Gliederung
A. Einleitung: Das Ophelia Motiv bei Georg Heym 3
B. Hauptteil: Textanalytische Übung 4
I. Der Aufbau des Gedichts 4
II. Die Kommunikationsstrukturen 5
III. Die Metrische Analyse 6
a) Die Metrische Analyse von Teil I
b) Die Metrische Analyse von Teil II 7
IV. Die Syntaktische Analyse 8
V. Die Rhetorische Analyse 10
a) Die Amplifikationsfiguren
b) Die Bildlichkeitsfiguren 11
C. Schluss: Die apokalyptische Weltanschauung von Georg Heym
und der frühe Expressionismus im Gedicht „Ophelia“ 13
D Literaturverzeichnis 15
A. Einleitung
„Das Wasser sei das triste, Melancholie weckende Element, das Element der Verzweiflung und des ausgesprochen weiblichen Todes.“ 1 Hier schreibt Gaston Bachelard über den „Complexe d’Ophélie“. Er geht hierbei auf Shakespeares Ophelia in seinem 1600-1601 verfassten Drama „Hamlet“ ein, die ihren Tod durch Ertrinken findet. Über 300 Jahre später nimmt unter anderem Georg Heym dieses Thema in seinem Gedicht „Ophelia“, das 1911 in seinem ersten Gedichtband „Der ewige Tag“ erscheint, wieder auf.
Dieses Werk gilt als das erste bedeutsame Zeugnis des lyrischen Expressionismus.
Im Gegensatz zu anderen Gedichten, die sich auf den Ophelia Komplex beziehen, gibt Heym ihr ihre Körperlichkeit zurück und hält sich näher an Shakespeares Original.
Doch Georg Heym verschönt die Situation nicht, er beschreibt zumindest im ersten Teil den schlimmen Zustand der Wasserleiche und nimmt keine Rücksicht auf den Leser. Das Nest von Wasserratten (1), der lange, weiße Aal (13) oder die Fledermäuse (10) lösen Ekel und Schauer bei den Menschen aus. 2
In der zweiten Strophe wechselt die Beschreibung und es wird die Landschaft, die Ophelias Leiche durchschwimmt, beschrieben.
Hier schließt Heym die Industrialisierung mit ein und gibt dem Gedicht eine apokalyptische, endzeitliche Stimmung, die, neben der häufigen Verwendung von Farben aus dem Gebiet der Malerei, typisch für Heym und den frühen Expressionismus sind. 3
Doch mit welchen Mitteln Georg Heym dies verwirklicht und mit welchem Ziel er diese moderne Welt mit einbezieht, soll folgende Analyse seines Gedichts „Ophelia“ darstellen.
1 Vgl. Hinck, Walter: Interpretationsfigur menschlicher Leiden. Zu Georg Heyms „Ophelia“. In: Gedichte und
2 Vgl. Hinck: Interpretationsfigur menschlicher Leiden, S. 130
3 Vgl. Hinck: Interpretationsfigur menschlicher Leiden, S. 131
3
Das Gedicht „Ophelia“ von Georg Heym fällt schon auf den ersten Blick durch seine zweigeteilte Form auf, wobei beide Teile mit den römischen Ziffern I und II gekennzeichnet sind.
Ebenfalls lässt das Druckbild sofort erkennen, dass die beiden Teile nicht gleich lang sind. So besteht Teil I aus vier und Teil II aus acht Strophen, was eine Gesamtheit von 12 Strophen für das Gedicht ergibt. Anders als die Einteilung der Strophen, ist ihr formaler Aufbau auf den ersten Blick völlig gleich. Jede Strophe besteht grundsätzlich aus vier Versen, wodurch sich eine regelmäßige, also isometrische Strophenform ergibt. Inhaltlich weichen beide Teile jedoch, im Gegensatz zum äußerlichen, formalen Erscheinungsbild, von einander ab, was auch schon beim ersten Lesen auffällt.
Während im ersten Teil noch Ekel und Schauergefühle den Leser erwarten und der tote Körper Ophelias detailliert beschrieben wird, beschreibt der zweite Teil den Weg, den Ophelias Leiche zurücklegt. 4 Dieser Weg wird nicht nur auf die Natur beschränkt, sondern auch auf die Industrielandschaft im Umfeld erweitert.
Wobei diese Landschaft auch erst im zweiten Teil des Gedichts zur Sprache gebracht wird.
Ophelias Leiche durchläuft während ihrer Reise vier Stationen. Im ersten Teil wird die Landschaft unter anderem als Urwald (4) beschrieben. Es handelt sich also um die unberührte Natur, die wahrscheinlich vom Menschen noch nicht besiedelt wurde und dadurch auch schwer zu durchdringen ist.
Dies ändert sich schlagartig in Teil II, wenn als zweite Station eine ländliche, wahrscheinlich bäuerliche Gegend um die Mittagszeit (17) beschrieben wird. Als dritte Station, gegen Abend (31), passiert Ophelia die industrialisierten, unheimlichen Städte, wo sie durch Dämme (26) und Brücken (35) weiter zur
4 Vgl. Hinck: Interpretationsfigur menschlicher Leiden, S. 130
4
vierten Station, nämlich wieder durch die beruhigende Nacht, vorbei an dunkelgrünen Wiesen (43), getragen wird.
In dieser vorletzten Strophe wird nochmals der Sommer (42) angesprochen, der jedoch in der letzten Strophe sofort vom Winter (46) abgelöst wird und den trauervollen Untergang des Körpers als endgültigen Tod beschreibt. Die Zeit endet hier in der Ewigkeit (47), was die apokalyptischen Visionen von Georg Heym erkennen lässt. 5
II. Die Kommunikationsstrukturen
Ähnlich dem Aufbau, fällt einem bei der Lektüre des Gedichts gleich eine gewisse Kommunikationsstruktur ins Auge.
Das Gedicht wird von einem unbekannten, artikulierenden Ich vorgetragen, das den Zustand von Ophelias Leiche und deren Weg, den sie hinter sich lässt, beschreibt. 6 Der Erzähler bleibt also dem Leser verborgen. Es ist offensichtlich, dass ausschließlich die dritte Person auftaucht und nur die eine Rolle vergeben ist. Die Kommunikation findet somit nur auf einer Ebene statt.
Der Autor und auch das artikulierende Ich greifen nicht in das Geschehen ein und objektivieren somit die Darstellung, obwohl uns das Gedicht von diesem artikulierenden Ich erzählt wird.
Es werden weder Anreden, Eigennamen, Imperative noch Wünsche im Gedicht vorgefunden. Auch findet man keine Personalpronomina der ersten und zweiten Person vor, was den Leser auf einer Distanz zum Text hält. Ebenso distanziert sich der Autor vom Geschehen, da er keine eigenen Erlebnisse oder Meinungen im Gedic ht präsentiert. 7 Auf die Verwendung von wörtlicher Rede wird komplett verzichtet. Die Verse sind also an niemanden persönlich, weder an den Rezipienten noch an eine Gruppe, gerichtet, da niemand direkt angesprochen wird. Sie wenden sich also an die Allgeme inheit.
5 Vgl. Hinck: Interpretationsfigur menschlicher Leiden, S. 130-131
6 Vgl. Burdorf, Dieter: Einführung in die Gedichtanalyse. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage,
Stuttgart 1997, S. 194
7 Vgl. Burdorf, Einführung in die Gedichtanalyse, S. 193
5
Arbeit zitieren:
Christian Lübke, 2005, "Ophelia" von Georg Heim - Eine Gedichtanalyse, München, GRIN Verlag GmbH
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