Seminararbeit
Proseminar: Die Rückkehr des Bösen. Dysfunktion im System Verfasser: Vajk Zelles Abgabetermin: 30.6.1997
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1.1. Am Anfang war das Wort 1.2 Der Baum Sefirot 7 1.3 Quellen des Bösen 9
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2.1 Der Sündenfall 12 2.2 Kains Mord 13 2.3 Der gefallene Engel
2.4 Der strenge Prüfer '$6%g6(81'',(6&+g3)81* 3.1 En-Sof und Zimzum 17 3.2 Der Bruch der Gefäße 19
3.3 Die Sehnsucht der Schöpfung 20
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2
DIE SCHÖPFUNG DES NICHTS
Die Kabbala und das Böse
0. EINLEITUNG
Das Problem des Bösen ist vielschichtiger Natur, und dementsprechend unterschiedlich fallen die Vorgehensweisen bei seiner Bestimmung aus. Die erste und gemeinsame Frage aller Versuche, das Böse zu ergründen, ist die nach seiner Realität. Ist das Böse nur das Nichtvorhandensein des Guten oder existiert eine metaphysische Dualität, bei der sich das Gute und das Böse als wirkende Mächte gegenüberstehen? Diese Frage ist es, an die sich in mannigfachsten Ausführungen Hypothesen und Modelle anknüpfen, wobei die Annahme der einen oder der anderen Seite Grundpfeiler jeder Argumentation ist. Bei der Vorgehensweise bietet sich an, entweder von einer angenommenen Tatsache auf der Second Order ausgehend auf eine Wirkung in der First Order zu schließen oder von einer in der First Order angestellten Beobachtung auf deren kausalen Grund in der Second Order. Beide Arten der Betrachtung haben zum Ziel, eine Metaphysik des Bösen zu beschreiben oder zu widerlegen, sofern die Ansprüche philosophischer, also wissenschaftlicher Natur sind. Letztlich wird jedoch die eigentliche Frage nach dem Bösen durch Verallgemeinerung und das Entwickeln von Lehrsätzen nicht be-antwortet, der letzte Konflikt mit ihm vermieden 1 . So laufen in letzter Konsequenz viele klassische Ansätze, wie die Platons oder Aristoteles’ auf die Bezeichnung des Bösen mit der Privation des Guten hinaus 2 . Aus einer anderen Richtung, nämlich der der Mystiker, vor allem der Mystiker der jüdischen- christlichen Einflußsphäre, kommt der Gedanke, zunächst das Leid in der Welt als Gegebenheit zu betrachten, die unmöglich auf einen Mangel zurückzuführen ist, sondern auf die Einwirkung einer anti-schöpferischen Macht. Der Ausgangspunkt der so an das Problem des Bösen Herangehenden ist der, daß die Welt an sich vollkommen ist, daß also der Mangel keines ihrer Attribute sein kann, und das Böse, verkörpert durch das Leid, in irgend einer Form die Vollkommenheit der Welt in Frage stellt. Gerade Mystiker der jüdischen Tradition gehen in allen ihren Annahmen der Welt davon aus, daß der Ursprung der Welt eine “vollkommen gelungenen Schöpfung 3 “ ist, diese aber durch das Inerscheinungtreten des Bösen aus dem Gleichgewicht gestoßen wurde. Dieser Ansatz verfolgt weniger philosophisch- wissenschaftliches Interesse als das einer Theodizee oder, auf die Ebene des Einzel-
1 vgl.jMH 38
2 vgl. mGG 51
3
nen gebracht, einer subjektiven, erleuchtungshaften Erkenntnis. Trotzdem oder gerade deshalb ist die Schlüssigkeit dieser Argumentation sehr dicht. Sie versucht nicht die Abgehobenheit einer Intersubjektivität zur Plattform der Betrachtung des Bösen zu machen, sondern geht von der absolut elementarsten Stufe der First Order aus, dem subjektiven Erleben, das als einzige Perspektive das Böse in seiner ganzen Dimension zu beleuchten vermag. Hier lauern die mythischen Figuren des Schreckens in den Ängsten des Einzelnen, und ihre Existenz ist es, die die Realität des Bösen weit über die Grenzen einer menschlichen Konstruktion im Sinne eines moralischen Gefüges zwingend macht. Aus der Sicht des Mystikers ist die von der Wissenschaft geforderte Objektivität unerreichbar, denn nur im Gebet und der Versenkung, sowie in der intensiven Auseinandersetzung mit den Fragen der Welt ist Erkenntnis im Sinne einer Erleuchtung zu erlangen, und aus diesem Zustand der Erleuchtung heraus ist es erst möglich, eine objektiv erklärbare Welt zu verkünden.
3 Maier 256
4
1. DIE PRINZIPIEN DER WELT
1.1. Am Anfang war das Wort
Nachdem von den Mystikern die Feststellung getroffen wurde, daß das Böse existiert, und objektivistische Weltsichten diese Tatsachen weder erklären noch hinterfragen können, ergibt sich zwangsläufig die nächste Frage, nämlich nach dem Woher. Wie oben beschrieben ist die am wenigsten zu leugnende Erscheinungsform des Bösen das Leid. Das Leid existiert. Und mit ihm existiert für den Mystiker die Gewißheit einer destruktiven Macht, die es erzeugt oder aus der es entsteht. Nur bleibt die Frage, ob die Menschen ihr Leid selbst verschuldet haben, ob sie die volle Verantwortung für ihre Taten tragen, oder ob es der Willkür oder Gesetzmäßigkeit jener destruktiven Macht obliegt, oder gar Gott selbst, in für menschliches Ermessen nicht nachvollziehbarer Weise Leiden zuzuteilen 4 . Es gilt also drei Arten des Bösen zu bestimmen. Das physisch Böse, in Form des Leidens auf der Welt, das metaphysisch Böse, das das Leiden auf der Welt ermöglicht und das moralisch Böse in den menschliche Handlungen 5 . Auch hier zeigt sich die Unmöglichkeit einer rein philosophische Bestimmung der Gesamtheit des Bösen, da sich das Problem des Bösen für die Wissenschaft auf einen moralischen oder gar sozio-ethnologischen Begriff beschränken muß, alles andere würde auf Anthropomorphismen hinauslaufen, da die Natur in ihrem Wirken nicht wissenschaftlich wertbar ist. Dies ist jedoch im Sinne der Mystik, besonders der jüdischen Mystik unwahr, denn die Welt als Schöpfung Gottes ist metaphorischer Natur. Was in der Welt jedoch Metapher, ist bei Gott absolute Realität 6 . Was die Welt des Menschen von der Welt Gottes unterscheidet, ist die Materie, die als Ort, an den die Welt durch die Sünde gelangt ist, die äußere Hülle alles Widergöttlichen ist.
Die Kabbala ist eine der jüdischen Mystik entstammende Geheimlehre, deren hauptsächliches Bestreben das Verständnis des Wesens Gottes (Merkaba) und der Schöpfung (Bescherit) darstellt. Daneben gibt es Zweige der „praktischen Kabbala“, die sich einerseits mit den Permutations- und Kombinationsmöglichkeiten von Buchstaben und Zahlen beschäftigen, oder andererseits mit der tatsächlichen Anwendung der in der „theoretischen Kabbala“ geschöpften Erkenntnisse 7 . Letztgenannte Art der Kabbala werde ich nicht weiter behandeln, auf Erstgenannte komme ich weiter unten zu sprechen.
4 vgl. mGG 52
5 vgl. jMH 257
6 vgl. jMH 225
7 siehe auch Papus
5
Das Wort Kabbala bedeutet soviel wie Tradition, was sich aber zum größeren Teil auf die einheitliche Vorgehensweise und innere Verbundenheit der Kabbalisten als auf ihre gemeinsamen Erkenntnisse bezieht. Das Wesen der Kabbala ist komplex, einerseits durch den Charakter ihrer in kontemplativer Versenkung erreichten Erkenntnis, und andererseits durch die Vielzahl ihrer Strömungen. Die frühesten kabbalistischen Texte gehen bis ins 2.Jahrhundert zurück, ihre Blütezeit erlebte die kabbalistische Tradition im 16. Jahrhundert mit den hochspekulativen Texten Isaak Lurias 8 . Die Kabbalisten verquicken in ihrer Lehre philosophische Ansichten mit mystischer Versenkung, beziehen sich in ihrem philosophischen Teil etwa auf aristotelische und neuplatonische Quellen. Einer der bedeutendsten Kabbalisten der frühesten Zeit ist wohl Maimonides, der in seinem "Führer der Verirrten“ die Vorgehensweise der Kabbalisten anzeigt, nämlich das Verbinden philosophischer Erkenntnis mit mystischer Erleuchtung und zwar zum Großteil auf dem Wege der Deutung von Mythen, und der Bibel, wenngleich das Bestreben der Mystiker war, den die Mythen prägenden Pantheismus zu widerlegen 9 . In meiner Arbeit beziehe ich mich vor allem auf Texte Isaak Lurias (1534-1572) sowie den Sefer Jezirah (Buch der Schöpfung) aus dem 7.Jahrhundert und den Sefer Sohar (Buch des Glanzes), einem kanonischen Text, dessen Hauptteil aus dem 14. Jahrhundert stammt, aber Texte bis aus dem 2.Jahrhundert enthält. Diese Bücher enthalten meiner Ansicht nach die wichtigsten Strömungen der kabbalistischen Betrachtungen des Bösen, die sich zwar im Einzelnen oft zu widersprechen scheinen, in letzter Konsequenz aber ein vielschichtiges, umfassendes Bild ergeben.
Nach Ansicht der frühen Kabbalisten - und diese Annahmen gelten als Ausgangspunkt der Kabbala - ist die Welt nicht durch einen klassischen Schöpfungsakt Gottes entstanden, sondern durch sein gesprochenes Wort. Die Schöpfung ist also zunächst ein sprachliches Produkt, also die wohl erste Manifestation der Idee. Die Sprache Gottes ist das Hebräische, jedenfalls sind die auf natürliche Weise aussprechbaren Urlaute exakt die Laute der hebräischen Sprache, und auch ihre Buchstaben entsprechen der Schöpfersprache Gottes, von der alle anderen menschlichen Sprachen abgeleitet sind. Gottes Sprache besteht aus den 22 Buchstaben des Hebräischen und seine Schöpfungsakte sind in der Tora, den biblischen fünf Büchern Moses niedergeschrieben. In diesen fünf Büchern, dem Pentateuch, ist Gottes Plan von der Welt bis ins kleinste Detail niedergeschrieben. Kein einziger Buchstabe ist überflüssig und in jedem einzelnen von ihnen liegt die Gottes Schöpferkraft. Lediglich in der bestehenden Zusammen- 8 vgl.jMH 24
9 vgl. jMH 41; interessant ist hierzu auch das Kapitel 2 in Weinrebs „Traumleben“, wo der Monotheismus den Pantheismus gewissermaßen in sich birgt.
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Arbeit zitieren:
Vajk Zelles, 1997, Die Schöpfung des Nichts - die Kabbalah und das Böse, München, GRIN Verlag GmbH
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