INHALTSVERZEICHNIS
1. ERICH LOEST: EIN DEUTSCHER CHRONIST. 3
2. DIE STRUKTUR DES ROMANS 8
2.1. Kurzfassung des Inhalts 8
2.2. Der Aufbau 10
2.3. Die Erzählperspektive. 11
2.4. Die Figurenkonstellation. 13
3. DER TOPOS DER FAMILIE IN Nikolaikirche. 21
3.1. Die Familie Bacher als Miniatur der DDR. 22
3.2. Die Spaltung der Familie und der Generationenkonflikt. 24
4. Nikolaikirche UND DIE „WENDE“ 28
4.1. Die Rezeption 28
4.2. Die „Suggestion des Authentischen“ 30
4.3. Nikolaikirche als „authentischer Wenderoman“? 32
5. Nikolaikirche UND DIE „WENDE“: ERGEBNISSE. 35
INHALTSVERZEICHNIS................................................................................ 37
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1. ERICH LOEST: EIN DEUTSCHER CHRONIST.
Erich Loest ist einer der wichtigsten deutsch-deutschen Autoren. Er gilt als „Schilderer ostdeutscher, vor allem sächsischer Verhältnisse“ 1 , als „Protokollführer der jüngeren deutschen Geschichte“ 2 und als „Chronist deutsch-deutscher Verhältnisse“ 3 : ein Realist der alten Erzähltradition, der Fiktion und Fakten miteinander verknüpft. Sein markantestes Merkmal ist die Neigung, Geschichten zu erzählen, und zwar Geschichten, die sehr realistisch sind. Alle seine Texte charakterisieren sich durch den Versuch, die Vermittlung von Zeitgeschichte mit seinem politischen Engagement zu kombinieren. Bei kaum einem anderen Schriftsteller ist das Werk so sehr an Erlebtes gebunden wie bei ihm: So gut wie alle seine Erzähltexte sind mehr oder weniger autobiographisch grundiert.
Sein Leben stellt die Biographie des exemplarischen DDR-Opfers dar. Die persönlichen Erfahrungen in zwei Diktaturen beschreibt er in zwei autobiographischen Texten: in Durch die Erde ein Riß (1981) und in der Fortsetzung Der Zorn des Schafes (1990). Diese beiden Werke zeigen einen „Lebenslauf von exemplarischen Rang“ 4 auf: Hier werden durch die persönlichen Erfahrungen des Autors auch sechzig Jahre deutscher Geschichte, von der N azizeit über den zweiten Weltkrieg, die Nachkriegszeit und die Aufbaujahre in der DDR, die Polen- und Ungarnereignisse bis zur „Wende“, thematisiert.
Loest wurde 1926 in Mittweida (Sachsen) geboren. Nachdem er in seiner Kindheit und seiner Jungend während des Nationalsozialismus im Deutschen Jungvolk tätig war und sich mit siebzehn sogar freiwillig zur SS meldete, wurde er mit achtzehn zum Kriegsdienst einberufen. 1944 und
1 Brandt (1998), S. 164.
2 Brandt (1998), S. 178.
3 Behn-Liebherz, Manfred: „Erich Loest“. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): KLG. Kritisches
Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München: Edition Text + Kritik. S. 11.
4 Neuhaus, Stefan: „Familienzwist und Mauerfall. Erich Loests Nikolaikirche (1995)“. In:
Neuhaus, Stefan: Literatur und nationale Einheit in Deutschland. Tübingen: Francke, 2002. S.
423-436. Hier S. 424.
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1945 war er Soldat an der Front. Nach kurzer Gefangenschaft kehrte er nach Hause zurück. Hier arbeitete er als freier Mitarbeiter für die Leipziger Volkszeitung und trat in die SED ein. In den ersten Jahren nach dem Krieg nahm er mit großer Begeisterung an dem Aufbau der Demokratischen Republik teil. Schon 1950 bekam er jedoch Probleme mit der sowjetischen Besatzungsmacht: Sein in diesem Jahr erschienener Roman Jungen die übrigblieben - einen Versuch, sich mit der Vergangenheit der Nazizeit auseinanderzusetzen - wurde in der Täglichen Rundschau, der Zeitung der sowjetischen Militäradministration, scharf kritisiert und ihm wurde „mangelndes Klassenbewusstsein“ vorgeworfen. Er verlor seine Stelle bei der LV, schrieb aber als freier Autor weiter. Die nächsten Schwierigkeiten mit der DDR-Autorität bekam er drei Jahre später wegen seiner Analyse des Arbeiteraufstandes von 1953 5 : Hier griff er die DDR-Presse an und äußerte sich kritisch über die Reaktion der SED. 1956 verschlechterte sich seine Situation noch weiter: Nach dem XX. Parteitag der KPdSU und den Polen-und Ungarnereignissen war in der DDR, wie auch in allen anderen Ländern des Ostblocks, kein Platz mehr für Kritik. 1957 wurde er wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahre Haft im Zuchthaus Bautzen II verurteilt. Hier erhielt er totales Schreibverbot. Diese Erfahrung bildet den Mittelpunkt seiner Autobiographie Durch die Erde ein Riß und taucht in seinen wichtigsten Texten immer wieder auf 6 . Nach der Haftentlassung, 1965, konzentrierte er sich auf die literarische Produktion: Um sich nicht weiter zu kompromittieren, schrieb er in dieser Zeit meistens Kriminal- und Abenteuerromane ohne Anspielungen auf die Gesellschaft und die politische Lage in der DDR. Trotz seines Versuchs, Konflikte mit den Behörden zu vermeiden, wurde er ständig vom Schriftstellerverband und, wie sich später herausstellte, auch von der Stasi unter strenger Kontrolle gehalten. 1979 trat er aus dem DDR-Schriftstellerverband aus,
5 Vgl. Loests Artikel „Elfenbeinturm und Rote Fahne“ in: Börsenblatt für den Deutschen
Buchhandel, Nr. 27, 4. Juli 1953.
6 Auch in Nikolaikirche weist Loest durch die zum Teil autobiographische Figur von Linus
Bornowski auf die lange Zeit seiner Haft hin. Vgl. dazu Kap. 5.2.4.
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was seine Publikationsmöglichkeiten stark behinderte: Einige seiner Werke konnten in der DDR nicht erscheinen 7 . In der DDR konnte sich Loest, trotz seiner weiten literarischen Produktion, nie rehabilitieren: Durch seine ungeschönte Darstellung der DDR-Gesellschaft und die Thematisierung unangenehmer Probleme galt er für die totalitäre Regierung immer als gefährlicher, subversiver Schriftsteller. Um seine Tätigkeit als Schriftsteller fortsetzen zu können, sah er sich gezwungen, die DDR zu verlassen: 1981 bekam er endlich sein dreijähriges Visum für die BRD, das auf die einmalige Aus- und Wiedereinreise beschränkt war. Hier erschienen endlich seine wichtigsten Romane 8 , die in der DDR keinen Platz gefunden hatten. Seine Aufenthalt in der BRD wurde länger als geplant: Er erlebte hier die Ereignisse der „Wende“ als Zuschauer. Erst 1989, wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, kehrte er nach Leipzig zurück, wo er mit seinem Sohn und seiner Frau den Linden-Verlag gründete. 1994 wurde er in Aachen zum Bundesvorsitzenden des Verbandes deutscher Schriftsteller gewählt. 1995 erschien in seinem Linden-Verlag der Roman Nikolaikirche 9 .
Loests literarische Produktion ist äußerst umfangreich. Da es hier unangebracht wäre, alle seine Werke in Betracht zu ziehen, werde ich mich auf wenige, für den Autor besonders repräsentative Romane beschränken. Bekannt wurde Loest vor allem durch seine Zeitromane (wie z.B. Völkerschlachtdenkmal, Zwiebelmuster oder Nikolaikirche), die in der DDR, meistens in Leipzig, spielen. Diese Texte, die sich durch eine allwissende Erzählperspektive und eine nüchterne, einem Bericht ähnelnde Erzählweise charakterisieren, haben dazu beigetragen, dass er als Leipzigs Chronist gilt. Zu seiner Produktion gehören jedoch auch andere Gattungen,
7 Beispielhaft sei hier seine Autobiographie Durch die Erde ein Riß zu nennen, die in der DDR
nicht veröffentlicht werden konnte. Sie erschien erst 1981 in der BRD.
8 U.a. Völkerschlachtdenkmal, der 1984 in Hamburg erschien.
9 Kurz nach der Veröffentlichung wurde auf ARD auch die Verfilmung des Romans durch Frank
Beyer ausgestrahlt (am 25. und 27. Oktober 1995).
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wie der Abenteuer- und Kriminalroman 10 , die Erzählung, der Reisebericht und die Autobiographie 11 , die hier nicht betrachtet werden können. Sein erster Roman Jungen die übrigblieben wurde schon 1950 veröffentlicht. In diesem Buch versucht Loest, seine eigenen Erfahrungen als Soldat im Krieg zu verarbeiten. Dargestellt wird die Entwicklung des Protagonisten, Walter Uhlig, der offensichtlich autobiographische Züge trägt, zwischen 1944 und den ersten Jahren der Nachkriegszeit. Vor allem die Desillusionierung des einstmals begeisterten Mitläufers spielt im Text eine zentrale Rolle. Das Thema entsprach zur Zeit des Aufbaus der DDR nicht den Richtlinien des sozialistischen Realismus und wurde aus diesem Grund scharf kritisiert und als „standpunktlos“ bezeichnet. Sein zweiter Roman, Die Westmark fällt weiter (1952), war hingegen sehr erfolgreich und machte ihn berühmt.
Einer der Romane, der von vielen Literaturkritikern sehr geschätzt wird, ist sicherlich Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene (1977). Das Werk wird weniger für seine literarische Qualität, als vielmehr wegen seiner politischen Bedeutung gelobt. Der Autor setzt sich hier mit vielen Themen, wie die Korrumpierung durch Macht und die Machtausübung einer vom Volk isolierten Führungselite, auseinander, die zu der Zeit als Tabu galten. Es ist erstaunlich, dass in der DDR ein solches Buch überhaupt erscheinen konnte. Schon die Hauptfigur, Wolfgang Wülff, entspricht nicht dem vorgeschriebenen Kanon der DDR-Literatur und enthält etwas Subversives: Er ist das Gegenbild eines „sozialistischen Helden“, ein Versager in einer spießigen und leistungsorientierten Gesellschaft. Trotz der negativen Kritiken in den „offiziellen“ Zeitschriften wurde der Roman schon zu DDR-Zeiten ein Kultbuch.
10 Abenteuer- und Kriminalromane veröffentlichte Loest hauptsächlich kurz nach seiner
Entlassung (1965) und in den siebziger Jahren unter dem Pseudonym Hans Walldorf. Sie sind
zwar sehr spannend und humoristisch, gehören jedoch zu der Art Unterhaltungsliteratur, die für
die Literaturwissenschaft nicht von großem Interesse ist. Innerhalb von kurzer Zeit veröffentlichte
er elf davon: u.a. Der Grüne Zettel (1967), Waffenkarussell (1968), Der zwölfte Aufstand (1969)
usw.
11 Die oben genannten Durch die Erde ein Riß (1981) und Der Zorn des Schafes (1990).
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Auch Loests oben genannte Autobiographie Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf (1981) charakterisiert sich durch die ungeschönte Darstellung der DDR Gesellschaft und die unverborgene Kritik gegenüber den DDR-Autoritäten. Besonders bitter wirkt hier die Beschreibung der unterschiedlichen Phasen des Gerichtsprozesses und der langen Gefangenschaft in Bautzen II. Die Autobiographie bietet einen kritischen Blick auf die ersten 25 Jahre der DDR-Geschichte und konnte dort nicht veröffentlicht werden.
Loests erfolgreichster Roman in den achtziger Jahren ist sicherlich der Heimatroman 12 Völkerschlachtdenkmal (1984), der in Leipzig spielt und, dokumentaristisch, einen Rückblick auf hundertfünfzig Jahre jüngster deutscher und sächsischer Geschichte bietet. Alle wichtigen historischen Ereignisse dieser Zeit kommen im Buch vor und werden an die fiktiven Figuren geknüpft: Die Völkerschlacht, die Einweihung des Denkmals, der Erste und der Zweite Weltkrieg, die beiden Diktaturen. Der Protagonist und Ich-Erzähler Carl Friedrich Fürchtegott Vojech Felix Alfred Linden erzählt seine Geschichte und die seiner Ahnen: Er wurde im Jahr 1916 geboren, dem Einweihungsjahr des Völkerschlachtdenkmals. Durch solche und ähnliche Konstruktionen im Text gelingt es Loest, Zeitgeschichte durch die Geschichte der kleinen Leute zu vermitteln. Dieses Prinzip wird mit diesem Roman zum Kennzeichen von Loests Schreiben und findet sich auch elf Jahre später in Nikolaikirche wieder.
Weitere, in Westdeutschland erschienene Romane sind: Zwiebelmuster (1985), Froschkonzert (1987), und Fallhöhe 13 (1989). Ein erster Versuch, sich mit den Schwierigkeiten der Nachwendezeit und vor allem des Zusammenwachsens der beiden deutschen Staaten auseinanderzusetzen, stellt schließlich der Roman Katerfrühstück (1992) dar, in dem die
12 Vgl. Behn-Liebherz, Manfred: „Erich Loest“. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hg.): KLG. Kritisches
Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. München: Edition Text + Kritik. S. 8 f.
13 Fallhöhe ist der erste Roman, der von Loests eigenem, 1989 gegründetem Linden-Verlag
veröffentlicht wurde. Später wurden seine gesamten Werke hier veröffentlicht.
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psychischen sowie gesellschaftlichen Probleme der „Wende“ im Mittelpunkt stehen.
2. DIE STRUKTUR DES ROMANS.
2.1. Kurzfassung des Inhalts.
Nikolaikirche erzählt die Geschichte der Familie Bacher, einer Leipziger Familie, deren Mitglieder die Zeit von 1985 bis zur Leipziger Revolution 1989 aus verschiedenen Perspektiven und Positionen erleben. Die Handlung beschränkt sich jedoch nicht auf diese Jahre, sondern reicht, durch mehrere Rückblenden auf das Leben des 1984 verstorbenen Generals und vorbildlichen Parteikämpfers Albert Bacher, bis ins Jahr 1932 zurück. In dieser Hinsicht werden zum Beispiel auch einige Episoden aus dem Zweiten Weltkrieg beschrieben, als er als Partisan der Roten Armee kämpfte, und aus der Nachkriegszeit, als er in der Sowjetunion lebte. Die Romanhandlung beginnt 1985: Die Leipziger Staatssicherheit will gegen die „subversiven Elemente“ neue Maßnahmen ergreifen, die sich in einigen „Wespennestern“ 14 , im Dorf Königsau, in der Nikolaikirche und in wenigen anderen Kirchen der Stadt 15 , regelmäßig versammeln. Dazu gehören vor allem zwei Priester, Pfarrer Ohlbaum und der alte und kranke Pfarrer Reichenbork, sowie der ehemalige Theologiestudent Martin Vockert. Um diese Figuren haben sich mehrere Gruppen versammelt, die sich unter anderem für den Frieden, die Umwelt, den Wehrersatzdienst und für Menschenrechte engagieren.
14 Diese Bezeichnung wird von den Mitgliedern der Stasi benutzt, um auf die Kirchentreffen
anzuspielen. Vgl. z.B. Loest, Erich: Nikolaikirche. Leipzig, Linden-Verlag, 1995. S. 235.
15 Im Text werden, neben der Nikolaikirche, auch die L ukaskirche und die Michaeliskirche als
„subversive Orte“ genannt.
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MA Davide Bonmassar, 2004, Erich Loests "Nikolaikirche". Ein Wenderoman - Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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