Als eine Form von Selbstthematisierung werden Tagebücher bezeichnet, Tagebuchschreiben sei eine Form der Selbstreflexion, eine Arbeit am Selbst.
Ratgeberliteratur preist das Tagebuchschreiben als Möglichkeit eigene Stärken zu entdecken, als Form der Lebensbewältigung.
Im Internet „bloggern“ immer mehr Menschen in ihr Online-Tagebuch – und immer mehr Menschen lesen mit.
Die Formtradition Tagebuch ist nicht tot, sie wird lebendig aufgenommen und gestaltet.
Kann diese Form des Selbstzeugnisses Quelle sozialwissenschaftlicher Forschung sein? Wie wird mit Tagebüchern in der (qualitativen) Sozialforschung umgegangen? Welche Forschungsthemen werden damit bearbeitet? Welchen Einschränkungen unterliegt Quelle Tagebuch?
Anhand zweier Studien soll in dieser Hausarbeit diesen Fragen nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Tagebücher in der qualitativen Sozialforschung
2. Melchior- eine themenzentrierte und historisch vergleichende Längsschnittstudie
2.1 Der Aufbau der Studie
2.2 Tagebücher als Quelle qualitativer Sozialforschung
2.2.1 Sind Tagebücher taugliche Quellen für die quantitative Sozialforschung?
2.2.2 Sind Tagebücher gültige Quellen qualitativer Sozialforschung?
2.3 Theorien und Forschungsprozess – Wer wirkt auf wen?
2.4. Kritische Würdigung
3. Zinnecker: literarische und ästhetische Alltagspraxen Jugendlicher
3.1 Der Teilaspekt der literarische und ästhetische Alltagspraxen Jugendlicher und seine Einordnung in das Gesamt der Studie Jugendliche und Erwachsene ’85
3.1.1 Das Gesamt der Studie
3.1.2 Der Bericht zu den künstlerischen Alltagspraktiken
3.2. Tagebücher in der Jugendforschung – quantitative und qualitative Methoden
3.3. Von der Frage nach der Bewältigung des Alltags bis zur Typologie tagebuchschreibender Jugendlicher. Eine kritische Würdigung der Studie
4. Tagebücher und (qualitative) Sozialforschung – eine kurze Abschlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial und die methodischen Herausforderungen bei der Verwendung von Tagebüchern als Quelle in der qualitativen Sozialforschung, wobei insbesondere die Frage nach der Validität subjektiver Lebensgeschichten für sozialwissenschaftliche Erkenntnisse im Zentrum steht.
- Methodologische Eignung von Tagebüchern in der qualitativen Forschung
- Vergleich von Tagebuch-Interpretationsansätzen anhand von Melchior (Längsschnittstudie) und Zinnecker (Shell-Studie)
- Die Spannung zwischen Subjektivität der Datenquelle und Objektivitätsanspruch der Sozialwissenschaft
- Das Verhältnis von Theorie und Forschungsprozess bei der biographischen Rekonstruktion
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Aufbau der Studie
Ausgangspunkt der Darstellung ist das Erkenntnisinteresse – hier die Frage nach den Selbstentwürfen von Frauen in Bezug auf Liebe, Ehe und Partnerschaft – das in den Kontext theoretischer Forschungsschwerpunkte, hier in den Kontext der Sozialgeschichte und in den theoretischer Konzepte – hier die der (weiblichen) Individualisierung und der geschlechtsspezifischen Sozialisation - gestellt wird. Aus diesen theoretischen Kontexten entstehen Leitfragen, die Grundlage der Interpretation der Tagebücher werden.
Melchior greift auf Tagebücher zurück, die durch die Arbeit der oben genannten Projektgruppe Frauentagebücher beschafft wurden: Nach zeitgenössischen Tagebüchern wurde durch einen Aufruf in verschiedenen, auf das Ziel hin ausgewählten Zeitschriften recherchiert. Der Rückmeldung durch die Tagebuchautorinnen folgte der persönliche Kontakt, der mit einem Interview verbunden wurde. Daten dieser Tagebücher werden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert. Die Tagebücher aus der Kaiserzeit stammen aus archivierten Nachlässen.
Die Festlegung auf die Anzahl und die Qualität der zu interpretierenden Tagebücher erfolgt in der Studie von Melchior 1998 durch eng mit dem Forschungsinteresse zusammenhängenden Kriterien (vgl. S. 51f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Tagebücher in der qualitativen Sozialforschung: Einführung in die Thematik der Tagebuchnutzung als Selbstzeugnis und sozialwissenschaftliche Forschungsquelle.
2. Melchior- eine themenzentrierte und historisch vergleichende Längsschnittstudie: Analyse der methodischen Vorgehensweise und der theoretischen Einbettung von Anke M. Melchiors Dissertation über Frauentagebücher.
3. Zinnecker: literarische und ästhetische Alltagspraxen Jugendlicher: Untersuchung der Shell-Studie von 1985 hinsichtlich ihrer Integration von Tagebuchdaten in die Jugendforschung.
4. Tagebücher und (qualitative) Sozialforschung – eine kurze Abschlussbemerkung: Kritische Reflexion der Ergebnisse und abschließende Bewertung des Nutzens beider untersuchter Studien für die sozialwissenschaftliche Tagebuchforschung.
Schlüsselwörter
Qualitative Sozialforschung, Tagebuchforschung, Biographieforschung, Subjektivität, Objektivität, Längsschnittstudie, Frauensozialisation, Jugendforschung, Selbstentwürfe, Identität, Methodik, Inhaltsanalyse, Lebensgeschichte, Sozialisation, Validität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Tagebücher als wissenschaftliche Quellen in der qualitativen Sozialforschung genutzt werden können, um individuelle Lebensgeschichten und soziale Strukturen zu analysieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Methodik der biographischen Forschung, die Abgrenzung zur quantitativen Forschung sowie die Frage nach der Subjektivität als Erkenntnisquelle.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den Nutzen von Tagebüchern kritisch zu evaluieren und herauszufinden, unter welchen Bedingungen diese subjektiven Selbstzeugnisse wissenschaftlich gültige Ergebnisse liefern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin nutzt eine vergleichende Literaturanalyse von zwei bedeutenden Studien (Melchior und Zinnecker), um methodische Standards und Fallstricke bei der Interpretation von Tagebüchern aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Melchiors Längsschnittstudie zu Frauentagebüchern und Zinneckers Shell-Studie zu Jugendalltagspraxen, inklusive einer kritischen methodischen Würdigung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Qualitative Sozialforschung, Biographieforschung, Subjektivität und Validität.
Wie unterscheidet sich die Qualität der Tagebuchanalyse in den beiden betrachteten Studien?
Melchiors Studie wird als methodisch vorbildlich für die qualitative Tagebuchforschung hervorgehoben, während Zinneckers Studie als Kind der Zeit bezeichnet wird, das primär quantitative Ansätze verfolgt und das Tagebuch eher als statistisches Material interpretiert.
Warum ist das "Thomas-Theorem" für diese Untersuchung relevant?
Es dient dazu, die Gültigkeit subjektiver Definitionen einer Situation zu legitimieren: Wenn Menschen eine Situation als real definieren, hat sie reale Konsequenzen, was eine sozialwissenschaftliche Untersuchung dieser Sichtweisen rechtfertigt.
- Arbeit zitieren
- Heike Kellner-Rauch (Autor:in), 2003, Tagebücher in der qualitativen Sozialforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/35196