1 Einleitung 01
1.1 Hinführung zum Thema 01
1.2 Das Selbstverständnis der Kritischen Theorie 02
2 „Dialektik der Aufklärung“ 06
2.1 Aufklärung und Mythos 06
2.2 Zweck und Mittel 07
2.3 Gesellschaft als Totalität 07
3 Wiederholung des Immergleichen: Das Kapitel über Kulturindustrie 09
3.1 Kultur als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse 10
3.2 Zum Begriff der Kulturindustrie 11
3.3 Kulturindustrie und Ideologie 12
3.4 Verwaltete Gesellschaft 14
4 Schlussbetrachtungen 16
II
1. Einleitung
Die „Dialektik der Aufklärung“ fristete lange ein Schattendasein. Das mit dem Untertitel „Philosophische Fragmente“ versehene Buch wurde nach seiner Veröffentlichung 1947 kaum wahrgenommen. 1 Erst in den 1960er Jahren kam es zu einer verstärkten Rezeption, zunächst in Studentenkreisen, dann vor allem in den Gesellschaftswissenschaften. Es konnte lange als das Standardwerk einer Theorie betrachtet werden, die sich selbst als kritisch versteht. Dabei lässt sich die „Dialektik der Aufklärung“ auch als Zeitdiagnose lesen. Entstanden ist sie kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und die in ihr formulierten Gedanken stehen unter dem Einfluss der Grausamkeiten von Faschismus und Stalinismus. Die vor allem durch die „Aufklärung“ des 18. Jahrhunderts postulierten Ideale einer gerechten, toleranten und freien Welt gerieten unter die Mühlsteine einer Realität, die das millionenfache Morden mit rational angewandter Technik nun schon zum wiederholten Male aufzeigte. Doch ist die „Dialektik der Aufklärung“ deshalb lediglich ein historisches Dokument, dessen Annahmen sich nur auf einen besonderen zeitlichen Rahmen beschränken?
Nach Richard Münch gewinnt eine Zeitdiagnose dann an Überzeugungskraft, wenn sie sich im öffentlichen Prozess durch publizistische Verbreitung einer Debatte öffnet, die ihre Annahmen einer Überprüfung zugänglich macht. 2 Daher lässt sich mit Blick auf die „Dialektik der Aufklärung“ festhalten, dass sie erst sehr viel später nach ihrer Veröffentlichung diesen Stellenwert eingeräumt bekam und bis heute nicht an Aktualität eingebüßt zu haben scheint. Dabei ist es wohl die in ihr aufgeworfene Frage nach den Risiken einer zu großen Teilen auf Rationalität basierenden Welt, die ihr diese Bedeutsamkeit für die Gegenwart verleiht.
1.1 Hinführung zum Thema
Horkheimer und Adorno suchen in der „Dialektik der Aufklärung „nach den Wurzeln einer fatalen Verbindung von einer auf Zweck und Mittel ausgerichteten Rationalität, Technologie und menschlichem Handeln.“ 3 Sie stellen sich die Frage „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in
1 vgl. Reijen/ Noerr 1987, Jay 1981, Wiggershaus 1997
2 vgl. Richard Münch 2002, S. 424, in: ders., Die „Zweite Moderne“: Realität oder Fiktion, in: KZfSS, Jg. 54, Heft 3, 2002, S. 417-443
3 vgl. Weiss 1993, S.177
1
eine neue Art von Barbarei versinkt.“ 4
Ziel dieser Arbeit ist es, die Hintergründe für diese Annahme herauszuarbeiten und dabei zunächst auf das Verständnis von Wissenschaft der beiden Autoren einzugehen. Dies kann in Anbetracht der Wandlungen und Einflüsse welchen die Kritische Theorie unterlag, nur in verkürzter Weise geschehen. In einem nächsten Schritt soll auf das „dialektische“ Element der Aufklärung eingegangen werden. Anhand der wesentlichen Annahmen Horkheimers und Adornos über den Prozess der Aufklärung soll dessen positive und negative Seite dargestellt werden. Im Hauptteil dieser Arbeit wird versucht den Kern ihrer Zeitdiagnose mit Blick auf das Kapitel über die Kulturindustrie herauszuarbeiten. Abschließend werden die Annahmen mit Blick auf ihre aktuelle Verwendbarkeit geprüft.
1.2 Das Selbstverständnis der Kritischen Theorie
Kritische Theorie bezeichnet eine Forschungstradition, die Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von einer Gruppe von Philosophen und Sozialwissenschaftlern ins Leben gerufen wurde. Insbesondere Max Horkheimer und Theodor W. Adorno prägten im Zusammenspiel mit Herbert Marcuse und Friedrich Pollock sowie Erich Fromm die Grundzüge des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung.“ 5 Dieses Institut wurde unter anderem Namen bereits 1923 von Felix Weil mit der Absicht gegründet, eine Forschungsstelle für Marxismus zu etablieren. A ls Max Horkheimer 1930 das Institut als Direktor übernahm, war der Marxismus seiner Ansicht nach in einer Krise. 6 Ziel Horkheimers und seiner frühen Mitarbeiter war es daher, einen gesellschafts- und wissenschaftskritischen Ansatz zu entwickeln, der seine Wurzeln zwar in der marxistischen Tradition haben, diese jedoch bald überwinden sollte. 7 7 Es wurde versucht, Philosophie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften und Psychoanalyse zu einem wissenschaftlichen Apparat zu integrieren. In einem Aufsatz über „Traditionelle und Kritische Theorie“ versucht Max Horkheimer 1937 erstmals den Standort der (frühen) Kritischen Theorie zu bestimmen. 8 Er verweist hierin auf die Schwächen des (damals) vorherrschenden positivistischen Ansatzes und entwickelt einen wissenschaftlichen Gegenentwurf. Diese grundlegende positionelle Bestimmung einer Kritischen
4 Horkheimer/ Adorno 1988, S. 1
5 Wiggershaus 1997
6 der Marxismus als wissenschaftliches Instrument war u.a. aufgrund des in der Sowjetunion aufkommenden Stalinismus diskreditiert, vgl. ders., S. 50
7 Weiss 1993, S.177
8 vgl. Horkheimer 1968, S. 12ff, der Ausdruck frühe Kritische Theorie verweist auf die mittlerweile vollzogene Modifikation der Theorie vor allem durch Habermas, vgl. Jay 1981, Paetzel 2001, Wiggershaus 1997
2
Theorie lässt sich anhand des methodischen Vorgehens näher bestimmen. 9 Dialektik und Ideologiekritik sind die entscheidenden Elemente, auf welche die Theorie zurückgreift. Die dialektische Methode wurde von Hegel in die Philosophie eingeführt. 10 Für Horkheimer ist Dialektik die Einsicht in die historische Bewegung der Gegensätze. 11 Das Grundgerüst einer kritischen Sozialforschung ist demnach die Beachtung der geschichtlichen Bedingtheit der beobachteten sozialen Tatbestände. Darüber hinaus sollen in Anlehnung an ein von Marx vorgeschlagenes ideologiekritisches Verfahren die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert und einer Beurteilung zugänglich gemacht werden. 12 Marx definierte „Ideologie“ als einen 13 durch die gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugten „objektiven Verblendungszusammenhang“. Soziale Ungleichheit und die Herrschaft von Kapital über Arbeit seien historisch bedingt, ihre Überwindung daher möglich. Adorno greift diese Idee Marx’ auf, wenn er in einer Kritischen Theorie eine Möglichkeit sieht, aufzuzeigen, dass es „besser“ sein könnte in der Welt. 14 Die frühe Kritische Theorie stützt sich im Kern auf die Annahmen Marx und entwickelt ihrerseits einen Begriff von Kritik, welcher sich besonders in den Arbeiten Theodor W. Adornos aufzeigt. 15 Für ihn bezieht sich das Selbstverständnis der Kritischen Theorie auf die „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden“. 16 Aufgabe kritischer Theorie ist nun nicht mehr, im Gegensatz zu Marx, die Veränderung der Welt, sondern das Wachhalten des Bewusstseins von der Veränderbarkeit der kapitalistischen Gesellschaft. Kritik wird zum entscheidenden Verhalten mündiger Bürger in einer demokratischen Gesellschaft: „Mit der Vorraussetzung von Demokratie, Mündigkeit, gehört Kritik zusammen. Mündig ist der, der nicht bevormundet wird. Das erweist sich aber in der Kraft zum Widerstand gegen vorgegebene Meinungen und, eins damit, auch gegen nun einmal vorhandene Institutionen, gegen alles bloß Gesetzte, das mit seinem Dasein sich rechtfertigt.“ 17
In modernen Gesellschaften sehen Adorno und Horkheimer dieses Moment individueller Selbstbestimmung schwinden. Diese pessimistische Einschätzung hinsichtlich der Möglichkeiten aktiver Mitgestaltung gesellschaftlicher Entwicklung findet ihren Ausdruck in der „Dialektik der
9 vgl. Müller-Doohm 1996, S. 149
10 vgl. Düver 1978, S.56ff, eine ausführliche Darstellung der Methode würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Doch erscheint es wichtig darauf hinzuweisen, da sich die „Dialektik der Aufklärung“ im wesentlichen dieser Methode bedient.
11 Hesse 1984, S. 39
12 vgl. Paetzel 2001, S.14ff., auch Brunner 2001, S.80ff und Gebauer/Kneer 1994, S.99 13 Düver 1978, S.57
14 Müller-Doohm 1996, S. 156
15 vgl. Wiggershaus 1997, S.202ff.
16 Adorno, Kritik, in: Tiedermann, R. (Hrsg.), KRITIK. Kleine Schriften zur Gesellschaft, 2. Auflage, Ffm, 1973, zitiert nach Düver 1978, S.55
17 ebenda
3
Aufklärung“. 18 Adorno und Horkheimer unterziehen hier Rationalitätsglauben und Fortschrittsoptimismus der modernen Gesellschaften einer radikalen Kritik.
2. „Dialektik der Aufklärung“
In der „Dialektik der Aufklärung“ wird der Begriff der Aufklärung für den universalhistorischen Prozess verwendet, der von den Anfängen der Menschheit zu den modernen, rationalisierten Gesellschaften geführt hat. 19 Dabei zeigt dieser Prozess einen „dialektischen“ Kern. Zum einen hat Aufklärung dem Menschen Freiheit gebracht. Aufgrund der vollständigen technischen Beherrschung der Natur hat sich der Mensch von den Zwängen der Natur befreit. Er kann sie für seine Zwecke nutzen, z. B. über Rohstoffe für die wirtschaftliche Produktion verfügen. Sie ausbeuten, um seine eigenen Fähigkeiten zu erweitern. Zum anderen hat sich der Mensch in seiner Freiheit eingeschränkt. In modernen Gesellschaften unterliegt er einer Vielzahl von selbst geschaffenen Zwängen. Einerseits ist der Mensch nun nicht mehr abhängig von dem Glauben an eine übernatürliche Macht, welche ihren Ausdruck im Mythos fand. Das unerklärbare Übernatürliche hat einem System von Kausalzusammenhängen das Feld überlassen. Andererseits zeigen sich, je weiter der technische Fortschritt voran schreitet dessen subjektive Grenzen. Durch quantitative Zunahme des Wissens und zunehmender Spezialisierung hat die Welt für den Einzelnen an Komplexität „gewonnen“. Die später von Arnold Gehlen so bezeichneten „Erfahrungen zweiter Hand“ 20 nehmen einen großen Raum im täglichen Leben des Menschen ein.
2.1 Aufklärung und Mythos
Seit ihrem Beginn ist es Ziel der Aufklärung gewesen, „von den Menschen die Furcht (vor der Natur, J.S.) zu nehmen und sie als Herren einzusetzen.“ 21 Zunächst hat dabei der Mythos die Rolle der naturbeherrschenden Instanz übernommen. In den Riten von Urvölkern, antiken Heldensagen und Religionen ist aber ein Moment der Aufklärung bereits enthalten. Schon durch den Mythos wurde soziale Ordnung geschaffen (Priesterkaste, Schamanen). Der Mythos habe den Versuch dargestellt, die Natur zu berichten und zu erklären. „Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen:
18 vgl. Wiggershaus 1997, Jay 1981
19 Gebauer/ Kneer 1994, S. 104
20 vgl. Gehlen, Arnold, Die Seele im technischen Zeitalter, Sozialpsychologische Probleme in der modernen Gesellschaft, 1957, S.47ff.
21 Adorno/ Horkheimer 1988, S.9
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Johannes Steigleder, 2003, Dialektik der Aufklärung: Kulturindustrie - Aufklärung als Massenbetrug, München, GRIN Verlag GmbH
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