(LQOHLWXQJ
Seinen eigenen Worten zufolge steht Tourniers Werk in einem Spannungsfeld zwischen Philosophie und Literatur. In Verbindung mit seiner Auffassung von Ästhetik hat dies in der Vergangenheit zu Kontroversen geführt 1 , auf die hier nicht näher eingegangen werden kann. Ich möchte im Folgenden zunächst einen kleinen Überblick über die Biographie Tourniers geben. Danach möchte ich kurz auf Tourniers Verhältnis zu Philosophie und Literatur eingehen. Die möglichen philosophischen Vorbilder Tourniers sollen jedoch ausgespart werden: einerseits aus Platzgründen, andererseits jedoch, weil es Tournier in den meisten Fällen nicht (mehr) um die Umsetzung des Gedankenguts eines bestimmten Philosophen geht und die philosophischen Vorbilder in seinen Werken manchmal auch gar nicht klar zu identifizieren sind. Anschließend soll aufgezeigt werden, welche Auswirkungen die Opposition Philosophie-Literatur auf Tourniers Werk hat. Diesem folgt die Analyse von Ä/D IDPLOOH$GDP³, der ersten Erzählung aus dem Band Ä/H&RTGHEUX\qUH³
1 vgl. Winisch, Eva: „Michel Tournier: Untersuchungen zum Gesamtwerk“, Romanistischer Verlag, Bonn, 1997,
S. 3; 10
2
,%LRJUDSKLH
Michel Tournier wurde am 19.12.1924 als Sohn von Alphonse und Madeleine Tournier (geb. Fournier) in Paris geboren. Seine Eltern hatten sich beim Deutschstudium an der Sorbonne kennengelernt. Ihnen - und vor allem seiner Mutter, die im Sommer regelmäßig für kürzere Aufenthalte mit nach Deutschland nimmt - verdankt er seinen besonderen Bezug zu diesem Land. Durch den Einfluss seines kirchlich engagierten Großonkels auf die Familie und durch seinen Bildungsweg, der ihn durch mehrere, teils kirchlich geführte Schulen führt, erlangt
W
Tournier das, was er seinen ÄÃIRQGV¶FKUpWLHQWUqVLPSRUWDQW ³ nennt. Allerdings distanziert
er sich in der Folgezeit von der Kirche und gesteht nur der Bibel Glaubwürdigkeit zu 3 . Nachdem er etwa siebzehnjährig am „Lycée Pasteur“ in Neuilly eine Einführung in die Philosophie erhält, entwickelt er eine Vorliebe für dieses Fach, die sein ganzes Leben und sein Schaffen nachhaltig prägen wird 4 und die zu Lasten seiner früheren Neigung zur Literatur
X
geht: ÄGqVTXHM¶DLGpFRXYHUWODSKLORVRSKLHODOLWWpUDWXUHQ¶DSOXVH[LVWpjPHV\HX[ ³
1942 beginnt er sein Studium an der Sorbonne bis zur „licence“ in Philosophie und Recht. Von 1946 bis 1950 studiert er in Tübingen, wo er seine Kenntnisse der deutschen Philosophen vertieft.
Seiner Rückkehr nach Paris folgt eine schockierende Ernüchterung: er fällt durch seine „agrégation de philosophie“. Er verzichtet darauf, Lehrer zu werden, und lebt in den folgenden Jahren von verschiedenen Tätigkeiten, z.B. als Übersetzer, Verfasser von Zeitungsartikeln und Beiträgen für das Radio und als Lektor beim Verlagshaus Plon. 1967 erscheint sein erster Roman Ä9HQGUHGLRXOHVOLPEHVGX3DFLILTXH³, der im selben Jahr den „Grand Prix du Roman de l’Académie Francaise“ erhält. Sein zweiter, 1970 erschienener Roman Ä/H5RLGHV$XOQHV³ wird mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichnet. 1972 wird er zum Mitglied der „Académie Goncourt“ gewählt. Seinem dritten Roman Ä/HV PpWpRUHV³ (1975) folgen zahlreiche weitere Werke, z.B. Ä/HYHQW3DUDFOHW³ (1977), ein autobiographischer Essay, Ä/H&RTGH%UX\pUH³(1978), eine Erzählsammlung, Ä3LHUURWRX
2 Koster, Serge: „Michel Tournier“, Henri Veyrier, Paris, 1986, S. 153
3 ebd., S. 153
4 Davis, Colin: „Michel Tournier: Philosophy and Fiction“, Clarendon Press, Oxford, 1988, S.1
5 Koster, S. 149
3
OHVVHFUHWVGHODQXLW³ (1979), ein „Kinderbuch auch für Erwachsene 6 “, sowie weitere Romane und Erzählungen, die hier nicht alle aufgezählt werden können.
,,7RXUQLHUV(U]lKONRQ]HSWLRQ
,,=XU2SSRVLWLRQ3KLORVRSKLH/LWHUDWXU
Wie schon angedeutet, galt das Interesse Michel Tourniers lange Zeit eher der Philosophie als der Literatur. In seinen Augen war die Philosophie als logisches, klar gegliedertes System der Literatur bei weitem überlegen:
Ä7RXWFHTXLQ¶pWDLWSDVV\VWqPH±RXpWXGHVFRQVDFUpHVjXQV\VWqPH±pWDLWµEDQGH GHVVLQpH¶HWGDQVFHWWHFDWpJRULHPpSULVDEOHQRXVMHWLRQVSrOHPrOH6KDNHVSHDUHHW3RQVRQ GX7HUUDLO%DO]DFHW6DLQW-RKQ3HUVH1RVpWLRQVLYUHVG¶DEVROXHWGHSXLVVDQFH
Y
FpUpEUDOH ³.
Erst das Scheitern an der „agrégation de philosophie“ brachte ihn dazu, sich wieder der
`
Literatur zuzuwenden . Tournier sieht sich nun vor die Aufgabe gestellt, sein philosophisches Wissen literarisch umzusetzen:
„ $SDUWLUGHFHPRPHQWOjM¶DLJDJQpPDYLHGHEULFHWGHEURFHQFKHUFKDQWjFRQYHUWLUPRQ 9 “. DUVHQDOSKLORVRSKLTXHHQDWHOLHUOLWWpUDLUH So entstehen literarische Werke mit philosophischen Inhalten:
a E b
ÄM¶DLFKRLVLODOLWWpUDWXUHFRPPHXQDXWUHPR\HQGHIDLUHODSKLORVRSKLH ³
Dies gilt im Besonderen für Ä3LHUURWRXOHVVHFUHWVGHODQXLW³ oder für Ä9HQGUHGLRXODYLH
a E a
VDXYDJH³, die die philosophischen Vorbilder deutlich erkennen lassen . Tournier betont
jedoch, dass er niemals beabsichtige, ganze philosophische Systeme in seine Werke einzuarbeiten. Er gehe nie von einer philosophischen Theorie aus, die er dann literarisch umsetze, was seiner Ansicht nach viel zu umständlich sei. Der Einfluss der Philosophie sei
6 Winisch, S. 9
7 Tournier, Michel: „ Le Vent Paraclèt “, S. 155 ; zit. in : Davis, Colin : „ Michel Tournier “, S. 2
8 ebd. S. 3
9 Koster, Serge: „Michel Tournier“, S. 150
10 Davis, Colin: „Michel Tournier“, S. 5
11 Koster, Serge: „Michel Tournier S. 150
4
vielmehr unbewusster Natur: beim Schreiben drängen Elemente in sein Werk ein, die er häufig erst im Nachhinein als philosophische Gedanken, als „Echos“ der von ihm rezipierten
a & W
Philosophen, erkenne . Tournier sieht in dem Versuch, Literatur und Philosophie zu
vereinen, eine gewisse Schwierigkeit, die in ihren jeweiligen spezifischen Eigenschaften gründet. In der Lyrik hat das Wort, also die Form, mehr Gewicht, in der Philosophie hingegen die Idee, also der Inhalt. Der Roman stellt ein Mittelding dar: in ihm treten die Ideen nicht mehr so klar zutage wie in der Philosophie, sein Inhalt erscheint jedoch auch nicht so verschlüsselt wie in der Lyrik. Daher kann er philosophische Ideen auf künstlerische Weise ausdrücken, ohne ihren Sinn zu verdunkeln:
Ä/HPRWWUDQVSDUHQWFRPPHXQFRQFHSWGDQVODSKLORVRSKLHRSDTXHFRPPHXQHFKRVHGDQV OHSRqPHGRLWGHPHXUHUWUDQVOXFLGHGDQVOHURPDQHWPrOHUHQOXLDXWDQWG¶LQWHOOLJHQFHTXH
a c
GHFRXOHXUVHWG¶RGHXUV ³
Damit wird deutlich, dass Tournier die Position des reinen Philosophen verlassen hat. In seinem Schaffen ist die Philosophie eng mit der Literatur verknüpft. Dies impliziert, dass
a d
Philosophie in seinen Werken als ÄXQHLQIUDVWUXFWXUHPHWDSK\VLTXHLQYLVLEOH ³ im
Hintergrund präsent sein sollte und sich nicht in Form eines festen Inventars von Motiven und Ideen in den Vordergrund drängen darf. So kritisiert er beispielsweise auch im Nachhinein Ä9HQGUHGLRXOHVOLPEHVGX3DFLILTXH³, weil die philosophischen Strukturen dieses Romans zu offensichtlich hervortreten 15 . Die nur teils transparente, zweideutige Sprache der Literatur kommt seinem Anliegen entgegen. Sie trägt dazu bei, dass dem Leser nicht eine einzig und allein gültige Aussage präsentiert wird. Der Leser soll durch mehrdeutige Texte zum Nachdenken angeregt werden.
,,=X7RXUQLHUV.RQ]HSWLRQYRQ(U]lKOIRUPHQ
Tournier hat sich mehrfach gegen die Literatur gewandt, die die Grenzen literarischer Formen zu sprengen versucht. Dies erklärt sich einerseits durch seine Sozialisation. Er, der eigentlich aus der Philosophie kommt, sieht sich in der Literatur als Außenseiter. Seiner Meinung nach steht es ihm erstens nicht zu, den Roman zu dekonstruieren; er überläßt dies den
12 ebd. S. 150
13 Tournier, Michel: „ Le Vent Paraclèt “, S. 200 ; zit. in : Davis, Colin : „ Michel Tournier “, S. 7
14 ebd. S. 192
15 ebd. S. 192
5
Arbeit zitieren:
2001, ´La famille Adam´ aus der Erzählsammlung ´Le coq de bruyère´ von Michel Tournier, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Theater der französischen Klassik als Instrument der Kulturpolitik...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 29 Seiten
Interkulturelles Lernen mit Hilfe von Kinderliteratur
Seminararbeit, 19 Seiten
Romanistik - Französisch - Linguistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
The Visible and the Invisible in the Interplay Between Philosophy, Lit...
Anna-Teresa Tymieniecka, A-T Tymieniecka
The Future of the Humanities: Teaching Art, Religion, Philosophy, Lite...
Walter Arnold Kaufmann, Saul Goldwasser
Alberuni's India: An Account of the Religion, Philosophy, Literature, ...
Edward Sachau, C. Sachau Edward
Philosophy, Literature, and Politics: Essays Honoring Ellis Sandoz
Charles R. Embry, Barry Cooper
0 Kommentare