Inhaltsverzeichnis
1.) EINLEITUNG 4
2.) DAS GEDICHT. 5
3.) KERNER UND DIE VOLKSLIEDSTROPHE. 6
4.) ANALYSE DES GEDICHTES 9
4.1 DIE STROPHEN 1 - 3 10
4.2 DIE STROPHEN 4 - 8 13
4.3 DIE STROPHEN 9 - 11 18
LITERATURVERZEICHNIS : 24
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1.) Einleitung
Justinus Kerner, dessen Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ im Folgenden analysiert werden soll, gilt als Kuriosum der Literaturgeschichte. Seine literarischen Werke stoßen von den ersten Veröffentlichungen an auf geteilte Meinungen. Von Heinrich Heine wird er verspottet und von Ricarda Huch aufs höchste gelobt: „Den deutschen romantischen Ton im Bilde und in der Romanze hat außer Brentano keiner getroffen wie Justinus Kerner“ (Huch, zit. nach Klenner, 2002, 35). Während Anfang des letzten Jahrhunderts Kerners Werke noch überwiegende positiv rezipiert wurden, ändert sich diese Haltung spätestens ab den 1950’er Jahren. Dazu mag Heinz Büttiker mit seinem Urteil über den schwäbischen Landarzt Kerner beigetragen haben: „Justinus Kerner zählt nicht zu den bedeutenden Dichtern deutscher Sprache. Er figuriert bescheidentlich unter den zweit- oder gar drittrangigen Talenten […]. Von seinen dichterischen Werken gehören alle - einige wenige Gedichte ausgenommen - nur noch der Literaturgeschichte an.“ (Büttiker, zit. nach Klenner, 2002, 36)
So geriet Kerners Werk zusehends in Vergessenheit. Betrachtet man aber Kerners lyrisches Schaffen genau, so fällt Büttikers Urteil m. E. deutlich zu hart aus. Zwar finden sich in Kerners lyrischem Gesamtwerk sehr viele Gelegenheitsverse an Freunde, Verwandte und wicht ige Persönlichkeiten wie Fürsten oder Künstler, doch lassen sich auch Gedichte ausfindig machen, die von großer Qualität zeugen, u. a. durch ihren romantischen Ton, einen strukturierten Aufbau, durch tiefe Einblicke in Kerners Denken und Empfinden sowie durch seine präzisen Charakterisierungen von Mitmenschen und den Umständen seiner Zeit. Kerners „Im Eisenbahnhofe“ besitzt meiner Meinung nach genau diese Art von Qualität, wie die folgende Analyse des Gedichtes beweisen soll. Zuvor soll Kerners Bezug zur Romantik und der von ihm verwendete volksliednahe Ton näher bestimmt werden. Nachdem auf diese Art aufgezeigt wurde, welcher Tradition Kerners Lyrik entspringt und welcher Vorbilder er sich bediente, wird der Inhalt des Gedichtes in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Anha nd der Analyse sollte deutlich werden, dass es sich zumindest bei diesem Gedicht nicht um eine bloße „Gelegenheitsdichtung“ handelt, die von einem „zweit- oder drittklassigen Talent“ verfasst wurde.
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2.) Das Gedicht
Im Eisenbahnhofe
Hört ihr den Pfiff, den wilden, grellen, a w
Es schnaubt, es rüstet sich das Tier,
Das eiserne, zum Zug, zum schnellen,
Herbraust's, wie ein Gewitter schier.
5 In seinem Bauche schafft ein Feuer, c w
Das schwarzen Qualm zum Himmel treibt; d m
Ein Bild scheint's von dem Ungeheuer, c w
Von dem die Offenbarung schreibt. d m
Jetzt welch ein Rennen, welch Getümmel, e w
Dampfschnaubend Tier! seit du geboren, g w
Kein Postzug nimmt mit lust’gem Knallen
Bald durch die Stadt mehr seinen Lauf,
Und wecket mit des Posthorns Schallen
Zum Mondenschein den Städter auf.
Der Frau holt eine Blume her. m m
Kein Wandrer bald auf hoher Stelle, n w
An der Natur vorübereilt. o m
Ich klage: Mensch, mit deinen Künsten p w
Wo keine Axt mehr schallt, geboren, g w
Könnt's sein, in Meeres stillem Grund, r m
Daß nie geworden meinen Ohren g w
40 Je was von deinen Wundern kund. r m
Fahr zu, o Mensch! Treib's auf die Spitze, s w
Vom Dampfschiff bis zum Schiff der Luft! t m
Flieg mit dem Aar, flieg mit dem Blitze! s w
Kommst weiter nicht als bis zur Gruft. t m
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3.) Kerner und die Volksliedstrophe
Das Gedicht „Im Eisenbahnhofe“ wurde von Justinus Kerner 1852 in seinem Gedichtband „Der letzte Blütenstrauß“ veröffentlicht (Kerner, 1905b, 36 f.). Ein genaues Entstehungsdatum lässt sich für dieses Gedicht nicht ausfindig machen. In einigen Publikationen wird das Jahr 1850 als Entstehungszeitraum angegeben, dafür spricht eine längere Reise des Ehepaares Kerner im Jahre 1849, die zur Inspiration beigetragen haben mag. Die im „letzten Blütenstrauß“ gesammelten Gedichte stehen, wie auch das gesamte Werk Justinus Kerners, in der Tradition der romantischen Dichtkunst. Der Einfluss der Romantiker ist schon im Frühwerk Kerners deutlich erkennbar. In seiner Studienze it ab 1804 wirken Dichter wie Novalis und später vor allem Arnim und Brentano auf sein eigenes lyrisches Werk ein. Zusammen mit seinen Freunden Uhland, Mayer und Köstlin, die er während des Studiums kennen lernt, bildet er den Kreis der „Tübinger Romantiker“. Besonders der erste Teil des „Wunderhorns“ diente Kerner als literarisches Vorbild. In kürzester Zeit traten die volksliednahen Gedichte mit ihrer typischen Metaphorik und der einprägsamen Rhythmik in den Mittelpunkt der Tübinger Romantiker und somit auch in Kerners Schaffen: „In den Jahren nach dem Erscheinen des ,Wunderhorns’ verstärkte sich bei Kerner zunächst die formale Anlehnung an die dort gefundenen Muster weiter. Strophenformen, Lexik, Formeln und Wendungen, Reime, Diminutive und Syntax wurden getreu übernommen oder so geschickt nachgebildet, daß sie kaum noch vom Original zu unterscheiden sind.“ (Klenner, 2002, 42) Die Hinwendung zur romantischen Lyrik wird Kerner sein ganzes Leben lang beibehalten. Formal, aber auch thematisch, ergeben sich kaum Veränderungen oder Weiterentwicklungen in seinem Œuvre, weshalb ihm im Nachhinein immer wieder „eine Erstarrung des poetischen Sprechens vorgeworfen“ wurde (Ammer, 1996, 314). So verwundert es nicht, dass Kerner bei dem hier ausgewählten Gedicht sich immer noch der Struktur des romantischen Volksliedes bedient, obwohl es in einer Zeit entstand, in der die Romantik längst von anderen literarischen Strömungen wie dem Biedermeier oder dem Vormärz abgelöst wurde. Schon der Aufbau des Gedichtes lässt auf eine volksliednahe lyrische Form schließen. Die Volksliedstrophe an sich besteht nach Kremer „aus vier jeweils drei- bis vierhebigen Volksliedzeilen, die nach dem Endreimschema ,abab’ verschränkt werden“ (Kremer, 2003, 278). Kerner verwendet bei seinem „Eisenbahnhofe“ elf Strophen, die jeweils aus vier Versen zusammengesetzt sind. Jeder Vers wiederum ist im alternierenden vierhebigen Jambus verfasst. Durchgehend setzt Kerner den Kreuzreim ein, der die Strophen mit dem Schema „abab“ - „cdcd“ - „efef“ - usw. durchzieht. Nur in der fünften und siebten Strophe wiederholen sich die Reimwörter „Straße/ Gra-
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se“, so dass sich das Schema für die siebte Strophe ändert in „imim“. 1 In der vierten und zehnten Strophe kommt es erneut zu einer Abweichung, die auf dem wiederholten Gebrauch des Wortes „geboren“ basiert. Allerdings wird hier nicht der gesamte Reim identisch wiederholt, da im Gegensatz zur vierten Strophe in der zehnten Strophe das Reimwort nicht „Sporen“, sondern „Ohren“ lautet. Bei den sich reimenden Wörtern ha ndelt es sich überwiegend um reine Reime. Kerner weicht nur an drei Stellen von dieser Kont inuität ab, am stärksten in der dritten Strophe bei dem Reim „Getümmel/ Himmel“. In der fünften und siebten Strophe kommt es zu eine r leichten Abweichung bei dem eben schon angesproche nen Reim „Straße/ Grase“, die sich durch die unterschiedliche Realisierung des s-Lautes ergibt. Ob und wieweit diese Verschiebungen durch den regionalen Dialekt des Schwäbischen zur damaligen Zeit wieder aufgehoben wurden, entzieht sich meinen Kenntnissen (vgl. Wage nknecht, 1999, 36). Auch wenn dieses nicht zutreffen sollte, bleibt die Frage nach einer bewussten, von Kerner intendierten Abweichung offen. Immer wieder wurde er auf Ungenauigkeiten in seinen Gedichten aufmerksam gemacht. Er selbst schreibt in einem Brief an Uhland im November 1810: „Wegen der langen und kurzen Worte ist alles an mir verloren. Ich habe durchaus kein Ohr für ein Silbenmaß und kann, so viel ich mir auch Mühe gebe, was Kurzes von was Langem, oder was Hartes von was Weichem durchaus nicht unterscheiden.“ (Kerner, zit. nach Klenner, 2002, 70)
Weiterhin typisch für die Volksliedstrophe sind die wechselnden Akzentuierungen der Endsilben, den männlichen und weiblichen Versenden. Diese besondere Form der Volksliedlyrik (Kreuzreim, vier Verse im vierhebigen Jambus und der Wechsel zwischen weiblicher und männlicher Kadenz) lässt sich nach Wagenknecht noch genauer bestimmen als gerade in der Romantik, aber auch schon im 16. Jahrhundert oft verwendete „Schäferliedstrophe “ (vgl. Wagenknecht, 1999, 65 u. 68).
Neben dem formalen Aufbau gibt es aber durchaus noch andere Charakteristika für den Volkston, den Kerner zu treffen bemüht war. Besonders die Anlehnung an die gesprochene Sprache wird in Kerners Gedicht sichtbar, z.B. wenn Kerner das Personalprono men „es“ durch Apostrophierung kürzt (V. 4, 7, 11, 38, 41) oder durch das Fehlen anderer Wortteile wie bei den Synkopen „dämon’scher“ (V. 12), „lust’gem“ (V. 21), „Wandrer“ (V. 29) und den Apokopen „müd“ (V. 19), „wär’“ (V. 35), „eh’“ (V.35), „fahr’“ (V. 41) und „flieg’“ (V. 43). Aber auch die Verwendung von Interjektionen wie dem in Vers 41 verwendeten „o“ sowie der häufige Gebrauch der Konjunktion „und “ in der dritten bis neunten Strophe verweisen auf eine volksliedhafte Sprache (vgl. Klenner, 2003, 50f.).
1 Das gesamte Reimschema findet sich neben dem oben aufgeführten Gedicht.
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Arbeit zitieren:
Oliver Bock, 2004, Analyse des Gedichtes "Im Eisenbahnhofe" von Justinus Kerner, München, GRIN Verlag GmbH
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