1. Einleitung
„Alle unsere Streitigkeiten entstehen daraus, dass einer dem anderen seine Ansichten aufzwingen will.“ Mahatma Ghandi
Seit Jahrzehnten streiten sich Wissenschaftler in kontroversen Debatten zum Totalitarismus. Zum besonderen Diskussionspunkt, an dem sich die Geister scheiden, wurde der Vergleich zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus als totalitäre Systeme. Von Auffassungen der Legitimation des Vergleichs bis zur scharfen Ablehnung ergab sich das breite Spektrum der Ansichten. Aufgrund der noch nicht gefundenen allgemeingültigen Totalitarismusdefinition - trotz langjähriger Diskurse - gestaltet sich ein Konsens sehr schwierig.
Im Kontext meiner Darstellung verfolge ich die Fragen: Welche verschiedenen Totalitarismusauffassungen finde ich? Was stellt Imanuel Geiss in seinem Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus dar? Zu welchem Zweck wird ein solcher Vergleich sinnvoll? Welche weiteren Meinungen existieren zur Thematik?
Zur Beantwortung der Fragen betrachte ich zunächst den Begriff des Totalitarismus in seiner Entstehung, Verwendung und den Erklärungsversuchen, die in der heftigen Kontroverse des Historikerstreites gipfelten. Im Mittelpunkt meiner Darstellung wird die Auseinandersetzung mit den Anschauungen Imanuel Geiss zum Vergleich zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus stehen. Dabei drängen sich Kritikpunkte an den Totalitarismustheorien auf. Die Totalitarismustheorien scheinen heute zum politischen Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie zu werden und es muss die Frage gestattet sein, ob die liberale Demokratie als die einzig wahre Alternative für immer und ewig gelten kann. Zur Thematik des Totalitarismus äußerten sich eine große Anzahl von Historikern und Politologen in Wochenzeitungen, Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monographien. Die Kontroversen zum Thema haben bis heute nichts an ihrer Brisanz verloren und stellen für die Wissenschaftler nach wie vor eine Herausforderung dar. Eckhard Jesse versuchte diese in seinem Sammelband „Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ und zieht damit eine Bilanz der bisherigen internationalen Forschungen. Genannt sei auch Hannah Arendt mit ihrer frühen Analyse von totaler Herrschaft in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in dem sie „in einer philosophisch geschulten Geschichtsschau nach Gemeinsamkeiten der totalen Herrschaft suchte.“ 1 Aber auch Carl Joachim Friedrich und Zwigniew Brzezinski
1 Vetter, Matthias: Terroristische Diktaturen im 20.Jahrhundert, in: Vetter, Matthias(Hrsg.): Terroristische
Diktaturen im 20. Jahrhundert. Strukturelemente der nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaft,
Opladen 1996, S. 11.
2
leisteten einen großen Beitrag zur Totalitarismustheorie mit ihrem Aufsatz „Die allgemeinen Merkmale der Diktatur“.
Weitere Publikationen sind von Günther Heydemann und Eckhard Jesse „Diktaturvergleich als Herausforderung“ und von Bernhard Marquardt „Der Totalitarismus - ein gescheitertes Herrschaftssystem“.
2. Totalitarismus
2.1 Entstehung und Verwendung des Begriffs
Der Begriff Totalitarismus wurde erstmals 1923 von Giovanni Amendola aufgegriffen, der den Faschismus als totalitäres System, als „absolute und unkontrollierbare Herrschaft“ 2 bezeichnete. „Ausgangspunkt für die Bildung des ursprünglichen Begriffs der totalitären Diktatur war die empirische Erkenntnis, dass sich politische Systeme bzw. Staatsformen herausgebildet hatten, die man zwar geneigt war, als Autokratien zu kennzeichnen, die sich aber gleichwohl in wesentlicher Hinsicht von Autokratien der Vergangenheit, der Tyrannis und der Despotie unterscheiden“ 3
Der damalige italienische Diktator Benito Mussolini verwendete den Begriff des Totalitarismus zur Beschreibung des von ihm geschaffenen Herrscha ftssystems des Faschismus, „stato totalitario“ 4 , der durchaus positiv verstanden wurde. Der deutsche Jurist Carl Schmitt führte den Begriff in Deutschland ein. Aber schon zwischen den beiden Weltkriegen kristallisierten sich Kritiker des Begriffs heraus, und sie begannen, ihn in seiner heute üblichen negativen Bedeutung zu gebrauchen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunehmend kritische Stimmen gegen den Begriff Totalitarismus laut. Aufgrund der Wesensähnlichkeiten der Regierungssysteme des gerade besiegten Nationalsozialismus und des Kommunismus, besonders s talinistischer Prägung, wurde vom Totalitarismus nur noch in negativer Konnation gesprochen. Franz Borkenau war einer der ersten, der eine Totalitarismusanlayse i n seinem 1939 erschienenen Hauptwerk „The Totalitarian Enemy“ mittels des Vergleiches von Nationalsozialismus und Bolschewismus darstellte. Weitere Totalitarismuskonzepte folgten. Hannah Arendt, die wohl bekannteste Theoretikerin des Totalitarismus, lieferte 1952 ihr Konzept vom Totalitarismus mit ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.“
2 Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).
3 Fritze, Lothar: Unschärfen des Totalitarismusbegriff. Methodologische Bemerkungen zu C.J. Friedrichs Begriff
der totalitären Diktatur, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der
internationalen Forschung, Bonn 1999, S. 306.
4 Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).
3
Zur damaligen Zeit wurde ihr Konzept aber schnell von ihren Kritikern verworfen. „ Eine Reihe von makropolitischen Merkmalen wie z. B. Einheitspartei, monolithischer Machtapparat, Kommunikationsmonopol, Führerkult etc. reichten in wissenschaftlicher Hinsicht nicht aus, um zu klären was eine Gesellschaft sei.“ 5 Es folgten weitere Konzepte von Carl Joachim Friedrich und Zwigniew Brzezinski, deren Definitionen aber auch keine Allgemeingültigkeit erlangten.
In den 50iger und frühen 60iger Jahren, das heißt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde der Totalitarismusbegriff als politisches Instrument missbraucht. Alle politischen Kräfte in der BRD wurden mobilisiert im Kampf gegen den Kommunismus. Der Totalitarismus diente als Oberbegriff, um den Kommunismus mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen und diesen zu verteufeln. B utterwegge meinte sogar: „ Es gab keine geeignetere Konzeption, um das Scheitern der Weimarer Republik als das Resultat einer doppelten Frontstellung (gegenüber Rechts- und Linksextremisten) zu entschuldigen, die geistigen Berührungspunkte des Bürgertums mit dem Nationalsozialismus zu verschleiern und die notwendige Aufarbeitung der NS-Zeit durch Neukonturierung des alten Feindbildes (Kommunisten, Sozialisten) überflüssig zu machen.“ 6
Mit dem Tauwetter des Kalten Krieges wurde die Totalitarismustheorie als gescheitert erklärt und verschwand vorerst wieder in den Schreibtischschubladen der Politologen und Historiker. In der Forschung beschränkte man sich wieder zunehmend auf die vergleichende Analyse der Faschismen.
2.2 Der Historikerstreit
Auf der Suche nach einem neuen deutschen Nationalbewusstsein entfachte sich Mitte der 80iger Jahre eine Kontroverse unter den deutschen Historikern. Ausgelöst durch den Aufsatz von Martin Broszat „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ und von Ernst Nolte „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, entbrannte der Historikerstreit. Kernthese war, die Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus zu normalisieren. Ernst Nolte beklagte sich, dass die nationalsozialistische Vergangenheit „immer noch lebendiger und kraftvoller zu werden“ 7 scheine, anders als andere „normale Vergehen der Vergangenheit.“ 8
5 Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).
6 Butterwegge, Christoph: Erklärungsmodelle für Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, in:
http://www.rosa-luxemburg-club.de (4.06.2004).
7 Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: F.A.Z. vom 6.06.1986.
8 Ebenda.
4
Nolte stellte Fragen in den Raum wie: „Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine asiatische Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentie lle oder wirkliche Opfer einer a siatischen Tat betrachteten? War der Àrchipel Gulag` ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des Rassenmordes der Nationalsozialisten?“ 9 Dies löste eine heftige Debatte unter den Historikern aus. Besonders Jürgen Habermas antwortete in seinem Artikel in „Die Zeit“ unter dem Titel „Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung“ scharf auf Noltes Mutmaßungen und warf ihm eine Relativierung, wenn nicht gar Verharmlosung des NS-Regimes und seiner Verbrechen vor. „Sollen wir mit Hilfe historischer Vergleiche makabre Aufrechnungen vornehmen, um uns aus der Haftung für die Risikogesellschaft der Deutschen herauszustehlen?“ 10 Es kam zur Anklage der NS-Apologie gegen Nolte und seine Anhänger Hillgruber, Stürmer und Hildebrand . Erhard Eppler meinte: „Denn all die
Versuche, ausgerechne t jetzt die Einmaligkeit der NS-Verbrechen durch Hinweis auf Vorbilder im Kommunismus zu relativieren, dürften um viele Jahre zu spät kommen. […], dass wir, spät genug nachholen, was die allzu billige Entlastung durch die Totalitarismustheorie viel zu früh abgebrochen hat.“ 11
Es folgten Schlammschlachten in der Öffentlichkeit. Der wissenschaftliche Diskurs rückte in den Hintergrund. „Wissenschaftliche Thesen wurden mechanisch politischen P ositionen zugeordnet.“ 12 Die historische Kontroverse wurde politisiert. Klagte die eine Seite die Relativierung des NS-Regimes an, kamen von der anderen Seite Zitatenmanipulationen nach dem so genannten „Habermas-Verfahren“. Zitate wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen und führten zu einer „weitgehenden Verwischung der Differenz von Absicht und möglicher Wirkung“ 13 der Autoren. Eine Kernfrage war nun: Konnte man einen Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus wagen? Imanuel Geiss meinte eine Ant wort darauf zu haben, wenn er sagte: „Der Vergleich von Verbrechen, wenn er strukturelle Bedingungen, Elemente, Mechanismen des Verbrechens herausarbeitet und in weitere historische Zusammenhänge stellt, relativiert weder das eine noch das andere Verbreche n moralisch oder verteidigt es gar apologetisch. Jeder strukturelle Vergleich führt allerdings unvermeidlich auch zu strukturellen
9 Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: F.A.Z. vom 6.06.1986.
10 Habermas, Jürgen: Vom öffentlichen Gebrauch der Historie. Das offizielle Selbstverständnis der
Bundesrepublik bricht auf, in: Historikerstreit. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der
nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 252.
11 Eppler, Erhard: Wie Feuer und Wasser. Sind Ost und West friedensfähig?, Reinbek 1988, S.72.
12 Geiss, Imanuel: Der Hysterikerstreit. Ein unpolemischer Essay, Berlin, Bonn 1992, S. 11.
13 Ebenda, S. 32.
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Arbeit zitieren:
Anne Piegert, 2004, Totalitarismus - Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie als letzte Antwort der Geschichte?, München, GRIN Verlag GmbH
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