1 .................................................................................................................................................. 2 1.1 Biblio-Biographisches ................................................................................................ 2 1.2 Die Bedeutung seines Essays „Die unsichtbare Religion“......................................... 3 2 Die anthropologische Bedingung der Religion .................................................................. 5 3 Die gesellschaftlichen Formen der Religion .................................................................... 10 3.1 Die Sprache als die wichtigste Objektivierung der Weltansicht .............................. 11 3.2 Die Weltansicht = Religion = persönliche Identität ................................................. 12 4 Die individuelle Religiosität ............................................................................................. 14 5 ................................................................................................................................................ 17 5.1 Fazit und Kritik ......................................................................................................... 17 5.2 Erfahrung soll sinnlos sein? ...................................................................................... 19
1
1.1 Biblio-Biographisches
Der mit mehreren Honoris-causa-Doktortiteln geehrte Professor Thomas Luckmann (geb.1927) ist sowohl ein Schüler Carl Meyers (1902-1974) und Alfred Schütz´ (1899-1959) als auch ein bedeutender zeitgenössischer Soziologe. Seit seiner Emeritierung 1994 verfügt das „Alfred-Schütz-Gedächtnis-Archiv“ des Sozialwissenschaftlichen Archivs Konstanz über die Manuskripte seine s bishe rigen Schaffens.
Dr. phil. h. c.(Linköping/Schweden), Dr. rer. pol. h. c. (Ljubljana/Slowenien), emeritierter Professor für Soziologie der Universität Konstanz; Studium der Philosophie, vergleichenden Sprachwissenschaft, Geschichte und Soziologie in Wien, Innsbruck und New York. Doze nturen und Professuren am Hobart College, Geneva/New York, an der Graduate Faculty der New School for Social Research New York, an der Universität Frankfurt und seit 1970 an der Universität Konstanz. Gastprofessuren an den Universitäten Freiburg, Harvard Divinity School, Cambridge /Mass., Wollongong/N.S.W. (Australien) Wien. Honorarprofessor der Universität Salzburg, ordentlicher Professor Universität Ljubljana /Slowenien. (Ehem.) Fellow, Center for Advanced Studies in the Behavioral Sciences, Stanford Kalifornien; Korrespondierendes Mitglied, Slowenische Akademie der Wissenschaften und Künste, Dr. phil. h. c., University of Science and Technology, Trondheim/Norwegen.
Veröffentlichungen (Auswahl): The Invisible Religion, New York, 1967, auch auf Deutsch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Japanisch, Chinesisch. The Social Construction of Reality (mit Peter Berger), Garden City/N.Y.1966, auch auf Deutsch, Dänisch, Schwedisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Katalanisch, Portugiesisch, Russisch, Polnisch, Slowenisch, Finnisch, Japanisch und Chinesisch. Die Strukturen der Lebenswelt (mit Alfred Schutz) Bd. I, Neuwied, 1975, I and II, Frankfurt, 1979, 1984, auch englisch; The Sociology of Language, Indianapolis, 1975; Life-World and Social Realities, London, 1983, auch deutsch; Theorie des sozialen Handelns, Berlin, New York, 1992, auch spanisch; Modernity, Pluralism and the Crisis of Meaning (mit Peter Berger), Gütersloh, 1995, auch deutsch u. spanisch.
Herausgeber: Berufssoziologie (mit Walter Sprondel), Köln 1972; Phenomenology and Sociology, Harmondsworth 1978; Religion in den Gegenwartsströmungen der deutschen Soziolo gie (mit Fritz Daiber), München 1983; The Changing Face of Religion (mit James A. Beck-ford), London, Newbury Park and New Delhi, 1989. Herausgeber und Mitherausgeber verschiedener soziologischer, sozialpsychologischer, philosophischer und geschichtswissenschaftlicher Zeitschriften und Reihen.
1.2 Die Bedeutung seines Essays „Die unsichtbare Religion“
Dieses von Luckmann selber als Essay bezeichnete und erstmals 1967 in New York erschienene Werk wird bald zu den Klassikern unter den neueren Religionstheorien gezählt. Erstaunlich ist, dass es, obwohl bereits in mehrere Sprachen übersetzt, erst 1991 im deutschen Sprachraum zugänglich gemacht wurde, nachdem ein Vorläufer (Das Problem der Religion in der modernen Gesellschaft, Freiburg/Br. 1963) längst vergriffen war.
Das Stichwort von der „unsichtbaren Religion“ brachte Luckmann schon 1963 in die Diskussion. Damals war längst ersichtlich, wenn man nicht gar auf Friedrich Nietzsche (1844-1900) zurückgreifen wollte, dass nach dem beobachtbaren Traditionsabbruch in der modernen Industriegesellschaft, dem Zerfall der Plausibilität herkömmlicher Religions systeme und dem Abbröckeln religiöser Institutionen die „Religion“ jedoch nicht verschwunden war. Sie war vielmehr abgewandert, ausgewandert und unsichtbar geworden. Wohin hat sie sich verflüch-
3
tigt? Etwa in die Politik als civil religion? Oder in die Alltagserfahrung als Erfahrung kleiner, mittlerer und großer Transzendenzen? 1
Solche Fragen werden auch im 21. Jahrhundert weiter diskutiert. So lief z. B. unter der Leitung von Winfried Gebhardt (geb. 1954) ein Forschungsprojekt bis März 2002 mit den Pro-fessoren Christoph Bochinger (geb. 1959), Ottmar Fuchs (geb. 1945) und Wolfgang Schoberth (geb. 1958) unter dem Titel: „Die unsichtbare Religion in der sichtbaren Re ligion. Formen spiritueller Orientie rung in der Alltagsreligiosität evangelischer und katholischer Christen“.
Christoph Bochinger von der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Bayreuther Universität bezieht sich in seinem Artikel „Die unsichtbare Religion in der sichtbaren Religion“ 2 ausdrücklich auf Luckmann, der sich gegen die damals und noch heute weit ve rbreitete Vorstellung wandte, „dass die Religion im Zuge der modernen Säkularisierung allmählich aus der Gesellschaft verschwinde. Vielmehr handle es sich um einen Verlagerungsprozess. Religion verlagere sich aus ihrem traditionellen, kirchlich- institutionellen Rahmen in Bereiche der Gesellschaft, die traditionell nichts mit Religion zu tun haben. Sie werde in diesem soziologischen Sinne ‚unsichtbar’, dass sie nicht mehr in der überkommenen, institut ionalisierten Form verortet werden kann. Die Kirchen bleiben sonntags leer, aber Religion findet trotzdem statt, vielleicht auf dem Fußballplatz oder im Theater, vielleicht beim samstäglichen Autowaschen oder bei der Bergtour im Sommerurlaub. Dem liegt ein sehr weiter, funktionalistischer Religionsbegriff zugrunde. Religion hat bei Luckmann die Funktion der Bewältigung von Transzendenzerlebnissen. “ 3
Auch Ingo Mörth (geb. 1949) gesteht in seiner Rezension zur Neuauflage der „unsichtbaren Religion“ Luckmann zu, dass er sowohl theoretisch als empirisch viel in Bewegung gesetzt
1 Nach der Unterscheidung Luckmanns gibt es drei Arten von Transzendenz: Kleine Transzendenzen: Erfahrungen des Individuums, die beim Handeln in der Alltagswelt auf Raum und Zeit bezogen sind. Anders formu-
liert: Erfahrungen von Raum oder Zeit, die außer ‘Reichweite’ sind und auf Grund früherer Erfahrungen durch
eine Transzendierung in ‘Reichweite’ gebracht werden. Mittlere Transzendenzen: Erfahrung eines gegebenen
Mitmenschen. Dem Individuum ist der Andere durch die Gestalt seines Körpers gegeben. Es kann diesen ande-
ren Körper jedoch nicht selber erfahren. Durch eine mittlere Transzendenz kann das Individuum auf der Basis
der eigenen Körpererfahrung von dem Äußeren des Anderen auf die Erfahrung im Inneren des Anderen schlie-
ßen. Große Transzendenzen: Erfahrungen, die Natur und Ge sellschaft, die die Lebenswelt des Alltags über-
schreiten. Sie verweisen auf andere Wirklichkeiten, in denen das pragmatische Motiv aufgehoben ist. Das Indi-
viduum kann in anderen Wirklichkeiten nicht wirken und handeln. Zu den anderen Wirklichkeiten gehören z.B.
die Welt des Schlafes, der Träume, des Todes.
2 Untertitel: Zur Alltagsreligiosität evangelischer und katholischer Christen in Franken. In: Bayreuther Beiträge
zur Religionsforschung, Heft 5, Dezember 2001
3 Ebenda S. 5
4
habe: „Theoretisch eine neue Beschäftigung mit Be griff und Funktion von Re ligion im allgemeinen, unabhängig von ihren historisch und kulturell definierten Erscheinungsformen, und empirisch die Suche nach Spuren der Entwicklung neuer Sozialformen von Religion in der Moderne, nachdem die alten christlich-kirchlichen offensichtlich einem Verdunstungsprozess unterlagen (und heute weiterhin unterliegen).“
Hubert Knoblauch (geb. 1959), der das Vorwort 4 zur deutschen Erstauflage schrieb, hält Luckmanns Arbeit für „eine der wesentlichen Säulen des ‚wissenssoziologischen Ansatzes’ der Religionssoziologie“ 5 , die nicht nur für die deutschsprachige Soziologie Folgen gezeitigt habe.
Der italienische Professor Piergiorgio Grassi (geb. 1937) sah in Luckmanns „Unsichtbarer Religion“ drei Hauptthemen zusammenströmen: „Die Entwicklung einer Definition der Religion (…); das Schicksal der Religion in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften und schließlich die Ankunft einer neuen Sozialform der Religion…“ 6
2 Die anthropologische Bedingung der Religion
Nicht nur orthodoxe Theologen sehen den christlichen Glauben „in einem Gegensatz zur Gesellschaft“ 7 stehen, sondern allen scheint es heute offensichtlich geworden zu sein, dass „die Ent stehung der modernen Welt mit einem Schwund der Religionen“ 8 einhergeht.
(Besonders deutlich wird dies, um ein aktuelles und unsere Zukunft bestimmendes Beispiel hier schon einzuflechten, dass in der Verfassung der Europäische n Union bekanntlich kein unmittelbarer Gottesbezug geduldet wurde, im Gegensatz zu den Vorstellungen der ältesten europäischen Einigungsbewegung „Paneuropa-Union“, die 1922 von Grafen Richard Co udenhove-Kalergi ge gründet wurde und der zum Beispiel neben Albert Einstein auch Thomas Mann, Franz Werfel, Otto von Habsburg oder der spanische Philosoph Salvador de Mada-
4 DieVerflüchtigung der Religion ins Religiöse. Thomas Luckmanns Unsichtbare Religion, in: Luckmann S. 7
bis 41 (Zitate aus Luckmanns Essay werden fortan nur mit der Seitenzahl angegeben.)
5 Ebenda, S. 9
6 P. Grassi: La „religione invisible“ di Thomas Luckmann, in: Rassegna di Teologia 5, 1978, S. 375
7 S. 77
8 Ebenda
5
riaga angehörten; sie sahen allesamt im Christentum die Seele Europas, ohne durch besondere fromme Religiosität aufgefallen zu sein.)
Soziologisch ist dem Phänomen nach Ansicht Luckmanns jedoch nur beizukommen, wenn man sich der Definition vom Wesen der Religion entzieht, also der substanziellen Definition die funktionale vorzieht, ohne in die „Erklärungsweisen des psychologischen Funktionalismus“ 9 zu verfallen. Er stellte sich deshalb, um eine struktur-funktionale Analyse sinnvoll führen zu können, folgende „Fragen von beträchtlicher Allgemeinheit“ 10 voran: 1.) „Welches sind die allgemeinen anthropologischen Bedingungen für das, was als Religion institutionalisiert werden kann? 2.) Welche Realität hat Religion als soziale Tatsache, noch bevor sie institutionalisiert wird? 3.) Wie bildet sie sich heran, bevor sie eine der verschiedenen historischen Formen religiö ser Institutionen annimmt?
Lassen sich die Bedingungen angeben, unter denen sie zur Institution wird?“ 11 4.)
Luckmann bezeichnet die uns bekannten Formen der Religion, vom Stammes- und Ahnenkult bis hin zu den Kirchen und Sekten, als „symbolische Universa“, die für ihn „sozial objektivierte Sinnsysteme“ 12 ergeben, weil sie „alltägliche Erfahrungen mit einer ‚transze ndenten’ Wirklichkeitsschicht in Beziehung“ setzten. Alle Sinnsysteme seien „aus Objektivierungen konstruiert“.
Nebenbei bemerkt: Schon sein Zeitgenosse Niklas Luhmann (1927-1998) glaubte mit der Kategorie des Sinnes, der seine eigene Negierbarkeit einschließt, einen Begriff gefunden zu haben, der mit relativ wenig Tradition belastet sei, obwohl er „seit mehr als hundert Jahren viel und vieldeutig verwendet“ 13 wurde. Da von ihm die Religion als ein kommunikatives Gesche hen verstanden wurde, hielt er auch - im Gegensatz zur Psychologie oder Anthropologiedie Soziologie für „die eigentlich zuständige Religionswissenschaft“. 14
9 S. 78
10 S. 79
11 Ebenda
12 Auch die folgenden Zitate: S. 80
13 In: Die Religion der Gesellschaft. Hg. von A. Kesterling, Frankfurt: Suhrkamp 2000, S. 15
14 Ebenda, S. 44
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Arbeit zitieren:
Siegmar Faust, 2005, Thomas Luckmann: Identität als universale Form, München, GRIN Verlag GmbH
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