Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Schwierigkeiten mit anderen Kindern 1
3. Schulanfang als kritisches Lebensereignis 2
3.1. Kritische Lebensereignisse aus der Sicht des Symbolischen Interaktionismus 3
4. Krisen des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls am Schulanfang 4
4.1. Das Selbstbild von Grundschulkindern 5
4.2. Selbsteinschätzung und Leistung 6
4.3. Schule als Korrektur der bisherigen Selbsteinschätzung 6
5. Schulphobie als Ausdruck eines Mutterablösungskonfliktes 7
5.1. Schulphobie psychologisch betrachtet 8
5.2. Pädagogische Reaktionen auf Schulphobie 10
6. Weitere Schwierigkeiten von SchulanfängerInnen 10
7. Literaturverzeichnis 12
Schuleintrittskrisen
1. Einleitung
Auch wenn sich die meisten Kinder auf den Schulbeginn freuen und sich schnell in dem neuen „sozialen Kontext Schule“ 1 einleben, so treten doch bei einigen SchulanfängerInnen in den ersten Wochen Anpassungsschwierigkeiten auf. Diese können sich äußern als Unausgeglichenheit, Unruhe, Anschmiegsamkeit oder Aggressivität. Es kann zu Schwierigkeiten mit den Geschwistern kommen, oder das Kind kann uninteressiert, passiv und still wirken. Solche Anpassungsschwierigkeiten an den Lebensraum Schule können Symptome für Schuleintrittskrisen sein.
Zwar lösen sich viele dieser Probleme im Laufe der Zeit wie von selbst, sie können jedoch auch zu dauerhaften Schulschwierigkeiten, Aggression oder Überanpassung usw. führen.
Kinder, die von Schuleintrittskrisen betroffen sind, erleben den Schulanfang häufig als Brucherfahrung. Manche Kinder kommen schon mit einer negativen Erwartungshaltung in die Schule, die auf unterschiedlichen Wegen entstanden sein kann. Wenn diese Erwartungshaltungen eine subjektive Bestätigung in der Schulerfahrung finden, so bleiben Schwierigkeiten in den wenigsten Fällen aus. 2
Es lassen sich verschiedene Arten von Schuleintrittskrisen feststellen. Im Folgenden werde ich einige Krisenfelder am Schulanfang darstellen. In diesem Rahmen ist es mir jedoch nicht möglich, die gesamte Bandbreite von mit dem Schulanfang verbundenen Problemfeldern darzustellen.
2. Schwierigkeiten mit anderen Kindern
Ein großes Problem stellen für viele SchulanfängerInnen Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern, vor allem älteren, dar, die sich in Streitereien, Hänseleien und Rempeleien äußern. Bei Jungen kommt es dabei eher zu Rangkämpfen, bei den Mädchen spielt die Zugehörigkeit zu einer Clique die
1 Knörzer, Wolfgang/ Grass, Karl: Den Anfang der Schulzeit pädagogisch gestalten. Studien-
und Arbeitsbuch für den Anfangsunterricht. Weinheim und Basel: Beltz, 2000., S. 151.
2 Vgl. Schneider, Ilona K.: Zur Problematik des Schulanfangs aus der Sicht von
Schulanfängern. In: Grundschule Heft 6, 1999, S. 23 - 26, S. 24f.
1
größte Rolle, bei den Jungen werden diese Konflikte meist auf körperlicher Ebene ausgetragen, bei den Mädchen hingegen eher verbal. 3 Viele Kinder kennen sich in der Schule nicht, alte Gemeinschaften, die im Kindergarten entstanden sind, werden auseinandergerissen und die neuen Klassengemeinschaften müssen sich erst einspielen. Solange dies nicht geschehen ist, haben manche Kinder im Umgang mit Schulkameraden große Probleme, die sich oft bis zum Ende des 2. Schuljahres halten können und das Verhältnis des Schulanfängers zur Schule negativ beeinflussen. 4
3. Schulanfang als kritisches Lebensereignis
Kritische Lebensereignisse sind solche Situationen, die mit den bisher gelernten Handlungsmustern und Routinen nicht mehr bewältigt werden können und evtl. tiefgreifende emotionale Umstellungen erfordern. Hierzu zählen der „Auszug aus dem Elternhaus, Berufseintritt und Berufswechsel, das Zusammenziehen und die Trennung von einem Partner, das erste Kind, [...], Tod des Lebenspartners, Pensionierung“ 5 usw. Auch der Schulbeginn kann zu einem solchen kritischen Lebensereignissen werden. Kritische
Lebensereignisse weisen drei Merkmale auf: 1. Sie heben sich von normalen Lebensalltag ab und haben einen Charakter des Außergewöhnlichen. 2. Sie stellen neue Anforderungen an den Betroffenen. 3. Sie sind von begrenzter Dauer.
In solchen Situationen muss meist - auch bei positiver Bewertung - eine Phase durchlaufen werden, die mit Stress und negativen Gefühlen einhergeht. 6 Die Entwicklung vom Kindergartenkind zum Schulkind erfordert die Übernahme neuer Rollen, den Erwerb neuer Bezugspersonen, Vergleichsgruppen und -normen, es müssen neue Anpassungs- und Lernleistungen erbracht werden und die Normen und Werte wandeln sich. 7 Der Schuleintritt gehört somit eindeutig zu den kritischen Lebensereignissen.
3 Vgl. Knörzer/ Grass, S. 156 f.
4 Vgl. ders., S. 157.
5 Ders., S. 151 f.
6 Vgl. ders., S. 151 f.
7 Vgl. Helmke, Andreas: Entwicklung des Fähigkeitsselbstbildes vom Kindergarten bis zur
dritten Klasse. In: Petrun, Reinhard/ Fend, Helmut (Hg.): Schule und
Persönlichkeitsentwicklung. Ein Resümee der Längsschnittforschung. Stuttgart: Enke,1991; S.
83.
2
3.1. Kritische Lebensereignisse aus der Sicht des Symbolischen Interaktionismus
Aus der Perspektive des Symbolischen Interaktionismus muss ein kritisches Lebensereignis als Identitätskrise aufgefasst werden. Bezogen auf die Schule bedeutet dies, dass das Kind seine Identität neu finden muss, weil seine bisherige Identität durch die neuen sozialen Erwartungen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. 8
Identität im Sinne des Symbolischen Interaktionismus ist nichts Festes, sondern Identität bildet sich immer wieder neu aus in der Interaktion mit anderen. Sie kommt „zustande, wenn es zu befriedigenden sozialen Interaktionen kommt, in denen sämtliche Interaktionspartner auf ihre Rechnung kommen und die Interaktion als befriedigend erleben.“ 9
In der Interaktion zwischen LehrerIn und SchülerIn werden nun bestimmte Rollenerwartungen an den Schüler herangetragen. Diese neue soziale Identität, die dem Schüler angetragen wird, macht es diesem jedoch eventuell unmöglich, seine eigene Identität, seine durch Erfahrung gewonnene, einmalige Persönlichkeit in die Interaktion einzubringen. Hinzu kommt noch, dass die Lehrperson evtl. eigene Vorstellungen von der Persönlichkeit des Kindes an dieses heranträgt. Das Kind muss nun diese beiden Erwartungen ein Stück weit zurückweisen und eine Balance finden zwischen seiner eigenen Einmaligkeit und die an es herangetragenen Erwartungen, damit das Kind einerseits sich selbst treu bleiben, andererseits aber auch befriedigende soziale Beziehungen zur Lehrperson aufrecht erhalten kann. 10 Dieser Balanceakt kann jedoch misslingen. Es kann passieren, dass das Kind sich den von ihm gewünschten sozialen Erwartungen widersetzt, ebenso kann es aber auch zu einer Überanpassung kommen, bei der die Einmaligkeit des Kindes von ihm selbst verleugnet wird.
Für eine ausgewogene Balance zwischen Rollenerwartungen und persönlicher Einmaligkeit sind vier Kompetenzen vonnöten:
8 Vgl. Knörzer/ Grass, S. 152.
9 Ders., S. 152 f.
10 Vgl. ders., S. 153.
3
Arbeit zitieren:
Jana Becker, 2003, Schuleintrittskrisen, München, GRIN Verlag GmbH
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