Gliederung
1. Autorität und das bürgerliche Familienbild
1.1 Die bürgerliche Familie
1.2 Autorität
2. Kibbutz
3. Beschreibung Kibbutz
4. Geschichte und Entstehung der Kibbutzbewegung
5. Westeuropäische Einflüsse auf die Kibbutzbewegung
6. Einfluss der (jüdischen) Jugendbewegung auf die Kibbutzbewegung
7. Kollektiverziehung und Familienerziehung im Kindesalter
7.1 Das Konzept der Kollektiverziehung
7.1.1 Ziele und Prinzipien der Kollektiverziehung
7.1.2 Institutionen der Kollektiverziehung
7.1.3 Theoretische Grundlagen
7.1.4 Das Konzept des „multiple mothering“
7.1.5 Das erste emotionale Zentrum: Das Elternhaus
7.1.6 Das zweite emotionale Zentrum: Das Kinderhaus
8 „Informelle Erziehung“ und Sozialisation in der Adoleszenz (Jugendphase 13. - 18
Lebensjahr )
9. Vor und Nachteile der kollektiven Erziehung und die sozialen Folgen
10. Die Schule im Kibbutz
10.1 Die Grundschule
10.1.1 Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule - das erste
Schuljahr im Kindergarten
10.1.2 Die didaktische Konzeption des Grundschulunterrichts
10.1.3 Spezifika der pädagogischen Arbeit in der Grundschule
10.2 Die Sekundarstufe
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1. Autorität und das bürgerliche Familienbild
„Der Mensch ist eine Einheit, sein Denken, sein Fühlen und seine Lebenspraxis sind untrennbar miteinander verbunden. Er kann in seinem Denken nicht frei sein, wenn er auch nicht emotional frei ist; und er kann emotional nicht frei sein, wenn er in seiner Lebenspraxis, in seinen ökonomischen und sozialen Beziehungen abhängig und unfrei ist“ (Erich Fromm, 1980:256)
1.1 Die bürgerliche Familie
Das bürgerliche Familienbild entstand im Bürgertum des 19. Jahrhunderts und war bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts das Leitbild für weite Bevölkerungskreise. Es beruht auf einer Aufteilung der Welt in einen außerhäuslichen Bereich des Geldverdienens und der sozialen Kontakte sowie in einen familialen Bereich der Liebe und Kindererziehung. Diese Aufteilung impliziert dementsprechend eine scharfe Trennung der Geschlechtsrollen. Die Frau ist für die Binnenbeziehung der Familie, die Haushaltsführung und die Kindererziehung verantwortlich, während der Mann seine Familie nach außen hin repräsentiert, als einziger im Erwerbsleben steht und somit das Familieneinkommen sichert. Mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung ist eine ausgeprägte Autoritätsstruktur verbunden. 1
1.2 Autorität
Die Funktion der autoritären Kleinfamilie lag in der Sicherung einer rigiden Herrschaftsstruktur mit dem Ziel, den fremdbestimmten, hierarchisch organisierten Arbeitsprozess zu sichern. Die sexualverneinende Struktur der autoritären Kleinfamilie erzeugte teilweise schwere psychische Störungen, aber gleichzeitig und auch eben dadurch auch eine Anpassung an die repressiven, gesellschaftlichen Strukturen. Hierbei spielt die enge, zumeist recht isolierte Bezogenheit der Dreiecksstruktur von Vater, Mutter und Kind eine zentrale Rolle. In der Erziehung spiegeln sich die gesellschaftlichen Normen wieder. Speziell die repressive, autoritäre Erziehungstechnik, d.h. die Unterwerfung des Kindes z.B. durch Zwang zur Reinlichkeit, strenge Gehorsamsforderungen, das Andrillen von Ordnung
1 Das bürgerliche Familienbild; www.familienhandbuch.de
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und Disziplin, stellen das Instrument dar, das Kind an die herrschenden Strukturen anzupassen. 2
In Verbindung einer psychologischen Auseinandersetzung mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland entwickelten Reich und Fromm (beide marxistische orientierte Psychoanalytiker) die Basis der so genannten Autoritarismustheorie. Sie versuchten in ihren Ansätzen eine Verknüpfung von Marxismus und Psychoanalyse, i ndem sie der Psychoanalyse von Freud eine sozioökonomische Grundlage gaben. Der Ausgangspunkt ihrer Ansätze findet sich einerseits in der Marxschen These, dass die Ideologie der herrschenden Klasse immer die herrschende Ideologie gewesen sei und andererseits in der psychoanalytischen These, dass Beschränkung und Unterdrückung im Sozialisationsprozess zur Orientierung an Autorität führt.*. Beide verstanden den „Autoritären“ als ein an die gesellschaftlichen Reproduktionsbedingungen angepasstes Individuum. Re ich geht davon aus, dass die bestehende Ordnung die psychischen Strukturen sämtlicher Gesellschaftsmitglieder formt und somit auch in den Menschen reproduziert wird, um sich so in ihnen affektiv zu verankern. „Die erste und wichtigste Reproduktionsstätte der gesellschaftlichen Ordnung ist seit dem Bestande des Privateigentums an Produktionsmitteln die vaterrechtliche Familie, die bei den Kindern den charakterlichen Boden für die weiteren Einflussnahmen durch die autoritäre Ordnung schafft.“ (Reich, 1971 S.18) Er geht davon aus, dass die Charakterstrukturen im frühen Alter erworben werden und während des weiteren Lebens relativ unverändert beibehalten wird. Die Sozialisation in der kleinbürgerlichen Familie ist das Spiegelbild gesellschaftlicher Autoritätsve rhältnisse. Sie unterdrückt die Bedürfnisse des Kindes und erzeugt so ängstliche Menschen, die sich in Unterordnung und Anpassung flüchten. Im Zentrum des autoritären Verhaltens steht die
Unterwerfungsbereitschaft. Sie ist als Produkt des Sozialisationsprozesses in jedem Individuum mehr oder weniger vorhanden, je nach Art der Sozialisation (allg. menschl. Bedürfnis). 3
Auch Fromms Autoritätsstudie basiert auf dem Freudschen Persönlichkeitsmodell. So geht Freud davon aus, dass der seelische Apparat in drei Instanzen eingeteilt ist. Das „Es“ > ursprüngliche und undifferenzierte Form des seelischen Apparates (z.B. Leidenschaft); das „Ich“ > durch den direkten Außenwelt veränderte Teil des Es, repräsentiert Vernunft und Besonnenheit; das „Über-Ich“ > Funktion: Selbstbeobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur, Haupteinfluss der Verdrängung. Diese drei Instanzen sind nicht statisch,
2 Soziologische Studien der patriarchischen Kleinfamilie und deren gesellschaftlichen Funktionen;
www.summerhill.paed.com
3 Charakteranalyse, W.Reich; 3te Auflage Köln
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sondern dynamisch ineinander übergehend. Das „Über-Ich“ wird in einem starken Zusammenhang zum Vater gebracht.
Fromm nimmt die Familienkonstellation als Produkt einer bestimmten Gesellschaftsordnung an und nicht so wie Freud als ein Universal.
„Diese Theorie beantwortet auch die Frage, wie es möglich ist, dass die in einer Gesellschaft herrschende Gewalt tatsächlich so wirkungsvoll ist, wie es uns die Geschichte zeigt. Die äußerste , in den jeweils für eine Gesellschaft maßgebenden Autorität verkörperte Gewalt und Macht ist ein unerlässlicher Bestandteil für das Zustandekommen der Fügsamkeit und Unterwerfung der Masse unter diese Autorität“ (Fromm 1936, S. 83). „Durch das „Über-Ich“ wird die äußere Gewalt transformiert und zwar indem sie aus einer äußeren in eine innere Gewalt verwandelt wird. Die Autorität als Vertreter der äußeren Gewalt werden verinnerlicht, und das Individuum handelt ihren Geboten und Verboten entsprechend nicht nur allein aus Furcht vor äußeren Strafen, sondern aus Furcht vor der psychischen Instanz, die es in sich selbst aufgerichtet hat.“ (Fromm 1936, S. 84). Hiermit wird das Verhältnis zwischen familialer und gesellschaftlicher Autorität angesprochen.
Die herrschenden Strukturen der Gesellschaft stehen für Fromm in engsten Zusammenhang mit der frühkindlichen Sozialisation in der Familie. D.h. das „Über-Ich“ wird schon in den frühen Lebensjahren durch die Angst vor dem Vater und dem gleichzeitigen Wunsch, von ihm geliebt zu werden, geprägt. So erweist sich die Familie als eine wichtige Hilfe für die Herstellung der späteren Fähigkeiten des Erwachsenen, an Autoritäten zu glauben und sich ihnen unterzuordne n. 4
2. Kibbutz Übergang von Autoritarismus zur Kibbutzbewegung
Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte wird häufig der „autoritäre Charakter“ als Merkmal einer emotional unterversorgten Persönlichkeit erwähnt, der höchstwahrscheinlich bei den Deutschen besonders ausgeprägt war. U.a. wird diesem autoritärem Charakter den Aufstieg und die fatalen Folgen der NS-Zeit zugeschrieben. Bis 1960 haben diese autoritären Muster die familiale wie auch die institutionelle Erziehung u. Sozialisation in Deutschland geprägt, bis sie u.a. durch Studentenbewegungen und Liberalisierung der Gesellschaft aufgebrochen und verändert wurden. Hier wird deutlich, dass stabile
4 Sozialpsychologischer Teil „In Horkheimer,M: Studien über Autorität und Familie, 1936; S. 77 - 135
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Sozialistationsbedingungen eine Normalität geschaffen haben, die weder wünschenswert noch ideal war.
Schon bereits Anfang des 19. Jahrhunderts haben sich einige politische Philosophen sich bewegt gefühlt, andere Gesellschaftsformen mit einem neuen Menschen zu konstruieren. Doch Experimente dahingehend sind meisten an der Umsetzung gescheitert. Eine Ausnahme scheint sich jedoch behauptet zu haben, und zwar die „israelischen Kibbutzim“. Der Kibbutz ist nicht primär darauf ausgerichtet, eine psychosozial „gesunde“ Gemeinschaft zu sein, sondern vielmehr darauf bedacht eine egalitäre und herrschaftsfreie Kommune zu bilden. Jedoch hat man im Kibbutz den Aspekt der sozial-psychischen Entwicklung durch die Instrumentalisierung der psychoanalytischen Lehre den Bereichen der Sozialisation und Erziehung explizit betont, gerade auch hinsichtlich der Kindererziehung. 5
3. Beschreibung Kibbutz
Kibbutzim existieren bereits schon mehr als 90 Jahre. Sie haben ein Netzt von 297 modernen Gemeinschaftsdörfern mit derzeit 115.00 Einwohnern etabliert. Sie haben sich dem Modernisierungprozess angepasst, indem sie von der einfachen Landwirtschaft bis hin zu Industrie und Dienstleistungsbranchen gewandelt haben.
Beim Kibbutz handelt es sich wie bereits schon erwähnt um eine moderne egalitäre Kommune ohne größeren Privatbesitz mit basisdemokratischen Entscheidungsprozessen und Selbstverwaltung. Das ethische Prinzip heißt hierbei: „Jeder (leistet) nach seinen Fähigkeiten, jeder (erhält) nach seinen Bedürfnissen. D.h. das jedes Mitglied die gleiche Zuwendung erhält. Sei es durch direkte Zuwendungen durch das Kollektiv z.B. Wohnung oder Schulbildung, oder aber als individuelle Leistung für privates oder kulturelles, jedoch ist das Budget für alle Mitglieder gleichermaßen bemessen. Auch ist eine höhere Kinderzahl für die einzelnen Familien nicht belastend, da hier durch die Kommune die Fürsorge erfolgt. Der Kibbutz wird als eine kommunistische Gemeinde bezeichnet, jedoch nicht abstammend vom Marxismus und Leninismus, sondern eher auf Vorstellungen eines anarchistischen Sozialismus, wie er von Gustav Landauer und Martin Buber vertreten wurde. Allerdings basiert die Stabilität des Kibbutz nicht allein auf der sozialistischen Basis, sondern primär durch den Zionismus als hauptsächlicher Ideologieträger- Träger. Dieser wurde wesentlich durch den europäischen Antisemitismus motiviert. Es ging d arum, in Palästina einen
5 Leben im Kibbutz, Psychosozial; Werner Fölling und Maria Fölling Albers; psychosozial 25 Jg. (2002) Heft 1
(Nr. 87); S. 5 - 6
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jüdischen Nationalstaat zur Sicherung jüdischer Existenzen über ein Netzwerk von Siedlungen aufzubauen. 6
4. Geschichte und Entstehung des Kibbutzbewegung
Seit dem Zionistenkongress 1897 in Basel, auf dem Herzl die Schaffung eines Judenstaates in Palästina forderte, war Palästina neben Amerika ein wichtiges Einwandererland geworden. Die Einwanderungswelle in Palästina vollzog sich in mehreren Schüben ( Alija 1 - 5). Die erste Einwanderungswelle fand bereits schon 1892 statt. Allerdings hatten diese Einwanderer nur wenig Arbeits - und Existenzmöglichkeiten, da es für sie keine Infrastruktur gab und ihre Tätigkeiten mehr auf religiöse Überzeugung fundierte. Erst durch Baron Rothschield, der damals den Arabern Land abkaufte, kamen die E inwanderer zu Grund und Boden. Kindererziehung, Privateigentum versus Kollektiveigentum wurden noch diskutiert. 7 Der eigentliche dezidierte Kollektivismus setzte erst mit der dritten Alija 1918, Ende des ersten Weltkrieges, Ende der Osmanherrschaft in Palästina und dem Beginn des britischen Mandats ein. Es handelte sich hier hauptsächlich um Juden aus Russland, Polen und Galizien, vor allem Gymnasiasten, Studenten und kfm. Angestellte. Diese waren inspiriert durch die Jugendbewegung und durch ihre ideologischen und idealistischen Vorstellungen. Dieses galt zugleich als Grundstein für die Kibbutzbewegung. Die zionistische Organisation unterstütze die Kibbutzim aus zwei Gründen:
1. Durch die jüdische Sidlungstätigkeit konnte nationaler Anspruch auf das Land aufrechterhalten werden.
2. Das damals türkische Gesetz sah vor, dass Ausländern nur dann erworbene
Die vierte und fünfte Einwanderungswelle wurde hauptsächlich durch den Faschismus und der Machtübernahme Hitlers ausgelöst. 8
6 Leben im Kibbutz, Psychosozial; Werner Fölling und Maria Fölling Albers; psychosozial 25 Jg. (2002) Heft 1
(Nr. 87); S. 6 - 9
7 Kibbutz und Kollektiverziehung; Maria Fölling-Albers, Werner Fölling; Leske+Budrich, Opladen 2000; S.39
8 www.hagalil.com
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Arbeit zitieren:
Claudia Karrasch, 2003, Die Geschichte der Kibbutzbewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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