Inhalt:
1. Einleitung
2. Melvilles wichtigste Quellenarten
3. Der biblische Hintergrund des Ich-Erzählers Ishmael
3.1 Die Einbeziehung Melvilles persönlicher Lebensgeschichte bei der
Erschaffung Ishmaels
3.2 Die Verarbeitung Alan Melvilles Tod in Moby-Dick
4. Der biblische Hintergrund der Figur Ahabs
4.1 Shakespeares Einfluss auf die Konzeption Ahabs
5. Die Geschichte des Walfangschiffs Essex
5.1 Moby Dick und Mocha Dick
6. Die naturwissenschaftlichen Quellen im Roman
7. Fazit
8. Bibliographie
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1. Einleitung
Herman Melvilles Roman Moby-Dick ist in heutiger Zeit eines der bekanntesten Hauptwerke der amerikanischen Literatur. Der Roman wurde nicht nur mehrmals sowohl als Spielfilm als auch als Zeichentrickfilm und Kinderserie verfilmt, sondern man findet den legendären weißen Wal und den einbeinigen Captain Ahab auch auf unzähligen Illustrationen, Karikaturen in Zeitungen und Zeitschriften und sogar als Spielzeugfigur. Diesen späten und teilweise zweifelhaften Ruhm konnte Herman Melville (1819-1891) nicht mehr selbst erleben. Zu seinen Lebzeiten war sein Roman nämlich höchst umstritten und wurde von vielen Lesern nicht verstanden. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken, wie die Abenteurergeschichten Redburn und White Jacket, blieb der kommerzielle Erfolg lange Zeit aus. Doch damit hatte Melville gerechnet, wie er seinem Schriftstellerkollegen und guten Freund Nathaniel Hawthorne in einem Brief mitteilte: „What I feel most moved to write that is banned --it will not pay. Yet altogether write the othe r way, I cannot." 1 Trotzdem trafen ihn die negativen Reaktionen - besonders die der britischen Kritiker - sehr hart, denn als er sich gegen einen kommerziellen Erfolg entschied (den er gut hätte gebrauchen können), hoffte er auf Anerkennung aus Literaturkreisen und war von der Ablehnung zutiefst enttäuscht. Allen voran verdross ihn der am 25. Oktober 1851 erschienene Artikel im Athenaeum von Henry Fothergill Chorley, in dem es heißt: "An ill-compounded mixture of romance and matter of fact […], Mr. Melville has to thank himself only if his horrors and heroics are flung aside by the general reader as so much trash belonging to the worst school of Bedlam literature,--since he seems not so much unable to learn as disdainful of learning the craft of an artist." 2 Diese Kritik und eine weitere negative Bewertung am selben Tage im Spectator setzen Melvilles Selbstbewusstsein stark zu. „From these terrific blows the supersensitive Melville may never have completely recovered.” 3 Dabei gab es vor allem in Amerika auch eine sehr positive Resonanz. Besonders hervorzuheben ist die Kritik von James Watson Webb, dem Editor und Inhaber des Courier and New York Enquirer, welcher Moby-Dick als Melvilles besten Roman und einflussreiches Werk der amerikanischen Literaturlandschaft einstufte. „His purity and freshness of style and exquisite tact in imparting vividness and
1 Jay Leyda, The Melville Log, 1951, New York: Harcourt , Brace, S.142.
2 Hugh W. Hetherington , Melville's Reviewers: British and American, 1846-1891, 1961, Chapel Hill: University of North Carolina Press, S. 192.
3 Hugh W. Hetherington, S. 193
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lifelikeness to his sketches long since gained him hosts of admirers on both sides of the water. The book has all the attractiveness of any of its predecessors; in truth it possesses more of a witching interest, since the author's fancy has taken in it a wilder play than ever before. It is ostensibly taken up with whales and whalers, but a vast variety of characters and subjects figure in it, all set off with an artistic effect that irresistibly captivates the attention. The author writes with the gusto of true genius, and it must be a torpid spirit indeed that is not enlivened with the raciness of his humor and the redolence of his imagination.” 4
Daher kann die hä ufige Annahme, Melvilles Roman sei zu seinen Lebzeiten ausschließlich auf Kritik und Ablehnung gestoßen, wiederlegt werden. Trotzdem gibt es Strukturen, Elemente und Charaktere in Moby-Dick, die besonders dem damaligen Leser, der Melvilles vorherige Werke schätzte und einen klassischen Abenteuerroman erwartete, durchaus merkwürdig vorkommen konnten. Melville füllt endlos viele Seiten mit Beobachtungen und Gedanken seines Erzählers Ishmael, sowie Erklärungen und Definitionen, die der Thematik des Walfangs zwar zugeordnet werden können, teilweise aber für einen Roman sehr langatmig und belehrend wirken. So zum Beispiel sein ‚Buch im Buch’ im Kapitel Cetology über die verschiedenen Walarten, das wie ein Lexikonauszug klingt und dadurch die Struktur und den Flus s der Erzählung aufbricht und unterbricht. 5 Schon die Überschrift lässt auf eine wissenschaftliche Abhandlung und nicht auf ein Kapitel in einem Roman schließen. Doch vielleicht macht auch diese Vielfältigkeit und Tiefgründigkeit die von James Watson Webb beschriebene Genialität aus. Melville überlässt nichts dem Zufall. „Moby-Dick is rich and complex above any other novel in American literature.” 6 Diese Komplexität beruht besonders auf der Vielzahl von Quellen, derer sich Melville in Moby-Dick bedient. In dieser Arbeit sollen die wichtigsten Quellen aufgespürt und analysiert werden. Dabei soll ergründet werden, wie Melville diese Quellen einsetzt und warum er das tut. Am Ende dieser Arbeit kann dann hoffentlich geklärt werden, welche Kritiker nun Recht hatten. Ist Moby-Dick nun ill-compounded und trash oder true genius?
4 Hugh W. Hetherington, S. 204
5 vgl. Herman Melville in Charles Child Walcutt, Moby-Dick, 2003, New York: Bantam Dell, S.146-159.
6 Howard P. Vincent , The Trying-Out of Moby-Dick, 1949, Boston: The Riverside Press, S.8
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2. Melvilles wichtigste Quellenarten
In ihrem Buch Melville`s Sources zählt Mary K. Bercaw über 160 Quellen, derer sich Melville bedient hat und die man in Moby-Dick textlich nachweisen und nachvollziehen kann. Das wäre mehr als eine Quelle für jedes Kapitel, und wenn diese Aussage stimmt, hat Melville wahrscheinlich in jahrelanger Vorarbeit Hunderte von Büchern und Texten gesammelt und gelesen und jeden kleinsten Fakt für sein Buch eigenhä ndig recherchiert oder nachgeschlagen. Ob Melville wirklich so gearbeitet hat und 160 verschiedene Quellen als Grundlage für sein Werk dienten, kann in dieser Arbeit nicht nachvollzogen werden. Vielmehr werden die wichtigsten Quellenarten benannt und zu jeder Art ein paar Beispiele gegeben, die dann wiederum textlich belegt und analysiert werden. Für die Bestimmung der Quellenarten dient Hershel Parkers Artikel Sources of Moby-Dick als Grundlage. Parker unterscheidet in seinem Text zwischen drei verschiedenen Quellenarten, nämlich Melvilles eigener Lebenserfahrung, Bücher und Texte anderer Autoren, sowie Melvilles Phantasie und Ideenreichtum. Melvilles eigene Erfahrung zeigt sich besonders in seinem Ich-Erzähler Ishmael, der viele Parallelen zu Melvilles eigenem Leben und seinen Charakterzügen aufweist, sowie seine eigenen Erfahrungen auf einem Walfangschiff. Die zweite Quellenart, also Werke anderer Autoren, kann wiederum in mehrere Subkategorien unterteilt werden. Als wichtigstes Werk ist die Bibel zu nenne n. Melville bedient sich biblischer Symbole und benennt seine Charaktere nach biblischen Figuren. „ [Moby-Dick] was pervasively influenced by the Bible, in particular by the Book of Job, and the book of Jonah [...]“ 7 .
Des weiteren finden sich viele Elemente der Werke Shakespeares in Moby-Dick wieder, allen voran King Lear als Modell des tragischen Helden für die Person Ahabs, sowie Shakespeare-typische Bühnenanweisungen, die in der Mitte des Romans mit dem Auftreten Kapitän Ahabs die Erzählstruktur unterbrechen und dramatische Elemente einbringen. Neben dieser symbolischen und literarischen Quellen bedient sich Melville zahlreiche naturwissenschaftliche Quellen über den Walfang und die Seefahrt. Er zieht Zeitungsartikel und Enzyklopädien zu Rate und beschäftigt sich ausgiebig mit naturwissenschaftlichen Büchern über die Anatomie der verschiedenen Walarten. Auch für Augenzeugenberichte und Memoiren von erfolgreichen Walfängern findet Melville
7 Hershel Parker, Sources of Mob-Dick. In: Brian Higgings, Parker Hershel, Critical Essays on Herman Melville`s Moby-Dick, 1992, New York, S.389
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Verwendung. Hierbei verschmelzen manchmal seine Quellen mit seinen eigenen Erfahrungen. So erinnern viele Elemente und Begebenheiten in Moby-Dick, die Melville hinterher als eigene Erfahrungen auf einem Walfangschiff kommentiert, an die Beschreibungen von Owen Chase über den Untergang des Walfangschiffes Essex. 8 Daher ist es sehr schwer, manche Szenen und Kapitel des Romans einer Quelle zuzuordnen, da sie sowohl auf Melvilles eigenen Leben als auch auf Erlebnissen anderer Schiffsleute basieren könnten. Wie vieler Quellen sich Melville bedient, macht er dem Leser am Anfang des Romans deutlich. In seinen Extracts findet man schon zu Beginn so etwas wie eine Quintessenz seiner Quellen. Melville stellt dem Roman Zitate verschiedenster Quellen voran, in denen Wale vorkommen. Die Extrakte reichen von Passagen aus der Bibel über Texte von Shakespeare und anderen namhaften Schriftsteller aus vielen Jahrhunderten bis hin zu hochwissenschaftlichen Abhandlungen über den Walfisch. Diese Zitate zeigen nicht nur, welch große Bedeutung dem Wal über die Jahrhunderte hinweg beigemessen wurde, sondern lassen auch auf die Sachkundigkeit und Belesenheit des Autors schließen. Doch auch diesen Eindruck lässt Melville nicht unkommentiert stehen, sondern er erfindet einen sub-sublibrarian, einen obskuren Hilfsarbeiter in einer Bibliothek, der all diese Zitate über Wale zur Verfügung stellt. Melville betrachtet diese ihm oft zugeschriebene Belesenheit also durchaus ironisch und relativiert damit gleichzeitig auch wieder die Rolle des Wals im Laufe der Geschichte. Trotzdem spiegeln die Extracts den Inhalt des Romans wieder, denn viele dieser Quellen werden im Verlauf der Handlung wieder aufgegriffen.
Wenn man diese zahlreichen Quellen, die Melville benutzt, identifiziert, was bleibt dann eigentlich noch vom Roman übrig? Wo ist Melvilles eigene Handschrift zu erkennen?
3. Der biblische Hintergrund des Ich-Erzählers Ishmael
„Call me Ishmael“ - der erste und wahrscheinlich berühmteste Satz in Melvilles Roman Moby-Dick. Doch wer verbirgt sich hinter Ishmael? Zunächst einmal der von Melville erschaffene Ich- Erzähler des Romans, der den Leser durch die Handlung führt und die Geschehnisse kommentiert. Der Leser erlebt die Suche nach dem weißen Wal durch Erlebnisse und Gedanken Ishmaels. Alle Figuren des Romans werden durch
8 Vgl. Tim Severin, In Search of Moby Dick, 2000, Great Britain: Basic Books, S. 6-8
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Arbeit zitieren:
Jenny Richter, 2004, Identifikation und Analyse der wichtigsten Quellen des Romans Moby-Dick, München, GRIN Verlag GmbH
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