Spektakel -Demokratie? - Über politische Inszenierung und Inszenierungskritik 2
Inhaltsverzeichnis
1 Politik auf der Bühne. 4
1.1 Eine Zustandsbeschreibung 4
1.2 Spielen wir nicht alle Theater? 7
1.3 Forschungsfragen und Methoden. 9
2 Politische Inszenierung - ein alter Hut? 12
2.1 Rituale und Symbole. 12
2.2 Königliche Image-Produktion 14
3 Antrieb zur Inszenierung 17
3.1 Politik und Gesellschaft im Wandel 17
3.2 Medien im Wandel. 20
3.3 Die Ökonomie der Aufmerksamkeit 26
4 Die Medienbühne. 28
4.1 Journalismus als Theater. 28
4.2 Die Inszenierungslogik des Printjournalismus. 29
4.3 Die Inszenierungslogik des Fernsehens 30
5 Die politische Bühne 37
5.1 Politik als Theater. 37
5.2 Politische Symbole - Symbolische Politik. 39
5.3 Event-Politik und die Inszenierung des Scheins 43
5.4 Imagepolitik 49
5.4.1 Die Inszenierung von Persönlichkeit 49
5.4.2 Die Marginalisierung der Parteien 53
5.5 Der Kanzler als Showstar - Politik und Unterhaltung 55
5.6 Die Theatralik der Unterdrücker. 60
6 Geiseln oder Symbiosen? 64
6.1 Eine erfundene Geschichte? 64
6.2 Die Dependenzthese: Politik in den Fesseln der Medien 65
6.3 Die Instrumentalisierungsthese: Die Medien als Geiseln der Politik 67
6.4 Die Symbiose-These: Medien und Politik durchdringen sich gegenseitig. 70
6.5 Inszenierung als symbiotisches Handeln. 72
7 Das Theater um das Theater. 75
7.1 Die zweite Ebene politischer Inszenierung 75
7.2 Gibt es Auswege? 77
8 Kritik am politischen Theater. 82
8.1 „Krönungsmesse“ - Die Wahl Gerhard Schröders zum Kanzlerkandidaten. 82
8.2 „Legitimes Theater“ - Das Zuwanderungsgesetz-Votum im Bundesrat 88
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9 Kritik an der Inszenierung von Image 97
9.1 „Rudolf bin Baden“ - Die Fotos des Verteidigungsministers in der Bunten 97
9.1.2 Mediale Selbstreferenz bei Scharpings Inszenierung 105
9.2 „Kaschmir-Kanzler“ - Gerhard Schröders Modefotos in Life Style. 107
10 Zusammenfassung und Ausblick 115
Literaturverzeichnis 119
Spektakel-Demokratie? - Über politische Inszenierung und Inszenierungskritik 4
1 Politik auf der Bühne
1.1 Eine Zustandsbeschreibung
Noch so ein Wortspiel: Staats-Theater. Als sich Politiker und Journalisten 1 im November 2002 zum jährlichen Bundespresseball versammelten, wählten die Veranstalter bezeichnenderweise dieses Motto. „Staats-Theater“, so erklärte Tissy Bruns, „damit bringt die Bundespressekonferenz das Verhalten der Politik in diesem Wahljahr auf den Punkt“ 2 . Bruns, damals noch Vorsitzende des Veranstaltervereins und Redakteurin der Tageszeitung Die Welt, hatte sich mehrfach in verschiedenen Aufsätzen und Interviews über das schwierige Verhältnis zwischen Politik und Medien beklagt. „Wir Journalisten hatten den Eindruck, die Politiker inszenieren sich vor den schönen Berliner Kulissen mit ein paar kurzen Statements, aber wenn die kritischen Fragen kommen, dann schlagen sie sich schnell zu den Hinterausgängen durch und verschwinden.“ 3 Vor allem der rasante Erfolg des Fernsehens habe dazu geführt, dass sich die Volksvertreter für das Publikum öffentlichkeitswirksam und kameragerecht in Szene setzen und dabei die politischen Inhalte verschleiern. „Es gibt kein politisches Ereignis mehr, das nicht zuallererst über das Fernsehen kommuniziert wird. Also über Bilder, und Bilder sind es auch, die maßgeblich darüber entscheiden, ob Spitzenpolitiker X oder Y beim Bürger glaub- und vertrauenswürdig ist“, so Bruns. 4
Ihr Wortspiel passte gut ins Jahr 2002. Hatten die Politiker nicht selbst zugegeben, in gewisser Weise Schauspieler zu sein? „Ja, Politik ist Theater“, hatte der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) am 24. März während eines Vortragesbezeichnenderweise im Saarbrücker Staatstheater - gestanden und hinzugefügt: „Dieser
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Umstand ist weder gut noch schlecht.“ 5 Im Bundesrat war es zwei Tage zuvor zu einem Eklat gekommen. 6 Mehrere Unionspolitiker hatten sich darüber empört, dass ein uneindeutiges Votum des Landes Brandenburg zum Zuwanderungsgesetz vom Präsidenten des Hauses als Zustimmung gewertet wurde. Die Unterlegenen machten ihrem Ärger Luft und beschimpften den Präsidenten als „Verfassungsbrecher“, riefen „Rechtsbeugung“ und „Das ist ja wohl das Letzte“. 7 Zwei Tage später gestand Müller nun recht freimütig: „Die Empörung haben wir verabredet.“ 8 Der Ärger sei von den Unionsparteien für die Medien inszeniert gewesen. Ist Politik ein Schauspiel? Roger-Gérard Schwartzenberg, französischer Forschungsminister und Politikwissenschaftler, bemerkte in den siebziger Jahren, bevor seine eigene politische Karriere begann, der Staat sei unter dem Einfluss des Fernsehens zu einer mittelmäßigen Show verkommen. „Jeder leitende Politiker scheint eine Rolle zu besetzen und einen Part zu spielen, genau wie auf der Bühne. Seit dieser Wandel eingetreten ist, hat sich der Staat selbst in einen Filmverleih verwandelt, oder er agiert gleichsam als Schauspieldirektor.“ 9
Eine bildreiche Bestätigung dieser These lieferte am 2. Mai 2003 US-Präsident George W. Bush, als er mit einer Militärmaschine auf dem Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ landete, um das Ende der Kämpfe im Irak-Krieg zu verkünden. Im Hintergrund das offene Meer, marschierte Bush im Militärkostüm mit dem Helm unter seinem Arm durch die Reihen der Navy. Der Zeitpunkt seiner Landung war so terminiert, dass Bush während seiner Rede im „magic hour light“ stand, dem magischen Licht der Abendstunde. 10
Das Bild erinnerte die Medien gleich an drei Hollywood-Streifen: Bushs Landung sei dem Plakatmotiv von Top Gun abgeschaut, er repräsentiere in seinem Kostüm die Stärke eines Darth Vader aus Star Wars und stelle die Väterlichkeit und das Durchsetzungsvermögen des Präsidenten aus Independence Day dar. 11 Das ganze Spektakel fand nur fünfzig Kilometer vor der Küste San Diegos statt. Der Präsident hätte also ohne Probleme auch mit einem Hubschrauber einfliegen oder auf das Anlegen des Schiffes warten können, um das Ende der Kämpfe zu verkünden. 12 Doch das wäre sicher nicht so förderlich für sein Image als oberster Krieger im Anti-Terror-Kampf
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gewesen. Nie zuvor, schrieb die New York Times, habe sich ein Präsident professioneller in Szene setzen lassen. 13
Auch in Deutschland ist Politik mitunter Schauspiel. Gerhard Schröder trat 1998 als SPD-Kanzlerkandidat in der Seifenoper Gute Zeiten, schlechte Zeiten auf und mimte dort einen Politiker auf Wahlkampftour. Nach seiner Wahl besuchte der SPD-Vorsitzende die erfolgreiche Fernsehshow Wetten daß ...? und zeigte so Volksnähe. Als Spaßkanzler verschrieen, änderte er seine Rolle vor dem Bundestagswahlkampf 2002 und war fortan als seriöser Staatsmann auf Plakaten zu sehen, der noch spät in der Nacht im schummrigen Licht seiner Schreibtischlampe sitzt und über die Zukunft seines Volkes sinniert. Der Image-Wandel ist Schröder gut bekommen. Die Rolle des Spaßvogels übernahm fortan der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle. Der Parteichef ließ sich im Container der Fernsehsendung Big Brother einsperren, um so sein Interesse an der Jugend zu bekunden und tourte mit dem Guido-Mobil, einem Wahlkampfbus, durchs Land. Bei jeder Gelegenheit hielt Westerwelle eine gelbe Achtzehn in die Kameras, die er auf seine Krawatte und sogar seine Schuhsohlen hatte drucken lassen und unterstrich damit den Anspruch seiner Partei auf ein entsprechend hochprozentiges Wahlergebnis. Für Heiterkeit sorgte auch Cem Özdemir, der als grüner Bundestagsabgeordneter in der WDR-Sendung Zimmer frei mit einem Abflussreiniger auf dem Kopf über die Bühne hüpfte. 14 Angesichts solcher absurd anmutenden Auftritte, wegen der Fülle politischer Inszenierungen und dem verbreiteten Eindruck einer Politik als Showgeschäft war „Staats-Theater“ nicht die einzige Wortschöpfung, mit der versucht wurde, das Phänomen zu beschreiben. Andreas Dörner sprach vom „Politainment“ 15 , Thomas Meyer von der „Mediokratie“ 16 und Daniel Boorstin beklagte eine Flut von „Pseudo-Events“ 17 , die nur geschaffen wurden, um zum Thema der Medien zu werden. Ulrich Sarcinelli beobachtete immer mehr „Symbolische Politik“ 18 und Murray Edelmann warnte vor „Politik als Ritual“ 19 . Alle fünf Wissenschaftler beschrieben den zunehmenden Anteil von Inszenierung im politischen Geschäft.
Auch Journalisten konstatieren eine Vermehrung öffentlichkeitswirksamer, aber letztlich leerer Auftritte von Politikern. 20 Christoph Schwennicke von der Süddeutschen Zeitung
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behauptet, „dass die Inszenierung an Bedeutung gewonnen hat“ 21 . Sein Kollege Jürgen Leinemann vom Spiegel findet sogar, das sei „keine Frage“ 22 . Johannes Leithäuser von der Frankfurter Allgemeinen stimmt zu: „In der Tendenz kann man das so sagen. Ja.“ 23 Tissy Bruns resümiert, „zweifellos“ inszenierten Politiker heute mehr als vor zwanzig Jahren. 24
Die Schuld an dieser Entwicklung schieben sich Politiker und Medienvertreter gerne gegenseitig zu. Die Politiker beklagen, dass sie ohne Inszenierung von den Medien ignoriert würden. Die Journalisten verlangten immer kürzere Statements und immer spektakulärere Aktionen. Die Journalisten wiederum schimpfen über Politiker, die immer flacher werden, und denen ihr Geltungsbedürfnis wichtiger sei als die Politik. Bei diesen Wortgefechten gerät aus dem Blick, welche Entwicklungen politische Inszenierungen heute begünstigen, welche Rolle beide Seiten dabei spielen und ab wann die Inszenierung hochproblematisch ist.
1.2 Spielen wir nicht alle Theater?
Der Begriff „Inszenierung“ kommt aus dem Französischen. Im 17. Jahrhundert hatte sich dort die Redewendung „mettre quelqu’un, quelque chose sur la scène“ eingebürgert. Sie bedeutete damals, jemanden oder etwas zum Gegenstand des Theaters machen oder auch, jemandem einen Platz in einem künstlerischen Werk zuweisen. 25 Später tauchten dann die Begriffe „mettre en scène“ sowie „mise en scène“ auf. Darunter verstand man die Aufgaben eines Regisseurs: Dekorationen mit dem Maler besprechen, Kostüme aufeinander abstimmen, Posen und Gesten der Schauspieler festlegen, Musik und Geräusche zusammenstellen. In dieser Bedeutung wurde der Begriff im 19. Jahrhundert ins Deutsche übernommen. „Inscenesetzen“ wurde mehr und mehr ausschließlich als eine künstlerische, schöpferische Tätigkeit verstanden.
Heute meint Inszenierung allgemein alles Handeln, mit dem etwas zur Erscheinung gebracht werden soll und wird in diesem Zusammenhang nicht nur im Theater verwandt. 26 In allen gesellschaftlichen Bereichen wetteifern die Menschen danach, sich selbst und ihre Umwelt in Szene zu setzen. „Stadtplanung, Architektur und Design inszenieren unsere Umwelt als kulissenartige ,Environments’, in denen mit wechselnden ,Outfits’ kostümierte Individuen und Gruppen sich selbst und ihren eigenen ,Lifestyle’
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mit Effekt zur Schau stellen.“ 27 Einkaufen wird zum Shopping-Erlebnis, bei dem sich der Käufer durch verschiedene Szenerien bewegt, die sich Marketingstrategen ausgetüftelt haben. So ist für den Theatermacher Christoph Schlingensief das Berliner Kaufhaus des Westens eine „perfekte Inszenierung“, weil der Kunde gar nicht merkt, dass er einer geschlossenen Aufführung beiwohnt, in der Kauf und Verkauf als maßgebliche gesellschaftliche Prämissen dargestellt werden. Im Sommer 1998 postierte Schlingensief vor dem Eingang des Kaufhauses eine Gruppe, die den hinein- und herausgehenden Kunden applaudierte, als seien sie Schauspieler. Außerdem ging Schlingensief mit einigen Arbeitslosen und psychisch Kranken hinein, weil er glaubte, dass jede Inszenierung immer dann deutlich werde, wenn sich Menschen in ihr merkwürdig verhalten. 28
Aber selbst wenn Inszenierungen in viele Bereiche unseres Lebens vorgedrungen sind, lässt sich Politik deswegen gleich als Theater beschreiben? Schließlich spielt Gerhard Schröder auf der politischen Bühne immer noch den Gerhard Schröder und nicht etwa den Wilhelm Tell. Der Theaterwissenschaftler Rudolf Münz hat mit seinem Leipziger Theatermodell gezeigt, dass Theatralität weit mehr bedeutet als das, was auf den Brettern eines Schauspielhauses aufgeführt wird. Als Grundtyp hinzu komme das „Theater“, das Münz bewusst in Anführungsstriche gesetzt hat. Er bezeichnet damit „ein bestimmtes Verhalten des / der Menschen im außerkünstlerischen Bereich: Selbstdarstellung im Alltag, soziales Rollenspiel, Veranstaltungsverhalten, Elemente der Alltagsunterhaltung.“ 29 Der Soziologe Erving Goffman urteilt gar: „Wir alle spielen Theater“. 30 Goffman meint, jeder fülle in seinem Leben gewisse Rollen aus, die er zur Aufführung bringe. Ständig bewegen wir uns auf einer Bühne, geben unseren Part, versuchen unserem Gegenüber ein Bild unserer Person zu suggerieren. Mal poltern wir, mal üben wir uns in sprichwörtlich asiatischer Höflichkeit, mal lachen wir über einen schlechten Witz, mal machen wir uns über eine misslungene Pointe lächerlich und am Ende erschaudern wir vor unserer eigenen Verstellungskunst. Erlösung von diesem Schauspiel, so die verbreitete Vorstellung noch im Zeitalter des Barock, bringt erst der Tod. Michel de Montaigne schlug vor, ein Verzeichnis anzulegen, „auf wie verschiedene Weisen die Menschen gestorben sind.“ 31 Erst in diesem existentiellen Endspiel, so meinte er, würden die wahren Gesichter hinter der fallenden Maske erkennbar. Die Metapher vom Welttheater, dem theatrum mundi, hat eine lange Tradition und reicht zurück bis in die Antike. Es gibt unzählige, vor allem
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religiöse, Darstellungen, in denen der Mensch nur eine Figur in einer großen Aufführung ist, die Gott als Regisseur lenkt und leitet.
Für eine Analyse politischer Inszenierung geht die Vorstellung von einem Welttheater aber zu weit. Wenn alles nur Schauspiel ist und das gesamte Leben eine Inszenierung, dann macht es wenig Sinn, Politik auf ihren theatralen Charakter zu hinterfragen. „Als Teil der Inszenierung gilt [heute] nur, was in/mit ihr zur Erscheinung gebracht und von anderen wahrgenommen wird, sowie das Ensemble von Techniken und Praktiken, das eingesetzt wurde, um es zur Erscheinung zu bringen.“ 32 Trotz sozialem Rollenspiel, der Selbstdarstellung im Alltag und der Inszenierung unserer Umwelt gibt es noch so etwas wie das Authentische, das hinter jeder Inszenierung steckt, etwas Wirkliches und Wahres, das sich vom alltäglichen oder vom politischen Schauspiel unterscheidet. Diese These lässt sich freilich schwer belegen. Dass die meisten Menschen trotzdem fest an sie glauben, zeigt schon, dass trotz der jahrhundertealten Tradition der Theatermetapher der Gedanke einer schauspielenden Politik in der Öffentlichkeit vorwiegend negativ besetzt ist. Politiker werfen sich gegenseitig vor, ihre Auftritte nur zu inszenieren. Wenn einem Staatsmann eine gelungene Show bescheinigt wird, schwingt immer mit, dass dahinter inhaltlich wohl nichts steckt. Dem Schein wird das reale Sein gegenüber gestellt. Statt Theater und Schauspiel wird reale Politik gefordert, statt Inszenierungen vor den Fernsehkameras die sachliche Diskussion in den Ausschüssen.
1.3 Forschungsfragen und Methoden
Der Widerspruch zwischen dem realen Sein und dem inszenierten Schein ist aber nicht zwangsläufig. Zwar kann man mit politischer Inszenierung manipulieren und verschleiern, sie hilft aber auch, Abstraktes zu veranschaulichen und deutlich zu machen. Staatsmänner inszenieren schon seit Jahrhunderten und doch wird immer wieder über das politische Theater geklagt. Zahlreiche Politiker und Journalisten haben sich in den vergangenen Jahren zum Thema geäußert, aber trotzdem lässt sich in der Flut der Artikel und Statements nur schwer eine eindeutige und klare Beschreibung des Phänomens erkennen. Mit meiner Diplomarbeit will ich den Nebel ein wenig lichten und folgenden Fragen nachgehen:
• Was genau ist politische Inszenierung?
• Wann ist sie für eine Demokratie problematisch?
• Gibt es neue, bislang kaum beachtete Phänomene von politischem Theater?
• Wie wird Kritik an politischer Inszenierung geübt?
Für Journalisten sind die Antworten darauf bedeutsam, denn sie haben täglich mit theatralischer Politik zu tun, die sie hinterfragen, beschreiben und bewerten müssen.
32 Fischer-Lichte, Erika: Inszenierung und Theatralität, S. 89
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Auch für jeden einfachen Bürger macht es Sinn, die Grundlagen politischer Inszenierung zu kennen, denn auch er muss in einer Demokratie abwägen, ob das auf der politischen Bühne Dargestellte noch Politik oder bereits Spektakel ist. Das ist gar nicht so einfach einzuschätzen, da Politiker seit einigen Jahren neue Taktiken einsetzen. Zum einen ist es modern geworden, die eigenen Inszenierungen und Strategien zu erklären und mit dieser Offenlegung nur erneut zu inszenieren. Zum anderen werden von Politikern immer öfter die Inszenierungen des politischen Gegners kritisiert. Doch auch diese Kritik ist oftmals nur eine erneute Inszenierung. Um diese Thesen an Beispielen zu belegen und die Forschungsfragen zu beantworten, habe ich Literatur aus Kommunikations- und Medienwissenschaft, Politikwissenschaft, Theaterwissenschaft, Geschichtswissenschaft und der Soziologie ausgewertet. Es wurden vier Fälle politischer Inszenierungskritik analysiert und fünf Leitfadeninterviews mit politischen Korrespondenten geführt, deren praxisnahe Einschätzungen die theoretische Reflexion ergänzen. Am Ende der Arbeit soll ein Fazit stehen, das nicht nur das Phänomen politischer Inszenierung umreißt, sondern auch Inszenierungskritik beleuchtet und aufzeigt, wann diese Kritik Sinn macht und wann sie fragwürdig ist. Der Weg dorthin besteht aus mehreren Etappen. In einem ersten Schritt soll ein historischer Überblick zeigen, dass Politik schon immer Formen der Theatralität benutzt hat. Trotzdem lässt sich politische Inszenierung nicht als „alter Hut“ abtun. Von den historischen Beispielen gilt es, in den folgenden Kapiteln die heutigen Phänomene abzugrenzen, die in einem völlig veränderten politischen Umfeld stattfinden. Seit Entstehen der Massenmedien werden Inszenierungen von einem Millionenpublikum rezipiert und wirken deswegen ganz anders als theatralische Politik in der Geschichte. Im Anschluss an die Beschreibung der gesellschaftlichen Veränderungen sollen verschiedene Formen politischer Inszenierung dargestellt und ihre negativen Aspekte analysiert werden. In Anlehnung an den Politikwissenschaftler Thomas Meyer betrachte ich die moderne politische Inszenierung als eine doppelte Inszenierung: Die Politiker stellen Angebote zur Verfügung, die von den Medien weiterinszeniert werden. Akteure beider Systeme versuchen, mit Hilfe theatralischer Formen Aufmerksamkeit zu erregen. Mitunter gehen dabei beide Seiten eine symbiotische Beziehung ein, was aus demokratiepolitischer Sicht problematisch ist. Diese Tatsache bedeutet zudem, dass alle Journalisten, die politische Inszenierung kritisieren, immer auch ihre eigene Rolle reflektieren sollten, da sie Teil des Phänomens sind, über das sie berichten. Bei der Diskussion von Inszenierungskritik in den letzten beiden Kapiteln interessierte deswegen sowohl die Kritik der Journalisten als auch die Kritik der Politiker am politischen Theater. Um beides zu betrachten, habe ich vier Beispiele untersucht.
Ich beschreibe die Kritik an der Image-Inszenierung von Rudolf Scharpings Urlaubsfotos in der Bunten sowie von Gerhard Schröders Modefotos im Magazin Life & Style. Die
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Auseinandersetzung mit Theater in der Politik wird anhand der Debatte um die Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz im Bundesrat sowie der Diskussion um die Wahl Gerhard Schröders zum SPD-Kanzlerkandidaten 1998 in Leipzig untersucht. Für die vier Fallanalysen habe ich insgesamt 219 Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen, der Frankfurter Rundschau, der Süddeutschen Zeitung, der tageszeitung (taz), der Welt sowie dem Spiegel und der Zeit ausgewertet. Alle sieben Publikationen haben umfangreiche Politikteile und verfügen über eine vergleichsweise große Zahl an Korrespondenten. Sie beschreiben und analysieren Politik selbst und greifen nur ergänzend auf die Angebote der Nachrichtenagenturen zurück. Wegen des geringen Datenmaterials bei den einzelnen Beispielen habe ich die Artikel mit hermeneutisch-literaturwissenschaftlichen Methoden hinterfragt und ausgewertet. Trotzdem wurden sie in Anlehnung an empirische Methoden in eine Datenbank eingearbeitet, um bestimmte Kritik-Muster und Darstellungsformen erkennen zu können. Parallel zur Arbeit am gedruckten Material habe ich im April 2003 fünf telefonische Leitfadeninterviews mit politischen Journalisten geführt. Befragt wurden
• Matthias Arning (Politikredakteur der Frankfurter Rundschau),
• Tissy Bruns (ehemalige Vorsitzende der Bundespressekonferenz),
• Jürgen Leinemann (politischer Korrespondent des Spiegel),
• Johannes Leithäuser (politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen) und
• Christoph Schwennicke (politischer Korrespondent der Süddeutschen Zeitung). Alle fünf Journalisten waren seit mindestens fünf Jahren als Politikredakteure tätig. Sie hatten Erfahrungen mit innenpolitischen Themen und waren bei den vier analysierten Beispielen journalistisch selbst aktiv oder zumindest mit den Ereignissen vertraut. Mit ihren Aussagen ließen sich die theoretischen Erkenntnisse um praktische Erfahrungen ergänzen.
Eine detaillierte Beschreibung der Forschungsmethoden der letzten beiden Kapitel von der Themenfindung bis zur Auswertung der Inszenierungskritik findet sich im Anhang dieser Arbeit. Dort sind auch die Leitfadeninterviews in vollständiger Länge abgedruckt sowie die Tabellen veröffentlicht, die Auskunft über die analysierten Zeitungsartikel geben.
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2 Politische Inszenierung - ein alter Hut?
2.1 Rituale und Symbole
Nur wenige politische Inszenierungen haben sich so nachhaltig ins kollektive Gedächtnis eingebrannt wie die Verurteilung von Jesus Christus. Als der römische Statthalter Pontius Pilatus unter dem Eindruck einer aufgebrachten Menge den selbsternannten König der Juden zur Kreuzigung freigab, zelebrierte er mit einem symbolischen Akt seine Unschuld an dem Urteil. Indem sich Pilatus seine Hände rein wusch, zeigte er, dass er von der Ehrenwertigkeit des Angeklagten überzeugt ist. Das Todesurteil, so erklärte die sinnfällige Geste, entspricht nicht meiner persönlichen Überzeugung. Letztlich überdeckte Pilatus mit seinem Händewaschen aber nur, dass sehr wohl er es war, der auch gegen den Volkswillen einen Freispruch hätte erwirken können. Der Statthalter tat der aufgeregten Menge einen Gefallen, opferte einen Unschuldigen und wollte es am Ende nicht gewesen sein. Das Ereignis fand in der Redewendung „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ sogar Eingang in die heutige Umgangssprache. 34
Das Beispiel macht deutlich, dass geschickte politische Symbolik eine nachhaltige Wirkung über Jahrhunderte hinweg ausüben kann. Zum anderen zeigt es, dass politische Inszenierung im Grunde keine neue Erscheinung ist. Es wurde zu allen Zeiten inszeniert. „Ob sich Historiker für das Phänomen öffentlicher Kommunikation interessieren, ob sie Akte der Herrschaftsrepräsentation und ihre Rahmenbedingungen untersuchen, ob sie sich mit Konflikt oder Frieden beschäftigen, immer wieder werden sie gerade in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Jahrhunderten mit einer Fülle
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von demonstrativen und rituellen Handlungen konfrontiert, deren symbolische Qualität unübersehbar und deren Theatralik beeindruckend ist.“ 35
Der Mediävist Gerd Althoff hat an zahlreichen Beispielen gezeigt, wie im Mittelalter symbolische Handlungen Verbindlichkeit für die Zukunft schufen. Dies war unter anderem bei den Unterwerfungsritualen, den deditiones, der Fall, mit denen Konflikte auf friedliche Weise beigelegt wurden. Eine Seite erklärte sich dabei zur öffentlichen Selbsterniedrigung bereit, um der anderen Seite Genugtuung zu verschaffen. Diese Bereitschaft kam durch die Arbeit von Vermittlern zustande, die dann auch das Drehbuch der Inszenierung aushandelten. Meist schritt der sich Unterwerfende barfuß, halbnackt oder im Büßergewand durch dichtgedrängte Spaliere von Zuschauern zu demjenigen, dem die Unterwerfung galt. Vor ihm angekommen, fiel er auf den Boden, stammelte eine Entschuldigung und bat um Vergebung. Manchmal trugen die Büßer auch Stricke um den Hals, Schwerter im Nacken oder Ruten in den Händen, um darauf zu verweisen, welche Strafe sie eigentlich verdient hätten. In der Regel verzieh das übermächtige Gegenüber dann mit einer großmütigen Geste, indem es den sich Unterwerfenden wieder aufhob, ihm die Hand reichte oder seine Stirn küsste. Die Details wurden jeweils genau im Vorhinein festgelegt.
Interessant ist, dass der eigentliche Akt „in so gut wie allen Beschreibungen den Charakter einer spontanen Verzweiflungsaktion vermittelt.“ 36 Es gibt nur sehr wenige zeitgenössische Quellen, die bezeugen, wie intensiv im Vorfeld um die Details des Rituals gerungen wurde. Im Grunde sind solche Absprachen nur überliefert, wenn es Streit über die Vereinbarung gab oder eine Seite der anderen vorwarf, sich nicht exakt an das Drehbuch gehalten zu haben. Dies war aus Sicht der Zeitgenossen nicht hinnehmbar, weil in jedem Detail große Bedeutung lag. „Durch Gesten, Gebärden und rituelle Handlungen brachte man zum Ausdruck, welches Verhältnis man zum Gegenüber hatte und daß man den Verpflichtungen, die aus diesem Verhältnis erwuchsen, auch in der Zukunft entsprechen wollte.“ 37 Die Inszenierung erfüllte hier die Aufgabe, die Beziehung zweier Menschen zu regeln.
Deutlich wird diese Funktion auch am Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa. Heinrich hatte sich nach seiner Wahl zum deutschen König mit Papst Gregor VII. in der Frage der Investitur der Erzbischöfe zerstritten und war exkommuniziert worden. Statt seine Lösung vom Kirchenbann durch Verhandlungen und politische Zugeständnisse zu erreichen, überquerte Heinrich mitten im Winter 1077 die Alpen und erflehte im Büßergewand vor der Burg Canossa die Vergebung des Papstes. Das kirchliche Oberhaupt durfte dem reuigen Büßer die Absolution nicht verweigern. Heinrich war
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wieder in die christliche Gemeinschaft aufgenommen, hatte aber durch diese symbolische Handlung der Würde des königlichen Amtes großen Schaden zugefügt. Sorgfältige politische Inszenierungen haben nicht nur die Beziehungen zwischen zwei mächtigen Personen geklärt, sondern auch Gemeinschaften gestiftet und bestärkt. 38 1793 wurden in Frankreich zwei große Feste organisiert. Die Fête de la Raison (Fest der Vernunft) und die Fête de l’Unité (Fest der Einheit). Das Land befand sich nach der Revolution in einer äußerst kritischen Phase. Zwar war die neue Verfassung ausgearbeitet, aber es handelte sich um einen mühselig errungenen Konsens, dem schwere Auseinandersetzungen sowie eine Wirtschaftskrise, militärische Niederlagen und Revolten vorausgegangen waren.
Mit den zwei Festen sollte der Höhepunkt der Kampagne zur Dechristianisierung sowie die Annahme der neuen Verfassung gefeiert werden. Ein zentrales Element beider Veranstaltungen war der Festzug, der geschickt organisiert war. An ihm beteiligten sich Männer wie Frauen, Alte wie Junge und trotzdem zogen die einzelnen Gruppen in Formationen, die sie klar voneinander trennten. „Der Festzug war also als das Bild einer geordneten Gemeinschaft gestaltet, die sich durch das harmonische Zusammenwirken der Gruppen konstituierte, welche [...] die Natur voneinander geschieden hatte, ohne die Differenzen aufzuheben und eine ,unnatürliche’ Vermischung der verschiedenen Gruppen zu gestatten. Im Festzug war die neue Gesellschaft also als natürliche Ordnung inszeniert“, schreibt die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. 39 Die Inszenierung hatte die Aufgabe, Werte aufscheinen zu lassen, die für die neue Gesellschaftsordnung prägend sein sollten. Indem man den Teilnehmern die neue Gemeinschaft sinnlich erfahrbar machte, verpflichtete man sie zugleich auf deren Verfassung.
2.2 Königliche Image-Produktion
Politische Inszenierungen beschränkten sich in der Geschichte nicht auf einzelne symbolische Handlungen, sondern es wurden auch komplette Images entworfen. Was wir über Alexander den Großen, Kleopatra und Julius Cäsar wissen, entstammt oft der wohlkalkulierten Selbstdarstellung dieser historischen Größen für ihre Nachwelt. Die Geschichtsschreiber, Architekten und Künstler, die an den Höfen weilten oder die Mächtigen auf ihren Feldzügen begleiteten, waren so etwas wie altertümliche PR-Strategen. Entlohnt vom Herrscher entwarfen sie in den Medien der damaligen Zeitauf Papyrus, in Büsten oder Inschriften - ein möglichst glänzendes Bild ihres Geldgebers. Allein über Namensbezeichnungen wie „der Große“, „der Weise“ oder „der Sonnenkönig“ wirken die einst geschaffenen Images bis heute nach.
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Der Historiker Peter Burke hat beschrieben, wie im Frankreich des 17. Jahrhunderts intensiv am Ansehen Ludwigs XIV. gefeilt wurde. „Die Arbeit am Bild Ludwigs begann schon bei dessen Geburt, die im ganzen Land mit Freudenfeuern und Feuerwerksdarbietungen, Glockengeläut, Böllerschüssen und Dankchorälen gefeiert und in Kanzelpredigten, Ansprachen und Gedichten gepriesen wurde.“ 40 In Ludwigs frühen Regierungsjahren organisierte Jean Baptiste Colbert ein Netz aus Dichtern, Rechtsgelehrten, Philosophen und Hofgeschichtsschreibern, die alle bezahlt wurden, um den König zu verherrlichen. Den Louvre machte Colbert zum „Hauptquartier der Image-Produzenten“ 41 , indem er führenden Künstlern dort eine Wohnung nebst Atelier zuwies. Ludwig selbst schlüpfte auf Balletten in die Kostüme Alexanders des Großen, des Perserkönigs Cyrus und in die Gewänder römischer Kaiser. Er inszenierte vor der höfischen Gesellschaft mit Hilfe der Maskeraden seine Macht und Weisheit. Das Leben des Königs war von Beginn seiner Regierung in beträchtlichem Maße ritualisiert. „Der königliche Alltag bestand aus Handlungen, die sich nicht bloß ständig wiederholten, sondern mit symbolischer Bedeutung befrachtet waren, weil sie von einem Schauspieler, dessen Person heilig war, vor der Öffentlichkeit aufgeführt wurden. Ludwig stand fast sein ganzes Leben lang auf der Bühne.“ 42 Selbst spontan erscheinende Aktionen ließ der König außerordentlich sorgfältig planen. So wurden Jubelfeiern für die Siege der französischen Armee so arrangiert, dass möglichst viele daran teilnehmen konnten.
Die Inszenierungen bei Hofe hatten vor allem die Aufgabe, Ludwigs Stellung innerhalb des Adels herauszuheben. Bis ins 17. Jahrhundert hinein kämpfte und intrigierte der Adel gegen das Königtum. Erst die Inflation und die damit verbundene Entwertung der auf Grund und Boden laufenden Geldrenten führten zu einem Einkommens- und Machtverlust der Adligen, während der König durch Steuern und Ämterverkauf auch weiterhin gute Einkünfte hatte. Ludwig hielt diese Distanz bewusst aufrecht und machte sie in seinen symbolischen Handlungen immer wieder deutlich. Gleichzeitig vermied er es aber, den adligen Stand ganz auszuschalten. „Er gehörte zu ihm, und er brauchte ihn als Gesellschaft. Aber zugleich distanzierte er sich von ihm in eben dem Maße, in dem ihm seine Machtposition über alle anderen Adligen erhob.“ 43 Doch nicht nur vor dem Adel, sondern auch vor seinem Volk und seinen europäischen Nachbarn sollten die Inszenierungen Ludwigs Herrschaft legitimieren und seine Macht sichern. Ludwig war ein zutiefst katholischer König. Doch in der Zeit der Säkularisierung wurde es zunehmend fraglich, ob ein Staatsmann noch zeitgemäß ist, der mit heiligem
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Öl gesalbt wurde, das ihm angeblich die Kraft verlieh, Aussätzige durch Handauflegen zu heilen. 44 Die theatralen Inszenierungen sollten diesen Widerspruch überdecken. Fischer-Lichte gelangt zu dem Urteil, dass gerade die perfekt organisierten nächtlichen Feste in den Gärten von Versailles die Gegensätze kaschierten. Dort traten der König und seine Hofgesellschaft in Rollenspielen auf, es vermischten sich reale und fiktive Welten. „Das politische Problem, ein geheiligter König in einer säkularisierten Welt zu sein, ließ sich in den Nächten der Täuschung und Illusion, in den Nächten des Rollenspiels zumindest vorübergehend lösen: Hier war es in der Tat der große Inszenator Ludwig, der mit seinem Licht die Dunkelheit der Nacht besiegte.“ 45 Politische Inszenierungen erfüllten in der Geschichte also mehrere Funktionen. Sie haben Herrschaften legitimiert und deren Macht ausgebaut, Gemeinschaften gestiftet und integriert sowie Verbindlichkeit für die Zukunft geschaffen. Auch heute kommt ein Staatsmann nicht ohne Inszenierung aus. Der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli schreibt: „Politik ist nicht ,pur’, gleichsam zum Nennwert zu haben, politisches Sein ohne ,Design’ nicht vermittelbar.“ 46 Und der Soziologe Hans Georg Soeffner urteilt: „Alle Machtverhältnisse [...] gewinnen soziale Geltung und dauerhafte Existenz nicht allein aus der Ausübung, sondern auch aus der Darstellbarkeit und Darstellung von Macht. Sowohl für die Ausübung als auch für die Gewinnung und Aufrechterhaltung von Macht gilt, daß nur der mächtig werden oder als mächtig erscheinen kann, der erfolgreich darstellt, was er zu sein beansprucht.“ 47 Das gilt heute mindestens genau so wie in der Geschichte.
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3 Antrieb zur Inszenierung
3.1 Politik und Gesellschaft im Wandel
Unter Politik verstehen wir heute „alles soziale Handeln, das sich auf eine gesamtgesellschaftlich verbindliche Ordnung bezieht oder einzelne verbindliche Entscheidungen in dieser Ordnung zum Gegenstand hat.“ 49 Die moderne englische Sprache unterscheidet drei Ebenen von Politik, nämlich
• polity (politische Ordnung),
• politics (politisches Handeln) und
• policy (politische Ziele und Inhalte).
Der als polity bezeichnete Ordnungsrahmen ist in der Verfassung, in gesellschaftlichen Normen und in Gesetzen fixiert. Er ist oft das Ergebnis langfristiger Entwicklungen und umfasst relativ dauerhafte Vereinbarungen, nach denen Politik ablaufen soll. Der Begriff politics verdeutlicht den Prozesscharakter von Politik, das Ringen um Macht und Programme. Policy kennzeichnet schließlich den inhaltlichen Aspekt von Politik, wie Parteiprogramme und Ziele. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Politik die Aufgabe hat, für eine Gesellschaft verbindliche Entscheidungen zu fällen, indem um unterschiedliche Ziele und Programme (policy) in Form eines politischen Prozesses (politics) auf der Basis einer allgemeingültigen Ordnung (polity) gerungen wird. Anders als noch bei Pontius Pilatus oder Heinrich IV. ist Politik heute vor dem Volk begründungspflichtig und auf öffentliche Darstellung dringend angewiesen. Bereits in der Zeit des frühbürgerlichen Nationalstaates bildete sich laut Jürgen Habermas eine kritische Öffentlichkeit heraus. Darunter versteht der Soziologe eine Art Puffer zwischen Staat und Gesellschaft, eine Sphäre sozialer Wirklichkeit, in der sich die Meinung der Gesellschaft zum Handeln des Staates widerspiegelt. 50
Noch während des Mittelalters existierte eine derartige Öffentlichkeit nicht. Die Fürsten verstanden sich nicht als Repräsentanten des Volkes, sondern fühlten sich eins mit dem
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Land, über das sie herrschten. Erst mit dem Aufstieg des Bürgertums und der Krise des Absolutismus entstand zunächst in England, später in den anderen liberalen Nationalstaaten, eine öffentliche Meinung. Das zunächst durch Literatur und später durch kritischen Journalismus belehrte Publikum wandelte sich zu einer richtenden Instanz, vor der sich Herrschaft legitimieren und letztlich grundlegend verändern musste. 51
Für Habermas war die bürgerlich-liberale Öffentlichkeit ein Ideal, weil sich mit ihr staatliche Macht beschränken und kontrollieren ließ. Andererseits hatte das Entstehen einer öffentlichen Meinung auch einen Nebeneffekt: Um sich in der Öffentlichkeit zu legitimieren, wurde es für den einzelnen Politiker noch dringlicher, beim Publikum gut anzukommen. Anders als der monarchische Herrscher musste er seine Regierungszeit nicht nur vor dem Adel, sondern auch vor dem breiten Volk als besonders glanzvoll erscheinen lassen. Es reichte nicht mehr, allgemeinverbindliche Entscheidungen über die Gestaltung der Gesellschaft zu treffen. Das politisch Erreichte musste vermittelt und begründet werden. Politiker gerieten damit stärker in die Versuchung, ihr Auftreten öffentlichkeitswirksam zu inszenieren oder inszenieren zu lassen, um Macht zu erhalten oder zu vermehren. Zur Politikherstellung gehörte fortan die Politikdarstellung, oder wie der Soziologe Richard Münch formuliert, zur Sachpolitik gesellte sich die Kommunikationspolitik. 52
In Demokratien müssen Politiker ihr Handeln permanent vor der Öffentlichkeit rechtfertigen. Anders als in den vormodernen Staaten ist ein glänzendes Image hierzulande nicht nur förderlich für das politische Fortkommen und befriedigt die eigene Eitelkeit, sondern es ist existentiell. In der Bundesrepublik stellt sich in der Regel alle vier Jahre die Machtfrage neu, und nur derjenige hat eine Chance, der ein Massenpublikum positiv von sich überzeugen kann. Der Politologe Thomas Meyer resümiert: „Politik in der Demokratie lebt von der kontinuierlichen und erfolgreichen Legitimation ihrer Absichten, Handlungen und Handlungserfolge. [...] Demokratische Politik ist daher existentiell und fortwährend auf Kommunikationserfolge in der öffentlichen Arena angewiesen.“ 53
Das galt freilich auch schon bei Konrad Adenauer, ohne dass ihm seinerzeit ein Übermaß an politischem Theater vorgeworfen wurde. Die Zunahme der Inszenierung, wie sie Wissenschaftler und Journalisten konstatieren, muss folglich noch andere Gründe haben. Eine dieser Ursachen liegt wahrscheinlich in der Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaft, wie sie vor allem der Soziologe Ulrich Beck beschreibt. Vereinfacht gesagt, glaubt Beck, dass sich die Lebensläufe der Menschen
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entstandardisieren, dass traditionelle Bindungen verschwinden und sich Großgruppenzusammenhänge, vornehmlich des sozialen Katholizismus und der Sozialdemokratie, auflösen. 54 Parteien, die einst klar umrissene Milieus ansprachenwie die CDU die katholische Bauernschaft oder die SPD den protestantischen Fabrikarbeiter - haben es immer schwerer, Wähler dauerhaft an sich zu binden. War es im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert klar, dass die soziale Herkunft eine Wahlentscheidung wahrscheinlich machte, gilt das heute nicht mehr. „In allen westlichen Massendemokratien wird in den Parteizentralen über die wachsenden Anteile von Wechselwählern gerätselt, die das politische Geschäft unkalkulierbar werden lassen.“ 55
Immer mehr Wähler entscheiden sich bei jedem Wahlgang anders und müssen immer wieder aufs Neue überzeugt werden. Diesen Verlust an Bindung versuchen Parteien „mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln“ 56 auszugleichen. Dazu gehört auch politische Inszenierung. Die Parteien suchen den medienerfahrenen Kandidaten, der es einer möglichst breiten, politisch unentschlossenen Schicht stets Recht macht und die Menschen für sich einnehmen kann. Sie veranstalten Events, in denen ihre Politik möglichst medientauglich vermittelt wird. Und sie inszenieren symbolisches Handeln für die Kameras der Fernsehprogramme.
Im gesellschaftlichen und politischen Wandel sehen auch Journalisten eine Ursache für die wachsende Inszenierung. „Die wichtigste Veränderung, die diesen Trend zur Inszenierung stützt, ist die Tatsache, dass der Spitzenpolitiker heute wichtiger ist, als er es in den ersten drei oder vier Jahrzehnten der Bundesrepublik war“, sagt zum Beispiel Tissy Bruns. „An ihm wird abgeschätzt, ob eine Partei etwas hinbekommt, etwas bewegt oder nicht. Das ist die wichtigste politische Entwicklung: die Personalisierung.“ Der Politiker könne es sich heute gar nicht mehr aussuchen, ob er inszeniert oder nicht. Wer heute Spitzenpolitiker werden wolle, müsse politische Botschaften in knapper Form über ein Bildmedium transportieren können. 57
Auf einen weiteren Punkt weist der Spiegel-Redakteur Jürgen Leinemann hin: „Im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre“, so Leinemann, „haben die Lebenserfahrungen, die Politiker mit in ihr Amt einbringen, ungeheuer abgenommen. Willy Brandt, Carlo Schmidt und Vertreter ihrer Generation haben den Krieg miterlebt. Sie waren in Gefangenschaft, im Konzentrationslager oder in der Emigration. Sie waren vom Leben gezeichnet, als sie ihre politischen Ämter antraten. Ganz anders die heutigen Politiker. Viele qualifizieren sich vor allem dadurch, dass sie den älteren Abgeordneten die
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Tasche hinterher getragen haben.“ 58 Leinemann beklagt einen Politiker-Typ, dessen einzige Lebenserfahrung in seiner politischen Karriere liege, bei dem sonstige Prägungen aber nicht existierten. Ohne solche Prägungen aber fehle Politikern das Markante, das Unverwechselbare. Das begünstigt Inszenierungen, mit denen mangelnde Inhalte und Lebenserfahrung übertüncht werden. Das inszenierte Image gleicht persönliche Defizite wieder aus.
3.2 Medien im Wandel
So vielfältig die Veränderungen auf der politischen Seite auch sein mögen, transportiert werden politische Inszenierungen heute hauptsächlich von den Massenmedien. Sie stellen die reichweitenstärkste und dauerhafteste Arena politischer Öffentlichkeit dar und ermöglichen zudem eine raum-zeitliche Unabhängigkeit zwischen Kommunikator und Rezipienten. „In evolutionärer Kontinuität und funktionaler Überbietung des Theaters und anderer kosmologischer Institutionen (etwa religiöser Art) haben sich die Massenmedien fraglos zum gesellschaftlichen Theatralitäts- und Realitätszentrum entwickelt.“ 59
Dabei gilt auch heute noch der Grundsatz: Eine Demokratie ohne Massenmedien funktioniert nicht. Eine freie Presse ist nach Ansicht von Juristen für den Bestand dieser Staatsform geradezu unverzichtbar. 60 Die Medien transportieren Informationen und Meinungen und tragen damit zur politischen Willensbildung der Bevölkerung bei. Das Bundesverfassungsgericht wies ihnen in der Bundesrepublik eine „dienende Funktion“ 61 zu. Im sogenannten Spiegel-Urteil haben die Richter eindringlich beschrieben, was sie sich unter der öffentlichen Aufgabe der Presse vorstellen: „Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muß er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben. Die Presse hält diese ständige Diskussion in Gang; sie beschafft die Informationen, nimmt selbst dazu Stellung und wirkt damit als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung. In ihr artikuliert sich die öffentliche Meinung; die Argumente klären sich in Rede und Gegenrede, gewinnen deutliche Konturen und erleichtern so dem Bürger Urteil und Entscheidung.“ 62 Die Medien sind demnach so etwas wie der „Transmissionsriemen zwischen Regierenden und Regierten“ 63 . Der Informations- und
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Meinungsaustausch soll wechselseitig stattfinden; während Politiker ihre Programme und Ziele in den Medien darlegen, spiegeln sich in der öffentlichen Berichterstattung auch die Forderungen und Meinungen derer wieder, die keine Macht haben. Informationen und Meinungen zu vermitteln, ist aber nur eine Aufgabe der Medien. Eine demokratische Presse soll die Mächtigen auch kontrollieren und gegebenenfalls kritisieren. Die Medien sind die Überwacher des politisch-demokratischen Systems. Journalisten decken nach verbreiteten Vorstellungen Fehlentwicklungen wie Machtmissbrauch auf und tragen so zur Stabilität der Demokratie bei. Um den Staat zu festigen, haben die Medien nicht zuletzt auch eine Bildungsfunktion. Nur Staatsbürger mit einem Mindestmaß an Wissen können politische Information einordnen und sich gegebenenfalls in den politischen Prozeß einbringen.
Alle dieser Forderungen finden sich so oder ähnlich auch in fast allen bundesdeutschen Landespressegesetzen wieder. 64 Zusammenfassend lassen sich insgesamt drei Aufgabenbereiche für die Medien festhalten. Sie haben:
• eine Informations- und Artikulationsfunktion,
• eine Kritik- und Kontrollfunktion,
• eine Bildungs- und Sozialisationsfunktion.
Diesen Katalog haben Werner Kaltefleiter und Rudolf Wildenmann bereits 1964 zusammengestellt. 65 So schlüssig die Auflistung auf den ersten Blick erscheinen mag, so undifferenziert ist sie doch über Jahrzehnte geblieben. „Die spannende Frage, wann wieviel von welcher Funktion zuträglich, d.h. funktional für den demokratischen Prozeß ist, und wie die dazu notwendigen Voraussetzungen bei Kommunikatoren, Medien und Rezipienten geschaffen werden könnten, wurde [...] lange Zeit weder systematisch gestellt, noch bearbeitet.“ 66 Damit war ein Streit zur Frage, ob die Medien ihren Aufgaben überhaupt gerecht werden, oder ob sie vielleicht über das Ziel hinausschießen, unausweichlich.
Bereits 1955 bezeichnete der Jurist Martin Löffler die Presse als „vierte Trägerin der öffentlichen Gewalt“ 67 , deren Aufgabe es sei, die anderen Gewalten zu kontrollieren. Aus diesem Begriff leitete Hans Mathias Kepplinger die These ab, die vierte Gewalt sei den anderen Gewalten mindestens ebenwürdig und neben Legislative, Exekutive und Judikative getreten. Sie beeinflusse diese in ihren Handlungen. Der Begriff vierte Gewalt
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suggerierte für ihn, dass sich die Medien mit einer „dienenden Funktion“ nicht abfinden werden und sich zu einem mächtigen, einflussreichen System wandeln. 68 Obwohl die Vorstellung von der Übermacht der Medien weitere Anhänger fand 69 , ist der Begriff von der vierten Gewalt, die den anderen Gewalten ebenbürtig gegenüber steht, fragwürdig. Im Gegensatz zu den Staatsgewalten fehlt es den Medien an konkreter, unbeschränkter Macht, die sie mit Hilfe der Exekutive durchsetzen könnten. Ihre Kontrollfunktion bleibt hinter der Kontrollfunktion der Rechtssprechung zurück, weil sie keine Möglichkeit haben, ihre Kritik in gesicherte Sanktionen umzusetzen. 70 Salopp formuliert: Die Medien verfügen nun mal nicht über Gefängnisse, in die sie Menschen einsperren können.
Richtig ist aber, dass sich das Mediensystem in den vergangenen zwanzig Jahren spürbar verändert und an Bedeutung gewonnen hat. Dieser Wandel begünstigte politische Inszenierung. Politikern stehen heute viel mehr Medien zur Verfügung, über die sie ihre Botschaften verbreiten können. Neue Zeitschriften sind entstanden, neue Radiosender werben um Hörer, und das Internet ermöglicht eine weltweite Verbreitung von Informationen. Die für politische Inszenierung wichtigste Veränderung war aber die Zunahme der Fernsehprogramme. Begünstigt durch Tendenzen der
Internationalisierung und medienpolitischen Deregulierung expandierten insbesondere in den achtziger Jahren die Rundfunk- und Fernsehangebote in der Bundesrepublik. Noch 1980 konnte ein durchschnittlicher Haushalt nur drei Programme empfangen. Zwanzig Jahre später waren es etwa dreißig. Die digitale Übertragungstechnik macht in den Kabelnetzen heute bis zu 100 Sender möglich. 71
„Heute findet jeder Hinterbänkler eine Kamera, auf die er zurückgreifen kann“, so Tissy Bruns. 72 In die gleiche Richtung argumentiert Christoph Schwennicke, wenn er sagt: „Über Telemedien haben Politiker unmittelbaren Zugang zum Wähler. Das Fernsehen suggeriert dem Zuschauer, den Politiker sehr nah zu erleben und ihn einschätzen zu können.“ 73 Auch Jürgen Leinemann und Johannes Leithäuser sehen in der Fernsehexpansion eine Ursache für die wachsende Inszenierung. 74 „Das Bild hat ein viel größeres Gewicht erhalten als das Wort“, so Leinemann. 75 Umgekehrt macht die Omnipräsenz der Kameras aus jeder falschen Geste und jedem falschen Wort eines Spitzenpolitikers ein nationales Ereignis. Ein Kanzler Willy Brandt
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konnte noch darauf bauen, dass das Fernsehen zwischen Mitternacht und 17 Uhr Sendepause hat. Wenn er sich einige Tage zurückzog, um einfach nur nachzudenken, fiel das kaum jemandem auf. Ein Kanzler Gerhard Schröder muss fast pausenlos mit einer Beobachtung durch Kameras rechnen.
„Das Fernsehen nimmt als kulturelles Leitmedium im System der medialen Politikvermittlung eine Schlüsselstellung ein“, schreibt Thomas Meyer. 76 Kein anderes Medium überwindet die Grenzen von Raum und Zeit und kann akustische und visuelle Reize so vermitteln, als seien sie real. Das Fernsehen vermag „fortwährend dichteste Realitätsillusion erzeugen“ 77 und ist für Politiker auch deswegen besonders interessant, weil es selbst politisch wenig interessierte Menschen erreicht. Inszenierungen durch Politiker sind heute deswegen meistens Inszenierungen für die Fernsehkameras. Mit der Expansion der Kanäle und Publikationen wuchs der Informationshunger der Journalisten. Nachrichtensender verlangen stündlich neue Informationen, und die Online-Seiten der Tageszeitungen wollen rasch aktualisiert werden. Die Qualität der Nachrichtenagenturen wird unter anderem daran gemessen, wie schnell sie ihre Kunden beliefern. Bei laufenden Gerichtsverhandlungen rufen Korrespondenten ihre Redaktionen mit dem Handy an, während dort ein Kollege am Hörer sitzt und das kaum ausgesprochene und noch unbegründete Urteil gleich tausendfach verbreitet. 78 Das Tempo und die Exklusivität einer Nachricht haben gegenüber ihrem Inhalt an Gewicht gewonnen. „Aktualität wird inzwischen manchmal zum Mörder der Information. Über Ereignisse wird am besten schon berichtet, bevor sie überhaupt stattgefunden haben. Man muss da gewesen sein, dann ist der Fall erledigt - er braucht nicht mehr erklärt und in seiner Bedeutung beurteilt zu werden.“ 79
Trotz ihres - hier vom Journalisten und Historiker Peter Bender - viel beklagten Hangs zur Oberflächlichkeit dringen die Medien immer tiefer in die Gemeinschaft ein. Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ 80 Sie haben längst eine Schlüsselstellung im politischen Vermittlungsprozess übernommen. „Ohne publizistische Medien gibt es keine Kommunikation zwischen gesellschaftlichen Organisationen wie zwischen Organisationen und dem allgemeinen Publikum“, urteilt der Medienwissenschaftler Otfried Jarren. 81 Mitglieder von Parteien oder Gewerkschaften erfahren die Ziele und Programme ihrer Organisationen in der Regel
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nicht mehr aus der organisationseigenen Presse oder auf Versammlungen, sondern bekommen sie im Fernsehen erzählt oder lesen sie in der Tageszeitung. Selbst ranghohe Politiker behaupten immer wieder, sie hätten Vorhaben ihrer Parteikollegen erst aus den Medien erfahren. Sie beklagen in diesem Zusammenhang ein Ende der Vertraulichkeit. Was sie einem Journalisten früher „unter Drei“ 82 , also nur für seinen persönlichen Hintergrund, zuflüsterten, blieb auch geheim. Heutzutage stehe es am nächsten Morgen in der Zeitung. 83
Jarren zieht in Anlehnung an Luhmanns Systemtheorie das Fazit, dass sich die Medien wegen ihrer wachsenden Bedeutung von einem teilautonomen System zu eigenständigen Akteuren entwickelt haben, mit eigenen Logiken und eigenen Zielen. In der Bundesrepublik sei der maßgebliche Auslöser dieser Entwicklung die Zulassung privater Fernsehsender gewesen, die mit ihrer Ausrichtung an den Gesetzen der Ökonomie eine Verselbständigung der Medien beschleunigt hätten. In ihrer Ausrichtung am Profit sieht Jarren das Hauptproblem der modernen Medieninstitutionen. Ihnen fehle eine Rückbindung an die Interessen der Gesellschaft. Sie fühlten sich kaum noch verpflichtet, eine kritisch-liberale Öffentlichkeit im Sinne von Habermas herzustellen. Hauptinteresse der Medien sei die Vermehrung von Kapital und somit der Gewinn ihres Besitzers. „Sie pflegen einen eigenen politisch-moralischen Diskurs bezogen auf ihr zahlendes Publikum (audience) und weniger bezogen auf die Gemeinschaft der Bürger (public).“ 84 Auch der Medienwissenschaftler Winfried Schulz zweifelt, ob das mittlerweile durchkommerzialisierte Mediensystem überhaupt noch in der Lage ist, seinen öffentlichen Aufgaben nachzukommen. „Die zunehmende Durchdringung der Medien mit Werbung ist deutliches Zeichen dafür, daß die Werbeträgerfunktion andere, vor allem publizistische Funktionen der Medien in den Hintergrund drängt.“ 85 Radio und Fernsehprogramme werden, wie im Printbereich schon länger üblich, auf ihre Tauglichkeit als Werbeumfeld hin gestaltet und weniger nach ihrem Nutzen für das demokratische System.
Leider, so der Medienwissenschaftler Thomas Schuster, war es ein Irrtum, anzunehmen, „daß mit der Zunahme der Zahl der Kommunikationskanäle automatisch die Vielfalt der Informationen zunimmt.“ 86 Vielmehr sei das Gegenteil der Fall: „Je mehr Kanäle, desto höher das Volumen des Kopierten.“ Die Ursache sieht Schuster vor allem in den
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anhaltenden Konzentrationsprozessen bei Medienunternehmen, die auch intermediär erfolgten und eine zunehmende Homogenisierung des Angebots mit sich brächten. Trotz dieser „Tendenz zur Wiederholung des Bewährten“ 87 wuchs mit der Medienexpansion auch die Mediennutzung. Die Menschen geben immer mehr Geld für Medien aus und verbringen immer mehr Zeit mit ihnen. Allerdings blieben die Steigerungsraten weit hinter dem Angebotswachstum zurück. Im Jahr 2002 verbrachten die Deutschen im Tagesdurchschnitt drei Stunden und 18 Minuten vor ihrem Fernseher. Vier Minuten länger lief das Radio - meist nebenbei. Sechs Jahre zuvor waren das Radio 33 Minuten weniger und das Fernsehen 19 Minuten weniger am Tag eingeschaltet. 88 Radio und Fernsehen sind damit die am stärksten genutzten Medien. Für Gedrucktes wenden die Deutschen noch nicht mal eine Stunde am Tag auf. Auch das Internet hat trotz hoher Wachstumsraten Hörfunk und Fernsehen bislang nicht eingeholt. 89
Da das Mediensystem zur „zentralen Infrastruktur der modernen Gesellschaft“ geworden sei, spricht Jarren von der „Mediengesellschaft“. 90 Zunehmend verschwimme die Differenz zwischen Herstellung und Darstellung von Politik, da die Medien allgegenwärtig seien und eine geheime Formulierung politischer Ziele in den Hinterzimmern gar nicht mehr funktioniere. „Politik, so kann man zuspitzen, ,entsteht’ unter heutigen Bedingungen erst durch ihre Vermittlung.“ 91 Fraglich bleibt allerdings, ob das medial Vermittelte beim Bürger überhaupt noch ankommt. Ob die wichtigen Entscheidungen, Ziele und Programme ihr Publikum finden, oder ob das Entscheidende und Wichtige im großen Rauschen untergeht, weil das Publikum bereits durch irrelevantes Wissen übersättigt ist, wie es Schuster vermutet. 92 Bereits Ende der achtziger Jahre stellten Wissenschaftler eine Rechnung auf, nach der nur 1,7 Prozent des gesamten Informationsangebotes in der Bundesrepublik auch tatsächlich genutzt werden. 93
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3.3 Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
„Wir leben im Informationszeitalter und merken es daran, dass wir uns vor Information nicht mehr retten können“, schreibt der Philosoph Georg Franck. „Nicht der überwältigende Nutzen der Informationen, sondern ihre nicht mehr zu bewältigende Flut charakterisiert die Epoche.“ 94 In allen offenen Gesellschaften werde ein aufwendiger Kampf ausgetragen: der Kampf um Aufmerksamkeit. Nicht der sorglose Genuss, sondern die Sorge, ob die Andern einen wahrnehmen, werde zum tragenden Lebensgefühl und zur herrschenden Lebensangst in der Wohlstandsgesellschaft. Aufmerksamkeit sei in den westlichen Ländern wegen ihrer Knappheit zu einem Wirtschaftsgut geworden. Für Franck ist sie so etwas wie eine neue Währung. „Es reicht nicht mehr, nur auf das Geld zu achten. Der Königsweg zum Erfolg führt über den Bekanntheitsgrad.“ 95 Während es bis ins zwanzigste Jahrhundert nahezu ausschließlich die Wohlhabenden waren, die Macht ausübten, gründen Politiker in Mediendemokratien ihren Einfluss vorwiegend auf ihre Prominenz. Während es noch 1950 entscheidend war, genügend Geld zu besitzen, um sein Leben zu sichern, wird Erfolg in den satten westlichen Gesellschaften daran gemessen, wie bekannt man ist. Fernsehshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) bringen Aufmerksamkeits-Millionäre hervor. Wer den Beifall eines großen Publikums erntet, bedeutet der Gesellschaft mehr als ein Wohlhabender, der sich seinen Reichtum leise, aber hart erarbeitet hat. Prominente werden zu Großverdienern, indem sie Aufmerksamkeit durch bloße Repräsentation ihrer selbst einnehmen. Wer richtig berühmt ist, darf seinen Kindern auch ein wenig Aufmerksamkeit vererben.
Politik und Medien sind von der Aufmerksamkeit abhängig. Für Politiker ist die Aufmerksamkeit, die sie einnehmen, ihr wichtigstes Kapital. Um es zu halten oder zu vermehren, müssen sie möglichst oft in den Medien, den „kollektiven Aufmerksamkeitssystemen“ 96 erscheinen. Wer von ihnen ignoriert wird, braucht bei der nächsten Wahl gar nicht erst anzutreten. Ein Politiker kann die Aufmerksamkeit der Medien durch kluges oder spektakuläres Reden oder Handeln erreichen, durch Inszenierung, er kann aber auch versuchen, Aufmerksamkeit zu kaufen, indem er in Image-Spots, Plakate, Broschüren oder Anzeigen investiert. Die Medien profitieren von solchen Deals, indem sie einen Teil ihrer Fläche für Werbung zur Verfügung stellen. Nirgendwo wird der Zusammenhang zwischen Aufmerksamkeit und Geld so deutlich wie bei den Medien. Sie agieren auf zwei Aufmerksamkeitsmärkten. Sie leben von der Aufmerksamkeit, die ihnen entgegengebracht wird, indem sie ihre Produkte verkaufen. Außerdem nehmen sie Geld ein, weil sie einen Teil der Beachtung, die ihnen zukommt,
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als Werbefläche vermieten. Über den Mietpreis entscheiden die Auflagen und Einschaltquoten. Sie sind die Faktoren, an denen ihr Erfolg gemessen wird. Medienunternehmen streben deswegen nach der größten Rezipientenzahl, die für ihr jeweiliges Produkt möglich scheint. Sie wetteifern um die schönste Schlagzeile, die exklusivste Nachricht und den interessantesten O-Ton. Tun sie das nicht, droht den kommerziellen Sendern der Verlust ihrer finanziellen Basis. Öffentlich-rechtliche Programme riskieren bei schwindender Beachtung ihre Reputation und die Unterstützung eines Teils der Politik. Eine hohe Quote rechtfertigt hohe Rundfunkgebühren und hohe Werbepreise.
Wegen des wachsenden Angebots haben es einzelne Medien immer schwerer, Aufmerksamkeit zu erregen. Wer beachtet werden will, muss sich schon etwas einfallen lassen. Deswegen arrangieren nicht nur Politiker Ereignisse für die Medien, um sich interessant zu machen; die Medien inszenieren diese Angebote weiter, um ebenfalls viel Aufmerksamkeit zu sammeln. Politische Inszenierung ist in einer von den Massenmedien geprägten Gesellschaft in der Regel eine doppelte Inszenierung. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer spricht von der „Prä-Inszenierung“ (auch: „Vorab-Inszenierung“) der Medien und der „Ko-Inszenierung“ der Politik. 97 Neben die Selbstdarstellung der Politiker trete die Leistung der Journalisten, den Stoff möglichst interessant aufzubereiten. Beide Seiten inszenieren, „aber sie kreieren unterschiedliche Stücke aus demselben Stoff, mit verschiedenen Drehbüchern und unterschiedlichen Intentionen“, so auch der Journalist Jürgen Leinemann. 98 Mit den audiovisuellen Medien stehen hochprofessionelle Inszenierungsräume zur Verfügung, die zahlreiche Möglichkeiten der Darstellung geschaffen haben. Journalisten zerlegen die Welt in kleine Dramen und Szenen, um dem Zuschauer politische und soziale Sachlagen zu vermitteln. „Auf der Grundlage dieser Szenen werden TV-Geschichten erzählt, die verdichtend Weltzusammenhänge erklären. Bei der Verdichtung politischer Realität in dramatischen Erzählungen greifen Journalisten heute auf ein reichhaltiges Repertoire an Gestaltungsmitteln aus dem fiktionalen Film zurück.“ 99 Journalisten sind also alles andere als Boten, die Informationen einfach nur weiterreichen, sondern sie erbringen eine eigenständige, umfassende
Inszenierungsleistung, um die Aufmerksamkeit der Menschen zu fesseln.
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4 Die Medienbühne
4.1 Journalismus als Theater
Was man der Politik nachsagt, kann man auch für den Journalismus behaupten: Er hat mehrere Gemeinsamkeiten mit dem Theater. Eine Dortmunder Forschungsgruppe hat die Ähnlichkeiten in einem fächerübergreifenden Projekt zusammengefasst, um so auf den inszenierenden Charakter der Medien hinzuweisen. 101 Sowohl Journalismus als auch Theater wenden sich an eine Öffentlichkeit, beide suchen nach Aufmerksamkeit. Obgleich das Theater fiktive und der Journalismus reale Stoffe aufbereitet, wollen doch beide gesellschaftliche Phänomene spiegeln. „Mit theatralen Inszenierungen haben journalistische Inszenierungen vor allem das klare Wirkungskalkül gemeinsam, das das Handeln auf der Bühne ebenso strukturiert wie das Handeln an den Redaktionsschreibtischen.“ 102
Die Wissenschaftler Günther Rager und Lars Rinsdorf haben den Verleger mit einem Intendanten verglichen, der für die langfristige Programmentwicklung und den finanziellen Erfolg des Hauses verantwortlich ist. Den Chefredakteur sehen sie in der Rolle des Regisseurs, der die Linie vorgibt. 103 Journalisten sind demnach Schauspielern ähnlich, die eingebunden in feste Regeln etwas zur Darstellung bringen. „Mit diesen Regeln können sie spielen, die Regeln selbst stehen aber nicht zur Disposition: Auch revolutionäre Ereignisse präsentieren sich auf der Titelseite einer Zeitung im (mehr oder weniger) engen Korsett der Layout-Vorgaben.“ 104
Sowohl Schauspieler als auch Journalisten sind stark mit ihrem Werk und ihren Mitproduzenten verknüpft. Ein Schauspieler kann nicht herausgelöst von seinem Stück existieren. Einem Artikel in einer Zeitung wird mehr Relevanz beigemessen als einem
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unveröffentlichten Text. „Der Journalismus gehört ebenso wie das Theater zu den Systemen, die auf der Grundlage eines ästhetischen Codes Bedeutung erzeugen.“ 105 Das lässt sich an der Präsentation journalistischer Gesamtprodukte festmachen. Jede Sendung hat ein bestimmtes Design, jedes Programm ein Logo, jede Zeitung ein gewisses Layout. Journalistische Produkte werden wie Marken inszeniert, damit sie sich aus der Fülle anderer Angebote herausheben. Verleger oder Programmchefs setzen auf Corporate Design ihrer Produkte und die Ansprache bestimmter Zielgruppen. Der Inszenierungsgedanke lässt sich auch auf einzelne Beiträge übertragen. Journalisten verwenden narrative Elemente, um ein reales Geschehen zu vermitteln und einem Feature oder einer Reportage Authentizität zu verleihen. Eine Metapher vermag Spannung erzeugen, eine Verniedlichung Nähe und Intimität suggerieren, der Telegrammstil Dringlichkeit vermitteln. Journalisten setzen die Welt für ihr Publikum in Szene. Sie suchen in Archiven nach Musik und Geräuschen, um Radiobeiträge spannender zu machen, sie verwenden literarische Stilformen, um ihre Texte zu verschönern und wählen aus tausenden Bildern von der Welt das spannendste aus. Ihre Produkte, so die Dortmunder Forscher, „können als multidimensionale Zeichensysteme angesehen werden, als Inszenierungen von (politischer) Realität, deren Leitmotiv die Gewinnung von Aufmerksamkeit, Akzeptanz und Bindung von Teilpublika ist.“ 106
4.2 Die Inszenierungslogik des Printjournalismus
Schon das optische Erscheinungsbild einer Zeitung bereitet eine Bühne, die Erwartungen weckt und den Leser auf Inhalte einstimmt. 107 An den Zeitungstiteln am Kiosk kann man erkennen, welche Ausrichtung und welcher Stil einem beim Kauf eines Blattes erwartet. Der klein geschriebene Titel der tageszeitung erinnert an radikale Reformvorschläge aus den Siebzigern, an Flugblätter und Referate, die auf klapprigen Schreibmaschinen getippt wurden. Die Farbe Rot signalisiert eine tendenziell linke Ausrichtung. Den Gegensatz dazu bildet die schwarze Fraktur der Frankfurter Allgemeinen. Sie suggeriert Konservatismus und Tradition, obwohl das Blatt noch gar nicht so alt ist. Da sich weder im Titel noch im Impressum ein Gründungsjahr der Zeitung findet, „deutet alles darauf hin, daß die Zeitung sich qua Typographie mehr Bedeutung verschafft als ihr eigentlich gebührt; ihr Auftritt stützt sich auf einen Akt der künstlichen Alterung.“ 108
Die politische Ausrichtung eines Blattes macht für Journalisten die Auswahl von Themen zu einer Inszenierungsleistung. Die inhaltlichen Vorgaben der Redaktion überlagern
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dabei die allgemein gültigen Nachrichtenfaktoren 109 . Neben die Selektionsregeln treten Präsentationsregeln. Bei der Aufbereitung des Stoffes versuchen Redakteure, Inhalte so zu akzentuieren, dass sie den Erwartungen ihres Publikums am Nächsten kommen. Eine linke Zeitung wählt deswegen anders aus als eine konservative. „Die ,taz’ inszeniert anders als die ,FAZ’ und die ,Süddeutsche Zeitung’ anders als das ,Schwäbische Tagblatt’.“ 110 Je besser sich eine Geschichte in die Dramaturgie einer Seite einfügen lässt, um so größer ist die Chance ihrer Veröffentlichung. „Selbst die reine Nachricht, von der die meisten Journalisten meinen, sie sei in Form und Inhalt allein durch das Ereignis bestimmt, ist eine ähnliche künstliche Form der Informationsübermittlung wie etwa ein Sonett - wenn auch mit anderem ästhetischen Anspruch“, schreiben Rager und Rinsdorf. 111
Bei Fotos spielt die Auswahl nach ästhetischen Gesichtspunkten eine besonders große Rolle. Wenn eine Zeitung täglich ein Bild auf der Titelseite druckt, wird dieses nach seiner Dramatik, nach seiner Schärfe oder Qualität ausgewählt. Ähnlich wie Fernsehjournalisten setzen auch Pressefotografen auf starke Bilder. Die Qualität des Fotomaterials wird zum „wichtigen Selektionsfaktor für ein Ereignis“ 112 . Trotzdem sieht der Journalist Matthias Arning bei Printmedien einen wesentlichen Unterschied zu den Inszenierungen des Fernsehens. „Bei den Zeitungen gibt es immer noch Experten, die wissen, worüber sie reden, die versuchen, zu begreifen und zu beschreiben. [...] Das Fernsehen dagegen setzt nur noch auf die schnellen tagesaktuellen Entwicklungen.“ 113 Oftmals könnten sich die Tageszeitungen den Inszenierungen des Fernsehens nicht entziehen, aber sie sollten es so oft wie möglich versuchen und hintergründiger über Politik berichten.
4.3 Die Inszenierungslogik des Fernsehens
Das Fernsehen hat von allen Medien die meisten Möglichkeiten, Ereignisse in Szene zu setzen. Gegenüber seinen Potentialen erscheinen die des Theaters fast bescheiden. Fernsehen kann wie das Theater eine Bühne zeigen, auf die der Zuschauer aus stets gleicher Perspektive blickt. Es kann wie eine Zeitung Texte veröffentlichen oder Fotos. Es könnte auch nur einen Ton senden und auf das Bild verzichten. Trotzdem würde ein Fernsehproduzent, der kommerziell erfolgreich sein will, kaum auf solche Ideen kommen. Das Fernsehen steht für die filmische Darstellung. Was sich nicht in bewegten Bildern zeigen lässt, hat es schwer, zu einem Fernsehthema zu werden.
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Der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan hat in Anlehnung an eine Theorie des Ökonomen Harold Innis behauptet, dass jedes Medium bestimmte Darstellungsformen buchstäblich heraufbeschwört. McLuhans These mündet in der berühmten Feststellung: „Das Medium ist die Botschaft“. 114 Sobald eine neue Kommunikationstechnik entstehe, entstehe auch eine neue Form der Kultur und des Denkens. Jedes Medium gestalte Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens. „Denn die ,Botschaft’ jedes Mediums oder jeder Technik ist die Veränderung des Maßstabs, Tempos oder Schemas, die es der Situation des Menschen bringt.“ 115
Am Beispiel des elektrischen Lichts versucht McLuhan, seine These zu beweisen: Welche Handlungen oder Dinge von einer Lampe beleuchtet werden, ob ein Zimmer, ein Fußballstadion oder eine Straße, sei im einzelnen unerheblich. Entscheidend sei, dass das Licht die Formen menschlichen Zusammenlebens verändert hat. Technik ist nach McLuhans Verständnis nie neutral. Ihr Einsatz habe stets Konsequenzen für die Beziehungen der Menschen, gleichgültig ob eine Maschine „Cornflakes oder Cadillacs produziert“ 116 . Wissenschaftlern, die von der Neutralität der Technik ausgehen und allein die Wirkungen ihrer Inhalte untersuchen, bescheinigt McLuhan eine „Nachtwandlermentalität“ 117 .
Die Schwäche von McLuhans Theorie liegt vor allem in seinem unklaren Medienbegriff: Er verwendet Technik und Medien synonym, was nicht ohne weiteres funktioniert. Trotzdem ist die These, dass ein Medium bestimmte Inhalte heraufbeschwört, nicht falsch. Das Fernsehen provoziert bestimmte Inszenierungslogiken. Eine Kameraperspektive kann nicht ewig gezeigt werden, irgendwann muss ein Bildwechsel folgen. Ein Statement sollte möglichst kurz und knapp sein, sonst ist es nicht verwertbar. Informationen, gleich welcher Art, sind in möglichst einfacher Verpackung darzulegen. Personen lassen sich auf dem Bildschirm besser vermitteln als abstrakte Ziele. Bilder sind wichtiger als das gesprochene Wort. Bilder mit Action sind besser als Bilder langweiliger Tagungen. 118 Kurzum: Fernsehen fordert Kürze, Prägnanz, Spektakel. „Brennende Häuser, Steine werfende Jugendliche, schießende Soldaten oder Sterbende sind, so zynisch es klingen mag, telegen, komplexe politische oder wirtschaftliche Ereignisse sind es nicht.“ 119
Neben die Inszenierungslogik des Mediums tritt das Inszenierungsrepertoire einzelner Sendungen. Die Tagesschau wird anders aufbereitet als eine Abendshow und ein
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politisches Magazin wird anders inszeniert als eine Boulevardsendung. Knut Hickethier und Joan Kristin Bleicher haben mehrere politische Informationssendungen auf ihre Theatralität hin untersucht. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass alle Inszenierungen von politischen Informationsprogrammen versuchen, ihren Geltungsanspruch dadurch zu erhöhen, dass sie eine „Aura des ,Seriösen’“ erzeugen. 120 Ihre These belegen sie am Beispiel der Fernsehnachrichten: „Das Studio ist die gleichbleibende Bühne des Nachrichten-Monologs. So wie das Theaterbild dem Zuschauer gleichbleibend die Umgebung der jeweiligen Handlung zeigt, bietet der Raum des Fernsehstudios dem Zuschauer im Bereich der Moderation von Informationssendungen die räumliche Sicherheit, alle Informationen an diesem Ort versammelt und nach ihrer Bedeutung sortiert zu wissen.“ 121 Der Sprecher übernimmt die Rolle des Welt-Erklärers, der den Zuschauern durch sein wiederholtes Auftreten bekannt und vertraut ist. Durch nachrichtliche Sprache wird die Information versachlicht, ent-emotionalisiert und so ein Schein von Objektivität erzielt. Meist ist der Sprecher in einer halbnahen, statischen Kamera-Einstellung hinter einem Schreibtisch zu sehen. Diese Statik steht im Widerspruch zu dem sonst dominierenden Bestreben, alles in bewegten Bildern darzustellen. „Sie unterstreicht die Fokussierung der vermittelten Berichte und die darin enthaltenen Ordnungen des Geschehens auf den Sprecher.“ 122 Er bildet das personale Identifikationsmoment der Sendung. Sein Image ist meist dem Image der jeweiligen Sendeanstalt angepasst. RTL gibt sich mit seinem Nachrichtenmoderator Peter Klöppel vergleichsweise locker und dynamisch, während die ARD vor allem auf die Seriosität ihrer Sprecherinnen und Sprecher setzt. Aufbau und Präsentation der Nachrichten sind durch zeitliche Platzierung im Programm und Sendedauer bestimmt. Wesentliches Prinzip der Informationsvermittlung ist die Addition. Eine Meldung folgt der nächsten, ohne dass zwischen ihnen ein kausaler Zusammenhang bestehen muss. Peter Sloterdijk spricht von der unerschöpflichen Ordnungskapazität durch das Und. „Das ,Und’ ist die Moral der Journalisten. Sie müssen gewissermaßen einen Berufseid darauf ablegen, daß sie, wenn sie über eine Sache berichten, damit einverstanden sein werden, daß diese Sache und dieser Bericht per ,Und’ zwischen andere Sachen und Berichte gestellt wird.“ 123 Das „Und“ mache die einzelnen Meldungen untereinander austauschbar, jederzeit durch andere ersetzbar, ohne dass dabei der Anspruch, umfassend über die Welt zu berichten, aufgegeben werde. Da alle Nachrichtensendungen ähnlich inszeniert werden und meistens viele
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Menschen vor den Bildschirmen versammeln, spricht Thomas Meyer vom „sozialintegrativen Nachrichtenritual“ als Grundmodell medialer Präsentationsregeln. 124 Ein weiteres, immer wieder vorkommendes Muster sei die Inszenierung eines Ereignisses als Drama. So werden investigative Beiträge in politischen Magazinsendungen oft durch inszenatorische Elemente des Spielfilms angereichert. „Der Zeitablauf der Recherche, Einzelpunkte der Erkenntnisse und besonderer Konflikte mit den Tätern werden in einzelnen Spannungsbögen zu einem krimiähnlichen Informationsbeitrag
zusammengefaßt“, so Hickethier und Bleicher. „Hintergrundinformationen werden der Form der Recherche, also in einer Ablaufform vom ersten Anzeichen bis zum Entdecken des Augenblicks der Wahrheit, zu einer ,story’ gebündelt.“ 125 Fernsehen kann Elemente aus verschiedenen, räumlich und zeitlich getrennten Ereignissen kombinieren, kann Ereignisse ganz oder teilweise inszenieren, in das zu berichtende Ereignis eingreifen, aktuelle Berichte mit Archivmaterial verschneiden oder tatsächliches und inszeniertes Geschehen vermischen. 126 Seitdem fast alle Sender mit Digital-Technik arbeiten, sind die Möglichkeiten der Bildverfremdung noch gewachsen. Trotzdem gelten die Inszenierungen des Fernsehens beim Publikum als besonders real. Was man mit eigenen Augen auf dem Bildschirm gesehen hat, muss wahr sein: Worten kann man widersprechen, Bildern nicht so ohne Weiteres. Die Zuschauer erliegen damit einem „essentialistischen Trugschluß“ 127 , weil sie nicht erkennen, dass auch jedes Bild nur eine Behauptung über die Realität ist. „Realität ist im Film nie zu haben, sondern immer nur Bilder des Realen, die durch das Gefilmtsein in bedeutungstragende Einheiten transformiert wurden. [...] Alle Bilder, die den Anspruch erheben, Realität wiederzugeben, zeigen nicht diese, sondern nur Inszenierungen der Realität.“ 128 Die Pionierstudie zu dieser These verfassten die US-Amerikaner Kurt und Gladys Lang bereits in den fünfziger Jahren. Sie verglichen eine Live-Reportage des Fernsehens über eine Militärparade zu Ehren des Generals MacArthur in Chicago im April 1951 mit den unmittelbaren Eindrücken von Beobachtern am Straßenrand. Die Fernsehperspektive wich erheblich von dem ab, was die Zuschauer wahrnahmen, die der Parade direkt beiwohnten. Beide Gruppen, im Glauben das Gleiche zu sehen, waren mit unterschiedlichen Realitäten konfrontiert. Die Fernsehzuschauer sahen auf der Parade jubelnde und winkende Menschenmassen. Sie glaubten, unzählige begeisterte
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Anhänger MacArthurs wohnten dem Spektakel bei. Tatsächlich waren es aber nur die Menschen am Straßenrand, die vor den Kameras gewunken haben, um sich dadurch auf dem Bildschirm bemerkbar zu machen. 129
Die Anwesenheit von Kameras überformt nahezu jedes Geschehen. Nicht ohne Grund gab es früher Streit, ob das Fernsehen Debatten aus dem Bundestag übertragen darf; erst im Januar 1966 ließ der Ältestenrat Life-Sendungen generell zu. 130 Die Angst, Politiker könnten die Anwesenheit des Fernsehens zur theatralen Selbstdarstellung statt zur sachlichen Diskussion nutzen, war nicht ganz unberechtigt. Inzwischen können interessierte Fernsehanstalten die Aufnahmen des Parlamentsfernsehens nahezu kostenfrei übernehmen. Die wichtigsten Sitzungen werden von Nachrichtenkanälen und mitunter sogar von ARD und ZDF in Echtzeit ausgestrahlt. „The Life-Broadcasting of History“ 131 verwischt freilich, dass hier Geschichte von den Medien nicht nur in einer ganz eigenen Perspektive gezeigt, sondern mitunter auch beeinflusst wird. Manchmal schwört Fernsehen die Realität buchstäblich herauf. Oft werden Ereignisse für Fernsehanstalten terminiert und inszeniert. US-Truppen landeten im Dezember 1993 in Somalia genau in dem Strand-Abschnitt, auf dem CNN seine Teams mit Kameras und ortsgerechter Ausleuchtung postiert hatte. Obwohl außer den Fernsehteams und den Soldaten niemand anwesend war, bekundeten die Soldaten durch heftige Gewehrbewegungen Kampfbereitschaft. 132
Der amerikanische Medienwissenschaftler Joshua Meyrowitz hat behauptet, dass seine Landsleute bereits in einer „Fernsehgesellschaft“ 133 angekommen seien und der Medienforscher Neil Postman fürchtete, dass das Fernsehen mit seiner (Inszenierungs-) Logik andere Medien verdränge oder zumindest überforme. In seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ mahnte Postman die westlichen Gesellschaften bereits 1985, nicht zu Fernsehgesellschaften zu verkommen und damit das Denken aufzugeben. „Denken kommt auf dem Bildschirm nicht gut an, das haben die Programmdirektoren schon vor langer Zeit herausgefunden. Es gibt dabei nicht viel zu sehen. Mit einem Wort: Denken ist keine darstellende Kunst. Doch das Fernsehen erfordert die Kunst der Darstellung.“ 134 Postman ging davon aus, dass das Fernsehen grundsätzlich alles als Unterhaltung präsentiert. Jede Nachrichtensendung, jede Bildungsserie und jede Debatte müsse auf dem Bildschirm gleichzeitig Entertainment sein. Der Wissenschaftler
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prophezeite das Ende der schriftlichen Kultur, weil die Menschen westlicher Demokratien durch die Fernsehunterhaltung unmündig gemacht würden. Mit seiner Pauschalkritik traf Postman durchaus den Nerv vieler Intellektueller seiner Zeit. Der italienische Regisseur Frederico Fellini sagte 1987 in einem Interview: „Ich denke, daß das Fernsehen nicht nur das Kino ruiniert hat - das wäre ein relativer Schaden -, sondern auch die Beziehung des Individuums zur Wirklichkeit, und zwar aufgrund der hypnotischen und suggestiven Macht des Spektakels - des Filmspektakels, denn es handelt sich ja immer um Bilder -, das den Leuten Tag und Nacht ohne jede Unterbrechung ins Haus kommt. Es ist, als sei das ganze Leben - die Natur, unsere Freunde, die Literatur, die Frauen - durch diesen kleinen Bildschirm, der immer größer geworden ist und alles darstellt, nach und nach ausgelöscht worden. Er hat alles verschlungen: Die Wirklichkeit, uns selbst und unsere Beziehung zur Wirklichkeit.“ 135 Die Mahnungen vor einer drohenden „Telekratie“ riefen Gegenstimmen hervor. Der Schweizer Medienpädagoge Christian Doelker betrachtete das Fernsehen als relativ junge „Kulturtechnik“, deren richtige Anwendung nur einiger medienpädagogischer Maßnahmen bedürfe. 136 Die Psychologin Hertha Sturm sprach sogar von den „grandiosen Irrtümern des Neil Postman“ und hielt ihm entgegen, dass es unter den Reizen des Fernsehens ebenso große Unterschiede gebe wie bei den Anpassungs- und Abwehrstrategien der Zuschauer. 137
In der Tat haben Postman und seine Anhänger die Ära des Buchdrucks stark verklärt, die Möglichkeiten des Fernsehens unterschätzt und seine Gefahr überbewertet. Es ist nach den Worten Jürgen Leinemanns eine müßige Frage, ob man das Fernsehen und seine Inszenierung nun grundsätzlich gut oder schlecht findet. „Beides ist nun mal vorhanden und lässt sich nicht mehr abstellen.“ 138 Entscheidend ist letztlich, ob Fernsehjournalisten Informationen und Argumente durch das In-Szene-Setzen von Politik noch angemessen darstellen können oder nicht.
Eine empirisch fundierte Antwort darauf ließ bis zum Jahr 2000 auf sich warten. In einer umfassenden Inhaltsanalyse kommen die Wissenschaftler Thomas Meyer, Rüdiger Ontrup und Christian Schicha zu einem differenzierten Urteil. Ihr erstes Fazit: Der politische Gehalt einer Fernsehsendung müsse bei der Jagd der Journalisten nach Aufmerksamkeit nicht zwangsläufig auf der Strecke bleiben. „Die Form der theatralischen Inszenierung politischer Informationen und Gespräche widerspricht nicht per se einem differenzierten und sachlich angemessenen Informationsgehalt von Fernsehsendungen, auch wenn das Medium durch seine zwingende Prä-Inszenierung
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stets von sich aus zwar auf theatrale Inszenierung, nicht aber auf informative Angemessenheit drängt.“ 139 Fernsehjournalisten verfügten über viele ästhetische Möglichkeiten, schwierige Sachverhalte anschaulich darzustellen. Sie müssten diese Möglichkeiten aber nutzen. Wenn dies in angemessener Form geschehe, wenn also Fachwissen und journalistische Inszenierungskompetenz miteinander verbunden werden, könnten selbst schwierige Informationen verständlich dargelegt werden. Eine weitere Forschungsgruppe derselben Universität zog in einer ähnlichen Untersuchung das Fazit: „Beiträge mit hohem dramatischen Gehalt oder ausgeprägtem narrativen Charakter stellen im Zweifel das politische Geschehen facettenreicher dar als undramatische Beiträge bzw. Stücke ohne narrativen Charakter.“ 140
Was für die Vermittlung von Informationen gilt, stimmt nach Ansicht der Wissenschaftler aber nicht bei der Vermittlung von Argumenten. Theatralität und Argumentativität stünden „in einem prinzipiell problematischen Verhältnis.“ 141 Am ehesten gelinge Argumentativität noch in schwach inszenierten Gesprächsformaten wie dem ARD-Presseclub, zu dem sich sonntags Journalisten treffen, um die Weltlage zu diskutieren. In anderen Talkshows kämen die Teilnehmer trotz argumentativen Scheins meist nicht über Rituale des Schlagabtauschs hinaus. Der Politikwissenschaftler Andreas Dörner resümiert ganz in diesem Sinne über die Talkshow Sabine Christiansen: „Nicht die zwanglose Rationalität des besseren Arguments, sondern die strategisch formulierten Statements von PR-Profis beherrschen den Diskurs. Nicht Experten oder sachkundige Laien kommen hier hauptsächlich zu Wort, sondern ,Repräsentanten’ und ,Advokaten’, deren Beitragsstil meist im Bereich der Verlautbarungs- und Agitationskommunikation verbleibt - nur daß sie für ihre Stellungnahmen hier etwas mehr Zeit haben als bei den sonst üblichen ,Soundbites’ am Interviewmikrofon.“ 142 Insofern hatte Postman mit seiner Behauptung, Denken komme auf dem Bildschirm nicht gut an, durchaus Recht. Das trifft allerdings nicht nur auf die Fernsehbildschirme zu. Argumentative Diskurse haben auch in der Presse Seltenheitswert. In gerade einmal fünf Prozent von 809 zufällig ausgewählten Artikeln aus Regionalzeitungen, Wochenzeitungen, Boulevardmedien und politischen Magazinen fanden die
Dortmunder Forscher Kontroversen, in denen politische Standpunkte nicht nur dargestellt, sondern auch mit Argumenten untermauert wurden. 143
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5 Die politische Bühne
5.1 Politik als Theater
Die Tatsache, dass jedes Medium eine gewisse Inszenierungslogik in sich trägt, bleibt nicht ohne Folgen. Politiker versuchen, den Anforderungen der Medien möglichst nahe zu kommen, um ihre Publizitätschancen zu erhöhen. Thomas Meyer glaubt gar, die Medien erzeugten einen Darstellungsdruck auf die Politik. „Alle Ereignisse, Projekte und Personen, die sich den eisernen Grundsätzen der Vorabinszenierung der Medienbühne entziehen, werden von diesen entweder ignoriert oder allenfalls als ungeformtes Rohmaterial für die medieneigenen Inszenierungen genutzt.“ 145 Es ist sicher übertrieben, von einer Kolonisierung der Politik durch die Medien zu sprechen, wie Meyer es zuspitzt, aber es lässt sich nachweisen, dass Politiker vielfach tatsächlich den medialen Logiken folgen, sich ihnen aber eben nicht nur unterwerfen, sondern auch versuchen, sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. 146
In immer wiederkehrenden Auftritten bemühte sich die US-Regierung zum Jahresende 2002, ihre eigene Bevölkerung und die Vereinten Nationen von einem Krieg gegen den Irak zu überzeugen. Als Hauptargument führte sie die angeblichen Massenvernichtungswaffen an, welche es dort zu beseitigen gelte. Entgegen den Behauptungen der UN-Inspektoren, man könne keine Hinweise auf derartige Waffen im Irak finden, präsentierte US-Außenminister Colin Powell vor der UN-Vollversammlung und im Fernsehen Satellitenaufnahmen, die eine Existenz chemischer oder biologischer Waffen belegen sollten. Die USA zogen schließlich in einen Krieg auf der Grundlage höchst fragwürdiger Beweise. Als einen Monat nach Ende der Kämpfe im Irak immer noch keine Massenvernichtungswaffen gefunden worden waren, resümierte UN-Inspektor Peter Franck in einem Interview: „Was Powell sagte, hat schlichtweg nicht gestimmt.“ 147 Die Vorlage der angeblichen Beweise sei nur eine Show für das US-
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Arbeit zitieren:
Ralf Geissler, 2003, Spektakel-Demokratie? Über politische Inszenierung und Inszenierungskritik, München, GRIN Verlag GmbH
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