wird also anhand von Besitz bzw. Nichtbesitz an Kapital und Produktionsmitteln differenziert. Es gibt daher nur die Klassen der Besitzer (Bourgeoisie) und Nichtbesitzer (Proletarier, die nur ihre Arbeitskraft verkaufen können), eine sog. Mittelklasse ist allenfalls widersprüchlich angedeutet. 3 Max Weber erweitert den Aspekt und unterscheidet nicht nur den Besitz, sondern auch den Erwerb. Des Weiteren führt er den Begriff des Standes ein. Ist der Begriff der Klasse bei Weber ökonomisch besetzt, so richtet sich die ständische Lage an die soziale Ehre. „Inhaltlich findet die ständische Ehre ihren Ausdruck normalerweise vor allem in der Zumutung einer spezifischen gearteten Lebensführung an jeden, der dem Kreise angehören will.“ 4 Damit erweitert Weber Marx um die soziale Komponente.
Um die Ungleichheit in modernen Gesellschaften zu analysieren reicht dies jedoch nicht aus, da es einfach zu wenig Kriterien zur Unterscheidung sind. Nur Anhand von Kapital und Produktionsmitteln lässt sich keine Gesellscha ft klassifizieren. Nicht zu letzt, da sich der Wohlfahrtsstaat in den westlichen Industriestaaten durchgesetzt hat, bleibt der Faktor Kapital zwar wichtig, ist aber nicht der Einzigste. Zum Beginn der Industrialisierung jedoch war dies drastischer und der sog. Pauperimus (Verelendung trotz Erwerbsfähigkeit) und die soziale Frage prägen Marx Darstellungen und machen sie nachvollziehbarer.
Das erweiterte Paradigma von Weber schließt einige dieser Lücken, ist aber nicht konsequent. Zwar gibt es auch Stände, eine ökonomische Mittelklasse und Differenzierung nach Qualifikation und Bildung, eine solide theoretische Grundlage fehlt aber.
3. Die Reformulierung des Paradigmas der vertikalen Ungleichheit
Erik Olin Wright hält als bekannter Vertreter dieser Position nach wie vor an der Strukturierung der Gesellschaft nach Klassen fest. Er versucht vor allen Dingen die Leerstellen bei Marx zu schließen und die Mittelklasse im System zu verankern. Hierfür stellt er verschiedenen Konzepte vor, wie man die Mittelschichten einordnen kann. Erstens als Klasse des Kleinbürgertum bzw. der neuen Arbeiterklasse, zweitens als völlig neue Klasse und drittens als widersprüchliche Gruppen zwischen den zwei bisherigen Klassen. „Aus diesen Bestrebungen [an der Klassenstruktur festzuhalten, aber die Begriffe zu überdenken] entwickelt die marxistische Sozialwissenschaft ein verfeinertes und differenziertes Begriffsarsenal, das - zumindest potenziell - ein tiefergehendes Verständnis der
3 Es ist dabei zu beachten, das Marx „Kapital“ nicht zu Ende geschrieben wurde.
4 Max Weber 1985. Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr, S. 535
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kapitalistischen Gesellschaften der Gegenwart erleicht ern wird.“ 5 Trotz der weiteren Differenzierung, bleibt für mich fraglich, ob das Konzept der Klassen, das wie es ausschaut nicht viel weiter angepasst werden kann, überhaupt geeignet ist, moderne Gesellschaften zu analysieren. Schon das Wort Klasse ist marxistisch so negativ besetzt, das man darauf keine Theorie mehr aufbauen kann, die heute noch anklang findet. Zum anderen stelle ich mir unter Klasse stets eine mehr oder weniger homogene Gruppe vor, die in sich weiter differenzierbar ist, aber doch Gemeinsamkeiten besitzt. Die Gesellschaften in solch große Klassen einzuteilen, verkennt meiner Meinung nach die Pluralität der Lebensstile und des zunehmenden Individualismus in unserer heutigen wohlfahrtsstaatlichen Gesellschaft, wenn man Ungleichheit nicht nur auf das ökonomische (gut messbare) Kapital reduzieren will. Die Ausdehnung des Kapitalbegriffes steht bei Bourdieu im Mittelpunkt. Neben dem ökonomischen Kapital existiert weiter soziales und kulturelles Kapital. Es bestehen Wechselbeziehungen zwischen diesen Kapitalarten und alle lassen sich untereinander mit unterschiedlicher Effizienz transformieren. „Das ökonomische Kapital ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts; das kulturelle Kapital ist unter bestimmte Voraussetzungen in ökonomisches Kapital konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in Form von schulischen Titeln; das soziale Kapital, das Kapital an sozialen Verpflichtungen oder „Beziehungen“, ist [...] ebenfalls [...] konvertierbar [...].“ 6 Dabei kann auch relativ individuell der Sozialisationsprozess, der schon enorme Ungleichheit schafft, in Form des kulturellen Kapitals analysiert werden. Das inkorporierte Kulturkapital (das verinnerlichte Wissen) wird durch Titel institutionalisiert (institutionalisierte Kulturkapital). Objektives Kulturkapital ist hingegen materiell und zwar käuflich zu erwerben. Ihr wahrer Wert erschließt sich aber erst bei entsprechenden inkorporierten Kulturkapital. Meiner Einschätzung nach eine sehr sinnvolle Einteilung, weil es damit möglich ist die Gesellschaft nicht nur nach ökonomischen Kapital einzuordnen, sondern nach weiteren Kriterien. Das sich ökonomisches Kapital, kulturelles und soziales in gewisser Weise bedingen ist klar, allerdings besteht nicht immer ein direkter, linearer Zusammenhang
5 Erik O. Wright 1985. Was bedeutet neo und was heißt marxistisch in der neo-marxistischen Klassenanalyse?, in: H. Strasser und John H. Goldthorpe (Hrsg.), Die Analyse sozialer Ungleichheit. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 256
6 Pierre Bourdieu 1983. Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in : Reinhard Kreckel (Hrsg.), Soziale Ungleichheit. Sonderband 2. Soziale Welt. Göttingen: Schwartz, S. 185
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Arbeit zitieren:
Martin Schultze, 2004, Soziale Ungleichheit in modernen Gesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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