Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte [...]
noch ein Mal erinnern [...]. (1./ XXV)
Trotzdem geht die durch den Tod einer geliebten Frau inspirierte Dichtung über einen einfachen „Akt des Erinnerns“ 4 hinaus, denn sie „[geht] hervor“ (1./II) aus ihr, ist somit in ihrer Abwesenheit dennoch präsent. Die Tote wird idealisiert, ihr wird ein Denk- oder auch Grabmal gesetzt.
Das Gedicht zum Gedenken einer toten schönen Frau fungiert [...] als „Sema“ oder Zeichen, das die Grabstätte einer „Heroine“ bezeichnet, in dem es den Körper der Verstorbenen ersetzt. 5
Und genau darin liegt der zweite Grund, warum die Neuschaffung durch Dichtung ihr Triumph nicht sein kann, denn ihre Präsens geht nicht über die poetische Schöpfung hinaus. „[Sie] schlief in mir.“ (1./ II)
Außerhalb der Dichtung ist und bleibt sie absent, sie ist sozusagen in der Dichtung konserviert, aber...
[...] man weiß, daß die Konserve etwas ist, was in einer Büchse eingeschlossen ist, d.h. die Erhaltung bringt die Wiederholung, die Unbeweglichkeit mit sich, letztendlich berührt sie, was sie vermeiden will, nämlich den Tod. 6
Eurydike ist tot und Eurydike bleibt tot. Und Orpheus mag singen, es wird sich nichts daran ändern. Doch scheinbar liegt das ja auch nicht im Interesse seines Gesangs.
[...] wie hast
du sie vollendet, daß sie nicht begehrte, erst wach zu sein? Sieh, sie erstand und schlief. (1./ II)
4 Elisabeth Bronfen. Die tote Geliebte. S.524.
5 Elisabeth Bronfen. Das „poetischste“... S.108.
6 Hélène Cixous. Wer singt... S. 69.
3
So wie sie jetzt ist, ist sie vollkommen. „Der Tod macht den Körper zu einer vollkommenen Version ihres einstigen Selbst.“ 7 In ihrem Tod, in ihrer Bewegungslosigkeit ist sie so makellos, so schön, denn weder durch Wort noch durch Tat könnte sie dieser Vollendetheit abruch tun. Diese Eurydike ist doch dem Orpheus näher, als es die echte, lebendige hätte jemals sein können, denn wer ist denn dieser Orpheus?
Orpheus, der appollinisch-dionysische Gott, steht für den inneren Bezug von Auflösung und Ordnung, von Vergessen und Wissen, von Chtonischem und Reinem, Klaren, von Wandel und Bleiben [...]. 8
D.h., „Orpheus ist der Gott des kreisläufigen Für-sich-Seins.“ 9 Und wer ist wohl mehr für-sich als die tote, schlafende 10 Eurydike, „die im Tode das verlorene Mädchentum, das unverzweckte Für-sich-sein, welches ihr der Mann genommen hat, wieder gewinnt“ 11 ?
Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
und dachte nicht des Mannes, der voranging, [...]
Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein erfüllte sie wie Fülle. 12
Auch Wera ist tot. Und Rilke dichtet. Weras Tod war ein, wenn nicht das auslösende Moment seines plötzlichen Inspiriertseins. In ihrem Sterben sah er Eurydike und in sich war Orpheus, der „Urdichter, Ursänger“ 13 . „Wera Ouckama Knoop war keine Geliebte Rilkes“ 14 , aber sie ist eine Geliebte Orpheus‘, sie ist seine Eurydike. Sie war ihm in ihrem Leben schon so nahe, um so mehr ist sie es in ihrem Tod.
7 Elisabeth Bronfen. Szenen am Totenbett. S.133.
8 Annette Gerok-Reiter. Wink und Wandlung. S. 103.
9 Ernst Leisi. Rilkes Sonette an Orpheus. S.153.
10 Vgl. William Shakespeare. Hamlet. 3. Akt/ 5. Szene. „To die-to sleep, no more.“
11 Ernst Leisi. Wie Latentes ... S.28.
12 R. M. Rilke. Orpheus. Eurydike. Hermes. S.502.
13 Sigrid Kellenter. Das Sonett bei Rilke. S. 107.
4
So jedenfalls dürfte es Rilke gesehen haben.
Man kann dies ablesen an der Reihnfolge der Sonette: Zwei der Wera-Gedichte (I 25 und II 28) gehen jeweils unmittelbar den an Orpheus gerichteten Schlußsonetten voran. So ist Wera auch von der Struktur her Orpheus‘ Gefährtin, seine Eurydike. 15
Doch, was machte das Wesen dieser Wera aus, daß Rilke sie zu Orpheus‘ Braut erkor? Ihr Reiz lag zweifellos nicht nur in ihrem Todsein. Darüber hinaus bedurfte es zwei weiterer Eigenschaften. Zum einen war sie jung und schön, „fast noch Kind“ (2./ XXVIII), und „hat ihren Mädchenstand, ihr Für- sich-Sein, überhaupt nie verlassen“ 16 , so daß sie eben „für Rilke den Typus verkörperte, der für ihn so bedeutsam war.“ 17 Zum anderen war sie Tänzerin und als solche kannte sie natürlich „den wendenden Punkt“ (2./ XII), jenen Augenblick des Tanzes, in dem man alles um sich herum vergißt, ja mehr noch sich selbst vergißt und so gänzlich für-sich ist, wie ein verzwecktes Ding es nur sein kann - dieser Ort und Moment der „Seinsumkehr“ 18 .
Du wußtest noch die Stelle, wo die Leier
sich tönend hob - ; die unerhörte Mitte.
Für sie versuchtest du die schönen Schritte
[...] (2./XXVIII)
Und um dieses Augenblickes willen ist „der Tanz [...] bei Rilke wie jede wahre Kunst eine der Möglichkeiten des orphischen Seins, darum steht die Tänzerin Orpheus nahe.“ 19 [...] Denn sie regte sich völlig hörend nur, da Orpheus sang. Du warst noch die von damals her Bewegte [...] (2./ XXVIII)
14 Klaus Theweleit. Buch der Könige. S.954.
15 Ernst Leisi. Wie Latentes... S. 32.
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Ernst Leisi. Rilkes Sonette. S. 157.
19 Ernst Leisi. Wie Latentes... S. 32.
5
„... das menschliche Blatt [...], in dem der vor bald 3000 Jahren erklungene Gesang des tharkischen Orpheus immer noch sichtbar säuselte.“ 20 Sie war also lebend schon so für-sich, so nah bei Orpheus, wie man es in diesem Zustand nur sein konnte, dennoch bedurfte es ihren Todes, daß Rilke zu schreiben begann. Warum?
Da ist ein junges, hübsches Mädchen gestorben, ausgelöscht aus dem Leben. Nicht irgendein Mädchen, sondern eines, das er kannte. Zwar war sie nicht seine Geliebte, dennoch hat ihn ihr Wesen bewegt. Und nun ist da eine Lücke, eine, die wieder gefüllt werden muß und zwar durch Trauerarbeit.
Trauern i st das Ritual, mit dessen Hilfe das Bewußtsein versucht, Totes lebendig zu machen, statt dessen nur Erinnerung gebiert. Da es die Unmöglichkeit erkennt, etwas zum Leben zu erwecken, was ausgelöscht wurde, begreift es, daß auch ein Teil seiner selbst tot ist. 21
Trauern heißt also, ganz neue Gedanken in sich zuzulassen, sein Weltbild zu überdenken, den Sinn des Lebens zu hinterfragen und vor allem sich selbst mit dem Tod zu konfrontieren, was zu der beängstigenden Einsicht führt, daß „der Tod nicht denk-bar ist, [denn] der Tod ist nichts“ 22 , also braucht der trauernde Dichter „die befruchtende Kraft der Toten als Vermittlung zu jener Andersheit [...], die jenseits des Wissens aller Überlebenden liegt.“ 23 Als „befruchtende Kraft“ ist hier vor allem der durch den Tod gewonnene neue Blickwinkel zu verstehen.
[...] und alles war ihr Schlaf.
[...]
Sie schlief die Welt. [...] (1./ II)
20 Klaus Theweleit. Buch der Könige. S. 954.
21 Alan Wall. Die geheime Gesellschaft. S. 243.
22 Hélène Cixous. Wer singt... S.83.
23 Elisabeth Bronfen. Die tote Geliebte. S.523f.
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Arbeit zitieren:
Monique Weinert, 2000, Eurydike ist tot. Weiblichkeit und Tod am Beispiel der Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke, München, GRIN Verlag GmbH
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