Grundüberlegung
Auf der Suche nach Erkenntnis beschreitet man verschiedene Wege, kann sich dabei verschiedener Methoden bedienen. Mit einem solchen Weg möchte ich mich hier beschäftigen. Jedoch soll es nicht in wissenschaftstheoretischem Sinne um die methodische Betrachtung von Erkenntnisprozessen gehen. Nicht die äußeren Handlungen stehen im Mittelpunkt des Interesses, sondern die inneren, psychischen Prozesse, welche die äußeren Handlungen begleiten, ihnen nachfolgen oder ihnen vorausgehen.
Wie im Titel bereits angedeutet, soll „Brachliegen“ das Thema dieses Aufsatzes sein. Nun stellt sich die Frage, was Brachliegen ist. Wir wissen, daß Felder und Äcker brachliegen, bzw. brachliegen gelassen werden, um sich von bisheriger Bewirtschaftung zu erholen und sich für kommende zu regenerieren. Doch wenn es hier um Betrachtung und Beschreibung eines psychischen Prozesses gehen soll, sind nicht landwirtschaftliche Produktionsflächen als solche für uns interessant und in diesem Zusammenhang relevant, sondern ausschließlich als Allegorie für die Psyche, auf deren Feldern und Äckern u.a. Erkenntnisse gedeihen können. Brachliegen soll als eine Stimmung verstanden werden, die gutartig ist. Ich beziehe mich hierbei auf Ausführungen von Masud R. Khan in dessen Werk „Erfahrungen im Möglichkeitsraum“. Dort heißt es: „Brachliegen ist ein Übergangszustand der Erfahrung, eine Bewußtseinslage, die sich durch aufmerksame innere Ruhe und einen empfänglichen, regen Geist auszeichnet“ 1 . Ich werde also das Brachliegen erläutern, wie Masud R. Khan es beschreibt, und in diesem Rahmen darzustellen versuchen, inwieweit dies als Weg der Erkenntnis - oder auch als Weg zur Erkenntnis - zu verstehen ist. Daß der Titel dieses Aufsatzes „liegen wir brach“ sowohl als Aufforderung als auch als Frage 2 zu lesen ist, ist beabsichtigt. Warum ich mich für eine solche Doppeldeutigkeit entschieden habe, wird sich im Zuge meiner Ausführungen herausstellen.
1 Masud R. Khan 1991, S. 295.
2 Dies auch, wenn hier auf das Fragezeichen verzichtet wurde.
3
Brachliegen - Ortsbestimmung und Charakterisierung
Befaßt man sich mit Ausführungen von jemandem wie Masud R. Khan, der in psychoanalytischer Tradition steht, liegt der Verdacht nahe, es könne sich um Beschreibung konflikt- oder krankhafter, vielleicht gar neurotischer Zustände der menschlichen Psyche handeln. Darum geht es hier jedoch genau nicht. Ganz im Gegenteil wird das Brachliegen als eine gesunde ‘Ichfähigkeit’ beschrieben und als Funktion dem Prozeß der Personalisierung zugeordnet. Ergebnis dieses Personalisierungsprozesses, der gestaltet wird durch Akkulturation, also auch durch Sozialisation, ist dann „ein personalisiertes Individuum mit eigener Privatheit, innerer Realität und einem Gefühl dafür, daß es in seine soziale Umwelt eingebunden ist“ 3 . Betrachten wir nun das Brachliegen unter phänomenologischen Gesichtspunkten, ist zunächst zu sagen, daß es sich um einen Übergangszustand handelt. Genau wie brachliegende Äcker sich in einem solchen Zustand zwischen zwei Perioden der Bewirtschaftung befinden, so befindet sich auch das brachliegende Individuum in einer vorübergehenden, bzw. Übergangsstimmung zwischen Phasen geistiger, wie auch immer gearteter Produktivität. Diese Stimmung ist vor allem dadurch charakterisiert, daß das betreffende Individuum eine Abneigung, man kann vielleicht sogar sagen, Unwillen oder keinerlei Lust verspürt, sich anstehenden Aufgaben zu widmen. Dabei bleibt es sich jedoch bewußt, daß es sich jenen Aufgaben zuwenden muß oder will. Nur ist es momentan dazu nicht in der Lage. Anstelle dessen verspürt es „ein Bedürfnis, irgendwie faul zu sein und auf eigenem Weg aus dieser gutartig matten Stimmung herauszufinden“ 4 . Demnach ist das Brachliegen also auch kein bedrückender und ausschließlich passiver Zustand, sondern ein „konfliktfreier, […] nicht triebhafter und intellektuell unkritischer“ 5 , der sich auszeichnet durch eine Stimmung der Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, des Abwartens und prinzipieller Aufnahmefähigkeit, die nicht integriert und zurückgezogen erlebt wird. Und dennoch ist das soziale Umfeld notwendig, um diese Zurückgezogenheit bewußt erleben zu können. Mit der Gewißheit, sich jederzeit wieder einbinden und integrieren zu können, wird das soziale Umfeld so zum Garanten, brachliegen zu können, ohne „trübselig, selbstbezogen, verdrießlich und traurig“ 6 zu werden. Wie brachliegende Äcker sich regenerieren für eine neue Bewirtschaftungsperiode, so stellt gerade auch diese psychische Stimmung Potentiale für Geistestätigkeit bereit. Sie stellt das Auftanken für neue Wege der Produktivität dar. Sie ist „Nährstoff des Ichs“ und „liefert das
3 Masud R. Khan 1991, S. 297.
4 ebd., S. 298.
5 ebd., S. 299.
6 ebd.
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Arbeit zitieren:
Rouven Meier, 1999, Liegen wir brach - Über eine psychische Stimmung auf dem Weg zur Erkenntnis, München, GRIN Verlag GmbH
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