Tradition oder Innovation ? Ein Vergleich der
Erziehungskonzepte Michel de Montaignes und
Jean-Jacques Rousseaus
von: Michaela Hartmann
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Literaturgeschichtliche und historische Einordnung Montaignes und Rousseaus 5
2.1 Montaigne zwischen Renaissance und Glaubenskrieg 5
2.2 Rousseau und das Jahrhundert der Aufklärung 7
3.Vergleich der Erziehungskonzepte Montaignes und Rousseaus 10
3.1 Wer soll lehren? 10
3.2. Wer soll lernen? 12
3.3 Was soll gelernt werden? 13
3.4. Wie soll gelehrt werden? 15
3.5. Wie soll gelernt werden? 18
3.6. Was ist das Ziel der Erziehung? 19
4. Ausblick 20
5. Bibliographie 22
Primärliteratur 22
Sekundärliteratur 22
1. Einleitung
Der letzte Gastgeber Jean-Jacques Rousseaus (1712 – 1778), Le Marquis de Girardin, ließ in seinem Garten einen Tempel der Philosophie erbauen, in welchem folgende Inschrift zu lesen war (hier aus dem Lateinischen in das Französische übersetzt): « Qu’à la philosophie encore inachevée soit consacré ce temple commencé, dédié à Michel de Montaigne, qui a tout dit. Newton a dit la lumière – Descartes la matière sans vide – Penn l’humanité – Montesquieu la justice – Rousseau la nature – Voltaire le ridicule. – Qui achèvera ceci ? – Connaître les causes des choses. »1
Dieser Tempel und seine Inschrift stehen symbolisch für die Rolle, die Michel de Montaigne (1533 – 1592) für die Entwicklung der Philosophie gespielt hat. Er war derjenige, der alles gesagt hat. Die, welche ihm folgten, schöpften aus seinen Schriften, seinen Gedanken und Ideen, entwickelten diese weiter, änderten diese manchmal, doch seine grundsätzlichen Ideen lebten in ihren Werken fort. Dies soll in meiner Arbeit am Beispiel der Erziehungskonzepte Montaignes und Rousseaus nachgewiesen werden, welche ich miteinander vergleichen werde. Als primäre Quellen dienen dabei Rousseaus Erziehungsroman « Emile ou de l’éducation » und Montaignes Essays « Sur le pédantisme » und « Sur l’institution des enfants ». Der Vergleich soll unter der Fragestellung stattfinden, inwieweit Montaigne Rousseau in seinem Erziehungskonzept beeinflusst hat, welche Übereinsstimmungen und Unterschiede es gibt und auf welche Umstände die Unterschiede zurückzuführen sind. Anders und etwas polemischer formuliert hieße die Fragestellung: Steht Rousseau mit seinem Erziehungskonzept in der Tradition Montaignes oder sind seine Gedanken zur Erziehung völlig innovativ? Die Arbeit gliedert sich in einen ersten Teil, in welchem kurz der historische und literaturgeschichtliche Hintergrund der beiden Autoren beleuchtet werden soll. Dabei möchte ich auch kurz auf die Kulturkritik Rousseaus eingehen, da sein Erziehungskonzept auf dieser aufbaut.
Im Hauptteil der Arbeit werde ich die Erziehungskonzepte der beiden Philosophen anhand sechs konkreter Fragestellungen vergleichen. Diese Fragestellungen beziehen sich auf die Auswahl des Lehrenden und des Lernenden, auf den Gegenstand der Erziehung, die Art wie gelehrt und wie gelernt werden soll und schließlich auf das angestrebte Ziel der Erziehung. Meiner Vergleichsanalyse möchte ich noch vorausschicken, dass der Umfang der zu untersuchenden Texte sich erheblich voneinander unterscheidet. Die Essais von Montaigne, die sich konkret mit der Erziehung beschäftigen, umfassen in etwa 50 Seiten, während Rousseau seinen Emile auf etwa 500 Seiten erzieht. Dies hat zur Folge, dass Rousseaus Erziehungskonzept natürlich sehr viel detaillierter, auf verschiedene Phasen der Entwicklung bezogen, beschrieben ist, während Montaigne viele Ideen nur anspricht, aber nicht ausführlicher behandelt. Trotz dieser Tatsache denke ich, dass ein Vergleich der beiden Konzepte gerechtfertigt ist, da es hier nicht so sehr darum geht, die Lösungen bestimmter erzieherischer Probleme wie beispielweise die Frage danach, was zu tun sei, wenn ein Säugling schreie, zu behandeln und zu vergleichen, sondern vielmehr die grundsätzlichen erzieherischen Ideen zu vergleichen.
2. Literaturgeschichtliche und historische Einordnung Montaignes und Rousseaus
Im Folgenden möchte ich kurz auf die historischen, kulturellen und literarischen Hintergründe Michel de Montaignes und Jean-Jacques Rousseaus eingehen, soweit diese für das Verständnis der beiden Autoren von Bedeutung sind.
2.1 Montaigne zwischen Renaissance und Glaubenskrieg
Das 16. Jahrhundert wird heute im Allgemeinen als Beginn der Neuzeit in Frankreich angesehen, da sich in dieser Epoche wichtige Veränderungen in allen politischen, gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen vollzogen haben, so dass dieses Zeitalter zu einem Bindeglied zwischen Mittelalter und Klassik geworden ist. Seit dem 14. und 15. Jahrhundert hatte sich in Italien der Humanismus entwickelt, eine Bewegung, die unter Berufung auf das Erbe der griechischen und römische n Antike dem Menschen die Fähigkeit zuspricht, sich aus eigener Kraft zu bilden und zu vervollkommnen. Diese Bewegung breitet sich in ganz Europa aus und ergreift alle Lebensbereiche, so dass man von einer Renaissance der antiken Wissenschaften und Künste sprechen kann. Montaigne steht mit seinem Erziehungskonzept ganz in der Tradition dieser humanistischen Renaissance, wenn er sich immer wieder am Denken antiker Schriftsteller wie Platon, Seneca, Plutarch und vieler anderer orientiert.
Der Historiker Jules Michelet bezeichnet die Renaissance als Geburt des modernen Denkens und als Beginn der im 18. Jahrhundert sich vollendenden Aufklärung mit ihrem Fortschrittsglauben. An dieser Stelle können wir also auch literaturgeschichtlich einen Zusammenhang zwischen Montaigne und Rousseau erkennen: Während Montaigne noch ganz am Anfang der aufklärerischen Bewegung steht, schließt sich bei Rousseau der Kreis wieder. Während die Hinwendung zur Antike von französischen Humanisten wie Montaigne und Rabelais als Voraussetzung für die Erneuerung der Künste und Wissenschaften und als Befreiung von mittelalterlicher Finsternis und Unwissenheit gefeiert wurde, beantwortete Rousseau 200 Jahre später die von der Académie française gestellt Preisfrage danach, ob die Erneuerung der Künste und Wissenschaften zu einer Läuterung der Sitten beigetragen habe, mit einem klaren „Nein“. Hier zeigt sich, welch großer Schritt, trotz der vielen Gemeinsamkeiten der beiden Autoren, zwischen dem Skeptizismus Montaignes und der Kulturkritik Rousseaus liegt.
Kein anderer Humanist hat die französische Renaissance und damit auch Montaigne so sehr beeinflusst wie Erasmus von Rotterdam. Er war Theologe, Bibelphilologe, Philosoph, Pädagoge und Literat in einem und trat sein Leben lang für die Synthese von Antike und Christentum und den rechten Gebrauch der Vernunft ein. Als Kämpfer für den Frieden und Gegner jeglichen Fanatismus glaubte er an das Gute im Menschen, der nur richtig erzogen werden müsse, womit er schon ganz im Sinne Montaignes und Rousseaus spricht.
[...]
1 Fleuret, C.: Rousseau et Montaigne. Paris, 1980. S. 83.
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Michaela Hartmann, 2005, Tradition oder Innovation? Ein Vergleich der Erziehungskonzepte Michel de Montaignes und Jean-Jacques Rousseaus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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