1. Was ist Autismus?
Der Begriff ,,Autismus" leitet sich vom griechischen Wort autos = selbst ab. Die Wortschöpfung Autismus geht auf den bekannten Schweizer Psychiater Eugen
Bleuler zurück. Er prägte 1914 die Begriffe ,,autistisch" und ,,Autismus". Damit meinte er einseitig auf sich selbst bezogenes Denken, das er vor allem bei
Schizophrenen beobachtet hatte. Diese psychische Krankheit hieß vor ihm - nicht sehr glücklich - Dementia praecox (frühzeitiger Schwachsinn). Leo Kanner und Hans Asperger haben ihr Augenmerk auf eigenartige Verhaltensweisen bei
Kindern gelenkt, bei denen Kontaktstörungen und extreme Bezogenheit auf sich selbst die am meisten hervorstechenden Merkmale sind. Kanner nannte dieses
Erscheinungsbild ,,frühkindlicher Autismus" und Asperger ,,autistische Psychopathie". Das von Asperger beschriebene Bild des Autismus unterscheidet sich von dem „Kanner’schen Autismus“ darin, dass die Betroffenen meist
intelligenter sind. Sie haben je nach Unterstützung die Möglichkeit einen höheren Schulabschluss zu erreichen und zu studieren. Beim Kanner’schen Autismus sind
meist massive Ausfälle im neuropsychologischen Bereich zu beobachten.
„Autistische Störungen werden in vier Gruppen unterteilt. Neben psychogenem
und somatogenem Autismus unterscheidet man das Kanner- und das Asperger-
Syndrom. Diese beiden Syndrome bilden die Hauptformen des Autismus.“ 1 Eine Störung im zwischenmenschlichen Verhalten und in der Kommunikationsfähigkeit, haben die verschiedenen Formen des Autismus gemeinsam.
„Der frühkindliche Autismus ist die am besten bekannte und am besten
untersuchte autistische Störung.“ 2 ,,Frühkindlicher Autismus" bedeutet, dass diese Störung nicht unbedingt schon von Geburt an bestehen muss. Das autistische Verhalten kann in der frühen Kindheit am stärksten auftreten und später zurückgehen. .
Allgemein ist Autismus eine psychische Störung mit krankhafter Ichbezogenheit, Apathie, Verlust des Umweltkontakts und Flucht in eine eigene Fantasiewelt. Die
Unfähigkeit, eine Beziehung zu Personen oder zu verschiedenen Situationen herzustellen. Sie ist eine tief greifende Entwicklungsstörung des zentralen Nervensystems, insbesondere im Bereich der Wahrnehmungsverarbeitung. Aber auch Störungen im Bereich der sprachlichen, motorischen, emotionalen und interaktionale n Funktionen, sowie Kommunikationsfähigkeit, durch die minimale Fähigkeit zur Eingliederung in die Gesellschaft, sind charakteristische Merkmale eines Autisten. Autisten zeigen zahlreiche Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu selbstzerrstörerischen Tendenzen. Nachdem autistische Kinder in ihrem Wortverständnis begrenzt und unreif sind, legen sie oft Verhaltensweisen an den Tag, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert werden.
Betroffene Kinder können zwar sehen, hören, tasten, riechen und schmecken, die vielen Sinnesreize jedoch nur schwer zu einem sinnhaften Ganzen verarbeiten. Das Kind kann die Zusammenhänge seiner Umwelt nicht verstehen. Somit entsteht keine richtige Wahrnehmung. Die Folge ist, dass sich betroffene Kinder ihre eigene Welt schaffen, in der sie die Sicherheit finden, die sie brauchen. Dies erfolgt in den ersten Lebensmonaten. Eine Mutter-Kind-Beziehung bleibt dem Kind verschlossen. Damit ist jedoch auch Lernen durch Nachahmung unmöglich und das Kind verharrt in den Verhaltensweisen der frühesten Entwicklungsstufen. Vorhandene Anlagen, die sich erst durch das Tun entwickeln, müssen verkümmern. In sich eingesponnen fühlt sich das Kind wohl, es greift zu Ersatzhandlungen (Stereotypen) und wehrt sich aktiv gegen jeden Einbruch von außen, der die Ordnung der bestehenden Situation stört.
2. Epidemiologie
„Etwa zwei von tausend Kindern weisen eine tief greifende Entwicklungsstörung auf, davon sind 10 bis 15% frühkindliche Autisten. […] Derzeitige Schätzungen der Prävalenz des Autismus liegen bei 0,5 pro Tausend, das
Geschlechtsverhältnis ist etwa 3 Jungen : 1 Mädchen.“ 3
3. Ursachen
Über die Ursachen des frühkindlichen Autismus gibt es bis heute keine gesicherten Kenntnisse. Medizinische Forschungen haben jedoch gezeigt, dass es verschiedene Einflüsse gibt, die das Erscheinungsbild des Autismus hervorrufen können. Die Vielfalt dieser Faktoren zeigt, dass es für Autismus keine einheitliche Ursache gibt. . Es ist daher unzulässig, das autistische Syndrom ausschließlich auf psyc hosoziale Ursachen zurückzuführen.
Bezüglich der Ursachen existieren mehrere Theorien. Die meiste Bedeutung kommt dabei den beiden folgenden Annahmen zu: Die erste Annahme geht davon aus, dass autistische Kinder gesund geboren werden. Durch die Art der Erziehung bzw. der Sozialisation wird jedoch ihre emotionale Entwicklung gestört. Die zweite Annahme geht davon aus, dass Autismus hirnorganisch bedingt ist. Das heißt, dass eine Anomalie des Gehirns vorliegt. Die Annahme einer körperlichen Ursache für den Autismus wird von vielen Fachleuten geteilt. Auf eine erbliche Belastung deutet der Befund hin, dass bei eineiigen Zwillingen, die autistisch belastet sind, in über 90% der Fälle beide Kinder das Symptombild entwickeln; bei zweieiigen Zwillingen ist dies nur bei ca. 23-33% der Fall (vgl. Spiel, 1990). Die Annahme von Bruno Bettelheim (1967), dass eine negative Mutter-Kind-Beziehung ausschlaggebend für die Entwicklung des autistischen Störungsbildes sei, wurde widerlegt.
4. Charakteristische Merkmale des Autismus
„Der frühkindliche Autismus ist durch die Kombination von vier Merkmalsbereichen definiert:
- soziale Beeinträchtigung,
- Kommunikationsprobleme,
- Begrenzte und sich stereotyp wiederholende Aktivitäten und Interessen,
5
- Früher Beginn.“ 4
Soziale Beeinträchtigungen
Diese betreffen die Qualität der reziproken Interaktion mit anderen Menschen.
Das autistische Kind wirkt abweisen, zeigt wenig Augenkontakt, zeigt einen Mangel an Interesse an Menschen und das Kind sucht keinen Trost. Es ist auch schlecht in der Lage, Emotionen anderer Menschen zu erkennen und adäquat
darauf zu reagieren. Soziale Interaktionen werden immer vom Kind bestimmt. Im sozialen Umfeld können darauf Erwachsene besser reagieren als Kinder gleichen
Alters, da sie mit der Situation besser umgehen können. Somit besteht auch nur eine begrenzte Fähigkeit Freundschaften zu schließen und zu halten.
„Falls sich nach und nach doch ein gewisses soziales Interesse entwickeln sollte,
dies trifft für über 50% der autistischen Kinder zu, so bleiben noch r eichlich Probleme im Hinblick auf die soziale Ansprechbarkeit, die Reziprozität von
Verhalten und Dialog sowie die Fähigkeit zur Emphatie […].“ 5
Kommunikationsprobleme
Kommunikationsprobleme betreffen sowohl das Verstehen als auch die eigene
Ausdrucksweise, Gestik und das gesprochene Wort eingeschlossen. „Etwa 50% der autistischen Individuen erlangen niemals einen zur Kommunikation nützlichen
Sprech- und Sprachgebrauch.“ 6 Falls sich das Sprechen doch noch entwickelt, so ist es typischerweise sowohl abweichend als auch verzögert. Mögliche Abnormitäten der Sprache bei Autisten
sind beispielsweise ein sofortiges oder zeitlich verzögertes Wiederholen von Wörtern und Sätzen anderer Personen, auch als Echolalie bezeichnet, pronominale Umkehr von Du und Ich, Gebrauch von erfundenen Wörtern, sowie
eine ständige Wiederholung von bestimmten Sätzen oder Fragen. Da Autisten die sozialen Signale der Kommunikationspartner falsch einschätzen, bemerken
sie nicht, wenn der Gesprächspartner bereits das Interesse an einem Gespräch verloren hat. „Autistische Sprache ist oft hinsichtlich Intonation, Posodie oder
Arbeit zitieren:
Melanie Aschert, 2004, Frühkindlicher Autismus, München, GRIN Verlag GmbH
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