Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. Seite 3
2. Zeitlichkeit. Seite 3
3. Erfahrung und Dokumentation von Raum und Zeit. Seite 4
3.1. Räumliche und zeitliche Positionierung. Seite 4
3.2. Archivierte Daten als Maß für Existenz. Seite 4
4. Existenzmessung durch Langzeitprojekte. Seite 5
4.1. Existenzbekundung. Seite 5
4.2. Zeitaufzeichnung. Seite 6
4.3. Datum Bilder. Seite 7
4.4. Eine Million Jahre - Vergangenheit und Zukunft. Seite 8
5. Lücken und Fehler im System. 10
Im Anhang
1. Abbildungen
2. Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung
Der japanische Künstler On Kawara 1 thematisiert seit den sechziger Jahren die Verbindung von persönlicher Biographie, gemeinschaftlicher Lebenszeit und künstlerischer Produktion. On Kawara versucht, das persönliche subjektive Leben durch die Methode des Schreibens festzuhalten. Aktivitäten seines eigenen Lebens werden innerhalb räumlicher und zeitlicher Betrachtungsweisen dargelegt. Seine Arbeiten entstehen auf der Grundlage streng angelegter Dokumentationsmethoden, die logischen Abläufen folgen und feststehende konsequente Anwendung im künstlerischen Prozess der Selbstbestimmung finden.
On Kawara benennt Ortswechsel sowie das Verstreichen von Zeit und untersucht dabei, welche Rolle Daten und archivarische Verfahren bei der individuellen Selbstbestimmung des Menschen innerhalb der modernen Gesellschaft, im zeitlichen und räumlichen Bezug zur Umwelt, spielen. Sich selbst in Entsprechung zu den Anzeichen von Zeit zu verstehen und in Einklang mit Zeit zu bringen ist Kern der künstlerischen Auseinandersetzung des Künstlers. On Kawara selbst setzt sich hierbei in Relation zu Zeitmaßen, indem er hinter den Fakten, die seine Lebenseckdaten bestimmen, zurück tritt und beispielsweise den 15. Dezember 1991 als den Tag bestimmt, an dem er seit 21.540 Tagen lebt.
In seriell angelegten Langzeitprojekten registriert On Kawara Unterschiede und Fehler, die sich in den wiederholenden Mustern der Zeitmessung niederschlagen, wodurch das unabhängig vom künstlerischen Werk verbrachte Leben On Kawaras erfahrbar wird. Hierbei stellen sich Fragen nach der künstlerischen Objektivierbarkeit des Lebens. Das Erfahren und das Erfassen von Zeit und Raum formen sich kontinuierlich zu einem persönlichen Zeitarchiv des Künstlers.
2. Zeitlichkeit
Analog zur Bewältigung des Raumes in der Renaissance, die T.W. Adorno mit dem Begriff der „Verräumlichung“ benennt, spricht er im Zusammenhang mit moderner Kunst von der „Verzeitlichung“. Die Zeit in ihrem realen Verlauf wird wichtig, da neben der bloßen Betrachtung auch das Handeln als ästhetische Rezeptionsform an Bedeutung gewinnt. Handeln ist zeitlich. Eine sich auf das Handeln konzentrierende Kunst benötigt demnach die Berücksichtigung der vierten, eben der zeitlichen Dimension. Zeit ist nicht mehr als fiktiver
1 geboren 1933 in Kariya/Aichi, Japan, lebt in New York
3
sondern als realer Faktor in der Conceptual Art und somit auch in den Arbeiten von On
Kawara präsent. Das Werk muss „erhandelt“ 2 werden und bleibt nicht mehr nur passiv erlebbar. On Kawara erhandelt und erlebt innerhalb seiner Langzeitprojekte das Abstraktum Zeit. Im Prozess werden über viele Jahre hinweg Daseins-Momente festgehalten und zu kontinuierlichen, fortdauernden Selbstbestimmungen parallel zum Lauf der Zeit zusammengeführt. Der Fokus liegt nicht auf dem einzelnen Endbild, sondern auf der Gesamtheit des künstlerischen Handelns im Zeitfluss.
3. Erfahrung und Dokumentation von Raum und Zeit
3.1. Räumliche und zeitliche Positionierung
On Kawara positioniert sich mit der Art und Weise seines künstlerischen Arbeitens im zeitlichen und räumlichen Kontext. Diese vierdimensionale Bestimmung ermöglicht ihm, sich in seiner Umgebung selbst zu definieren. Begegnungen mit seinem Lebensraum, an denen sich persönliche Erlebnisse zeigen, sind On Kawaras räumliche und zeitliche Bezugnahmen auf die Umwelt. So nimmt er seine Raum-Zeit-Identität durch den künstlerischen Umgang mit dem eigenen Alltag selbst wahr. On Kawara bestimmt seine Zeit. Er definiert sich beispielsweise in
der Arbeit „One Million Years“ 3 im Umfeld von zwei Millionen Jahren, in das er sich zeitlich zentral einordnet. Er schafft einen gedanklichen Umraum von Zeit. Ähnliche Umräume finden sich in seinen geografischen Beschreibungen. On Kawara bestimmt seinen Ort. Er sortiert sich in urbane Umfelder ein, indem er zurückgelegte Wege in Stadtplänen mit roten Linien
schriftlich fixiert. Das Bild „Location“ 4 aus dem Jahr 1965 ist eine weitere Ortsbestimmung. Es zeigt die Koordinaten eines Längen- und Breitengrades und bestimmt damit On Kawaras persönlichen Standort im allgemeingültigen Modell des Koordinatensystems.
3.2. Archivierte Daten als Maß für Existenz
On Kawara erörtert die Mittel mit denen moderne Identität im Raum und in der Zeit geformt und bewahrt werden. Archivarische Strategien sind ausgeprägte gesellschaftliche Methoden, mit denen On Kawara versucht, das Abstraktum Zeit zu messen, um ein besseres Verständnis
2 Michael Lingner, „Exerzitien zur Zeiterfahrung“, Deichtorhallen, Hamburg, 12. 3. - 10. 5. 1992
3 vgl. Abb.7 und 8 im Anhang
4 vgl. Abb.4 im Anhang
4
seines eigenen Bezuges zu ihm herstellen zu können. Klassifizierte und archivierte Daten sind ein entscheidendes Maß für die persönliche Existenz, da sie die Realität schriftlich fixieren und
das Dasein spiegeln. On Kawara nutzt die Mittel des Archivs 5 für seine künstlerische Selbstbestimmung aus um sich selbst (durch sie) zu begegnen. Er schreibt Daten auf und versammelt diese in Form von Mappen, Büchern, und Bildserien. Sie sind sowohl für die Entwicklung eines Selbstverständnisses als auch für die Formung eines Selbstbildes in der Gesellschaft von Bedeutung.
On Kawaras Arbeiten steigern sich zum persönlichen Archiv in der Zeit welches sich von der künstlerischen Produktion nicht mehr unterscheiden lässt. Die eigene Lebenszeit ist das zentrale Thema in seiner sehr autobiografisch angelegten Kunst. Sie wird zu einem Dokument der Methoden mit denen individuelles Dasein in wenigen aber exakten Angaben existentieller Aktivitäten objektiv erfasst wird. Das Abstraktum Zeit wird durch verschiedene Systeme oder Modelle in Form gebracht. Die Koordinaten, die Ordnungslinien, das Datum, die Jahreszahlen , der Kalender und die Sammlung sind Mittel, die On Kawaras Existenz und die alltäglichen Abläufe faktisch und prozesshaft registrieren um auftretende Variationen in sich wiederholenden Mustern festzuhalten. Durch das Aufschreiben wird der Moment mit Hilfe bekannter Modelle wie Datum und Koordinaten festgesetzt und gedanklich vergegenwärtigt.
On Kawara setzt „Zeichen für Leben“ 6 und Zeichen „für (s)ein Leben an diesem Tag“ 7 . Das Dasein wird, durch den subjektiven Bezug zum Zeichen, benannt und kann durch zukünftiges Nachlesen in der eigenen künstlerischen Arbeit immer wieder vergegenwärtigt werden.
4. Existenzmessung durch Langzeitprojekte
4.1. Existenzbekundung
On Kawara bekundet seine Existenz durch Setzung von Lebenszeichen im räumlichen und im zeitlichen Kontext. Er selbst tritt hinter seiner Arbeit zurück und besucht keine eigenen Ausstellungen. Seine Person wird nur durch das künstlerische Werk erahnt. Die Werkreihe „I
Got Up“ 8 aus den Jahren 1968 bis 1977 belegt durch Postkarten, die Tatsache dass und den Zeitpunkt wann On Kawara in seinem Hotel aufgestanden ist. Zwei an verschiedene Adressaten versandte Postkarten des aktuellen Aufenthaltsortes tragen das gestempelte Datum
5 Vgl. Abb. 1 im Anhang: Installiertes Archiv „I Went“ in einer Ausstellung.
6 W.M.Faust, Sich schneidende Parallelen… In Ausstellungskatalog: On Kawara, daad-Galerie Berlin 1987, S.26.
7 ibid.
8 vgl. Abb.3 im Anhang.
5
Arbeit zitieren:
Matthias Haase, 2005, On Kawara - Erfahrung und Dokumentation von Raum und Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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