Inhalt
1. Einleitung 4
2. Good Governance 6
2.1. Weltbank 8
2.2. UNDP 9
2.3. Deutschland und EU 12
2.4. Vergleich 13
3. Kritik aus Sicht der postcolonial studies 13
3.1. Power-knowledge 14
3.2. Eurozentrismus 18
3.3. Binäre Gegensätze 19
4. Schluss 21
5. Literatur 23
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1. Einleitung
Postcolonial theory ist keine Entwicklungstheorie, vielmehr ist sie ein Analyseinstrument aus den Geistes- und Kulturwissenschaften, dass nach der Verbindung zwischen (wissenschaftlich produziertem) Wissen und Machtausübung während und nach Ende der Kolonialzeit fragt. 1 Hierfür bedient sie sich der Methode der Diskursanalyse: es wird gefragt, in wieweit ein (wissenschaftlicher) Diskurs dazu dient, Machtstrukturen oder eine Welt-ordnung festzulegen. Wer bestimmt, was (wissenschaftlich) gesicherte Erkenntnisse sind, was richtig und falsch, gut und schlecht ist, der legitimiert bestimmte Formen von Herrschaft und Ordnung. 2 Dies muss kein bewusster, absichtsvoller Prozess sein und ist er auch historisch nur zum Teil gewesen, er lässt sich aber mit Hilfe der Diskursanalyse aufdecken und untersuchen.
Um der Frage nachzugehen, inwieweit die postcolonial theory im Rahmen der Entwicklungstheorie eine Rolle spielen kann, reicht es daher nicht, einfach nur die Ideen der postcolonial studies darzustellen. Diese sind nicht im entwicklungstheoretischen Kontext entstanden und auch in der politikwissenschaftlichen Diskussion bisher noch nicht gründlich verankert. Aus diesem Grund scheint es sinnvoll, die postcolonial theory auf die Ent-wicklungstheorie anzuwenden: Entwicklungstheorie soll hier im Sinne der postcolonial studies als ein wissenschaftlicher Diskurs verstanden werden. In ihm wird festgelegt, was Entwicklung ist, wie sie vonstatten gehen soll und was die Ziele der Entwicklung sein können. Damit ist sie keine ‚objektive’ Beschreibung von Ist-Zustand und möglichen Wegen zu einer Veränderung, sondern legt im Diskurs selbst fest, was als richtige oder falsche, gute oder schlechte ‚Entwicklung’ zu verstehen ist. 3
1 Vgl. Bill Ashcroft, Gareth Griffiths, Helen Tiffin: Post-Colonial Studies. The Key Concepts. London 1998. S. 1-3; Ato Quayson: Postcolonialism. Theory, Practice or Process? Cambridge 2000. S. 2-5
2 Vgl. Robert J.C. Young: Postcolonialism. A Very Short Introduction. Oxford 2003; ders.: Postcolonialism. An Historical Introduction. Oxford 2001; Edward W. Said: Orientalism.
4 Western Conceptions of the Orient. London 1995; Jürgen Osterhammel: Kolonialismus. Geschichte – Formen – Folgen. München 2001.
3 Vgl. Young: Historical Introduction, S. 46-56; Rita Abrahamsen: African Studies and the Postcolonial Challenge. In: African Affairs 102 (2003), S. 189-210. hier: S. 201-204.
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Mit dieser Festlegung wiederum, die sich zentrale Akteure der Entwicklungspolitik aneignen, werden Realitäten geschaffen, die zu einer Verfestigung politischer und kultureller Machtverhältnisse in den ‚Entwicklungsländern’ und den internationalen Beziehungen führt. Aus Sicht der postcolonial studies soll daher im Folgenden untersucht werden, wie Ent-wicklungstheorie auf die politische Realität in den Entwicklungsländern wirkt, indem sie von den Industrieländern im Rahmen der Entwicklungspolitik auf die Entwicklungsländer ‚angewendet’ wird. Als Beispiel für diesen Prozess soll das good governance Konzept von Weltbank, UNDP und BMZ als entwicklungspolitischen Akteuren dienen.
Eine umfassende Diskusanalyse würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit deutlich sprengen. Sie müsste den gesamten Diskurs und seine Auswirkungen untersuchen: d.h. es wäre notwendig, verschiedene Standpunkte und Definitionen zu good governance zu untersuchen und nach deren Wirkungsweise in der Entwicklungshilfe zu fragen. 4 Dies kann hier aus Platzgründen nicht geleistet werden. Stattdessen sollen die Begriffe des good governance in der Selbstdefinition von Weltbank, UNO und BMZ dargestellt und auf ihre unterschiedlichen Schwerpunkte hin untersucht werden. Die Frage, inwiefern diese Konzepte Wirklichkeit schaffen, kann nur unzureichend behandelt werden, da hierfür Fallbeispiele herangezogen werden müssten. Dennoch soll in einem letzten Schritt versucht werden, dies für das Konzept der Weltbank anzudeuten.
Die Literatur für diese Arbeit ist sehr weit gefächert und unterschiedlich. Im Rahmen der Entwicklungstheorie und ihrer Umsetzung in der Entwicklungspolitik wurde das Konzept des good governance diskutiert und aus-formuliert. 5 Hier soll in erster Linie auf die Veröffentlichungen der drei untersuchten Akteure Weltbank, UNDP und BMZ zurückgegriffen werden, da es weniger um die Diskussion von good governance in der wissenschaftlichen Debatte gehen soll als um die Bedeutung, die dieses Konzept in der Entwicklungspolitik hatte. Auch zur postcolonial theory ist die Grundlagen-
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Vgl.Rita Abrahamsen: Disciplining Democracy. Development Discourse and Good Governance in Africa. London 2000, Introduction und S. 1-24.
5 Für einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Diskussion zu good governance vgl. Ngaire Woods: Good Governance in International Organizations. In: Global Governance 5 (1999), S. 39-61, hier: S. 40-43.
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literatur umfangreich. 6 Eine Verbindung von postcolonial studies und Ent-wicklungstheorie liefern die Arbeiten aus der so genannte n postdevelopment Richtung. 7 Dennoch sind die postcolonial studies nach wie vor in erster Linie eine kulturwissenschaftliche Disziplin, die bisher erst wenig Eingang in die politikwissenschaftliche Debatte gefunden hat. Das liegt unter anderem auch in einer strukturellen Abneigung postkolonialer Theoretiker gegenüber Verallgemeinerungen begründet: die Betonung des Einzelfalles und die Verneinung von universal anwendbaren Vorstellungen sind das Kernelement der postcolonial theory.
2. Good Governance
Der Begriff des good governance wird seit den 1990er Jahren in Entwick-lungstheorie und -politik verwendet. Er wird im Allgemeinen als „gute Regierungsführung“ übersetzt und bezeichnet die politischen Rahmenbedingungen, die in einem Staat nötig sind, um wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. 8 Damit sind Prozesse der Entscheidungsfindung und deren Implementierung gemeint, für die bestimmte Kriterien erfüllt sein müssen, damit sie als „good“ governance gelten können. Bis zu diesem Punkt stimmen die unterschiedlichen Definitionen verschiedener Organisationen überein. In der konkreten Definition und Auslegung des Begriffs sind dann jedoch große Unterschiede zu erkennen: je nach Herkunftsland oder Zielsetzungen der Institutionen sind verschiedene Definitionen zu finden. 9
6 Für einen Überblick über Forschungsfelder und Debatten vgl. Benita Parry: Directions and Dead Ends in Postcolonial Studies. In: David Theo Goldberg, Ato Quayson (Hg.): Relocating Postcolonialism. Oxford 2002. S. 66-81; für einen Überblick über die Entstehung der Theorie Quayson: Postcolonialism, S. 3-7; Young: Historical Introduction; Young: Short Introduction.
7 Z.B.: Arturo Escobar: Encountering Development. The Making and Unmaking of the Third World. Princeton 1995; J. Ferguson: The Anti-Politics Machine. ‚Development’, Depoliticization and Bureaucratic Power in Lesotho. Minneapolis 1994; W. Sachs (Hg.): The Development Dictionary. A Guide to Knowledge and Power. London 1992; M. Rahnema, V. Bawtree (Hg.): The Post-Development Reader. London 1997.
8 Vgl. Peter Nunnenkamp: What Donors Mean by Good Governance. Heroic Ends, Limited Means, and Traditional Dilemmas of Development Co-operation. In: Nord-Süd aktuell
8 (3/1994), S. 458-463, hier S. 458f
9 vgl. T. Fuster: Die Furcht der Weltbank vor dem Wörtchen “Politik”. Eine heikle Grat-wanderung bei der Forderung nach „good governance“. In: Neue Zürcher Zeitung,
18.09.1999, S. 29.
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Grundsätzlich ist es wichtig, die beiden eng verwandten Begriffe governance und government voneinander zu unterscheiden, um Verwechslungen auszuschließen. Der Begriff governance beschreibt Regierungsführung , während government als Regierungsgewalt zu verstehen ist. Mit dem Begriff der Regierungsführung wird vor allem die Effizienz von Institutionen verbunden, während eine Untersuchung von Regierungsgewalt Verfahrensweisen und Prozesse des Regierens betont. 10
Kompliziert wird die Suche nach Definitionen von good governance, da der Begriff inzwischen auch außerhalb der Entwicklungspolitik für die Beschreibung von Handlungsweisen oder die Organisation des Handelns verwendet wird. So hat sich neben der internationalen und nationalen Ebene des Begriffs eine regionale und lokale Ebene etabliert. Daneben existieren auch Begriffe wie der des „corporate governance“, der Handlungs- und Leitungsprozesse innerhalb von Unternehmen beschreibt. 11 Hier soll nur auf die für die Entwicklungspolitik ausschlaggebenden Definitionen von good governance eingegangen werden.
Dafür sollen die Definitionen dreier Akteure der Entwicklungspolitik h erangezogen werden: Erstens soll der ursprünglich von der Weltbank definierten Begriff, der bis heute als Vergabekriterium für Kredite fungiert und sehr eng auf ökonomische Entwicklung bezogen ist, vorgestellt werden. Ihm soll zweitens die Definition des U nited Nations Development Programm (UNDP) entgegengestellt werden, die klar die politische Dimension von good governance in den Vordergrund stellt und ebenfalls als Vergabekriterium von Entwicklungsgeldern dient. Als drittes soll dann noch kurz auf das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) vertretene deutsche Konzept eingegangen werden, das in seiner Betonung der Bedeutung der Menschenrechte beispielhaft für die Europäische Definition von good governance stehen kann. 12
10 Vgl. Emma Murphy: Good Governance. Ein universal anwendbares Konzept? In: Internationale Politik 57 (8/2002). Zitiert nach: www.dgap.org/IP/ip0208/murphy.html
11 Vgl. Woods, S. 39.
12 BMZ: BMZ Spezial. Good Governance. Bonn 2002, S. 14f.
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Helene Heise, 2004, Postcolonial Studies und Entwicklungstheorie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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