Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
2.1. Historische Aspekte. 5
2.2. Das Krankheitsbild. 7
2.2.1 Diagnosekriterien 7
2.2.3 Komorbide Erkrankungen. 10
2.2.4 Symptomatisches Verhalten. 10
2.2.5 Somatische Begleiterscheinungen. 11
2.2.6 Krankheitsverlauf. 13
2.3. Suchtimmanente Aspekte 13
2.4. Ätiologie 14
2.4.1 Familiensituation. 14
2.4.2 Individuelle Faktoren. 17
2.4.3 Gesellschaftliche Faktoren. 18
2.4.4 Biologische Faktoren. 18
2.6. Therapieansätze. 19
2.6.1 Psychoanalytischer Ansatz. 19
2.6.2 Verhaltenstherapeutischer Ansatz. 20
2.6.3 Familientherapeutischer Ansatz. 20
2.6.4 Feministischer Ansatz. 21
3. Bulimia nervosa. 22
3.1. Das Krankheitsbild. 22
3.1.1 Diagnosekriterien. 22
3.1.2 Komorbide Erkrankungen. 26
3.1.3 Symptomatisches Verhalten. 27
3.1.4 Somatische Begleiterscheinungen. 28
3.1.5 Krankheitsverlauf. 28
3.2. Ätiologie. 28
3.2.1 Familiäre Ursachen. 29
3.2.2 Sexueller Missbrauch. 30
3.2.3 Individuelle Faktoren. 32
3.2.4 Gesellschaftliche Faktoren. 32
3.2.5 Biologische Ursachen. 33
3.3 Therapieansätze. 34
3.3.1 Psychoanalytischer Ansatz 34
3.3.2 Verhaltenstherapeutischer Ansatz. 35
3.3.3 Familientherapie. 36
4. Hilfsangebote. 38
4.1. Ambulante Behandlung. 38
4.2. Stationäre Behandlung. 38
4.3. Selbsthilfe. 39
5. Schluss. 39
Literatur. 41
Anhang. 43
Abbildung 1. 43
Hinweis männliche/weibliche Schreibweise. 44
Aufteilung der Beiträge 44
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1. Einleitung
Unser Interesse an einer Auseinandersetzung mit der Thematik der Essstörungen wurde durch verschiedene universitäre Veranstaltungen sowie die Teilnahme an dem in diesem Jahr stattgefunden Kongress „Traumkörper-Körpertraum(a)“ geweckt. Des weiteren absolviert Kathrin Häfke ihr erstes Praktikum bei Kabera e.V., einer Kasseler Beratungsstelle für Essstörungen.
Anorexia nervosa und Bulimia nervosa werden von uns wegen des häufigen Auftretens und den dramatischen Krankheitsverläufen als Thema gewählt. Es ist gleichermaßen faszinierend und erschreckend, dass in unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft, in der es kaum jemandem an materiellen Dingen mangelt, insbesondere junge Menschen zu Maßnahmen wie Hungern und Erbrechen greifen. Da diese Symptome von Großteilen der Bevölkerung noch immer zu pubertären, vorübergehenden Verhaltensweisen bagatellisiert werden, möchten wir mit dieser Studienarbeit vor allem informieren und Verständnis wecken. Laut einer Studie von Kabera haben bereits 46% der 11-13jährigen Mädchen und 17% der 11-13jährigen Jungen in Deutschland Diäterfahrung. Diese erschreckenden Zahlen verdeutlichen, dass das durch die Medien propagierte Schönheitsideal bis heute hauptsächlich die weibliche Bevölkerung beeinflusst. Nur ca. 5% aller Erkrankten sind männlich. Dies, und der begrenzte Rahmen einer Studienarbeit, begründen die ausschließliche Betrachtung der weiblichen Erkrankten. Frauke Koch beschäftigt sich mit der Anorexia nervosa, während Kathrin Häfke die Bulimia nervosa genauer betrachtet. Trotz dieser Aufteilung weisen wir darauf hin, dass bei vielen Patientinnen die Krankheitsbilder nicht immer klar voneinander abzugrenzen sind. Mögliche Hilfsangebote werden dann gemeinsam erläutert.
Die Arbeit beginnt mit allgemeinen Informationen und einem historischen Überblick. Anschließend wird das jeweilige Krankheitsbild ausführlich dargestellt. Wir folgen hier den von der American Psychiatric Association und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ausgegebenen Klassifikationssystemen, dem Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM- IV) und der Internationalen Klassifikation
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psychischer Störungen (ICD- 10).
Hiernach zeigen wir mögliche Ursachen auf. Insbesondere die familiäre und individuelle Situation sowie gesellschaftliche Ideale und biologische Faktoren werden genauer betrachtet. Ein sexueller Missbrauch wird im Zusammenhang mit der Bulimie thematisiert. Im weiteren Verlauf wird auf häufig angewandte Therapieansätze eingegangen. Es folgt die Vorstellung verschiedener Hilfsangebote. Abschließend setzen wir uns mit den gewonnen Erkenntnissen kritisch auseinander.
2. Anorexia nervosa
Der Begriff „Anorexia“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt Appetitlosigkeit, fehlendes Verlangen. Der Zusatz „nervosa“ (nervlich) weist auf den psychischen Hintergrund der Krankheit hin. Jedoch ist die Übersetzung Appetitlosigkeit irreführend, da die Patientinnen nicht an einem Mangel an Appetit leiden, sondern unter der panikartigen Furcht vor der Gewichtszunahme Appetit und Hungergefühle unterdrücken. Sie verweigern willentlich die Nahrungsaufnahme. Als zutreffender wird der Begriff der „Selbstaushungerung“ empfohlen (vgl. Vandereycken/Meermann 2000, S. 17).
Circa 0,5 Prozent der Mädchen zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr erkranken an Anorexia nervosa. Das Entstehungsalter verschiebt sich derzeit stetig nach unten (vgl. Buchholz 2001, S. 11) In der Literatur werden neben Anorexia nervosa die Begriffe Anorexie und Magersucht verwendet.
2.1. Historische Aspekte
Das Phänomen der hungernden Frauen war schon im Mittelalter bekannt. Die „Anorexia mirabilis“, das heißt die wundersame Appetitlosigkeit trat bei jungen Frauen auf, die aus religiösen Gründen fasteten. Die bekannteste von ihnen ist Heilige Katharina von Siena (siehe Abbildung Nr. 1).
Obgleich es viele Parallelen zu den heutigen Magersüchtigen gibt,
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existieren grundlegende Unterschiede. Die mittelalterliche Asketin strebte danach, durch Fasten die Schönheit der Seele zu vervollkommnen im Sinne eines religiösen Ideals.
Der Engländer Richard Morton (1637-1698) dokumentierte im Jahr 1691 in seinem Werk „Phthisiologia“ die Krankengeschichte eines 17-jährigen Mädchens, das nach über zweijährigem Krankheitsverlauf an Magersucht starb. Ihm ist somit die erste detaillierte Beschreibung der Anorexia nervosa zu verdanken. Für viele Autoren beginnt die Geschichte des Symptoms mit dem Werk Mortons.
Nach einer längeren Unterbrechung folgten nach Morton der englische Neurologe Whitt, der 1767 eine Abhandlung über Anorxia nervosa veröffentlichte, und der französische Arzt Naudeau, der 1789 eine ausführliche Beschreibung eines tödlichen Falls von Anorexia nervosa publizierte. (vgl. Palazzoli 1986, S. 18; Gerlinghoff/Backmund/Mai 1988, S. 138)
In Deutschland hat der Jugend-Psychiater Heinrich Hoffmann 1845 mit dem „Suppenkaspar“ (in Struwwelpeter) der Magersucht ein warnendes Denkmal gesetzt.
Parallel, aber unabhängig voneinander, publizierten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts William Withey Gull (1816-1890), klinischer Chirurg in London, und Ernest-Charles Lasègue (1816-1883), Professor für klinische Medizin in Paris, eine wissenschaftliche Beschreibung der Magersucht. In den Beschreibungen beider Ärzte sind bereits wesentliche diagnostische Kriterien, die in den heutigen Klassifikationssystemen vorhanden sind, zu finden. Der Begriff „Anorexia nervosa“ ist auf Gull zurückzuführen.
Aus Leserbriefen und Diskussionsbeiträgen in medizinischer Literatur ist zu entnehmen, dass die Anorexia nervosa am Ende des 19. Jahrhunderts nicht selten war. Zu diesem Zeitpunkt brachten Ärzte Familie und Krankheitsgeschehen in Zusammenhang und trennten Kranke vorübergehend von ihren Angehörigen, indem sie sie in einem anderen Milieu unterbrachten. Die Anorexia nervosa und die so genannte Simmondssche Krankheit, eine Hypophysenschwäche, wurden gleichgesetzt. Dies hatte zur Folge, dass Magersüchtige in Europa und
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Amerika zwei bis drei Jahrzehnte mit Extrakten von Hypophyse (Hirnanhangdrüse), von Nebennieren, Schilddrüse oder Eierstöcken behandelt wurden. Zu den sonstigen therapeutischen Maßnahmen zählten zum Beispiel die Gabe von Vitaminen, die Elektrokrampftherapie und psychochirurgische Eingriffe. Ab Mitte der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts erhielt die Psychoanalyse Einzug in die Therapie der Magersucht. Die Einnahme von Psychopharmaka hat sich nicht bewährt. (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2000, S.19 f; Palazzoli 1986, S. 19-23)
2.2. Das Krankheitsbild
2.2.1 Diagnosekriterien
Die Diagnosekriterien sind im DSM-IV für Anorexia nervosa wie folgt festgeschrieben: „A. Weigerung, das Minimum des für das Alter und Körpergröße normalen Körpergewichts zu halten (z. B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts). B. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts. C. Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluß des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts. D. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhoe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen, eintritt)“ (DSM IV 1996, S. 619).
Zur genaueren Diagnose unterscheidet das DSM-IV in zwei Subtypen der Anorexie, dem restriktiven Typ und einen bulimischen Typ, dem so
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genannten „Binge-Eating/Purging“-Typ:
„Restriktiver Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia Nervosa hat die Person keine regelmäßigen Freßanfälle gehabt oder hat kein „Purging“-Verhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Mißbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt. „Binge-Eating/Purging“-Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia Nervosa hat die Person regelmäßig Freßanfälle gehabt und hat Purgingverhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Mißbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt" (DSM-IV 1996, S. 619 f.).
Neben dem DSM nennt das ICD, als ein weiteres wesentliches Klassifikationssystem, Diagnosekriterien für Anorexia nervosa: „1. Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15% unter dem erwarteten (entweder durch Gewichtsverlust oder nie erreichtes Gewicht) oder Quetelets-Index (Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße in Meter zum Quadrat) von 17,5 oder weniger. Bei Patienten in der Vorpubertät kann die erwartete Gewichtszunahme während der Wachstumsperiode ausbleiben. 2. Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch: a. Vermeidung von hochkalorischen Speisen; sowie eine oder mehrere der folgenden Verhaltensweisen: b. selbst induziertes Erbrechen; c. selbst induziertes Abführen; d. übertriebene körperliche Aktivitäten; e. Gebrauch von Appetitzüglern oder Diuretika. 3. Körperschema-Störung in Form einer spezifischen psychischen Störung: die Angst zu dick zu werden besteht als eine tiefverwurzelte überwertige Idee; die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst fest. 4. Eine endokrine Störung auf der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Sie manifestiert sich bei Frauen als Amenorrhoe und bei Männern als Libido- und Potenzverlust. (Eine Ausnahme ist das Persistieren vaginaler Blutungen bei anorektischen Frauen mit einer
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Hormonsubstitutionsbehandlung zur Kontrazeption.) Erhöhte Wachstumshormon- und Kortisolspiegel, Änderungen des peripheren Metabolismus von Schilddrüsenhormonen und Störungen der Insulinsekretion können gleichfalls vorliegen. 5. Bei Beginn der Erkrankung vor der Pubertät ist die Abfolge der pubertären Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt (Wachstumsstopp; fehlende Brustentwicklung und primäre Amenorrhoe beim Mädchen; bei Knaben bleiben die Genitalien kindlich). Nach Remission wird die Pubertätsentwicklung häufig normal abgeschlossen, die Menarche tritt aber verspätet ein“ (ICD-10 1993, S. 200 f.).
Die Spezifizierung gemäß ICD erfolgt in Anorexie ohne aktive Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (Erbrechen, Abführen etc.), Anorexie mit aktiven Maßnahmen zur Gewichtsabnahme (unter Umständen in Verbindung mit Heißhungerattacken) und die Atypische Anorexia nervosa. Bei der atypischen Anorexia nervosa fehlen ein oder mehrere Kernmerkmale der Krankheit, zum Beispiel die Amenorrhoe oder der signifikante Gewichtsverlust.
Die Körperschemastörung als ein wichtiges Diagnosekriterium wird im folgenden genauer beschrieben.
2.2.2 Körperschemastörung
Das Körperbild Magersüchtiger ist verzerrt. Sie erkennen die extreme und lebensbedrohliche Abmagerung ihres Körpers nicht. Besonders einzelne Körperteile, wie Oberschenkel, Bauch oder Hüften stehen im Blickpunkt der Betroffenen. Ihr angestrebtes Gewicht liegt unterhalb der medizinischen Norm und wird mit zunehmender Gewichtsabnahme weiter heruntergesetzt. Die Patientinnen fühlen sich trotz des massiven Untergewichts zu dick und behaupten, keinen Hunger zu leiden. Hierzu merkt Buchholz (2001) kritisch an, dass zumindest enterozeptive Reize wie Hunger, Müdigkeit oder Frieren auftreten, diese bemerkt und durch die negative Besetzung bewusst nicht befriedigt werden. Des Weiteren
Arbeit zitieren:
Kathrin Häfke, Frauke Koch, 2004, Anorexia nervosa und Bulimia nervosa, München, GRIN Verlag GmbH
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