Inhalt
2 Wichtige Voraussetzungen für die Entstehung der
2.1 Vitruv und seine Bedeutung für die Architektur
2.2 Die venezianische Handelskrise im 16
3 Die Villa Barbaro in Maser S 7
3.3 Die Wirtschaftsflügel S 10
3.4 Die Columbarien S 10
3.5 Die Innenausstattung S 11
3.6 Zusammenfassung S 12
4 Palladios architektonische Prinzipien und ihre
Anwendung auf die Villa Barbaro S 13
4.1 Das Gebäude als Organismus S 14
4.2 Die Proportionslehre S 14
4.3 Die Verbindung von Sinnlichkeit und Intellekt S 15
Literatur S 16
Andrea di Pietro della Gondola (*1508 in Padua, †1580 in Vi- cenza oder Maser) wurde im Alter von dreizehn Jahren bei ei- nem Steinmetz in Padua in die Lehre gegeben, floh aber drei Jahre später, 1524, nach Vicenza und ließ sich dort nieder. Dort war er vierzehn Jahre lang bei den Steinbildhauern Gio- vanni und Girolamo, genannt da Pedemuro, tätig, die die meis- ten Skulpturen dieser Zeit in Vicenza schufen. Im Alter von dreißig Jahren wurde er beauftragt, an einer neuen Loggia und anderen Ergänzungsbauten einer Villa in Cricoli bei Vicenza zu arbeiten. Sein Auftraggeber war Conte Giangiorgo Trissino (1478-1550), dessen Villa das erste Bauwerk in Vicenza war, das im klassischen Stil der Renaissance errichtet wurde. Trissino war ein sehr gebildeter Mann, der sein Wissen gerne weitergab und deswegen einige Studenten in sein Haus aufge- nommen hatte. Als Trissino Andrea im Laufe der Bauarbeiten besser kennenlernte, beschloss er, auch ihn aufzunehmen und zusammen mit den jüngeren Aristokraten zu erziehen. Um Andre- as Rangerhöhung zu unterstreichen, verlieh Trissino ihm den Namen Palladio, der an die Weisheit von Pallas Athene erin- nern sollte.
Da Palladio schon dreißig war, war es nicht mehr möglich, ihm eine umfassende humanistische Bildung zukommen zu lassen. Trissino gab ihm nur zu lesen, was mit Architektur, Konstruk- tion, alter Topographie und Militärwissenschaft zu tun hatte. So wurde aus ihm ein „partieller Humanist“, ein Vorläufer des modernen Experten, und kein uomo universale.
Als Trissino 1538 Vicenza verließ, um drei Jahre in Padua zu verbringen, hat Palladio in möglicherweise begleitet und lernte dort Alvise Cornaro kennen. Dieser war in Padua eine wichtige Persönlichkeit, ein großzügiger Mäzen und Gelehrter, aber eher ein Mann der Tat als ein Theoretiker. Er hatte eine Abneigung gegenüber Vitruv (s. 2.1) und den humanistischen Theoretikern, weil sie kein Konzept für ein bequemes, preis- wertes und gesundes Haus vorweisen konnten, wie es eigentlich
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jeder braucht. Cornaro machte sich viele Gedanken über prag- matische Lösungen, er schlug z. B. vor, aus Gründen der Er- sparnis und der leichteren Reparatur wegen die Tür- und Fens- terrahmenprofile aus Terrakotta anstatt aus Stein zu machen. Außerdem war Cornaro der einzige Theoretiker der Renaissance, der vorschlug, auf alle traditionellen Ornamente an den Fas- saden zu verzichten. Seine Auffassungen standen also in star- kem Kontrast zu Trissinos aristokratischem Humanismus. Palla- dio nahm auch diese Einflüsse an.
Ein weiterer wichtiger Einfluss auf Palladio kam von Sebasti- ano Serlio, einem Theoretiker aus Bologna, der sich 1539 in Vicenza aufhielt. Ob er und Palladio sich begegnet sind, ist unklar. Jedenfalls veröffentlichte Serlio sieben Bücher über Architektur, die ersten gedruckten Bücher, in denen nicht das Wort, sondern das Bild der wichtigste Informationsträger war. Serlio entwarf moderne Gebäude.
Palladio unternahm mehrere Romreisen, wo er antike Bauwerke studierte und vermaß. 1554 veröffentlichte er das Werk „L’Antichità di Roma“. Bezeichnenderweise schreibt Ackerman zu diesem Werk: „Palladios Erfindungskraft ist freilich ein- drucksvoller als seine Genauigkeit.“ 1 Es ging Palladio eben nicht unbedingt um Wissenschaftlichkeit im Sinne unserer heu- tigen Archäologie. Antike Bauwerke inspirierten ihn und tru- gen dadurch zur Findung seines persönlichen Stils bei.
1555 wurde die Accademia Olimpica in Vicenza von 21 Gelehrten gegründet, um die Wissenschaft und die Kunst zu pflegen. Pal- ladio war Gründungsmitglied.
1570 veröffentlichte er das Werk „I Quattro Libri dell’ Architettura“. Der erste Teil behandelt die Grundlagen der Architektur und der Ordnungen, der zweite den Hausbau, der dritte die öffentlichen Bauten, den Städtebau und den Ingeni- eurbau, der vierte die Tempel. Palladio richtete sich hier an den Praktiker.
In Venedig hatte Palladio keinen leichten Start, da sein Ri- vale Sansovino sich dort bereits etabliert hatte. Deswegen
baute Palladio vor Sansovinos Tod 1570 dort nur Kirchen. Ab diesem Zeitpunkt aber erhielt er die besten öffentlichen und privaten Aufträge in Venedig, obwohl er kein offizielles Amt einnahm. 1570/71 übersiedelte er mit seiner Familie dorthin. Im folgenden Jahr, 1572, verlor er seine beiden ältesten Söh- ne und gab dann seine Studien und seinen schriftstellerischen Ehrgeiz auf. In Venedig wurde mit Ausnahme von Il Redentore keines seiner zahlreichen Projekte gemäß seinem Entwurf aus- geführt. 2 Gestorben ist er am 19.8.1580 über den Arbeiten am Tempietto der Villa Barbaro entweder in Vicenza oder in Maser bei der Beaufsichtigung der Bauarbeiten.
Er soll ein sehr umgänglicher Mensch gewesen sein, der es mit den adligen Bauherren ebenso gut konnte wie mit den einfachen Bauarbeitern. Man kann ihn als „alten Meister der Mitarbei- termotivation“ bezeichnen.
Es ist kein gesichertes Porträt von ihm erhalten, so dass man leider nicht weiß, wie er überhaupt ausgesehen hat. 3 Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Palladio fähig war, viele sehr verschiedene Einflüsse zu vereinbaren:
- Als Steinmetz und Bildhauer brachte er eine Menge handwerk- liches Geschick und ein Gefühl für den Umgang mit Stein mit.
- Durch seinen ersten Gönner Trissino erhielt er eine huma- nistisch/aristokratische Bildung.
- Sein zweiter Gönner Cornaro lehrte ihn Sparsamkeit und Funktionalität.
- Durch den Einfluss Serlios lernte er moderne Entwürfe ken- nen.
-Bei mehreren Romreisen erforschte er die Architektur der Antike.
2 Alles bisher Geschriebene findet sich bei Ackerman, 1980, S. 9-23
3 Wundram/Pape, 1988, S. 9
3
Gebäude wie die Villa Barbaro entstanden nicht im luftleeren Raum. Es fanden vorher wichtige Entwicklungen statt, deren Kenntnis für das Verständnis eines solchen Bauwerkes uner- lässlich sind und auf die deswegen im Folgenden näher einge- gangen werden soll:
Vitruv lebte von um 84 bis um 20-10 v. Chr. Er war römischer Architekt, Heeres- und Wasserbauingenieur und Kunsttheoreti- ker. Als Heeresingenieur diente er unter Caesar und Augustus. Sein Lehrbuch „De architectura libri X“, das er um 33-22 v. Chr. verfasste und Augustus widmete, ist das einzige aus der Antike erhaltene über Architektur und Technik. Wichtig waren ihm Ordnung, Symmetrie, Eurhythmie, Wahrung des „Decor“, feh- lerfreies Aussehen der Bauwerke und die Kennzeichnung der klassischen Säulenordnungen. „De architectura libri X“ ging in die Architekturtheorie der italienischen Renaissance ein. Da es im lateinischen Urtext Vieldeutigkeiten gibt, gab es damals zahlreiche individuelle Interpretationen und es er- schienen immer neue Vitruvausgaben mit Kommentaren. 4
Um 1500 war der überwiegende Teil der venezianischen Bevölke- rung in irgendeiner Form vom Seehandel abhängig: Entweder verkaufte man importierte Waren oder verarbeitete sie für die venezianische Luxusindustrie weiter. Man führte sogar das Ge-
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Anne-Barbara Knerr, 2002, Andrea Palladio: Die Villa Barbaro, Munich, GRIN Publishing GmbH
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