1. Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsverzeichnis 2
2. Einleitung 3
3. Hiob S 5.
3.1 Galizien: Heimatlos in der Heimat 5
3.2 Die neue Welt: New York 9
4. Tarabas 16
4.1 Zwischen den Welten - oder die doppelte Flucht 16
5. Schlussbemerkung 20
6. Literaturverzeichnis 21
1
2. Einleitung
Wenn man ein Hauptmerkmal im literarischen Werk Joseph Roths angeben müsste, so kann man durchaus die Darstellung von Gegensätzen nennen. Neben den eher traditionellen Gegenüberstellungen von Armut/Reichtum, Stadt/Land oder Schönheit/Hässlichkeit, steht im literarischen Werk Roths die stoffliche Gegenüberstellung von dem, was nicht (mehr) ist und dem, was noch nicht ist im Vordergrund. Daraus hervorgehend sind nahezu alle literarischen Figuren in Roths Erzählungen und Romanen auf der Suche. Sei es die Suche nach Heimat, wie Franz Tunda in Die Flucht ohne Ende, die Suche nach Wahrheit in Das falsche Gewicht oder die Suche nach der eigenen Identität in Radetzkymarsch. Alle Personen agieren in einer Zeit oder Welt, die nicht mehr die ihre ist (und es vielleicht auch nie war) oder in einer Welt, die die ihre sein mag, in der sie aber keine Erfüllung (gleich welcher Art) finden können.
Der geistige und intellektuelle Prozess des Suchens, wird von Joseph Roth durch Handlungsakt des Reisens illustriert. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass die Reise nicht unbedingt ein bewusster Akt ist, sondern eher das Getriebensein symbolisiert. Auch ist es nicht eine Reise im Sinne der Entdeckung von Neuem, sondern eher eine Flucht, die oftmals als letzter Ausweg gesehe n wird. Wichtig ist auch, dass am Ende der Reise nicht die Lösung des Problems steht, wohl aber die Erkenntnis oder Einsicht, dass es entweder keine gibt, beziehungsweise die gefundene nicht der erhofften Lösung entspricht. Wohl am drastischsten wird dieser Prozess in Flucht ohne Ende erzählt. Die Erkenntnis des Franz Tunda ist fundamental wie desillusionierend zugleich:
Er hatte keinen Beruf, keine Liebe, keine Lust, keine Hoffnung, keinen Ehrgeiz und nicht einmal 1 Egoismus. So überflüssig wie er war niemand in der Welt.
Immer wieder hat sich in der Literaturgeschichte gezeigt, dass neben vielen anderen Faktoren 2 Zeit und soziale Verhältnisse mit der erzählten oder
1 Roth, Joseph: „Die Flucht ohne Ende“ (4. Auflage). Köln: 2001. S. 143.
2 Zu nennen wären beispielsweise ästhetische Kategorien oder Erzählstrategien
2
dargestellten Landschaft korrespondieren. Ohne jetzt einzelne Autoren und ihre Werke zu ne nnen, steht außer Frage, dass der Ort der Handlung immer wieder einen zentralen Stellenwert einnimmt. Wenn auch nicht die exakten Ortsangaben entscheidend sind, so ist die Landschaft in der sich die Handlung vollzieht von Bedeutung.
Insbesondere in zwei Romanen von Joseph Roth, in Hiob (1930) und Tarabas (1934), konvergieren die oben erwähnten Themenbereiche Gegensätze und Flucht, sowie deren Schlussfolgerungen mit einem literarischem Bezug zur Darstellung der Schauplätze.
Beiden Romanen ist gemein, dass sich innerhalb der Handlung ein Schauplatz-, bzw. Ortswechsel vollzieht, der für die agierenden Personen einen gravierenden Einschnitt in ihre Lebenswelt bedeutet. Im Zusammenhang damit, werden mit diesem Wechsel gleichzeitig unterschiedliche Lebenswelte n abgebildet. Die alte Welt Europas, genauer die agrarisch/traditionell geprägte Welt Ostgaliziens unter dem Einfluss des zaristischen Systems Russlands und die neue Welt Amerikas, mit ihren Strukturen der Industrialisierung und des Großstadtlebens (New York) inklusive aller damit verbundenen Implikationen. Dies sind die Schauplätze der Romane, unterschiedlicher vermögen sie kaum zu sein. Amerika und Galizien, zwei sich fundamental unterscheidende Lebenswelten, an denen explizit inhaltlich-literarische Schwerpunkte veranschaulicht werden können. Alle diese Punkte stehen unter dem Oberbegriff der Heimat (im Zusammenhang mit Fremde als untrennbares Begriffspaar). Ein, wenn nicht das zentrale Motiv im Werk Joseph Roths. Klaus Bohnen formuliert:
Wollte man einen Wortindex zu Roths Werk entwerfen, so nähmen 'Heimat' und 'Fremde' mit den dazugehörigen Wortgruppierungen darin eine zentrale Stelle ein. Geradezu leitmotivisch zieht sich die Frage nach der 'Heimat', dem 'Heimisch-Werden' in der 'Fremde', dem 'Fremd-Werden' in der 'Heimat' - gleichermaßen getragen vom Bewußtseinsverlust wie der Sehnsucht nach der Wiederherstellung - durch das Gesamtwerk. Nahezu alle Figuren umgibt die Aura der 3 'Heimatlosigkeit' [...].
Alte Welt - Neue Welt, Europa - Amerika, Galizien - New York, der Verdacht liegt nahe, dass hier eine strategische oder auch charakteristische Opposition
3 Bohnen, Klaus: “Flucht in die Heimat. Zu den Erzählungen Joseph Roths“. In: „Galizien - eine literarische
Heimat“. Hrsg. v. Stefan H. Kaszynski. Poznan: 1987. S. 141.
3
vorliegt. Ob, inwiefern und warum, das gilt es anhand von Hiob und Tarabas zu untersuchen. Dabei soll das literarische Werk Joseph Roths betrachtet werden. Seine journalistischen Arbeiten bleiben weitgehend unberücksichtigt.
3. Hiob
3.1. Galizien: Heimatlos in der Heimat
Formal ist der Roman in zwei nahezu gleich lange Teile getrennt. Der erste Teil spielt in Ostgalizien, dem zaristischen Russla nd zugeordnet, der zweite Teil in New York. In diesem Abschnitt geht es darum, Spezifika der galizischen Lebenswelt wie sie sich im Hiob darstellen aufzuzeigen, um sie dann mit den Spezifika der amerikanischen oder New Yorker Lebenswelt zu vergleichen.
Bevor sich die Rothsche Variante des biblischen Hiob Stoffes überhaupt erst entwickelt, steht gleich zu Beginn des Romans die Bemühung, die Lebenswelt Mendel Singers und seiner Familie als exemplarisch erscheinen zu lassen:
Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der B ibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregenden Erfolg. 4 Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet.
Das Leben Mendel Singers und seiner Familie soll also stellvertretend für die Lebenswelt der jüdischen Bevölkerung in Galizien stehen. Freilich wird von dieser Lebenswelt im Verlauf des Romans nicht viel preisgegeben. Das Leben der anderen Familien wird kaum gezeigt. Not und Elend der jüdischen Bevölkerung
4 Roth, Joseph: „Hiob. Roman eines einfachen Mannes.“ München: 2002. (Alle zitierten Stellen folgen
dieser dtv Ausgabe)
4
werden aber durch die Beschreibung einer Impfungsmaßnahme, 5 und die Situation im und vor dem Haus eines Rabbis verdeutlicht. Von ihm möchte Deborah Rat einholen, wie mit ihrem verkrüppeltem Sohn umzugehen sei:
Sie schliefen auf Pritschen neben den Betten der Einheimischen, die Siechenden, die Krummen, die Lahmen, die Wahnsinnigen, die Idiotischen, die Herzschwachen, die Zuckerkranken, die den Krebs im Leibe trugen, [...] Frauen mit unfruchtbarem Schoß, Mütter mit missgestalteten Kindern, Männer, denen Gefängnis oder Militärdienst drohte, Deserteure, die um eine geglückte Flucht baten, von Ärzten Aufgegebene, von der Menschheit verstoßene, von der irdischen Gerechtigkeit Misshandelte, Bekümmerte, Sehnsüchtige, Verhungernde und Satte, Betrüger und Ehrliche, alle, 6 alle, alle... .
Die soziale Lage mutet an dieser Stelle beinahe mittelalterlich an, als würde hier die Situation eines Pesthauses gezeigt. Jedenfalls herrschen Not und Elend in nahezu allen Lebenssituationen vor.
Ein weiterer Punkt ist die Unverbundenheit der Singers mit der Landschaft, die nicht als ihre, nicht als Heimat erlebt wird. Das Leben spielt sich nur im Kreise der Familie oder abgegrenzten Bereich des Schtetls ab. Externe Einflüsse werden als fremd, bisweilen als Gefahr empfunden. So gerät jedes Verlassen des Schtetls zu einem Ausflug ins Ungewisse, sei es der Gang Deborahs zum Rabbi, sei es die Reise von Jonas und Schemarjah zur Musterung. Im zweiten Fall erscheint die Rückkehr in die vertraute Umgebung wie eine Erlösung:
Sie hörten von weitem den Singsang der lernenden Kinder. Er kam ihnen entgegen, ein Mutterlaut, ein Vaterwort, ihre ganze Kindheit trug er ihnen entgegen, alles bedeutete und enthielt er, was sie seit der Stunde der Geburt geschaut, vernommen, gerochen und gefühlt hatten [...]. Er enthielt den Geruch der heißen und würzigen Speisen, den schwarzweißen Schimmer, der von Bart und Angesicht des Vaters ausging, den Widerhall der mütterlichen Seufzer und der Wimmertöne Menuchims, des betenden Geflüsters Mendel Singers am Abend, Millionen 7 unnennbarer, regelmäßiger und besonderer Ereignisse.
5 Ebd. S. 12.
6 Roth, Joseph: „Hiob.“ S. 15.
7 Ebd. S. 34f.
5
Arbeit zitieren:
Martin Höche, 2004, Galizien und Amerika: Charakteristische Opposition und die Suche nach Heimat - in Joseph Roths Romanen Hiob und Tarabas, München, GRIN Verlag GmbH
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