Inhalt:
1. Einleitung 3
2. Entstehungsgeschichte 3
3. Frühe Fassungen der Toteninsel 5
4. Späte Fassungen der Toteninsel 8
5. Das Inselmotiv 11
6. Die Signatur Böcklins 12
7. Mögliche Naturvorbilder für das Toteninselmotiv 13
8. Böcklin und der Nationalsozialismus 14
9. Natur und Subjekt 15
10. Verschiedene Interpretationsansätze 17
11. Die Wirkung der Toteninsel 19
12. Schlussbetrachtung 21
13. Literaturverzeichnis 22
14. Abbildungsnachweis und Abbildungen 24
2
1. Einleitung: Die folgende Arbeit wird sich mit dem Bild „Die Toteninsel“ von Arnold Böcklin auseinandersetzen. Insgesamt gibt es fünf Fassungen, von denen heute noch vier erhalten sind. (Abb. 1-5) Sie entstanden alle in dem Zeitraum zwischen 1880 und 1886. Die erste im Format etwas höhere Fassung ist auf Leinwand, drei sind auf Holz und die Vierte ist auf Metall gemalt. Alle Versionen zeigen eine sich aus dem Meer erhebende, mit Zypressen bestandene Felseninsel. Im vorderen zentralen B ildmittelpunkt befindet sich ein kleiner Kahn mit zwei Personen und einem
Sarg. 1 Es wird versucht, den besonderen Mythos des Bildes auszumachen, wobei die Fragestellung nach der Verbindung zwischen Natur und Subjekt eine entscheidende Rolle spielt. Ziel ist es, die Besonderheiten jedes einzelnen Bildes herauszuarbeiten, da es sich nicht um Kopien, sondern um eine vorhandene Bildkomposition handelt, die immer weiter entwickelt wurde. Es werden die verschiedensten Ansichten der Forschungsliteratur zu diesem Thema dargelegt, so dass die Vielzahl der möglichen Interpretationen deutlich wird. Dieses Bild prägte eine ganze Generation von Bürgern und Malern und wird auch heute noch reproduziert. Böcklin traf damit den Nerv der Zeit und den Geist einer Epoche.
2. Entstehungsgeschichte der Toteninsel:
Als die junge, verwitwete Marie Berna im April 1880 auf Anraten ihrer Freundin und Böcklin Verehrerin Mathilde von Guaita das Atelier Böcklins in Florenz aufsuchte, um ein „Bild zum Träumen“ zu bestellen, hatte dieser einen ersten Entwurf der Toteninsel
1 Vgl. H ubert Locher, Arnold Böcklin. Die Toteninsel. Traumbild des 19.
Jahrhunderts, in: Kunsthistorische Arbeitsblätter. Zeitschrift für Studium und
Hochschulkontakt, Ausg. 7/8 2004, S. 71.
3
bereits für seinen Mäzen Günther Alexander in Arbeit. 2 Marie Berna, geb. Christ, hatte 1864, achtzehnjährig, den Besitzer des Büdesheimer Schlosses, Dr. Georg Berna, geheiratet. Die Ehe war aber nur von kurzer Dauer, da ihr Ehemann 1865 an Diphtherie verstarb. Die Witwe verlobte sich erst fünfzehn Jahre später während eins Italienaufenthaltes in Siena an ihrem 34. Geburtstag, am 18. April 1880, mit dem Grafen Waldemar von Oriola; mit dem sie sich im Dezember des gleichen Jahres
vermählte. 3 Arnold Böcklin fertigte für Marie Berna eine zweite, kleinere Fassung der Toteninsel auf Holz an. Ein bisher unveröffentlichter Brief der Cousine Marie Bernas sagt aus, dass der erste Entwurf für die Gräfin ohne den Sarg und die weißverhüllte Figur gefertigt worden war. Diese zusätzliche Staffage muss Böcklin aber derart überzeugt haben, da er sie in jeder weiteren Fassung beibehalten hat und auch die erste Version durch sie ergänzt wurde. Böcklin vollendete die erste Toteninsel im Mai 1880 und schrieb, in einem bisher unbekannten Brief, an den Erstbesitzer Alexander Günther: „…Endlich ist die Toteninsel soweit fertig, dass ich glaube, sie werde einigermaßen den Eindruck machen, den sie machen soll…“ An diesem Brief widerlegen sich die bisherigen Aussagen, die Toteninsel bekam ihren Namen erst
durch den Kunsthändler Franz Gurltt ab der dritten Version. 4 Die erste Toteninsel befindet sich heute in der öffentlichen Kunstsammlung in Basel. Im Juni vollendete er die zweite Fassung, die sich heute im Metropolitan Museum of Art, New
2
Vgl. Ausstellungskatalog, Arnold Böcklin. Gemälde, Zeichnungen und Plastiken. Ausstellung zum 150. Geburtstag veranstaltet vom Kunstmuseum Basel und vom Basler Kunstverein, Basel 1977, S. 201.
3
Vgl. Hans Holenweg, Die Toteninsel. Arnold Böcklins populäres Landschaftsbild und seine Ausstrahlung bis in die heutige Zeit, in: Das Münster. Zeitschrift für christliche Kunst und Kunstgeschichte, 54. Jahrgang, 3/2001, S. 236.
4
Vgl. Ebd. S.237
4
York befindet. An die Auftraggeberin schrieb er am 29. Juni
1880:“Am letzten Mittwoch ist das Bild „Die Gräberinsel“ an sie
abgegangen. Sie werden sich hineinträumen können in die Welt
der Schatten, bis sie den leisen lauen Hauch zu fühlen glauben,
den das Meer kräuselt. Bis sie Scheu haben werden die feierliche
Stille durch ein lautes Wort zu stören.“ 5 Es fällt auf, dass er diese Fassung „Gräberinsel“ nennt. Das Ehepaar Berna/Oriola behält
diesen Titel auch zeitlebens bei, was sich im
Glückwunschtelegramm zum 70. Geburtstag des Künstlers 1897
darlegt: „…die glücklichen Besitzer der Gräberinsel“. 6
3. Frühe Fassungen der Toteninsel:
Das Bild zeigt eine aus Felsen bestehende Insel im Meer. In der
Mitte der halbkreisförmigen Felsformation steht eine Gruppe
dunkler, hoher Zypressen. In die Felswände sind schmale hohe
Öffnungen eingehauen. Wahrscheinlich handelt es sich hier um
Grabkammern. Der Zugang zur Insel, eine ins unbestimmte
führende Treppe, wird von einer Steinmauer flankiert. 7 Auf der Insel sind keine Lebewesen zu erkennen. Der Blick des
Betrachters fällt gleich auf einen kleinen Kahn im Vordergrund,
der von einem Ruderer gesteuert wird. Auf dem Kahn befindet
sich auch noch eine stehende, weiß verhüllte Gestalt und e in
quergelagerter Sarg. 8 Allein aus statischer Sicht ist diese Zusammenstellung auf dem Kahn fast unmöglich. Der Ruderer sitzt mit dem Rücken zum Betrachter und auch die Stellung der
Ruder lassen vermuten, dass sich der Kahn von der Insel
5 Andrea Linnebach, Arnold Böcklin und die Antike. Mythos, Geschichte,
Gegenwart, München 1991, S.103.
6 Vgl. H. Holenweg, in: Das Münster, 2001, S.237.
7
Vgl. Norbert Schneider, Böcklins <
sozialpsychologischen Deutung eines Motivs, in: Ausstellungskatalog, Arnold
Böcklin. Ausstellung zum 150. Geburtstag veranstaltet vom Magistrat der
Stadt Darmstadt, Darmstadt 1977, S. 108.
8 Vgl. H. Locher, in: Kunsthistorische Arbeitsblätter, 7/8 2004, S.71.
5
wegbewegt. Böcklin hatte auch ursprünglich in seiner ersten Version nur einen Ruderer mit Kahn gemalt. Die stehende Figur und der Sarg kamen erst später, eventuell auf Wunsch Marie
Bernas, hinzu. 9 Vielleicht war es seine ursprüngliche Intention ein sich von der Insel wegbewegendes Boot zu malen. Es könnte auch die These aufgestellt werden, dass der Sarg eventuell leer und die Beerdigung schon zu Ende war. Der sitzende Ruderer ist auch nur in der ersten Fassung zu sehen, in allen Folgenden steht er und die Wasserlinien zeigen deutlich, dass sich der Kahn auf die Insel zu bewegt. Die Gestalt und der Sarg weisen eventuell auf das Schicksal der Auftraggeberin hin, der Böcklin Trost spenden wollte. Da ihr Mann aber schon 15 Jahre tot war und sie sich auf einer Reise mit ihrem Zukünftigen befand, ist es schlüssiger, das Gemälde als ein Abschiedsbild zu sehen. Sie erweist ihrem ersten Mann die letzte Ehre und schließt mit der Vergangenheit ab, um bereit zu sein für ein neues Leben an der Seite eines neuen Mannes. Es ist eine würdevolle Verabschiedung, die regelrecht zelebriert wird.
Es ist ein sehr symmetrisches Bild, welches durch die Insel gegliedert wird. Es liegt eine besondere Betonung auf der Waagerechten (Meereshorizont) und der Senkrechten (Felsen, Zypressen).Dadurch, dass der Horizont auf beiden Seiten der Insel erkennbar ist, wird der Eindruck der Verlassenheit der Insel noch stärker betont. Die sehr weit unten angesetzte Horizontlinie lässt die Insel weit in der Ferne erscheinen. Die wenigen menschlichen Spuren lassen sich in der Einfahrt und dem Mauerwerk erkennen. Aber selbst das Mauerwerk scheint in den vielen Jahren wie mit dem Felsmassiv verwachsen zu sein. Durch den Kahn rückt die Insel weiter ins Meer hinein. Böcklin verwendet ganz bewusst Naturelemente, die Verlassenheit und
9 Vgl. H. Holenweg, in: das Münster, S.236.
6
Trauer ausdrücken, wie z. B. Zypressen, verwitterte Felsen,
Natur darstellen will. Sie sind Stilmittel der Trauer und der
Einsamkeit.
Die ersten beiden Dunkelheit und düstere Wolken. 10 An dieser Stelle ist vielleicht ein kleiner Exkurs in die griechische
Mythologie hilfreich, warum Zypressen immer als Totenbäume gehandelt werden. Cyparissus, ein Freund und Geliebter des
Apoll, besaß einen zahmen Hirschen, den er abgöttisch liebte.
Eines Nachts erschoss er diesen jedoch aus Versehen, was ihn
unendlich traurig machte. Er bereute diese Tat so sehr, dass er
aus Kummer selbst starb. Aus seinen Grab ließ Apoll dann
Zypressen wachsen. 11 Zypressen sind aber nicht nur die Bäume der Toten, sie sind
auch gleichzeitig ein Symbol des Südens. Sie tauchen in
Kunstwerken Böcklins öfter auf, aber er vermeidet sie, wenn er
eine freundliche Stimmung oder eine unbeschwert blühende
Fassungen haben einen sehr düsteren Grundtenor, was die
geheimnisvolle Wirkung der Insel nur noch verstärkt. Dargestellt ist in etwa die Zeit nach Sonnenuntergang, Himmel und Meer
liegen schon im Schatten. Es gibt wenige helle Punkte, in denen
sich das letzte Licht des Tages noch widerspiegelt, wie den Sarg,
das Gewand der Person und die Felsen. Die stehende Person
wirft ihren Schatten auf das B ahrtuch. Es formen sich zwei
verschiedene Welten, die der Lebenden und die der Toten. Der Kahn gelangt vom Diesseits ins Jenseits. Die hell erleuchteten
Kahnteile bilden mit dem weißen Mauerwerk ein auf der Spitze
stehendes Dreieck. Dieses Dreieck bildet einen Gegenpol zu den
dunklen Umrissen der Inselarchitektur mit Zypressen, die auch
10
Vgl. N. Schneider, 1977, S. 106 ff..
11
Vgl. Ausstellungskatalog, Arnold Böcklin. Ausstellung zum 150. Geburtstag
veranstaltet vom Magistrat der Stadt Darmstadt, Darmstadt 1977, S. 131.
7
Quote paper:
Stefanie Breitzke, 2005, Arnold Böcklin "Die Toteninsel" - Analyse und Interpretation, Munich, GRIN Publishing GmbH
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