2
Und auch in den USA ist die RAF als Mode Erscheinung aktuell. Das amerikanischen Magazins „Eye Mag“ spekuliert derzeit darüber, ob bei BMW steigende Verkaufszah- 2 len zu erwarten sind, da das Akronym Baader-Meinhof-Wagen bedeutet.
„RAF goes Pop. Die Historisierung des bewaffneten revolutionären Kampfs mündet
in seine postmoderne Ästhetisierung. Politik wird zum Zitat, Leidenschaft zur Cool-
ness, Klassenkampf zum Kult: Mörder werden Mode. Der Mythos vom Kampf der
‚sechs gegen sechzig Millionen’ lebt. ‚Fetischisierung’ und ‚Verdinglichung’ waren die
soziologischen Begriffe gewesen, mit denen die Revolutionäre von einst diesen b i-zarren‚ gesellschaftlichen Prozess’ bezeichnet hatten, der sie nun zu Comicfiguren
3 macht.“
Was die RAF war, was sie wollte, was sie tat, rückt in den Hintergrund. Die Arbeit soll einerseits einen Überblick der Geschichte der Roten Armee Fraktion, von ihrer Entstehung 1970 bis zu ihrer Auflösung 1998, geben. Dieser Aspekt wird in Abschnitt 2 behandelt werden. Der Hauptteil jedoch - Kapitel 3 und 4 - wird sich mit der RAF als Modephänomen und Mythos im Zeitraum 1998 bis 2004 beschäftigen. Anhand von Zeitungsartikeln, Aufsätzen und gestellten Modefotos aus diversen Magazinen soll gezeigt werden, wie sich die RAF zum Pop-Phänomen entwickelt hat. In Kapitel 5 sollen die Gründe für das Phänomen beleuchtet, und die die Fragen beant-wortet werden, wie und ob sich die Faszination für das Thema Terrorismus erklären lässt, und was zur Mythenbildung führte. Wie kann es sein, dass eine terroristische Organisation, die für den Tod zahlreicher Unschuldiger verantwortlich ist, plötzlich als Pop gilt?
Außerdem soll der Frage, ob sich der Terror-Kult nach dem 11. September 2001 verändert hat, nachgegangen werden.
Weiterhin soll untersucht werden, welche Rolle bei dem Thema die Medien spielen. Vermarkten sie die RAF? Wenn ja, wird Terrorismus durch diese Art von Vermarktung verharmlost? Ist Terror-Kult gefährlich?
Und schließlich soll beantwortet werden, ob der RAF-Trend noch etwas mit Politik zu tun hat.
Zunächst stellt sich allerdings die Frage, wer die Rote Armee Fraktion war und welche Ziele sie hatte.
2 [http://www.eyemag.com/]
3 [Reinhard] [Mohr]: „[Die Prada-Meinhof-Bande]“, [Spiegel Online] ([27.02.02]).
3
2. Die Geschichte der RAF
Die sechziger und siebziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland waren geprägt von Protestaktionen - überwiegend von Studenten - gegen den Staat. Die Forderungen b egannen mit hochschulpolitischen Themen, weiteten sich jedoch mehr und mehr aus und mündeten in den Ruf nach einer radikalen Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse. Die in den Nachkriegsjahren groß gewordene Generation kritisierte aus neomarxistischer Sicht die bürgerliche Demokratie und die kapitalistische Warenwelt. D iskussionen über die Legitimität des W iderstandes und der Gewalt schlossen sich an, zumal diese auch in anderen westlichen Industriegesellschaften geführt wurden. Damit wurde der Idee des gewaltsamen Aufbegehrens gegen die bestehende Ordnung ihr Tabucharakter genommen und gewann an allgemeiner Akzeptanz. Viele fühlten s ich zum bewaffneten Widerstand gegen den U nrechtsstaat 4 geradezu verpflichtet.
Die anfangs noch harmlosen Studentendemonstrationen führten 1968 zur Bildung einer linksextremistischen militanten Terrororganisation: Der Roten Armee Fraktion (RAF). Für diese galt der Staat als Klassenfeind, der die Bevölkerung unterdrückt und ausbeutet. Um der Ungerechtigkeit entgegenzutreten, sah die RAF keine andere Möglichkeit, als Gewalt einzusetzen. Die Empörung über das verhasste System, die Nazi-Vergangenheit vieler Politiker u nd Wirtschaftsführer sowie die Duldung der Grausamkeiten des Vietnamkriegs seitens der Bundesregierung führten von 1970 an zu zahlreichen Gewaltakten in Form von Attentaten, Entführungen und Überfällen. Die RAF entwickelte das „Konzept Stadtguerilla“, ein Plan zum Befreiungskampf: „Stadtguerilla zielt darauf, den staatlichen Herrschafts-apparat an einzelnen Punkten
zu destruieren, stellenweise außer Kraft zu setzen, den Mythos von der Allgegenwart
5 des Systems und seiner Unverletzlichkeit zu zerstören.“
Nach der Verhaftung der Gründungsmitglieder der Roten Armee Fraktion im Jahre 1972 konzentrierte sich der Kampf hauptsächlich auf Aktionen zur Freipressung der Inhaftierten. So wurde unter anderem der Berliner Kammergerichts-präsident Günter von Drenkmann ermordet und der CDU-Politiker Peter Lorenz entführt. Außerdem überfiel eine Gruppe von RAF-Anhängern die deutsche Botschaft in Stockholm. Dabei starben zwei Botschaftsangehörige und zwei Terroristen.
4 Vgl. [Peter] [Waldmann]: [Terrorismus]. [Provokation der Macht], [Bonn] [1998], [S.77].
5 [Stefan] [Aust]: [Der Baader Meinhof Komplex]. [München] [1998], [S. 647].
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Den Höhepunkt der Terrorwelle bildete der so g enannte Deutsche Herbst im Jahr 1977. In diesem Jahr wurden Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Vor-standsvorsitzende der Dresdner Bank, Jürgen Ponto von Terroristen ermordet. Auch Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde von einem Kommando der RAF gekidnappt. Außerdem entführten palästinensische Terroristen, die mit der Roten Armee Fraktion verbündet waren, ein Lufthansa-Flugzeug auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt mit 82 deutschen Urlaubern und 5 Besatzungsmitgliedern an Bord. Der Flugkapitän wurde von einem der Entführer getötet, die restlichen Passagiere jedoch nach vier Tagen befreit. Dabei starben drei der vier Terroristen. Auf Grund der gescheiterten Flugzeugentführung begingen die Gründer der Baader-Meinhof-Bande in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim kollektiven Selbst-mord. Sie hatten sich, trotz des eigens zur Terrorbekämpfung eingeführten Kontaktsperregesetztes, verständigen können und es geschafft, Waffen in ihre Zellen einzuschmuggeln.
Daraufhin wurde auch Schleyer, der mittlerweile 43 Tage Gefangener der RAF war, hingerichtet.
Zwar wird der Deutsche Herbst als Hochphase des deutschen Terrorismus bezeichnet, doch gab es auch in den nachfolgenden Jahren zahlreiche schwerwiegende Anschläge, Entführungen und Ermordungen - so unter anderem die Tötung des Vor-standsvorsitzenden der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, 1989, und des Treu-handchefs Detlev Karsten Rohwedder, 1991. Der letzte Anschlag der Roten Armee Fraktion galt der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt im März 1993. Durch 200kg Sprengstoff wurde das gerade neu errichtete Gebäude zerstört; Der Sachschaden betrug 100 Millionen DM.
Im Jahr 1998 ging schließlich ein achtseitiges Schreiben bei der Nachrichtenagentur Reuters ein, in dem die RAF ihre endgültige Auflösung verkündete.
2.1 Die erste Generation
Zu den Gründern der Roten Armee Fraktion gehörten unter anderem der 1943 in München geborene Andreas Baader, die Hamburger Journalistin Ulrike Meinhof und die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin. Obwohl die RAF insgesamt über 100 Mitglieder zählte, gehören sie auch noch fast 30 Jahre nach ihrem Tod zu den Hauptpersonen, wenn es um das Thema Terrorismus in Deutschland geht.
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Andreas Baader und Gudrun Ensslin trafen sich 1967 in Berlin. Gudrun Ensslin lebte dort als Studentin mit ihrem Verlobten und dem gemeinsamen Kind. Schon zu der Zeit beteiligte sie sich aktiv an den studentischen Protestaktionen und lernte in di esem Zusammenhang Andreas Baader kennen. Sie teilten den Hass gegen die Bundesrepublik Deutschland und beschlossen 1968, ein politisches Zeichen gegen den Kapitalismus zu setzen: Gemeinsam mit zwei weiteren Studenten legten sie Brandsätze in westdeutschen Kaufhäusern, wurden j edoch einen Tag später verhaftet. Das Urteil lautete: Drei Jahre Gefängnis. Bereits 14 Monate später - am 13. Juni 1969waren sie wieder auf freiem Fuß. Die Haftbefehle w urden zunächst unter Auflagen solange aufgeschoben, bis über die von den Anwälten eingelegte Revision entschieden sei. Als dieser im November 1969 nicht stattgegeben wurde, beschlossen die Angeklagten unterzutauchen. Baader wurde erneut festgenommen und am 14. Mai 1970, mit Hilfe der damals unter anderem durch ihre Arbeit als Kolumnistin bei der Zeitschrift „konkret“ bekannten Ulrike Meinhof, befreit. Diese hatte bei der Gefängnisleitung angegeben, mit ihm ein Buch über randständige Jugendliche schreiben zu wollen, und erreichte eine Ausführung des Gefangenen in ein wissenschaftliches I nstitut zur angeblichen Literatursichtung. Nach einer Schießerei, bei der ein Aufseher schwer verletzt wurde, entkamen die Terroristen durch einen Sprung aus dem Fenster. Ulrike Meinhof beendete damit endgültig ihre journalistische Karriere und entschloss sich zum Gang in den Untergrund. Gemeinsam mit Baader und Ensslin fungierte sie als Kopf der RAF - damals zunächst in Ermittlerkreisen Baader-Meinhof-Bande genannt -, und war vor allem für die Texte und Bekennerschreiben der Organisation zuständig. Zur Baader-Befreiung, die als Geburtsstunde der RAF gilt, formulierte sie:
„ …und wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in Uniform
ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzu-
setzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit
6 diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“
Den Fahndern entkommen, absolvierten die Terroristen zunächst eine monatelange militärische Guerilla-Ausbildung in einem palästinensischen Camp der Befreiungsorganisation El Fatah in Jordanien, bevor die ersten blutigen Anschläge in Deutschland verübt wurden.
6 [Stefan] [Aust]: [Der Baader Meinhof Komplex]. [München] [1998], [S. 31].
Arbeit zitieren:
Annika Hoffmann, 2004, Die RAF als Mythos und Pop-Phänomen, München, GRIN Verlag GmbH
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