Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Der „Arme Heinrich“ und das Verständnis des Aussatzes und die Frage
der Schuld bei Hartmann von Aue 2-9
2. 1 Das Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur 2
2. 2 Der Begriff der Schuld nach christlichem Gedankengut 4
2. 3 Das Verständnis des Aussatzes 5
2. 4 Der Gehalt der Schuld innerhalb der Erzählung 8
3. Schlussbetrachtung 10
4. Literaturverzeichnis 11
II
1. Einleitung
Der „Arme Heinrich“ gehört zu jenen Dichtwerken der erzählenden, mittelalterlichen Literatur, in denen der Einbruch einer Krankheit in das Leben eines Menschen thematisiert wird. Wie der scheinbar Unschuldige aus dem Alltag des Lebens gerissen wird, und wie die mit der Krankheit verbundene Angst vor dem Tod den Charakter verwandelt. In der mittelalterlichen Literatur sind unheilbare und lebensbedrohliche Krankheiten ein weit verbreitetes Motiv. Der Aussatz nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Er ga lt zu damaliger Zeit als das furchtbarste Los, das einen Menschen treffen konnte. Der von ihm Befallene war ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Lebenden, der körperliche Zerfall wurde aufgefasst als Zeichen der seelischen Vergiftung, mit dem Gott den Bösen strafte. Die Schuld galt als erwiesen.
Das Besondere dieses Werkes ist, dass Hartmann seinen Protagonisten als Idealtypus eines ritterlich-höfischen Menschen einführt, bei dem auf den ersten Blick keinerlei Sündhaftigkeit zu erkenne n ist. Dennoch wird er inmitten des Glanzes seiner Vollkommenheit vom Aussatz befallen und ist damit aus der Welt ausgesetzt. So stellt sich bereits zu Beginn der Erzählung die Frage nach der Ursache für dieses einschneidende Ereignis. Hartmann lässt außer Frage, dass die Krankheit von Gott gesandt ist, doch worin dessen Motivation besteht, Heinrich mit einer solch schweren Krankheit zu belegen, ist ein mannigfach in der Forschung diskutiertes Problem. Wie soll der furchtbare Schicksalsschlag, der die weitere Handlung im „Armen Heinrich“ auslöst, gedeutet werden? Im Zusammenhang mit der innerhalb der Erzählung erwähnten Figur Hiobs, lässt sich Heinrichs Aussatz als g öttliche Prüfung verstehen. Andererseits legt das vorangehende biblische Absalombild und dessen literarischer u nd exegetischer Gebrauch es zunächst nahe, den plötzlichen Sturz vom Glanz des Lebens in die Tiefe als Strafe Gottes zu interpretieren.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Suche nach dem Verständ nis des Aussatzes im Hinblick auf folgende Fragen: Lässt sich die Krankheit eindeutig als göttliche Prüfung oder Strafe Gottes erklären? Inwiefern trägt Heinrich Schuld an seiner Erkrankung am Aussatz? Trifft Heinrich anhand der Erzählung überhaupt eine Schuld? Bevor ich mich näher mit der Auslegung der Krankheit und dem Problem der Schuld auseinandersetze, befasse ich mich zu Beginn mit dem Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur. Anschließend folgt eine Definition der Schuld nach christlichem Gedankengut, da das Werk einer christlich geprägten Kultur entstammt, und diese möglicherweise für die Frage der Schuld nützlich sein kann.
1
2. Der „Arme Heinrich“ und das Verständnis des Aussatzes und die Frage
der Schuld bei Hartmann von Aue
2. 1 Das Motiv des Aussatzes in der mittelalterlichen Literatur
Die Aussatzgeschichten im Mittelalter mit der Thematik der Heilung vom Aussatz durch das Bad oder Waschung in Menschenblut, vor allem dem von unschuldigen Kindern, kommen in verschiedenen Variationen vor. Sie sind einteilbar in zwei Grundtypen, nämlich den Barmherzigkeitstypus, der durch die Sylvesterlegende vertreten wird, und den Erzähltypus der Freundschaftsprobe, in der das Motiv der Krankenheilung verbunden wird mit dem der Freundesbewährung. 1
Die Sylvesterlegende lässt sich klassifizieren als „Heilsgeschichte eines Kranken.“ 2 Der heidnische Kaiser Konstantin ist der vom Aussatz befallene Kranke, der auf Empfehlung der Ärzte Vorbereitungen für ein Bad in Kinderblut treffen lässt. Das Leid der betroffene n Mütter rührt den Kranken, und er verzichtet auf das grausame Blutopfer. „Es sei besser, er allein sterbe, als dass so viele Kinder um seinetwillen [...] ihr Leben verlören.“ 3 Die Entsagung des Opfers ermöglicht die Heilung, die als Wunder Gottes zur Offenbarung der Gnadenmitteilung im Vollzug der Taufe erfolgt. Für das Verständnis der Erzählung ist es ausschlaggebend, dass der vom Aussatz befallene Kaiser, um seines und der Christenheit Heiles willen befallen wird. Die Heilung gründet sich im Verzicht auf das Opfer und der Ergebenheit ins Schicksal der Krankheit. 4
Mit dem Motiv des Aussatzes wird der Typus der Freundschaftssage, dem es ursprünglich um die Erprobung eines Freundes gegenüber der Frau des anderen geht, 5 mit der Geschichte von Amicus und Amelius verbunden. In dieser wird Amicus vom Aussatz befallen. Die Krankheit, die von Gott kommt, erfordert keine spezielle Motivierung. Es reicht die miselsuht als bloße Tatsache, da die Krankheit dem Fähigkeitsnachweis eines anderen Menschen zu dienen hat, nicht dem Heil des Kranken. Die Heilung soll durch das Blut der beiden Knaben des Amelius erfolgen. Dieser, der Amicus wegen seiner früheren Hilfeleistung besonders dankbar ist, erfährt von der möglichen Heilung, steht nun vor dem Problem, für Freundeshilfe ein schwerstes persönliches Opfer zu bringen. Er entschließt sich, seine Knaben zu opfern und dem Freund zu helfen. Sein Handeln beweist seine bedingungslose Treue. Nach dem blutigen
1 Wapnewski, Peter: Hartmann von Aue, Stuttgart 1969, S. 95.
2 Ruh, Kurt: Hartmanns „Armer Heinrich“. Erzählmodell und theologische Implikationen, in: Mediaevalia
litteraria. Festschrift für Helmut de Boor, München 1971, S. 318.
3 Ebd., S. 318.
4 Ebd., S. 320.
5 Wapnewski, Peter: Hartmann, S. 95.
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Arbeit zitieren:
Sebastian Kreft, 2004, Der "Arme Heinrich", das Verständnis des Aussatzes und die Frage der Schuld bei Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag GmbH
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