ein Versuch sind, ihre Illusionen mit Argumenten zu stützen. Ich verstünde es sehr wohl, wenn jemand den zwangsläufigen Charakter der menschlichen Kultur hervorheben und z. B. sagen würde, die Neigung zur Einschränkung des Sexuallebens oder zur Durchsetzung des Humanitätsideals auf Kosten der natürlichen Auslese seien Entwicklungsrichtungen, die sich nicht abwenden und nicht ablenken lassen und denen man sich am besten beugt, wie wenn es Naturnotwendigkeiten wären. Ich kenne auch die Einwendung dagegen, dass solche Strebungen, die man für unüberwindbar hielt, oft im Laufe der Menschheitsgeschichte beiseite geworfen und durch andere ersetzt worden sind. So sinkt mir der Mut, vor meinen Mitmenschen als Prophet aufzustehen, und ich beuge mich ihrem Vorwurf, dass ich ihnen keinen Trost zu bringen weiss, denn das verlangen sie im Grunde alle, die wildesten Revolutionäre nicht weniger leidenschaftlich als die bravsten Frommgläubigen." 1
Soweit die allgemeine Schlußpassage aus Sigmund Freuds psychoanalytischer Deutung des „Unbehagens in der Kultur" (1930). Recht erstaunlich, daß diese Hinweise gerade so wenig von jenen Psycho- und Kulturwissenschaftlern beachtet und produktiv aufgearbeitet wurden, die Freud erweislich so viel verdanken: Alfred Lorenzer etwa bezieht sich gar nicht auf dieses „Unbehagen" bei der Begründung seines tiefenhermeneutischen Programms einer Kulturanalyse. 2
Es blieb Klaus Ottomeyer aus Klagenfurt vorbehalten, in einer zweiteiligen Text-Aussagen-Montage „Freud und Marx" an Freuds so skeptische wie demütige Grundhaltung als Kulturtheoretiker zu erinnern. 3
Sieht man von Ottomeyers „anderer Sozialpsychologie" ab, so scheint aktuell Freuds „Unbehagen in der Kultur" ein Anathema und der gleichnamige Freud-Essay derzeit wissenschaftlich non receptable. Dies verwundert mich in doppelter Weise: Einmal und wie hier exemplarisch aufzuzeigen sein wird vom generellen Inhalt und weiten kulturalen Ansatz her. Denn, so lautet meine Kernthese: Freuds Essaytext spricht zentrale Fragen unserer conditio humana im globalen Prozess von Enttraditionalisierung und Entbindung, von Rationalisierung und Verweltlichung (Säkularisierung), schließlich von „Entzaube-rung" der Welt (im Sinne des Soziologen Max Weber) und der schon 1930 erkennbar drohenden Tendenz zum Homicide, zur Selbstvernichtung der menschlichen Gattung an. Zum anderen halte ich formal/publizistisch gerade den „Kultur"-Essay des Autors Sigmund Freud, immerhin 1929/31 ein Mittsiebziger, dem 1930 der Frankfurter Goethepreis zugesprochen
wurde, für den von der wirkungsstrategischen Anlage her gerade in seiner Altersabgeklärtheit und selbstbewußten Toleranz wohl lesbarsten Essay Freuds, der auch einen guten Zugang zum Gesamtwerk dieses Mentors der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts bieten kann, auch im Vergleich mit früheren Abhandlungen des Autors zur „Psychopathologie des Alltagslebens" (1898), „Traumdeutung" (1901) und „Sexualtheorie" (1905). Verglichen mit dem gefälligeren Material (nebst zahlreichen erzählten Beispielen) im Essay „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" (1905) ist der viel sprödere späte Essay „Das Unbehagen in der Kultur" (1929/31) auch wegen der vielen literarischen Anspielungen und gelegentlichen Zitate flüssiger geschrieben und leichter lesbar als die anderen genannten wissenschaftlichen Abhandlungen.
Nun will ich hier dieses doppelte Paradox, die Aufnahme und Wirksamkeit von Freuds spätem Kultur-Essay betreffend, nicht selbst tiefenhermeneutisch ausdeuten. So bleibt nur staunend anzumerken, daß und wie locker der Gelehrte Sigmund Freud seinen Grundgedanken des (auch zeitlich begrenzten) Charakters des Lustprinzips bei Goethe wiederfindet und in einer Fußnote notiert: „Goethe mahnt sogar: 'Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen.' Das mag immerhin eine Übertreibung sein" (S. 43).
Ganz ähnlich, wenn Freud nicht nur abstrakt-allgemein auf einen speziellen Sorgenbrecher, den Alkohol genannten flüssig-oralen, eingeht und ironisch an Wilhelm Buschs Aphorismus aus der „Frommen Helene" erinnert, der bekanntlich die Sorgen dialektisch angeht: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör" (S. 41).
II
Daß der Gelehrte Sigmund Freud nicht nur theoretisch um die Vernichtungskraft leidenschaftlichen Hasses wußte, sondern den Destruktionstrieb auch bei Heinrich Heine literarisiert wiederfand, veranschaulicht seine eigene kulturale Spannbreite und Gelassenheit, wenn er in einer weiteren Fußnote schreibt: „Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psychologische Wahrheiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu bringen. So gesteht H. Heine: 'Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott
mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt - ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.' (Heine, Gedanken und Einfälle)" (S. 75). 4
Aus der langen Schlußpassage des Freud-Essay dürfte, wie eingangs zitiert, vielleicht deutlich werden, daß Sigmund Freud zum einen jenen der Position des Ethnologen vergleichbaren „Professional stranger" im Blick auf die westliche Zivilisation und ihre emotional-affektiven Grundlagen im 20. Jahrhundert zwischen den beiden Weltkriegen einnimmt und zum anderen sich nicht scheut, Tabus an- und ihre kulturale Unterfütterung etwa bei Fremdtötungswünschen auszusprechen. Dafür mag eine makabre Passage aus einem offensichtlich Freud nicht bekannten Poem des US-amerikanischen Lyrikers Robert Frost (1874 bis 1963) stehen. Dort geht es nämlich um die (doppelte) Möglichkeit des Homicides:
“Some say the world will end in fire, /Some say in ice. /From what I 've tasted of desire/ I hold with those who favour fire. / But if it had to perish twice, / I think I know enough of hate / To say that for destruction ice / Is also great / And would suffice." 5
III
„Die Technologie", so Karl Marx in einer Anmerkung im Abschnitt zur Produktion des relativen Mehrwerts infolge der Herausbildung von Maschinerie und Industrie,"enthüllt das aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden geistigen Vorstellungen ... Alle Religionsgeschichte, die von dieser materiellen Basis abstrahiert, ist - unkritisch. Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztere ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode." 6
So wie sich der 'frühe' Karl Marx (1818 bis 1883) und der 'späte' Sigmund Freud (1856 bis 1939) sowohl im Ausgangspunkt Religionskritik als auch in der Methode der Entwicklung
„religiöser Nebelbildungen" aus den „jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen" annähern (insofern läßt sich Freud auch als materialistischer Sozialwissenschaftler lesen, der Religion(en) nicht denunzieren, sondern funktional beschreiben und subjektwissenschaftlich erklären will), so bleiben doch wesentliche Unterschiede als differentia specifica: Marx etwa betont die (in seiner Kritik der politischen Ökonomie der sich entwickelnden kapitalistischen Warenwelt) entfaltete „materielle Basis", Freud das menschliche Glücksstreben in der jeweiligen Bedeutsamkeit. Freud nähert sich subjektiven und Sinnstrukturen, Marx bezieht sich primär auf objektive ökonomische Prozesse und deutet subjektive Folgen wie Entfremdungsprozesse nur gelegentlich an. Schließlich bestehen wesentliche Unterschiede in beider Menschenbilder. Während Karl Marx über die empirischen Fesselungen durch historische Gesellschaftsformationen (wie zum Beispiel die damals entwickeltste warenökonomisch-kapitalistische) hinaus wirtschaftliche Produktivkräfte und kreative menschliche Gattungspotenzen freigesetzt wissen will und dazu politische Handlungserfordernisse durch produktive soziale Klassen sieht, bleibt Sigmund Freud gegenüber diesem historischen Optimismus skeptisch, sieht die Doppelnatur menschlicher Triebe und Strebungen - nämlich: Produktion und Destruktion, Liebe und Haß, Geburt und Tod, Aufbau und Vernichtung; von daher betont er die Erfordernis der (auch institutionellen Bändigung) beider polarer Grundformen elementarer menschlicher Handlungsantriebe fast so, als befände sich der nachgeborne Freud gegenüber Marx in einer Pose, die den Hexenmeisterlehrling verzweifeln läßt, kann er doch die einmal freigesetzten Kräfte nicht mehr bändigen, so daß er sie nur noch hilflos wie Geister magisch zu beschwören versucht: „Besen, Besen, seid´s gewesen / In die Ecke, Besen, Besen".
IV
Ohne daß ich die für mich nach wie vor problematische Begründung oder Setzung aus anthropologischer Sicht hier vorstellen oder diskutieren will, soll doch erwähnt werden, daß der deutsche Soziologe Arnold Gehlen später einen wesentlichen Funktionsaspekt dieses Skeptizismus gegenüber dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts unter den Stichworten Handlungsdruck und Entlastungstendenz angesprochen hat. Aus der Grundthese nämlich, „daß der Mensch infolge seines Mangels an spezialisierten Organen und Instinkten in keine artbesondere, natürliche Umwelt eingepaßt und infolgedessen darauf angewiesen ist, beliebige vorgefundene Naturumstände intelligent zu verändern", schlußfolgert Gehlen zum einen: „Sinnesarm, waffenlos, nackt, in seinem gesamten Habitus embryonisch, in seinen
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Dr. Richard Albrecht, 2005, Leidverhütung und Leidensschutz. Sozial-psychologische Hinweise zu Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur" und einigen seiner praktischen Konsequenzen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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