I
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis III
1 Einleitung und Gang der Arbeit. 4
2 Innovationen auf dem Markt für Standardsoftware. 7
2.1 Der Innovationsbegriff 7
2.1.1 Produkt- und Prozeßinnovationen 7
2.1.2 Inkrementelle und radikale Innovationen. 8
2.1.3 Modulare und architektonische Innovationen 9
2.1.4 Sequentielle Produktinnovationen. 10
2.2 Produktinnovationen auf dem Markt für Standardsoftware 11
2.2.1 Definition und Segmentierung des Marktes 11
2.2.2 Historie und Klassifizierung der Produktinnovationen 12
3 Die Perspektive der Innovationsökonomik. 14
3.1 Ansätze der Innovationsökonomik. 14
3.1.1 Schumpeter als Ausgangspunkt. 15
3.1.2 Neoklassische und neue Wachstumstheorie. 17
3.1.3 Mikroökonomische Ansätze der Innovationsökonomik. 17
3.1.3.1 Empirisch-funktionale Ansätze 18
3.1.3.2 Neoklassische Ansätze 18
3.1.3.3 Neo-schumpeterianische Ansätze 20
3.2 Der Markt für Standardsoftware und die Auswirkung von
Unternehmensgröße und Marktstruktur auf die Innovationsdynamik 25
3.2.1 Ökonomische Eigenschaften von Software. 25
3.2.2 Unternehmensgröße und Innovationsaktivität. 27
3.2.3 Einfluß der Marktstruktur und weiterer industriespezifischer
Faktoren 35
II
3.3 Die Innovationsdynamik auf dem Markt für Standardsoftware aus
der Perspektive der angebotsorientierten Innovationsökonomik 37
4 Die Perspektive der Netzwerkökonomik 40
4.1 Netzwerkeffekte bei Softwareprodukten. 41
4.2 Eigenschaften von Netzwerkmärkten. 43
4.2.1 Die Entwicklung der Marktstruktur und der Einfluß von
Erwartungen 43
4.2.2 Wechselkosten und Lock-In-Effekt. 46
4.3 Innovationsdynamik auf Netzwerkmärkten 46
4.3.1 Der Wettbewerb zwischen etablierten und innovativen
Netzwerkgütern 46
4.3.2 Innovationsverhalten auf Netzwerkmärkten. 53
4.4 Die Innovationsdynamik auf dem Markt für Standardsoftware aus
der Perspektive der Netzwerkökonomik 55
5 Schlußbetrachtung 58
Anhang 1: Tabelle der analysierten Softwarehersteller 61
Literaturverzeichnis 62
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Überblick über die Ansätze der Innovationsökonomik.
Abbildung 2: FuE-Ausgaben in des Umsatzes, 1992-2001.
Abbildung 3: Neue Vergleichsgruppen: FuE-Ausgaben in des Umsatzes,
1993-2003.
Abbildung 4: Ein „The Winner takes it all-Markt“
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Durchschnittliche Höhe der jährlichen FuE-Ausgaben
in des Umsatzes, 1993-2003
4
1 Einleitung und Gang der Arbeit
Ein wesentliches Merkmal, das den Menschen derzeit von Schimpansen und anderen nichtmenschlichen Primaten unterscheidet, ist nach einer Untersuchung des Anthropologen Michael Tomasello die Fähigkeit, Innovationen bewusst zu 1 erzeugen, beizubehalten und an seine Kinder und Mitmenschen weiterzugeben.
Die Geschichte der Menschheit ist tatsächlich geprägt von einem permanenten und kumulativen Erkenntniszuwachs in Wissenschaft und Technik, der sich im wirtschaftlichen Bereich durch die Anwendung neuer Technologien in innovativen Produktionsprozessen und Produkten regelmäßig widerspiegelt. Insbesondere universell nutzbare Technologien wie zum Beispiel die Dampfmaschinen-, die Elektro- und die Informationstechnik haben weitere Innovationen ermöglicht und die gesamtwirtschaftliche Entwicklung maßgeblich 2 beeinflusst. So ist die Softwareindustrie in den letzten beiden Jahrzehnten auf der Grundlage fortschrittlicher Computertechnik zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig herangewachsen. Allein der weltweite Markt für nicht kundenspezifische Standardsoftware, der vor allem PC-Betriebssysteme und standardisierte Anwendungsprogramme umfaßt, wird von der OECD auf ein Volumen von 196 Mrd. US-Dollar für das Jahr 2001 geschätzt, wobei die Wachstumsrate dieses Marktsegmentes in den letzten 10 Jahren 12,5 Prozent 3 betragen hat. Die Erfassung des differenzierten Marktes für spezialisierte Programmierdienstleistungen, IT-Betreuung und -Beratung gestaltet sich dagegen relativ komplex, da ein großer Teil der Leistungen intern in den jeweiligen Unternehmen erbracht wird. Die OECD schätzt hier das Gesamtvolumen, unter Berücksichtigung der internen Leistungen, auf 1.377 Mrd. US-Dollar für das Jahr 4 2001. Darüber hinaus hat sich die Softwareindustrie auf der Beschäftigungsseite
zu einem wichtigen Arbeitgeber entwickelt. In den G7-Staaten wurde die Zahl der Arbeitsplätze in diesem Sektor für das Jahr 1999 auf über 4,1 Mio. taxiert, hiervon 5 entfallen über 1,8 Mio. auf die USA. Dort sind außerdem 8 der 10 größten
1 Vgl. Tomasello, M. (1999), S. 14 ff.
2 Vgl. Rosenberg, N. (1982), S. 58-62, Perez, C. (1983), S. 357-375; Bresnahan, T.F. und
Trajtenberg, M. (1995), S. 83-108; Nefiodow, L. (1996), S. 12-14.
3 Vgl. OECD (2002), S. 320.
4 Vgl. OECD (2002), S. 267, 320.
5 Vgl. OECD (2002), S. 312.
5
globalen Softwareunternehmen ansässig, die den Markt für Standardsoftware in 6 verschiedenen Marktsegmenten dominieren. Die Microsoft Corporation ist hier
bei einem Umsatz von 28,4 Mrd. US-Dollar im Jahr 2002 das mit Abstand größte Softwareunternehmen weltweit und besitzt als Produzent des marktführenden PC-Betriebssystems und als Anbieter darauf aufbauender Anwendungsprogramme 7 eine besondere Dominanz in dem Marktsegment der PC-Standardsoftware. In
den letzten Jahren sind in diesem Zusammenhang zwei große Antitrust-Verfahren 8 gegen Microsoft in den USA geführt worden. Im Rahmen der
prozeßbegleitenden wirtschaftswissenschaftlichen Erörterung wurden dabei die Folgen der marktbeherrschenden Stellung Microsofts für die Innovationsdynamik 9 auf dem Softwaremarkt kontrovers diskutiert.
Die Diplomarbeit wird sich vor diesem Hintergrund im 2. Kapitel zunächst der Bestimmung des Begriffs der „Innovation“ und einer kurzen Betrachtung von Innovationstypen auf dem Markt für Standardsoftware zuwenden. Im 3. Kapitel konzentriert sich die Arbeit auf die Perspektive der angebotsorientierten Innovationsökonomik in bezug auf die Erklärung der Innovationsdynamik auf Gütermärkten. Der Markt für Standardsoftware wird dabei in die Betrachtung miteinbezogen. Ausgehend vom Werk Schumpeters, werden verschiedene Ansätze der mikroökonomisch ausgerichteten Innovationsökonomik dargestellt. Auf der Grundlage dieser Ansätze und unter Berücksichtigung der besonderen ökonomischen Eigenschaften von Software richtet sich der Fokus dann auf folgende Themenfelder:
(1) Welche Auswirkungen haben Unternehmensgröße, Marktstruktur und weitere industriespezifische Faktoren auf die Innovationsaktivität?
(2) Welche Erkenntnisse ergeben sich bei der Betrachtung der Innovations-
6 Vgl. OECD (2002), S. 67.
7 Vgl. Microsoft Annual Report (2002), S. 34.
8 Vgl. Gröhn, A. (1999), S. 19.
9 Vgl. Liebowitz, S.J. und Margolis, S.E. (1999), S. 245-268; Gilbert, R.J. und Katz, M.L.
(2001), S. 25-44.
6
Im 4. Kapitel werden eingangs die Bedeutung von Netzwerkeffekten und die besonderen Eigenschaften von Netzwerkmärkten erläutert. Um einen Transfer der netzwerkökonomischen Erkenntnisse in die Betrachtung der Innovationsdynamik auf dem Markt für Standardsoftware zu ermöglichen, werden dann, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Microsofts, folgende Fragestellungen auf der Basis theoretischer Modellansätze und empirischer Betrachtungen behandelt:
(1) Welche Auswirkungen haben Netzwerkeffekte auf den Wettbewerb zwischen etablierten und innovativen Netzwerkgütern? (2) Wie gestaltet sich das Innovationsverhalten von Unternehmen vor dem
märkten? (3) Welche zukünftigen Entwicklungen könnten die Innovationsdynamik auf
Die spezielle Relevanz der Netzwerkökonomik für das Forschungsgebiet der Innovationsökonomik wird in der Schlußbetrachtung bewertet. Dabei wird deutlich, daß die Netzwerkökonomik eine sinnvolle und zeitgemäße Erweiterung des Curriculums der Innovationsökonomik darstellt.
7
2 Innovationen auf dem Markt für Standardsoftware
2.1 Der Innovationsbegriff
Der Begriff „Innovation“ als Substantiv bezieht sich im Rahmen einer weiten Definition nach Grupp auf eine realisierte Menge von Ideen im ökonomischen, 10 technologischen, politischen, kulturellen oder sozialen Bereich. Eine eindeutige
Festlegung des theoretischen Konstruktes der „Innovation“ ist dabei vor dem Hintergrund der multidisziplinären Verwendung nicht möglich. Im wirtschaftswissenschaftlichen Kontext ist der Innovationsbegriff geprägt durch die ergebnisorientierte Definition des österreichischen Nationalökonomen J. A. 11 Schumpeter. Unter einer Innovation versteht Schumpeter die Durchsetzung einer neuen Kombination von Produktionsfaktoren, wobei er fünf Varianten 12 unterscheidet:
1. Die Herstellung eines neuen Produktes bzw. einer neuen Produktqualität 2. Die Einführung einer neuen Produktionsmethode 3. Die Erschließung neuer Absatzmärkte 4. Die Erschließung neuer Beschaffungsmärkte 5. Die Neuorganisation von Unternehmen und Märkten
2.1.1 Produkt- und Prozeßinnovationen
Neben organisatorischen Neuerungen und neuen Absatz- bzw. Angebotsmärkten unterscheidet Schumpeter also vor allem zwischen Produktinnovationen und Prozeßinnovationen. Der letzteren Differenzierung folgt auch die OECD in ihrem „Oslo Manual“, in dem Richtlinien zur Definition technologischer Innovationen 13 für statistische Zwecke erarbeitet wurden. Nach dieser Quelle wird eine
Produktinnovation als ein neues oder ein wesentlich verbessertes Produkt verstanden, dessen Leistungscharakteristik sich signifikant von existierenden
10 Vgl. Grupp, H. (1997), S. 15.
11 Vgl. Scherer, F.M. (1984), S. 8; Stoneman, P. (1994), S. 2 f.; Grupp, H. (1997), S. 15.
12 Vgl. Schumpeter, J.A. (1993), S. 100 f.
13 OECD (1995)
8
14 Produkten unterscheidet. Eine Prozeßinnovation ist dagegen die Einführung
einer neuen oder wesentlich effizienteren Produktionsmethode. Diese kann durch neue Ausrüstungsgüter, eine Veränderung der Produktionsorganisation oder 15 beides hervorgerufen werden. Eine Abgrenzung von Produkt- und
Prozeßinnovation kann jedoch nicht immer eindeutig vorgenommen werden. Kuznets (1972) und Grupp (1997) zeigen anhand von Beispielen aus der Automobilindustrie bzw. der Landwirtschaft auf, daß die Produktinnovation eines 16 Sektors zu der Prozeßinnovation eines anderen Sektors werden kann. Coombs et
al. (1987) betonen jedoch die Zweckmäßigkeit der Abgrenzung im Hinblick auf die mögliche und klare Unterscheidung zwischen innovativen Endprodukten auf der Konsumgüterseite und effizienzorientierten industriellen Prozeß- 17 innovationen. Letztlich erscheint es sinnvoll, die Zuordnung von Produkt- bzw. Prozeßinnovationen auf der Grundlage einer empirischen Gesamtbetrachtung vorzunehmen.
2.1.2 Inkrementelle und radikale Innovationen
Eine zusätzliche qualitative Differenzierung zwischen verschiedenen Innovationstypen erlaubt die Klassifizierung einer Innovation nach ihrem Neuheitsgrad und ihrer Wirkung auf Unternehmen und Märkte. In der innovationsökonomischen Literatur werden dabei vor allem zwei polare Typen 18 unterschieden :
• Inkrementelle Innovationen verbessern die Leistungscharakteristik bestehender Produkte oder Prozesse. Einzelne inkrementelle Innovationen haben jedoch keine wesentliche Wirkung auf Unternehmen und Märkte.
• Radikale oder große Innovationen sind dagegen Innovationen, die 19 diskontinuierlich zum Status Quo erfolgen. Sie können dabei in Form
substantiell neuer Produkte oder Prozesse auftreten, die neben existierende Produkte und Prozesse treten oder sie verdrängen. In Einzelfällen verändern
14 Der Begriff “Produkt” umfaßt dabei sowohl Güter als auch Dienstleistungen. Vgl. OECD
(1995), S.31.
15 Vgl. OECD (1995), S. 31 f.
16 Dabei wird gezeigt, wie zwei Produktinnovationen der Kraftfahrzeug- bzw.
Maschinenindustrie (Traktor und Industrieroboter) zu neuen Produktionsmethoden in den
genannten Sektoren geführt haben. Vgl. Kuznets, S. (1972), S. 433; Grupp, H. (1997), S. 85.
17 Vgl. Coombs, R. et al. (1987), S. 29.
18 Vgl. Freeman, C. und Perez, C. (1988), S. 45-47; OECD (1993), S. 115.
19 Vgl. Schumpeter, J.A. (1993), S. 100; Utterback, J.M. (1994), S. 200.
9
radikale Innovationen Unternehmen und lokale Märkte in starker, teilweise zerstörerischer Weise.
Eine Kombination aus inkrementellen und radikalen Innovationen kann nach Freeman und Perez in Verbindung mit organisatorischen Innovationen zu einer grundlegenden Veränderung einer oder mehrerer Branchen führen oder auch neue 20 Märkte schaffen. Bei einer hohen Innovationsdynamik und einer Anhäufung radikaler und inkrementeller Innovationen kann darüber hinaus ein technoökonomischer Paradigmenwechsel stattfinden, der die gesamtwirtschaftliche Entwicklung beeinflusst.
Grundsätzlich stellt sich bei der Einteilung nach inkrementellen und radikalen Innovationen jedoch das Problem der Messung des Neuheitsgrades und der ökonomischen Wirkung. Einen Ansatz zur Lösung dieser Adäquationsaufgabe sieht Grupp in der technometrischen Typisierung von Innovationen anhand der durch das Innovationsereignis hervorgerufenen Veränderung des jeweiligen 21 Eigenschaftsbündels.
2.1.3 Modulare und architektonische Innovationen
Henderson und Clark kritisieren die relativ einfache Unterscheidung zwischen inkrementellen und radikalen Innovationen in bezug auf Produktinnovationen, weil deswegen in der Realität zu beobachtende, scheinbar geringfügige Produktveränderungen außer acht gelassen werden, die zum Teil eine erhebliche 22 Auswirkung auf Unternehmen und Märkte haben. Sie definieren vor diesem
Hintergrund zwei weitere Innovationstypen, die vor allem bei technischen Gütern, 23 die aus mehreren komplementären Komponenten bestehen, vorzufinden sind:
• Eine modulare Innovation umfaßt dabei die grundlegende Veränderung bzw. den Austausch einer oder mehrerer Komponenten, ohne daß die Beziehungen 24 der Komponenten untereinander verändert werden. Der Ersatz eines
20 Vgl. Freeman, C. und Perez, C. (1988), S. 46 f.
21 Vgl. Gupp, H. (1997), S. 136-139.
22 Im folgenden vgl. Henderson, R.M. und Clark, K.B. (1990), S. 9-13.
23 „Komplementär“ bedeutet hier, daß die Komponenten gemeinsam zur Verfügung stehen
müssen, um einen Nutzen zu stiften. Vgl. Martiensen (2002), S. 1.
24 Vgl. Henderson, R.M. und Clark, K.B. (1990), S. 12.
10
analogen Telefons durch ein digitales Telefon in einer Telefonanlage stellt dabei beispielsweise eine modulare Innovation dar.
• Bei einer architektonischen Innovation kommt es dagegen zu einer Rekonfiguration der Beziehungsstruktur zwischen den Komponenten, wobei inkrementelle Änderungen an einzelnen Komponenten nicht ausgeschlossen werden. Das zentrale Konstruktionskonzept der einzelnen Komponenten bleibt jedoch erhalten. Ein aktuelles Beispiel einer architektonischen Innovation sind moderne Mobiltelefone, die zusätzlich mit einem Betriebssystem ausgestattet werden, das die verschiedenen Hard- und Softwarekomponenten steuert.
2.1.4 Sequentielle Produktinnovationen
Lawless und Anderson (1996) sowie Turner et al. (2003) identifizieren mit der 25 sequentiellen Produktinnovation einen Innovationstypus, der eine spezielle 26 Form der inkrementellen Innovation darstellt. Eine sequentielle
Produktinnovation hat dabei zwei wesentliche Eigenschaften. Zum einen verbessert die neue Produktgeneration in signifikanter Weise die Leistungscharakteristik bestehender Produkte. Zum anderen ist sie trotz neuer Eigenschaften rückwärtskompatibel zu den Vorgängerprodukten, so daß beide Produktgenerationen zunächst miteinander im Wettbewerb stehen. Eine Verdrängung der alten Produktgeneration vollzieht sich typischerweise im Zeitablauf vor dem Hintergrund der Entwicklung des Kompatibilitätsgrades und des Preis-Leistungs-Verhältnisses oder aufgrund veränderter Kundenpräferenzen.
Im folgenden Abschnitt wird nun dargestellt, welche Innovationstypen den Markt für Standardsoftware bisher geprägt haben.
25 Im Englischen wird der Terminus „generational product innovation” verwendet.
26 Vgl. Lawless, M.W. und Anderson, P.C. (1996), S. 1187 f.; Turner, S.F. et al. (2003), S. 3 ff.
11
2.2 Produktinnovationen auf dem Markt für Standardsoftware
2.2.1 Definition und Segmentierung des Marktes
Software ist ein essentieller Bestandteil eines funktionierenden Computersystems. Sie besteht aus einem maschinenlesbaren und speicherbaren Code, der über die 27 zentrale Recheneinheit des Computers die Hardware steuert. Zur Hardware
gehören dabei alle physischen Komponenten des Computersystems, wie z. B. die Speichermedien und Ein- bzw. Ausgabegeräte. Die OECD unterteilt Computersoftware auf der Grundlage einer Gliederung der International Data Corporation (IDC) nach nicht kundenspezifischer Standardsoftware und 28 individualisierten Softwarelösungen. Innerhalb des Segments der
Standardsoftware wird zudem zwischen Systemsoftware (z. B. Betriebssysteme, Protokolle und Treiber) und Anwendungssoftware (z. B. Standardbürosoftware und allgemeine funktionsorientierte Software) unterschieden, die sowohl von privaten als auch betrieblichen Nutzern verwendet werden. Cusumano und Selby ergänzen diese Kategorisierung um das eigenständige Segment der Netzwerk- 29 kommunikationssoftware.
Im weiteren Verlauf der Diplomarbeit richtet sich der Fokus auf die Innovationsdynamik im Bereich der PC-Betriebssysteme und der Standardanwendungssoftware für IBM-kompatible Personalcomputer, wobei neue Produkte im Rahmen der ökonomischen Betrachtung grundsätzlich als kommerzielle Produktinnovationen klassifiziert werden. Die Betrachtung von Software als Prozeßinnovation ist leider aufgrund des Umfangs der Arbeit nicht möglich. Interessante Ansätze und Ergebnisse ergeben sich hier jedoch bei der Analyse der ökonomischen Wirkung des betrieblichen Einsatzes von Informationstechnologie als Prozeßinnovation auf den Arbeitsmarkt (Holwegler 2003), den Produktivitätsfortschritt (Stiroh 2002) und das gesamtwirtschaftliche Wachstum (Jorgenson und Stiroh 2000, Pohjola 2001).
27 Vgl. Elzinga, K.G. und Mills, D.E. (1998), S. 1 f.
28 Vgl. OECD (1998), S. 13.
29 Vgl. Cusumano, M.A. und Selby, R.W. (1997), S. 131.
12
2.2.2 Historie und Klassifizierung der Produktinnovationen
Das erste Betriebssystem für Personalcomputer, das ab 1977 eine weite Verbreitung fand und für sieben Jahre das marktführende Standardprodukt 30 darstellte, war das CP/M-8-Bit-System von Digital Research. Als zugleich erstes
hardwareunabhängiges Betriebssystem stellte es eine radikale Produktinnovation für den Softwaremarkt dar und etablierte sich schnell als Standardbetriebssystem. Das zeichenorientierte CP/M-8-Bit-System wurde 1984 nach Einführung eines neuen 16-Bit-Personalcomputers durch IBM vom ebenfalls zeichenorientierten Betriebssystem MS-DOS des Unternehmens Microsoft als Marktführer abgelöst, nachdem die Nachfolgeversion, das CP/M-86-Betriebssystem, zu spät und zu einem wesentlich höheren Preis auf den Markt kam. Sowohl MS-DOS als auch das CP/M-86-Betriebssystem wiesen dabei keine Rückwärtskompatibilität zu dem CP/M-8-Bit-Betriebssystem auf. Die höhere Leistungsfähigkeit der 16-Bit-Mikroprozessorplattform äußerte sich dabei in leicht verbesserten 31 Leistungseigenschaften der beiden Betriebssysteme. Eine weitere inkrementelle
Innovation stellte das Windows-Betriebssystem von Microsoft dar, dessen erste Versionen parallel zu MS-DOS liefen. Die Version 3.1 konnte sich ab 1993 als marktführendes Produkt gegen das OS/2-Betriebssystem von IBM durchsetzen. 32 Die grafische Benutzeroberfläche und die Fähigkeit zum Multitasking waren
dabei deutliche Verbesserungen gegenüber dem zeichenorientierten und stapelverarbeitenden MS-DOS. Voraussetzung für die Weiterentwicklung des Betriebssystems waren Fortschritte bei der Leistungsfähigkeit von Mikroprozessoren und bei der Vergrößerung der Speicherkapazität. Im Anschluß an Windows 3.1 folgten bis heute die Versionen 95, 98, ME (2000) und XP (2001) für Privatanwender und NT 3.1 bzw. NT 3.5 (1993), NT 4.0 (1996), 2000 33 und XP Professional (2001) für Firmen mit Computernetzwerken. Alle
Versionen sind in verschieden hohem Maße rückwärtskompatibel zu den Softwareumgebungen der Vorgängerversionen und entwickelten sich jeweils nach Einführung zu den marktführenden PC-Betriebssystemen. Bei jeder neuen Windows-Produktgeneration wurden entweder neue Funktionen oder Programme integriert, welche vorher einzeln am Markt erworben werden mußten, wie z. B.
30 Vgl. Gandal et al. (1999), S. 87 ff.; Evans et al. (2002), S. 267.
31 Vgl. Gandal et al. (1999), S. 93; Shy, O. (2001), S. 74; Evans et al. (2002), S. 268 f.
32 Multitasking bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, Programme bzw. Teile von
Programmen parallel auszuführen.
33 Vgl. Microsoft (2003).
13
34 Internetprogramme und Diagnose-Programme. Insofern handelt es sich hierbei
um sequentielle Produktinnovationen. Dabei wurden jeweils Teile des Codes der Vorgängerversion wiederverwendet. Die Microsoft-Betriebssysteme sind 35 infolgedessen aufeinander aufgebaut. Wird allerdings die Tatsache
berücksichtigt, daß sich durch die Integration neuer Programme die Beziehung zwischen vormals unabhängigen Komponenten bei einzelnen Versionen des Betriebssystems grundlegend verändert hat, könnte allerdings zum Teil auch von architektonischen Innovationen gesprochen werden. Die Veränderungen führen dabei zu einer im Zeitablauf abnehmenden Vorwärtskompatibilität der alten Produktgeneration zu neueren Produktgenerationen. Ein Beispiel hierfür ist die fehlende Vorwärtskompatibilität von vielen MS-DOS-Programmen zu den aktuellen Windows-Versionen.
Nachdem die achtziger Jahre im Bereich der Standardanwendungssoftware durch zahlreiche Favoritenwechsel und inkrementelle Produktinnovationen geprägt waren, haben sich Anfang der neunziger Jahre die Microsoft-Produkte MS Word (Textverarbeitung), MS Excel (Tabellenkalkulation) und MS Access (Datenbankverwaltung) sowie die jeweiligen Nachfolgegenerationen als 36 Marktführer etabliert. Auch hier spielten zu Beginn inkrementelle Verbesserungen wie die Einführung der anwendungsbezogenen
Programmiersprache Visual Basic, einer grafischen Benutzeroberfläche und weiterer Funktionalitäten vor dem Hintergrund gestiegener Rechnerleistung eine wichtige Rolle. Eine zentrale architektonische Innovation war jedoch die Entwicklung und der Einsatz der Object Linking and Embedding-Technologie 37 (OLE) durch Microsoft. Mit dieser Technologie wurde den Anwendern erstmals
die Möglichkeit gegeben, Dokumente zu entwerfen, die aus den unterschiedlichen Dateiformaten der verschiedenen Anwendungsprogramme bestehen. Sie sorgte somit für eine substantiell neue Art der Verflechtung zwischen verschiedenen Standardanwendungsprogrammen. Nachdem sich die Microsoft-Produkte eindeutig am Markt durchgesetzt hatten, folgten, ähnlich wie bei den PC-Betriebssystemen, sequentielle Produktinnovationen.
34 Vgl. Reddy et al. (2002), S.106.
35 Vgl. Cusumano, M.A. und Selby, R.W. (1997), S. 145 f.
36 Vgl. Evans et al. (2002), S. 270-280.
37 Vgl. Cusumano, M.A. und Selby, R.W. (1997), S, 170 ff. und S. 393 f.
14
Nach dieser empirischen Betrachtung der bisherigen Innovationen auf dem Markt für PC-Betriebssysteme und Standardanwendungssoftware erfolgt im Anschluß die Hinwendung zu den erklärungsorientierten und im Marktzusammenhang relevanten theoretischen Ansätzen der angebotsorientierten Innovationsökonomik. Zunächst wird ein Überblick über den Stand und die Gliederung des Forschungsgebietes gegeben.
3 Die Perspektive der Innovationsökonomik
3.1 Ansätze der Innovationsökonomik
Die Innovationsforschung ist insgesamt durch einen interdisziplinären 38 Gedankenaustausch geprägt. Sowohl die Volkswirtschafts-und
Betriebswirtschaftslehre als auch die Anthropologie, die Soziologie, die Psychologie, die Wissenschafts- und Technikgeschichte und die Philosophie nähern sich dem Phänomen der Innovation aus der jeweils fachspezifischen Perspektive. Die Einbeziehung der Erkenntnisse aus diesen Fachdisziplinen bei der Betrachtung des Phänomens der „Innovation“ wäre in einem holistischen Ansatz durchaus sinnvoll, im Rahmen dieser Diplomarbeit aber weder leistbar noch zielführend. Im folgenden konzentriert sich die Arbeit ausschließlich auf die wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze.
Der Begriff der Innovationsökonomik als ökonomische Disziplin ist nicht eindeutig abgegrenzt. Nach einer allgemeinen Definition Cantners (2003) befaßt sich die Innovationsökonomik auf der Basis eines breiten ökonomischen Ansatzes mit der Erklärung der Entstehung und Verbreitung von Innovationen und 39 technologischen Neuerungen. Das inhaltliche Spektrum reicht dabei im Sinne Schumpeters von der mikroökonomischen Diskussion unternehmens- und industriespezifischer Fragestellungen bis hin zu makroökonomischen Analysen hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Innovationen und
gesamtwirtschaftlichem Wachstum. Dabei werden eine Reihe von Kernfächern der Volkswirtschaftslehre angesprochen, wie z. B. die Industrieökonomik, die
38 Vgl. Schumpeter, J.A. (1965), S. 57 ff; Heertje, A. (1977), S. 95 ff. ; Gerybadze, A. (1982), S.
2 f.; Elster, J. (1983), S. 9 ff.; Freeman, C. (1994), S. 492; Jaffe, A.B. et al. (2000), S. 3 f.
39 Vgl. Cantner, U. (2003).
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