1.1. Was ist ein Gatekeeper?
Ein Gatekeeper wird auch als Schleusenhüter oder Torwächter bezeichnet. Es ist die „gängige Beschreibung für die Rolle des Journalisten im Nachrichtenfluss“ (Lexikon der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: 2001) Ein Gatekeeper ist demnach ein Entscheidungsträger, der den Nachrichtenfluss kontrolliert.
1. 2. Ursprung des Gatekeepers
Der Psychologe Kurt Lewin führte den Begriff des „Gatekeepers“ ein. Seiner Theorie zufolge wirken bestimmte Stellen in Kommunikationskanälen als Pforten für den Nachrichtenfluss. Diese Pforten werden entweder durch neutrale Regeln, oder aber durch Individuen oder Gruppen, so genannte „Gatekeeper“, beeinflusst. Diese Gatekeeper entscheiden jeweils über die erfolgreiche Weiterleitung einer Nachricht. Seit diesem Ansatz gab es verschiedene Studien und es wurden Theorien entwickelt, um den Prozess der fortwährenden Nachrichtenselektion zu erklären. Diese kann man in drei Hauptgruppen unterteilen: individualistische Untersuchungen, den institutionellen Ansatz und kyberne tische Studien.
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2.1. Individueller Ansatz
Der individuelle Ansatz stellt die Anfänge der Gatekeeperforschung dar. Hierbei wird die Nachrichtenselektion im individuellen Kontext betrachtet, das heißt die Untersuchungen konzentrieren sich auf eine einzelne Person. Diesem Ansatz liegt die Annahme zugrunde, dass die Entscheidungen des Gatekeepers persönlich sind und durch „individual -psychologische Faktoren erklärt werden“ (Robinson 1973 : 345) können.
Wegweisend in der Gatekeeperforschung ist die Fallstudie von David Manning White aus dem Jahr 1950, in der das Verhalten eines einzelnen „wire-editors“ untersucht wird. Für die Analyse wurde gemessen, welchen Anteil aller empfangenen Nachrichten der „wire-editor“ „Mr. Gates“ aussortierte, und daraus resultierend das Input-Output Verhältnis für einzelne Nachrichtenkategorien festgestellt. Außerdem wurde ein Interview mit „Mr. Gates“ geführt, um mehr über die Gründe seiner Nachrichtenauswahl zu erfahren. Aus den Ergebnissen schlussfolgert White, dass die Entscheidungen des Gatekeepers auf seinen persönlichen Erfahrungen, Einstellungen und Erwartungen bezüglich Nachrichten basieren. Der Gatekeeper sieht sich als Repräsentanten seiner Kultur, und wählt dementsprechend Nachrichten aus, die in sein Weltbild passen. Er besitzt eine Vorstellung von seinem Publikum, und er versucht mit seiner Auswahl ihren Interessen gerecht zu werden. Insgesamt kam White zu dem Ergebnis, das die Nachrichtenauswahl ein sehr subjektiver Prozess ist. Auch Snider kam 1966 in seiner Nachfolgestudie, die White’ s Ergebnisse aufgreift, zu ähnlichen Ergebnissen.
Bei dieser Vorgehensweise wird jedoch außer Acht gelassen, dass der Prozess der Nachrichtenauswahl sehr komplex ist, und viele verschiedene Individuen und Gruppen daran beteiligt sind. Beispielsweise können somit bestimmte Faktoren, die an anderen Stellen des Nachrichtenflusses einwirken, nicht berücksichtigt werden. Resultierend aus diesen Mängeln werden viele neue Fragen aufgeworfen.
2.2. Institutioneller Ansatz
Der Institutionelle Ansatz untersucht das Verhalten und die Arbeitsweise eines Gatekeepers innerhalb des organisatorischen Kontextes, der Gatekeeper wird jetzt als Teil eines komplexen Netzwerkes betrachtet. Er ist ein „Mitglied einer >Nachrichte nbürokratie<“, das „innerhalb eines Veröffentlichungs-Zyklus operiert“ (Robinson 1973 : 346). Äußere Faktoren, die die Nachrichtenauswahl des Gatekeepers beeinflussen, wurden jetzt mit in die Betrachtung einbezogen. Wichtige Studien zum institutionellen Ansatz sind die von Gieber und Breed.
Gieber beobachtete und interviewte sechzehn „telegraph editors“ mittelgroßer Zeitungen im US Bundesstaat Wisconsin. Er kam zu der Erkenntnis, dass die Nachrichtenselektion ein mechanischer Prozess ist, in dem der Gatekeeper passiv bleibt. Die Gründe dafür liegen unter anderem im Zeitdruck und dem begrenzten Platzangebot. Diese Probleme verhindern größtenteils eine Überprüfung und eine kreative Bearbeitung der ankommenden Nachrichten. Der wire-editor steht außerdem kaum in Kontakt zu seinen Lesern, vielmehr besitzt er nur ein klischeehaftes Bild von ihnen, er sieht sie als „members of special interest groups“ (Gieber 1956 : 432). Letztendlich stuft Gieber die Bedeutung des Gatekeepers als relativ geringfügig ein. Er wird als eine Art Durchgangsstation beschrieben, während die Selektion der Nachrichten hauptsächlich an anderer Stelle, der Nachrichtenagentur, stattfindet. Breed’ s Untersuchungen gehen in eine andere Richtung innerhalb der Institution: Die Nachrichtenbürokratie bestimmt hier die Nachrichteninhalte. Breed untersuchte die Mechanismen der „soziale[n] Kontrolle in einer Redaktion“ (Breed 356), das heißt
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er untersucht welche sozialen Faktoren in der Redaktion die Nachrichtenauswahl beeinflussen und wie diese verschiedenen Faktoren zusammenwirken. In seinen Forschungen konzentrierte er sich auf die Möglichkeiten der Durchsetzung einer jeweiligen Zeitungspolitik. Grundlage seiner Untersuchung waren persönliche Erfahrungen und die Ergebnisse von Befragungen von ca. 120 Journalisten mittelgroßer, amerikanischer Zeitungen. Breed kommt zu dem Ergebnis, dass das Politikverständnis des Verlegers bestimmend für die Blattlinie der jeweiligen Zeitung ist. Die Normen bezüglich dieser Zeitungspolitik werden indirekt und nonverbal durch eine Art Sozialisationsprozess weitergegeben, bei dem die Journalisten beispielsweise durch Beobachtung, Lesen der Zeitung oder (indirekte) Bestrafung die Arbeitsweisen und Normen internalisieren. Breed erläutert verschiedene Gründe für die Anpassung an die Zeitungspolitik und die Wichtigkeit einer Bezugsgruppe für diesen Prozess: Mitarbeiter identifizieren sich mit Vorgesetzten und älteren Mitarbeitern, und sind deshalb eher bereit sich zu integrieren. Dies zeigt, wie die Hierarchie in einer Zeitung ohne konkrete Anweisungen befolgt und aufrechterhalten wird. Der Einfluss einer jeweiligen Person ist daher mit ihrem Status innerhalb der Redaktion verbunden.
Dieser Ansatz zeigt den Macht, die die Institution >Zeitungsredaktion< als komplexes System auf die Arbeit eines Gatekeepers ausübt, d.h. es zeigt „bürokratische Regeln“ auf und erklärt den Einfluss der Hierarchie und des Rollenverständnisses. Trotzdem kann dieser Ansatz „den fortwährenden Prozess der Nachrichtenselektion selbst nicht erklären“. (Robinson 1973 : 349)
2.3. Kybernetischer Ansatz
Der kybernetische Ansatz betrachtet die Arbeit des Gatekeepers in Bezug auf das Gesamtsystem. Grundlage ist die Annahme, dass Organisationen als Kommunikationssysteme mit einem dynamischen Stabilitätssystem dargestellt werden können. Kennzeichnend für dieses Modell ist die „Selbstregulation“, d.h. es zeigt innovatives Verhalten und rückgekoppelte Lernprozesse (vgl. Robinson 1973 : 350). Damit wird Veränderung parallel zur Außenwelt ermöglicht. Dieser Faktor wird als „ultra-stability“ bezeichnet (Robinson 1970 : 341). Dieses Modell erklärt somit den routinierten Ablauf der Nachrichtenselektion und ermöglicht gleichzeitig auch Voraussagen über zukünftiges Verhalten.
Gertrude Joch - Robinson erläuterte 1970 den kybernetischen Ansatz anhand der Nachrichtenagentur Tanjug im damals kommunistischen Jugoslawien. Sie untersuchte die Verarbeitung ankommender ausländischer Nachrichten, die Organisationsstruktur, sowie das Verhalten der Nachrichtenagentur in Krisensituationen. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass 4 verschiedene Komponenten für das Gatekeeping ausschlaggebend sind. (1.) Der Zeitungsumfang ist unabhängig vom Input und ermöglicht somit einen konstanten Produktionsprozess. (2.) Die Selektion des Nachrichtenmaterials ist ein dreistufiger Prozess: ein Verteiler übernimmt die Grobauswahl 1 , spezielle Redakteure die Feinauswahl, und der Schichtleiter entscheidet über den Mix und die Koordinierung. Von den verschiedene Positionen, die für die Nachrichtenauswahl zuständig sind, können nur fünf als Ga tekeeper bezeichnet werden, die restlichen funktionieren als einfache >Durchlass-Stellen< (vgl. Robinson 1973 : 350). (3.) Sensoren, wie beispielsweise die Zeitungspolitik oder Kundenwünsche, überwachen die Nachrichtenabgabe. Diese ermöglichen Feed-back und damit Interaktion. (4.) Die im
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Dabei betont Robinson, dass die Grobauswahl nicht nach ideologischen Gesichtspunkten stattfand, wie man es vermuten könnte, sondern nach rein journalistischen Kriterien.
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Arbeit zitieren:
Kristin Simon, 2004, Gatekeeperforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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