III
INHALT Seite
1. Begriff und Wesen des Fundamentalismus 1
2. Der Islam 2
2.1 Grundzüge des islamischen Glaubens 3
2.2 Das Märtyrertum 6
3. Entwicklung des islamischen Fundamentalismus 8
4. Islamismus - Die Ideologie des politischen Islam 12
4.1 Entwicklung zwischen Fundamentalismus und Nationalismus 14
4.2 Islamischer Fundamentalismus als Feindbild 17
5. Fazit: Wege zur Überwindung des islamischen Fundamentalismus 18
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1. Begriff und Wesen des Fundamentalismus
Mit "Fundamentalismus" im religionswissenschaftlichen Sinne bezeichnet man eine Schriftglä ubigkeit, die den Wortsinn der von Gott offenbarten Schrift gegen Auslegungen verteidigt - wie z.B. die Schöpfungsgeschichte gegen das wissenschaftliche Weltbild, die Erschaffung von Adam und Eva gegen die Evolutionstheorie. Diese fundamentalen Vorstellungen
"Zeugen Jehovas" sind Fundamentalisten in diesem Sinne, so wie evangelische oder katholische "Kreationisten". Fundamentalismus gibt es in allen Religionen, die sich auf ein offenbartes Buch berufen - im Christentum und Jude ntum ebenso wie im Islam.
Spricht man gegenwärtig von Fundamentalismus, so meint man häufig den islamischen und lässt dabei ebenso häufig außer Acht, dass es sich bei der Erscheinung des Fundamentalismus im religiösen Sinne ursprünglich um eine christlich-innerkirchliche Bewegung innerhalb des amerikanischen Protestantismus handelte. Entgegen der verbreiteten Annahme ist er auch keineswegs auf den Orient beschränkt. Seit Ende der siebziger Jahre ist er auch in westlichen Industriegesellschaften zu beobachten, insbesondere in d en Vereinigten Staaten, wo sich fundamentalistische Fernsehprediger mit rechtskonservativen Politikern zusammenschließen. In Israel repräsentiert die Siedlungsbewegung Gush Emunim eine militante Spielart des jüdischen Fundamentalismus. Traditionalismus und Integrismus bilden eine starke Gruppierung innerhalb der katholischen Kirche. Der Fundamentalismus unter den Sikhs in Indien oder buddhistischen Singhalesen in Sri Lanka schließlich zeigt, dass offenbar keine Religion und kein Kulturkreis immun ist gegen diese Mischung aus Heilsversprechen und politischer Aktion. Doch es bedarf
undiskutabel, ist er nicht etwas menschlich Gewordenes, sondern etwas rückwärtig Utopisches: Es
1 Holtmann (Hrsg.), Politik-Lexikon, München, Wien 2000, S. 204
2 Jäggi/Krieger, Fundamentalismus - Ein Phänomen der Gegenwart, Zürich, Wiesbaden 1991, S. 16
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Der Islam hat seit seiner Entstehung vor knapp 1400 Jahren eine Vielzahl von Strömungen hervorgebracht. Diese haben mit dem pauschalen Bild des "einen Islam", das im Westen häufig anzutreffen ist, nur wenig gemeinsam. Die jüngste der drei großen monotheistischen Religionen begann mit den Offenbarungen Gottes an den Propheten Mohammed zu Beginn des 7. Jahrhunderts. Die Moslems sehen in ihrer Religion die Vervollständigung der älteren jüdischen und christlichen Religionen. Die Auswanderung (Hidschra) des Propheten und seiner Gefährten von Mekka nach Medina im Jahre 622 ist der Beginn der islamischen Zeitrechnung. Doch schon wenige Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds im Jahre 633 kam es zur ersten Spaltung der Gemeinschaft der Moslems (Umma) in Sunniten und Schiiten. Auslöser dafür war die Frage, wer als rechtmäßiger Nachfolger Mohammeds und religiöses Oberhaupt der Gemeinschaft anzusehen sei. Die Sunniten m achen seither die Mehrheit der Moslems aus, während die Schiiten die zweitgrößte Gruppe bilden, die heute vor allem im Iran vertreten ist.
Im sunnitischen Islam vereinigte über Jahrhunderte der Kalif die geistliche und wel tliche Macht. Der Titel Kalif wird hergeleitet von Abu Bakr, der sich „chalifa rasul Allah“ - Nachfolger des Propheten Gottes - nannte. Diese Macht wurde mit der Zeit immer geringer und 1924 wurde das Kalifat mit den Reformen Kemal Paschas (Atatürk) endgültig abgeschafft. Seither gibt es im sunnitischen Islam keine von allen Gläubigen anerkannte religiöse Autorität mehr. Anders als im katholisch ge prägten Christentum kennt der sunnitische Islam keine ausgeprägte geistliche Hierarchie, sondern praktiziert eine Art von religiösem Pluralismus. Einige der religiösen Gelehrten (Ulama) besitzen allerdings traditionell eine höhere Autorität, so etwa der Scheich der ägyptischen AI-Azhar-Moschee, dessen Urteile in der gesamten sunnitisch-islamischen Welt Beachtung finden.
Bei den Schiiten leitete ein als unfehlbar geltender Imam ("Vorbeter") die Gemeinde. Da der letzte Imam jedoch dem Glauben nach in verborge ner Entrückung lebt, nimmt im Gottesstaat Iran ein Stellvertreter seine Funktionen wahr.
Für den Muslim ist der Islam mehr als eine Religion in unserem Sinne. Er ist ein kompletter Lebenskodex, der darüber hinaus alle Bereiche seines Lebens umfasst. Er ist zugleich Ethik und
3 vgl. Jäggi/Krieger, a.a.O., S. 21
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Recht. Dieser Totalitätsanspruch des Islam ist die logische Konsequenz des Dogmas von der Einheit Gottes, die den Kernpunkt des Islam bildet. Es gibt nur einen Gott, nur einen Schöpfer, nur eine Schöpfung, nur eine Wahrheit. Nichts ist teilbar, auch nicht das Leben, und schon gar nicht die Werte, die in unserem Leben Richtschnur sein sollten. Schon der Name, der im Koran für die Religion steht, kann ein Beleg für diese Totalität sein, denn Islam wird hergeleitet vom Verb 'aslama: sich unterordnen, sich völlig unterwerfen, sich rückhaltlos hingeben.
Die Einzigkeit Gottes
Der oberste Grundsatz im Bekenntnis des Islam ist der Glaube an den einen wahren Gott, die unsichtbare und allgegenwärtige Gotthe it, die allein das ganze Universum regiert. Er eifert in erster Linie um die "Einzigkeit" dieses Gottes. La ilaha illa'l-lah (es gibt keine Gottheit außer Gott) ist der erste große Satz des Islam. Neben der Einzigkeit Gottes legt der Islam den Nachdruck auf die Größe Gottes. „Allahu Akbar (Gott ist der Größte): das ist der häufigste Ruf von den Minaretten, die Formel, die in jedem der fünf täglichen Gebete mehrere Male wiederholt wird „(...) Der Nachdruck sollte auf die Tatsache gelegt werden, dass des Menschen Verehrung und Dienst, sein Gehorsam und seine Unterwerfung Gott allein gelten soll. Iyyaka na'budu: Dich allein verehren wir; La ilaha illa' l-lah wa la na'budu illa iyyah: Es gibt keine Gottheit außer Gott, und Er allein ist es, den wir verehren. Das sind zwei berühmte und oft wiederholte muslimische Erklärungen. Das Kernwort dabei ist deutlich genug: ‚allein’.“ 4 Die Einzigkeit Allahs (Tawhid) ist das Fundament des Islam. „Sie bekräftigt, dass Allah und Allah allein unser Schöpfer, Erhalter, Führer und Herr ist; dass Er keine Partner hat; dass Sein Wille und Seine Autorität das Höchste sind und das gesamte Universum umgreifen; dass Er der Gesetzgeber ist und wir uns Ihm beugen und unterwerfen müssen (...) Einzigkeit Allahs bedeutet auch die Einheit des Lebens. Das führt zur Aufhebung aller Unterscheidungen zwischen dem Geistlichen und dem Leiblichen, dem Religiösen und Weltlichen. Nach diesem Plan ist das ganze Gebäude des Lebens durch ein Gesetz regiert, und die Verwirklichung des Göttlichen Willens wird zum letzten Ziel der Gläubigen.“ 5
Der Koran
Von besonderer Bedeutung ist im Islam die wortgetreue Beachtung des Koran. Nach muslimischer Auffassung beinhaltet der Koran das Wort Gottes, das durch Mohammed an die
4 Mohammed Al-Nowaihi, Was ist Islam?, in: Arbeitstexte der EZW Nr. 18 IV/79, S. 4-7
5 Allgemeine Erklärung des Islamrates für Europa, abgedruckt in „New Horizon“, London 1980, aus:
Materialdienst der EZW der EKD, Nr.7 1980, S. 181-184.
Ende April 1980 veranstaltete der "Islamrat für Europa" in London eine internationale islamische Konferenz.
Anlass waren die Feierlichkeiten zum Beginn des 15. Jahrhunderts der islamischen Zeitrechnung. Die
Konferenz verabschiedete eine "Universal Islamic Declaration", die ihrem Ansatz und Stil nach einen hohen
Rang beansprucht. Das Kernstück dieser Erklärung entfaltet die Grundsätze des islamischen Glaubens und
Lebens. Von einem repräsentativen Gremium verfasst, im Blick auf westliche Nicht-Muslime formuliert,
bietet diese Erklärung eine komprimierte Zusammenfassung des Selbstverständnisses im konservativen
sunnitischen Islam.
Arbeit zitieren:
Patrick Ehlers, 2003, Islamischer Fundamentalismus und Islamismus - Eine notwenige Differenzierung, München, GRIN Verlag GmbH
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