aus der Kanzlei eines Literaturmäzenen stammen, und kommt zu dem Ergebnis, dass ein Kreis von 20 bis 25 Personen bestehend aus der Familie des Thüringer Fürsten und seine n engsten (adligen) Vertrauten an der Rezeption teilhatten. Diese konnten die großen Epen, deren Vorlesen sich über Wochen hinziehen konnte, gänzlich wahrnehmen. Bei Hoffesten stieg die Zahl der Zuhörer um ein Vielfaches an, doch konnten, der Dauer des Festes wegen, nur Teilstücke oder kurze Werke aufgeführt und somit auch von den Zuhörern rezipiert werden. Dies führt auch zu der Annahme, dass im Mittelalter das Literaturverständnis ein anderes ist als das unserer Zeit, in der Werke „als Ganzes“ aufgenommen und analysiert werden 6 .
Bei der Analyse eines mittelalterlichen Textes muss auch der Tatsache Rechnung getragen werden, dass er nicht lautlos gelesen, sondern vorgetragen oder wenigstens laut gelesen wurde. Somit verwandelt sich der Text in ein Werk dadurch, dass er den Klang der Stimme, Rhythmen und auch optische Elemente inkorporiert. Mimik, Stimme und Gesten fließen im Mittelalter in den Vortrag mit ein und lassen ein anderes Bild entstehen, eine andere Form der Wahrnehmung als die eines geschriebenen Textes. „Die Rede gibt sich als Erzählung, sie wird aber gleichzeitig im Klang der Stimme und in der Bewegung des Körpers, die ihr Ausdruck verleihen, zum Kommentar des Erzählten“ 7 . Gleichzeitig bezieht diese Form der performativen Aufführung den Zuhörer bzw. Leser enger mit ein, ihre Teilnahme am Erzählten ist direkter, da das Werk gleichzeitig gehört und gesehen wird. Die Beteiligung mehrerer Sinne an der Wahrnehmung erhöht auch die Authentizität, oder, um mit Zumthor zu sprechen: „Stimme und Geste liefern Wahrheit, sie haben zu überzeugen - oder zu überreden“ 8 . Das Publikum bringt bei der Rezeption des Werkes sein eigenes Wissen mit ein. Die Szenen, die geschildert wurden, konnten gedeutet werden, da die Zuhörer die präsentierten Symbole und symbolhafte Handlungen als solche erkannten, da sie
7 Zumthor, „Körper und Performanz“, in: Gumbrecht, Pfeiffer (Hrsg.) Materialität der Kommunikation S.708; vgl. dazu auch Wenzel/Lechtermann: „Repräsentation und Kinästhetik“
8 Zumthor, „Körper und Performanz“, in: Gumbrecht, Pfeiffer (Hrsg.) Materialität der Kommunikation S.708;
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auch in ihrer nächsten Umgebung in dieser Form stattfanden und einem festgelegten Schema folgten. In einer Gesellschaft, die vorwiegend mündlich ist, müssen Zeichen gesetzt werden, die dann von allen Beteiligten „gelesen“ werden können. In einer Zeit, in der Urkunden als Beweis eines Rechtaktes dienen und wo nicht, wie heute üblich, der Rechtsakt erst durch die Urkunde rechtskräftig wird, hatten Symbole und symbolisches Handeln eine herausragende Bedeutung 9 .
3. Zur Bedeutung symbolischer Elemente in der öffentlichen Kommunikation des Mittelalters
Im Gegensatz zur heutigen Zeit, in der Kommunikation von verbalen Äußerungen geprägt wird, war das Mittelalter eine Zeit, in der nonverbale Äußerungen i n der Öffentlichkeit eine große Rolle spielten. Nicht nur in der monastisch - kirchlichen, sondern auch in der weltlichen Sphäre begegnen uns im Mittelalter in der gleichen Intensität Gesten und Gebärden, Rituale und Zeremonien, mit deren Hilfe der mittelalterliche Mensch seinen Stand, seine Stellung anzeigen, aber auch Gefühle wie Freundschaft und Freude, Feindschaft und Unwillen ausdrücken konnte 10 . Auch wenn es im Mittelalter keine politischen Auseinandersetzungen gab, wie wir sie seit der Neuzeit her kennen, wo Diskussionen und der Austausch von öffentlichen Meinungen vorherrschen, so gab es doch eine öffentliche Sphäre, in der sich die Repräsentation von Herrschaft vollzog. Durch Repräsentation, nicht im Sinne von Stellvetretung, sondern von Zur - Schau - Stellung, grenzte sich der Adel ab und schaffte bzw. bestätigte die Gruppenidentität der Führungsschicht, indem er jedem politisch Handlungswilligen einen Platz in der Hierarchie zuwies 11 . Öffentlichkeit wurde im Mittelalter auf Hoffesten, Hof- und Reichstagen, Landtaidingen, städtischen Versammlungen u.ä. geschaffen, und Thum spricht in
9 vgl. dazu Bumke, „Höfische Kultur“, S. 636 ff
10 vgl. dazu Althoff, „Demonstration und Inszenierung“ in: ders. Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, S. 231 ff
11 Vgl. dazu ebd., S. 231ff, die Einführung in Ragotzky/ Wenzel (Hrsg.): „Höfische Repräsentation“, S. 7 ff sowie Wenzel „Repräsentation und schöner Schein am Hof und in der höfischen Literatur“, im gleichen Band, S. 171 ff
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Arbeit zitieren:
Hilke Dahinten, 2004, Interpretation der Munleun - Szene aus Wolfram von Eschenbachs Willehalm, München, GRIN Verlag GmbH
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