Inhaltsverzeichnis
Einleitung (1)
1 Grundsätzliches zur Nibelungenklage (1-4)
1.1 Inhalt, Gliederung und formale Aspekte der Nibelungenklage (1-2)
1.2 Datierung und Entstehungsort der Klage (2-3)
1.3 Überlieferung und Gattung der Klage (3)
1.4 Was will die Klage? (4)
2 Übertragung der Gedankenwelt des 13. Jahrhunderts auf das Nibelungenlied (4-
7 )
2.1 Unterschiedliche Erzählintention bei Lied und Klage (4-6)
2.2 Die Klage als Voraussetzung für der Verschriftlichung des Liedes (6-7)
2.3 Klage als Diskussionsbeitrag zum Nibelungenlied (7)
3 Die Wahrung von feudaler Ordnung in der Klage (7-8)
4 Historiographische Anklänge in der Nibelungenklage (8-13)
4.1 Funktion der Schrift (9-10)
4.2 Verquickung von Sage und Historia (10)
4.3 Dynastiekontinuität in der Klage (11)
4.4 Betonung des Nichts-Wissens (11)
4.5 Motivation der Aufzeichnung (12)
4.6 Informationsfülle der Klage (12-13)
4.7 Fehlender Mythos (13)
5 Die Klage als Kommentar zur Reichgeschichte? (13-14)
6 Gibt es deutliche literarische Aspekte in der Klage? (14-15)
7 Zusammenfassung (15-16)
Literaturverzeichnis
Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Nibelungenklage und geht dabei vor allem der Frage nach, auf welche Art und Weise die Klage das Geschehen erzählt. Nachdem zunächst grundsätzliche Aspekte der Nibelungenklage geklärt worden sind, wie u.a. Inhaltliches, Formelles und Zielsetzungen der Klage, beschäftigt sich der Hauptteil der Arbeit mit dem Wie des Erzählens: Kann es sein, dass die Klage sich aus bestimmten Gründen einer historiographischen Erzählweise bedient, die markante Parallelen zu weltchronistischen Werken und anderen historiographischen Texten besitzt? Oder anders ausgedrückt, um mit dem Titel der Arbeit zu fragen: Ist die Nibelungenklage ein Sagenstoff, der in ein Gewand von traditioneller Geschichtsschreibung gekleidet wurde? Und kann es vielleicht sogar sein, dass aktuelle Geschichte des 13. Jahrhunderts in einen Sagenstoff eingebettet wurde? Um diese Fragen zu beantworten, werden bestimmte Details der Nibelungenklage näher untersucht und am Ende ein entsprechendes Ergebnis präsentiert.
1 Grundsätzliches zur Nibelungenklage
1.1 Inhalt, Gliederung und formale Aspekte der Nibelungenklage Die Nibelungenklage knüpft an das Geschehen des Burgundenuntergangs am Hunnenhof in „konzeptionelle[r] Logik“ 1 an, wobei zunächst, nach dem Prolog (v. 1-20), die Situation Kriemhilds rekapituliert wird (1.Teil: v. 20-586). Danach werden die Toten aufgefunden und beweint, wobei Handlungselemente des Liedes wiederholt werden. Die Trauer der Hinterbliebenen wird aufgezeigt und die Toten beklagt, wobei vor allem die Trauer über Rüdiger hervortritt, der als „vater alle tugende“ bezeichnet wird (2.Teil: v. 587-2493). Danach wird die Nachricht an die Höfe von Wien, Bechelaren, Passau und Worms überbracht, bevor Dietrich in seine Heimat zurückkehrt (3. Teil: v. 2494-4294). Der Epilog befasst sich schließlich mit der Verschriftlichung der maere, die von dem Passauer Bischof Pilgrim aufgegeben wird. Am Ende wird sich dann noch über das fehlende Wissen über das Schicksal Etzels ausgelassen.
Die Klage besteht aus vierhebigen Reimpaarversen, während das Lied Strophen aufweist. Außerdem weist die Klage eine größere Fülle an Einzelheiten bei
1
Elisabeth Lienert, Intertextualität in der Heldendichtung. Zu Nibelungenlied und Klage,
276-298. In: Wolfram-Studien 15 (1998), S.290.
1
Personen und Ereignissen auf. 2 In der Forschung wurde die Klage allgemein als ästhetisch nicht so hochrangig wie das Lied angesehen. 3
1.2 Datierung und Entstehungsort der Klage
Zur Frage der Datierung der Klage gibt es unterschiedliche Ansichten. Einige sehen die Entstehungszeit um 1230, also einem ziemlich späten Datierungszeitraum, während andere die Klage vor der schriftlichen Fixierung des Nibelungenliedes sehen, wobei auf die Ähnlichkeit der Klage mit der *C-Version des Liedes verwiesen wird. Aber wahrscheinlich kommt die Frühdatierung, die die Entstehung der Nibelungenklage in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Nibelungenlied ansetzt, der Wahrheit am nächsten wegen des Bezugs der Klage auf die Epen Wolframs. 4 Joachim Bumke erläutert: „Soweit wir die Überlieferung des Liedes zurückverfolgen können, ist die ´Klage´ immer schon mit dem ´Lied´ verbunden.“ 5 Nikolaus Henkel sieht in dem dichten Gedränge von redaktionellen Umformungen eine Folge des regen Gesprächs über den Sagenstoff 6 und Bumke betont, dass die Klage nicht gegen das Lied gerichtet gewesen sei, sondern beides als eine große Nibelungendichtung wahrgenommen wurde. 7 Als Entstehungsort wird h eute allgemein aus geographischer, historischer und sprachlicher Hinsicht das heutige Österreich oder Ostbayern angenommen. 8 Konkret scheint „durch die sehr genauen geographischen Angaben über die Lage der Stadt“ 9 vieles für Passau als Ort der Entstehung sowohl des Liedes als auch der Klage zu sprechen. Außerdem scheint es, dass Lied und Klage von zwei
Christoph Böhm, „heiden und kristen“ - Worüber klagt die Nibelungenklage?, 201-242,
In: Nibelungenlied und Klage. Ursprung - F unktion - Bedeutung, hrsg. von Dietz-
Rüdiger Moser und Marianner Sammer (Symposium Kloster Andachs 1995 mit
Nachträgen bis 1998), München 1998, S.205.
3 Die Nibelungenklage. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Bartsch.
Einführung, neuhochdeutsche Übersetzung und Kommentar von Elisabeth Lienert.
Paderborn u.a. 2000 (Schöninghs mediävistische Editionen 5), S.9.
4 Die „Nibelungenklage“. Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen, hrsg. von Joachim
Bumke, Berlin/New York 1999, S.13f.
5 Joachim Bumke, Die vier Fassungen der „Nibelungenklage“. Untersuchungen zur
Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert.
Berlin/New York 1996 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 8
[242]), S.111.
6 Nikolaus Henkel, „Nibelungelied“ und „Klage“. Überlegungen zum
Nibelungenverständnis um 1200. In: Mittelalterliche Literatur und Kunst, 73-96, S.78.
7 Bumke, 1996, S.592f.
8 Böhm, 1998, S.204.
9 Bumke, 1999, S.14.
2
unterschiedlichen Dichtern verfasst wurden. 10 Beide sind allerdings anonym geblieben. 11 Die Art und Weise der Klagedichtung lässt annehmen, dass es sich bei dem Dichter wahrscheinlich um einen Kleriker handelte. 12
1.3 Überlieferung und Gattung der Klage
Es ist dabei interessant, dass es eine sehr enge Verbindung zwischen Nibelungenlied und -klage zu bestehen scheint, da bis auf zwei Ausnahmen alle Handschriften, die das Nibelungenlied überliefern, auch die Klage mitüberliefern, sodass man durchaus sagen kann, dass die Klage das Lied voraussetzt. Das geht sogar so weit, dass der Klagetext fast immer auf der Seite beginnt, wo das Lied aufhört. Hierzu sagt Bumke: „Das Bemühen um graphische Angleichung der beiden Teile deutet darauf, dass ´Lied´ und ´Klage´ für die Schreiber ein ´Werk´ bildeten, [...].“ 13 Und auch Henkel bemerkt, dass Lied und Klage über eine mechanische Einheit hinausgehen würden, und dass es vielmehr um eine „bewusste Herstellung einer sinnstiftenden Einheit des Erzählkomplexes“ 14 gehen würde.
Hans Szklenar betont, dass die Klage keine Totenklage sei, da eine Totenklage aktuell sei und sich nicht auf vor Jahrhunderten gestorbene Personen beziehen könne. 15 Er bestreitet auch, dass die Klage eine Fortsetzung des Liedes sei und betont die Unterschiede zwischen Lied und Klage: „Kurz: Er [der Autor] ist nicht wie ein Fortsetzer auf Einfühlung und Anpassung bedacht, sondern vielmehr auf betonte Distanzierung und Geltendmachung eines eigenen Standpunktes.“ 16 Für Szklenar ist die Klage eine Mischgattung, die aus Klage und Interpretation besteht, die schließlich zur Verklagung führen. 17
11 Michael Curschmann, ´Nibelungenlied´ und ´Nibelungenklage´, Sp.926-969. In: Die
deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, hrsg. von Kurt Ruh u.a., Bd.6,
Berlin/New York 1987, Sp.934f.
12 Böhm, 1998, S.241.
13 Bumke, 1996, S.237.
14 Henkel, S.81.
15 Hans Szklenar, Die literarische Gattung der Nibelungenklage und das Ende alter
maere. In: Poetica 9 (1977), 41-61, S.45.
16 Szklenar, 1977, S.47.
17 Szklenar, 1977, S.49.
3
1.4 Was will die Klage?
Aber es gibt eben auch Abweichungen zwischen Lied und Klage in wesentlichen Punkte. So u.a. in dem „sich in ihnen manifestierenden Ethos“ 18 . Eine heroische Gesinnung steht einer christlichen Sichtweise konträr gegenüber: „[...]: die Klage fragt nach der Ursache der Katastrophe, benennt die Schuldigen und offeriert abschließend eine positive Sicht der Zukunft durch die Krönung des Gunthersohnes“ 19 , schreibt Monika Deck.
Bei der Betrachtung der Geschichte der Germanistik, ist festzustellen, dass das Nibelungenlied bevorzugt wurde. Vielleicht lag das auch daran, dass das Ziel der Klage unklar erschien. Jedenfalls wurde im 19. Jahrhundert das Lied von der Klage abgetrennt, was zu forschungsgeschichtlichen Konsequenzen führten, nämlich derart, dass das Lied für sich interpretiert wurde. Für Marie Luise Bernreuthe r besteht das Ziel der Klage in Folgendem: „Reaffirmation eines, durch das Nibelungenlied irritierten feudal-adligen Selbstverständnisses über das Funktionieren personaler Beziehungen innerhalb eines Herrschaftsverbandes.“ 20 Ihrer Meinung nach negiert die K lage die unauflöslichen Konflikte des Nibelungenliedes. 21 Weiterhin ist nach Bernreuther das Ziel, „hierarchisierenden Wertungen und diskussionslos nachvollziehbaren, rationalen Ursachen des Nibelungenuntergangs [vorzunehmen], und das gelingt ihr, indem sie grundlegende gesellschaftliche Normen aus ihrer zerstörerischen Ambivalenz löst und einer eindeutigen Wertung zugänglich macht“ 22 .
2 Übertragung der Gedankenwelt des 13. Jahrhunderts auf das Nibelungenlied
2.1 Unterschiedliche Erzählintention bei Lied und Klage
Die Klage hat jedenfalls eine ganz andere Erzählintention als das Lied. Beim Lied ist der Untergang der Burgunden ein factum brutum, während die Klage das Ziel verfolgt, eine Darstellung des Jammers und der Verarbeitung zu liefern und letztendlich die Überwindung der Ereignisse. Die Leitfrage der Klage ist nach der Ursache für die Katastrophe. Dabei setzt sie ein einfaches Erklärungsmodell an,
18
Monika Deck, Die Nibelungenklage in der Forschung. Bericht und Kritik. Frankfurt am
Main 1996 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1. Bd.1564), S.9.
19 Deck, 1996, S.10.
20 Marie -Luise Bernreuter, Motivationsstruktur und Erzählstrategie im Nibelungelied und
in der Klage. Greifswald 1994 (Wodan 41), S.179.
21 Bernreuter, 1994, S.179.
4
Arbeit zitieren:
Peter Lindhorst, 2003, Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Vorbild der okzitanischen Lyrik
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 21 Seiten
Gedichtinterpretation - Goethes "Mir schlug das Herz; geschwind z...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Charakterisierung der Figur des Tellheim in G.E. Lessings Lustspiel &q...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 10 Seiten
Komik und Gelächter in der Märendichtung
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Der Roman als aufklärerisches Instrument - Candide
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 35 Seiten
Die historische Dietrichepik: Dietrichs Flucht
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 25 Seiten
Das Ideal der romantischen Liebe im Roman Lucinde von Friedrich Schle...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Das Ehrprinzip in Lessings Minna von Barnhelm
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Essay, 11 Seiten
Dietrichepik - Theoderich der Große und Dietrich von Bern
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 18 Seiten
Gottesdienst und Frauendienst in den Liedern Rubins, Ulrichs von Liech...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Die Gattung Chronik im Mittelalter und heute - Ein Vergleich
Seminararbeit, 14 Seiten
Die Bedeutung der Minne in Kreuzliedern des späten 12. Jahrhunderts
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Examensarbeit, 80 Seiten
Eilhart von Oberg: "Tristrant und Isalde" - Ein Datierungsve...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Die ästhetische Betrachtungsweise bei Arthur Schopenhauer
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Seminararbeit, 16 Seiten
Anna, das scheiternde Ideal - Untersuchung zur Romanfigur in Gottfried...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Peter Lindhorst's Text Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Peter Lindhorst hat den Text Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand? veröffentlicht
Peter Lindhorst hat einen neuen Text hochgeladen
Vierzehn Begegnungen mit philo...
Astrid Schwarz, Alfred Nordmann
Der Wiederaufbau Danzigs 1945-...
Jacek Friedrich, Heidemarie Petersen
0 Kommentare