Die späthellenistische Plastik, in der „barocke“ Ausdruckskraft und ein klassizistisches Epigonentum ineinanderwirken, galt als Musterbeispiel klassischer griechischer Skulptur und wurde zum Ausgangspunkt für die klassizistische Ästhetik. Ausschlaggebender Antrieb hierfür war auch Lessings „Laokoon“, der, als polemische Reaktion auf Winckelmanns „Gedanken“ von 1755 angelegt, auch im Nachhinein für eine Kette von Schriften sorgte. Das behandelte Grundproblem der Schrift, die Grenzbestimmung der Künste, wird schon seit der Antike versucht und auch direkt vor Lessing haben sich zahlreiche Kritiker wie Shaftesbury, Harris, Richardson, Burke, Dubos und Diderot mit ihm auseinandergesetzt.
Als Kritiker bezweckt Lessing zweierlei. Zum einen möchte er die Malerei von allem Barocken, Allegorischen und Emblematischen befreit sehen und die zum anderen die Dichtung gegen die modische Beschreibungspoesie verteidigen. 1 Die Dichtkunst sollte dann als kritische Waffe der Aufklärung dienen können. 2
In seiner Schrift geht es ihm darum, im Zusammenhang mit seiner Frage nach den Grenzen zwischen Poesie und Malerei die Unterschiede in der Darstellung des gleichen Motivs herauszufinden, die sich durch die Verschiedenheit der Mittel in den beiden Künsten ergeben. Die stringente Grenzziehung zwischen den Künsten aufgrund ihrer materialen Beschaffenheit und des Zeitbegriffes wurden von Lessing erstmals anhand ihrer eigenen Strukturgesetze abgeleitet.
Nach einem Rückblick auf die Tradition der Problematik und einigen Notizen zur Laokoongruppe selbst, sollen vielmehr die einschlägigen Textstellen dazu genutzt werden, den komplexen Gedankengang Lessings nachvollziehbar zu machen. Außerdem soll versucht werden, die im „Laokoon“ angesprochenen ästhetischen Schlüsselbegriffe Lessings denen Winckelmanns gegenüber zu stellen und zu vergleichen. Interessant wird hierbei zu beobachten sein, welche Meinung diese beiden herausragenden Männer voneinander hatten.
1 Vgl. STIERLE, , Karlheinz: Das bequeme Verhältnis. Lessings Laokoon und die Entdeckung des ästhetischen Mediums, in: Gebauer, Gunter (Hrsg.): Das Laokoon-Projekt. Pläne einer semiotischen Ästhetik, Stuttgart 1984 (= Studien zur allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaft, Band 25), S. 38.
2 Vgl. BARTSCH, Gerhard: Laokoon oder Lessings Kritik am französisch-preußischen Akademismus, in: Lessing Yearbook XVI, 1984, S. 29.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Vorläufer der Problematik
III. Die Laokoongruppe
IV. Die Antike aus der Sicht Winckelmanns
V. Laokoon aus der Sicht Lessings
a. Die Entstehung des „Laokoon“
b. Die Frage der Nachahmung
c. Der fruchtbare Augenblick
d. Die Datierung der Skulpturengruppe
VI. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
a. Grenzen von Dichtung und bildender Kunst
b. Beschreibende Poesie und Allegorie
c. Schönheit
d. Leidenschaften
e. Mitleid
f. Hässlichkeit und Ekel
VII. Auswirkungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht Gotthold Ephraim Lessings „Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ in direkter Gegenüberstellung zu den kunsttheoretischen Positionen Johann Joachim Winckelmanns. Das primäre Ziel ist es, Lessings stringente Grenzziehung zwischen den Künsten anhand ihrer materialen Beschaffenheit und ihres Zeitbegriffs zu analysieren, wobei die unterschiedlichen Ansätze zur Darstellung von Schönheit, Leidenschaften und Hässlichkeit im Fokus stehen.
- Analyse der kunsttheoretischen Differenzen zwischen Lessing und Winckelmann
- Untersuchung der strukturellen Unterschiede zwischen Poesie und bildender Kunst
- Diskussion des Konzepts vom „fruchtbaren Augenblick“ in der bildenden Kunst
- Vergleich der Darstellung von Affekten, Mitleid und körperlichem Schmerz
- Kritische Würdigung der Bedeutung von Lessings Werk für die ästhetische Debatte der Aufklärung
Auszug aus dem Buch
c. Der fruchtbare Augenblick
Die Thematik des fruchtbaren Augenblicks ist keine Erkenntnis Lessings, sondern ein Aufbereiten des Stellungnahmen Mendelssohns, Klopstocks und Diderots, die bereits zuvor auf dieses Phänomen eingegangen waren. Im dritten Kapitel behandelt nun Lessing seinerseits das genannte Phänomen des fruchtbaren Augenblicks.
„So ist es gewiß, daß jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gewählet werden kann. Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel läßt. (...) Wenn der Laokoon also seufzt, so kann ihn die Einbildung schreien hören; wenn er aber schreiet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stufe höher, noch eine Stufe tiefer steigen (...).“
Der fruchtbare Augenblick ist also derjenige, welcher das, was vorausgeht und das was darauf kommt, am besten erraten lässt. Er zeichnet sich durch höchste Expressivität aus, ohne ihn jedoch sinnlich zur Anschauung zu bringen. Den Affekt in seinem höchsten Grad darstellen hieße nämlich, den ungünstigsten Moment zu wählen. Die Phantasie könnte dann keine Arbeit mehr leisten. Den seufzenden Laokoon kann die Einbildungskraft zu einem schreienden machen, der schreiende Laokoon aber verträgt keine Steigerung der Affekte mehr. Auf einer höheren Stufe würde er „ächzen“, wäre schon tot oder würde zumindest durch seine Hässlichkeit Unmut hervorrufen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die ästhetische Problematik des „Laokoon“ ein und verortet Lessings Bestreben, die Künste kritisch voneinander abzugrenzen.
II. Die Vorläufer der Problematik: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die kunsttheoretische Tradition von Aristoteles bis zu Mendelssohn, die das Fundament für Lessings Überlegungen bildet.
III. Die Laokoongruppe: Hier wird die historische Einordnung und Entdeckung der berühmten Skulpturengruppe sowie ihre mythologische Bedeutung beleuchtet.
IV. Die Antike aus der Sicht Winckelmanns: Dieses Kapitel erläutert Winckelmanns klassizistisches Ideal, in dem das Griechenland als utopisches Vorbild für Schönheit und Seelengröße fungiert.
V. Laokoon aus der Sicht Lessings: Dieser Abschnitt analysiert den komplexen Entstehungsprozess der Schrift, Lessings kritische Haltung gegenüber Winckelmann und die zentrale Frage der Nachahmung.
VI. Unterschiede und Gemeinsamkeiten: Im Hauptteil werden die differenzierten Konzepte der beiden Theoretiker zu Gattungsgrenzen, Ästhetik, Ausdruck von Leidenschaften und der Rolle des Hässlichen im Vergleich gegenübergestellt.
VII. Auswirkungen: Das abschließende Kapitel diskutiert die tiefgreifende Wirkung von Lessings Schrift auf nachfolgende Denker wie Herder und Goethe und deren Weiterführung der ästhetischen Debatte.
Schlüsselwörter
Laokoon, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Joachim Winckelmann, Klassizismus, Ästhetik, Dichtkunst, Malerei, Nachahmung, fruchtbarer Augenblick, Schönheit, Leidenschaft, Mitleid, Hässlichkeit, Aufklärung, Allegorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Lessings kunsttheoretische Schrift „Laokoon“ und setzt diese in den Kontext der zeitgenössischen Ästhetik, insbesondere im Vergleich mit den Ansichten von Winckelmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Dichtung und bildender Kunst, die Theorie der Nachahmung, die Darstellung von Affekten und die Frage nach dem Schönen und dem Hässlichen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Lessings Strukturgesetze für Poesie und Malerei sowie seine methodische Auseinandersetzung mit Winckelmanns Antike-Rezeption nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und kunstwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Auswertung von Lessings Text und zeitgenössischen ästhetischen Diskursen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der systematischen Gegenüberstellung der Positionen zu Gattungsunterschieden, der Beschreibungspoesie, dem Umgang mit Leidenschaften und der Tragödientheorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Laokoon, Ästhetik, Gattungsgrenzen, fruchtbarer Augenblick und Aufklärung geprägt.
Wie begründet Lessing den Vorzug der Dichtkunst gegenüber der Malerei?
Lessing argumentiert, dass die Poesie aufgrund ihrer zeitlichen Struktur und der Verwendung willkürlicher Zeichen flexibler Handlungen und innere Prozesse darstellen kann, während die Malerei räumlich an einen einzigen, prägnanten Moment gebunden ist.
Warum kritisiert Lessing die Darstellung des „Schreiens“ in der bildenden Kunst?
Lessing vertritt die Ansicht, dass ein extremer Schrei das Gesicht derart entstellt, dass die notwendige Schönheit der bildenden Kunst verloren geht, weshalb der Bildhauer den Schmerz in ein Seufzen mildern müsse.
- Arbeit zitieren
- M.A. Saskia Dams (Autor:in), 2004, Zu Gotthold Ephraim Lessings "Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie" und seiner Verbindung zu Johann Joachim Winckelmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/32613