Ich bin als Deutsche in Italien (Mailand) aufgewachsen und habe von der ersten bis zur fünften Klasse die Deutsche Schule Mailand (DSM), von der sechsten bis zur achten Klasse die italienische Rudolf Steiner Schule in Mailand und anschließend von der neunten bis zur dreizehnten Klasse, erneut die deutsche Begegnungsschule besucht. Auf diese Weise hatte ich die Möglichkeit beide Gesellschaften, deren Kultur, deren Gebräuche und Traditionen bis ins Detail kennen zu lernen. Aufgrund der Tatsache, dass ich Vorurteile gegenüber Deutschen in Italien und gegenüber Italienern in Deutschland mitbekommen und teilweise an der eigenen Haut gespürt habe, wird der Schwerpunkt dieser Arbeit auf eben diesen, zwischen den beiden Völkern bestehenden Vorurteilen liegen.
Anhand von Beispielen aus den Printmedien, dem Fernsehen, dem Internet, und anhand von Erläuterungen persönlicher Erfahrungen, soll die Theorie mit der Praxis verbunden werden.
Da Stereotype, das heißt die Bilder, die sich ein Volk von einem anderen macht, sowie Pauschalurteile, Wertungen und Klischeevorstellungen im Mittelpunkt des Referates stehen, werden im folgenden Abschnitt die wichtigen Begriffe erklärt.
2. . 1 1 V V o or r u ur r t te e i il l e e 2
Ein Vorurteil ist laut Marefka ein „abwertendes Urteil einer Person über eine andere“. 1 Weiss unterschiedet zwischen dem Bild im engeren Sinn (die Ausstattung, die Eigenschaften, die einer Gruppe stereotypisch zugeschrieben werden) und dem Bild im weiteren Sinn (Bewertung dieser Ausstattung) 2 .
Vorurteile sind hartnäckig und sträuben sich gegen eine Berichtigung. Diese „Abschottung“ wird durch 2 Mechanismen hervorgerufen 3 :
• Bestehen bereits Vorurteile, so sträubt sich im Unterbewusstsein eine selektive Wahrnehmung gegen eine Berichtigung des Urteils. Durch Hörensagen tritt eine
1 Markefka, Manfred (1990): Vorurteile, Minderheiten, Diskriminierung. Ein Beitrag zum Verständnis
sozialer Gegensätze. Neuwied, Frankfurt/Main
2 Weiss, Hilde (1984): Antisemitische Vorurteile in Österreich. Theoretische und empirische Analysen.
3 http://www.dfjw.org/paed/texte2/alltag4.html (6.6.2001)
3
Generalisierung ein, die mit der eigenen Erfahrung einhergeht. Da dieses neue Vorurteil von dem ausgeht, was man tut (gelebter 'Realität'), kann dieses nur durch ein neues, stärkeres Erlebnis wieder ausgeräumt werden. 4
• Vorurteile verhindern neue Erfahrungen, dadurch dass man den Kontakt mit dem Objekt des Vorurteils meidet.
Vorurteile haben verschiedenen Funktionen 5 :
• Unsicherheit, Bedrohung und Angst können durch Vorurteile seelisch bewältigt werden. Vorurteile dienen dazu, Sicherheit für das eigene Handeln zu finden.
• Das soziale Selbstwertgefühl kann stabilisiert werden
Vorurteile können zu Stereotypen werden, wenn sie kulturell verankert und zu eingefahrenen Wegen werden. 6
2. . 2 2 S St t e er r e e o ot t y y p pe e 2
Ein Stereotyp wird als verbaler Ausdruck einer gerichteten Überzeugung auf eine soziale Gruppe oder auf einzelne Personen definiert. Ein Stereotyp hat die logische Form eines Urteils, das in ungerechtfertigt- vereinfachender und generalisierender Weise, mit emotional wertender Tendenz, einer Klasse von Personen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen zu- oder abspricht. Ein Stereotyp zeichnet sich durch einen hohen Verbreitungsgrad innerhalb einer kulturellen Bezugsgruppe aus. 7
Ein Stereotyp ist ein standardisiertes mentales Bild, das von den Mitgliedern einer Gruppe geteilt wird. Stereotype haben zwei herausragende Merkmale: sie sind kollektiv (geteilt von einer Gruppe) und sie unterscheiden nicht (sie sind generalisierend). Erst wenn die Nutzlosigkeit der Stereotypen gezeigt und die Falschheit der Vorurteile erläutert wird, kann eine realistische, unverzerrte Wahrnehmung der anderen Kultur erzeugt werden. 8
2. . 3 3 R R a as s s si i s sm m u us s & & F Fr r e em m d de e n n f fe e i in n d dl l i ic c h h k k e ei it t 2
Spricht man von Vorurteilen und Stereotypen, so muss auch der Rassismus angesprochen werden, da die Begriffe miteinander verbunden sind.
4 http://www.sbg.ac.at/gesc/people/de/diplomar4 .htm (6.6.2001)
5 http://www.dfjw.org/paed/texte2/alltag4.html (6.6.2001)
6 http://www.sbg.ac.at/gesc/people/de/diplomar3.htm (6.6.2001)
7 http://www.tu-dresden.de/sulifg/daf/mailproj/kursbu11.htm (6.6.2001)
8 http://www.dfjw.org/paed/texte/stereot4.html (7.6.2001)
4
Der Rassismus ist nicht nur Ausdruck von Vorurteilen, sondern ein Denksystem, eine Ideologie mit einer eigenen Struktur.
Rassismus in all seinen Formen führt zu vielen Konflikten innerhalb einer Gesellschaft, zwischen Völkern und Staaten.
Auschwitz und die Apartheid in Südafrika sind die extremsten Formen des Rassismus.
Fremdenfeindlichkeit wird sehr allgemein als eine Verhaltensweise bzw. Einstellung anderen Menschen oder Gruppen von Menschen gegenüber verstanden, deren Kennzeichen vermeintliches oder reales Fremdsein ist. Die Verhaltensweisen und die Einstellung sind durch Geringschätzung und Stigmatisierung, durch Gewaltbereitschaft oder häufig durch Gewalt gekennzeichnet. 9
Da Vorurteile und Stereotypen unter anderem von der eigenen Kultur und Nation abhängen, werden auch diese Begriffe in den folgenden Abschnitten erläutert.
2. . 4 4 N N a at ti i o o n n, , N N a at t i i o on n a al l b b e ew wu u s s s st t s se e i i n n 2
Nationen gründen auf objektiven und erlebbaren Gemeinsamkeiten. Sie sind notwendige „Kommunikationssysteme“, die gewöhnlich eine Sprache und eine Kultur als gemeinsamen Bestand von gemeinsamen Bedeutungen und Erinnerungen haben. 10
Das Bild von Nation kann sich je nach der Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen in unterschiedlichen Formen des Bewusstseins äußern. Dieses Bewusstsein wird als Nationalbewusstsein bezeichnet und beschreibt das Wissen, um die Eigenart der Nation.
Zugehörigkeit impliziert zum einen Angehörigkeit (zufällige Nähe zu Personen) und zum anderen Identifikation (willentliche Akzeptanz und Anerkennung von sozialen Vorstellungen, Normen und Regeln) 11 .
Einheimische sind in einem Land geboren, dessen Sprache sie sprechen und dessen Lebensgewohnheiten sie angenommen haben. Fremde kommen aus der Ferne, sie können häufig die Sprache des Landes nicht und sind nicht mit den Gewohnheiten vertraut. Einheimische kennen die an sie gestellten Erwartungen, die geltenden Normen
9 http://www.bmwf.gv.at/4fte/fremd/index2.htm (5.1.2001)
10 K.W., Deutsch (1972): Nationenebildung-Nationalstaat-Integration. Düsseldorf: Bertelsmann
Universitätsverlag
11 Wakenhut, Roland (1995): Ethnisches und nationales Bewusstsein. Coscienza etnica e coscienza
nazionale. Frankfurt am Main: Peter Lang, S.33
5
und Regeln und orientieren sich an ihnen. Fremde hingegen, kennen sie nicht und können sich folglich auch nicht an ihnen ausrichten.
In einer Studie wurde die Ausprägung des Nationalstolzes von italienischen und deutschen Studenten untersucht. Die Umfragen ergaben, dass dieser bei den Befragten unterschiedlich stark ausgeprägt ist. 12
Klassifiziert man die Befragten nach den Ausprägungen des Nationalbewusstseins, fällt auf, dass die Italiener viel patriotischer sind als die Deutschen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Bindung der italienischen Studierenden an ihre Nation insgesamt sehr viel stärker ausgeprägt ist. 53,2% der deutschen Stichprobe fühlten sich in erster Linie als Deutsche, 22,2% als Europäer, bei den Italienern waren es 62,7% und 7,7%.
2. . 5 5 K K u ul lt t u u r r & & M M a a n ni if f e e s st t a at ti i o o n n e en n k k u ul l t t u ur r e el ll l e e r r U U n nt t e er r s sc c h h i ie e d d e e 2
Kultur enthält alltägliche und gewöhnliche Dinge des Lebens, so zum Beispiel das Begrüße n, das Essen, das Halten des Körperabstandes zu anderen, das Lieben, oder die Körperhygiene. Es ist die mentale Programmierung, die jedes Mitglied einer gegebenen Gemeinschaft, oder Organisation erlebt, und entsprechend derer es
12 Wakenhut, Roland (1995): Ethnisches und nationales Bewusstsein. Coscienza etnica e coscienza
nazionale. Frankfurt am Main: Peter Lang, S.64
6
folgerichtig handelt. 13
Das Zusammentreffen verschiedener Kulturen wurde unter anderem durch die erhöhte Reisemöglichkeit und durch den Gebrauch der Medien gefördert. Laut Larcher produziert dieses Aufeinandertreffen Missverständnisse, da jeder sein Verhalten für natürlich, das der Fremden für unnatürlich hält 14 .
Im folgenden Kapitel sollen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen den beiden Ländern verdeutlicht werden.
3. . 1 1 P P o ol li i t ti i s sc c h h e e & & w w i ir rt t s s c c h ha a f ft tl l i ic c h h e e B B e ez z i ie e h h u u n ng g e e n n 3
Die Erfahrungen mit dem ersten und dem zweiten Weltkrieg haben die Deutschen und die Italiener zu ähnlichen politischen Einsichten gebracht. Beide Länder hatten eine christlich-demokratische, proeuropäische und atlantische Orientierung. Beide haben nach 1945 einen ähnlichen Weg eingeschlagen: sie entschieden sich für den Westen und leisteten ihren Beitrag zum Aufbau eines integrierten Europas und eines funktionsfähigen Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses. Der Gleichklang in den politischen Zielen hat zwischen Deutschland und Italien eine „vertrauensvolle Freundschaft“ entstehen lassen.
In Deutschland hat die Zeitenwende 1989/90 den Glücksfall der Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit gebracht.
Nach der Gründung der EWG belebten sich die deutsch-italienischen Wirtschaftskontakte. Die Konkurrenz zwischen Deutschland und Italien hielt sich in Grenzen, da sich die Produkte der Länder ergänzten. Italien exportierte Schuhe, Wollkleidung, Schreib- und Rechenmaschinen, sowie Automobile, Deutschland hingegen exportierte die Maschinen für die Metallverarbeitung und die Textilindustrie. Wirtschaftlich gesehen, gehören Deutschland und Italien füreinander jeweils zu den wichtigsten Partnern bei Handel und Investitionen. 15
13 http://www.tu-dresden.de/sulifg/daf/mailproj/kursbu11.htm (9.6.2001)
14 Larcher, Dietmar (1992): Kulturschock. Fallgeschichten aus dem sozialen Dschungel. Meran:
Alpha&Beta, S.44
15 http://www.cducsu.bundestag.de/texte/schae36l.htm (5.6.2001)
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Arbeit zitieren:
Kerstin Weyler, 2001, Vorurteile zwischen Italienern u. Deutschen, München, GRIN Verlag GmbH
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