Gliederung des Textes
1 Einleitung. 3
2 Biographie und Grundpositionen von ADORNO und HORKHEIMER 4
2.1 Biographisches zu ADORNO und HORKHEIMER 4
2.1.1 ADORNO 4
2.1.2 HORKHEIMER 5
2.2 ADORNOS und HORKHEIMERS Verständnis von „kritischer Theorie“ 6
2.2.1 Traditionelle Theorie. 6
2.2.2 Kritische Theorie. 7
2.3 Das Philosophieverständnis der kritischen Theorie 8
3 Nationalismus 10
3.1 Herkunft und Verwendung des Begriffes „Nationalismus“ 10
3.1.1 Herkunft des Begriffes „Nationalismus“ 10
3.1.2 Verwendung des Begriffes „Nationalismus“ 11
3.2 Nationalismus aus historischer Sicht 12
3.3 Die Idee des Nationalismus. 13
4 Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER 18
4.1 Die Untergliederung der Nationalismuskritik bei ADORNO und HORKHEIMER in
Hauptargumentationslinien 18
4.2 Die Analyse der Hauptargumentationslinien der Nationalismuskritik bei ADORNO und
HORKHEIMER 20
4.2.1 Nationalismus als gegenaufklärerische Strömung 20
4.2.2 Nationalismus als funktionaler Bestandteil des kapitalistischen Produktionssystems 27
4.2.3 Nationalismus als Ausdruck einer (pathologischen) psychischen Verfassung. 30
4.2.4 Nationalismus als Surrogat für Religion. 32
4.3 Synthese der Hauptargumentationslinien der Nationalismuskritik bei ADORNO und
HORKHEIMER 35
5 Von der Möglichkeit der Aufhebung des Nationalismus 37
Literaturverzeichnis
1 Einleitung
Nationalismus ist ein vielschichtiges Phänomen, das Untersuchungsgegenstand mehrerer Fachwissenschaften, so zum Beispiel der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft, der Ethnologie oder der Soziologie, ist. Diese Arbeit ist hingegen nicht als eine fachwissenschaftliche Untersuchung zu verstehen, die beispielsweise den primären Anspruch haben könnte, konkrete Politikempfehlungen zum Umgang mit Nationalismus oder Nationalisten zu geben, sondern als genuin philosophische. 1 Sie wird dabei aber nicht umhin kommen, Ergebnisse der Fachwissenschaften, wie beispielsweise die geschichtliche Entwicklung des Nationalismus, aufzugreifen. Die Untersuchung hat die Darstellung der Nationalismuskritik der kritischen Theorie bei ADORNO und HORK-HEIMER zum Thema. Hierzu soll nach einer kurzen Darstellung der Lebensläufe ADORNOS und HORKHEIMERS - soweit es für das Erkenntnisinteresse vonnöten ist - darauf eingegangen werden, was „kritische Theorie“ und „Philosophie“ für ADORNO und HORKHEIMER bedeuten. Danach soll auf den Begriff des „Nationalismus“ eingegangen werden. Daran anschließend folgt der Hauptteil der Untersuchung. Hier werden die, an zahlreichen Einzelstellen der Werke ADORNOS und HORKHEIMERS zu findenden, Gedanken zum Thema Nationalismus zusammengefasst und auf ihre Argumentationsstruktur hin untersucht. Im letzten Abschnitt werden dann die Ergebnisse der Untersuchungen ADORNOS und HORKHEIMERS aufgegriffen, um die Frage nach einer möglichen Aufhebung des Nationalismus zu beantworten.
1 Vgl. dazu Abschnitt 2.3 Das Philosophieverständnis der kritischen Theorie
4
2 Biographie und Grundpositionen von ADORNO und HORKHEIMER
In diesem Abschnitt werden die Grundlagen für die Diskussion des Nationalismus bei der kritischen Theorie gelegt. Hierzu wird auf die Biographie und die Grundpositionen von ADORNO und HORKHEIMER eingegangen. Unter letzteres fallen dabei das Selbst- und das Philosophieverständnis der kritischen Theorie. 2 Unterschiede zwischen der Philosophie ADORNOS und der HORKHEIMERS werden dabei nicht herausgearbeitet. Dies wird mit folgendem Zitat HORKHEIMERS begründet: „Es wäre schwer zu sagen, welche Gedanken auf ihn [gemeint ist ADORNO, der Verfasser] und welche auf mich zurückgingen; unsere Philosophie ist eine.“ 3
2.1 Biographisches zu ADORNO und HORKHEIMER
ADORNO und HORKHEIMER verband nicht nur die gemeinsame Philosophie, sondern auch eine persönliche Freundschaft. Ihren Lebensläufen gemeinsam ist die steile akademische Karriere an der Universität Frankfurt, die Mitgliedschaft im Institut für Sozialforschung, die erzwungene Emigration durch die nationalsozialistische Machtergreifung 1933 und die Rückkehr nach Deutschland nach 1945.
2.1.1 ADORNO
ADORNO wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main unter dem Namen The-odor Ludwig WIESENGRUND-ADORNO geboren. 4 Er stammte aus guten, bildungsbürgerlichen Verhältnissen 5 , sein Vater war ein wohlhabender jüdischer Wein-
2 Soweitin dieser Untersuchung von „kritischer Theorie“ gesprochen wird, ist nur die kritische Theorie bei ADORNO und HORKHEIMER gemeint, außer dort, wo ausdrücklich auf andere Autoren genannter Richtung Bezug genommen wird.
3 M. HORKHEIMER, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, in: A. SCHMIDT (Hrsg.), Max Horkheimer. Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Aus den Vorträgen und Aufzeichnungen seit Kriegsende (Originaltitel: M. Horkheimer, Eclipse of Reason, New York, 1947) Frankfurt (Main), 1974, S.11-174, S. 14
4 vgl. S. MÜLLER-DOOHM, Adorno. Eine Biographie, Frankfurt (Main), 2003, S. 15
5 vgl. aber CLAUSSEN, D., Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie, Frankfurt (Main), 2003, S. 48
5
händler, seine Mutter katholische Sängerin. 6 Er studierte ab 1921 an der Universität Frankfurt (Main) Philosophie, Psychologie und Soziologie und schloss sein Studium 1924 mit seiner Promotion bei Hans CORNELIUS ab. 7 Er habilitierte sich 1931 bei Paul TILLICH mit einer Schrift über „Kierkegaard, Konstruktion des Ästhetischen“ 8 , verlor jedoch schon 1933 seine Lehrberechtigung und wanderte schließlich 1934 aus Deutschland aus, zuerst nach England und dann nach Amerika. 9 Hier arbeitete er zusammen mit Max HORKHEIMER im Rahmen des „Instituts für Sozialforschung“ unter anderem an der „Dialektik der Aufklärung“ und „The Authoritarion Personality“. 1949 kehrte ADORNO nach Deutschland zurück und übernahm einen Lehrstuhl an der Universität Frankfurt. Seine Debatte mit POPPER löste 1961 den Positivismusstreit aus.1966 erschien die „Negative Dialektik“. Im Herbst 1969 starb ADORNO, nachdem es zu Anfang des Jahres zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Studentenbewegung gekommen war.
2.1.2 HORKHEIMER
Max HORKHEIMER wurde 1895 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten geboren. Nach einer Handelslehre holte er 1919 das Abitur nach und promovierte 1922, wie ADORNO auch, bei Hans CORNELIUS. Er habilitierte sich dann 1925 mit einer Schrift über „Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie.“ Nachdem Horkheimer 1930 Ordinarius des Instituts für Sozialforschung wurde, emigrierte er 1934 in die USA und errichtete dort das Institut für Sozialforschung neu. Nach dem zweiten Weltkrieg kehrte er 1949 nach Deutschland zurück und übernahm einen Lehrstuhl für Sozialphilosophie an der Universität Frankfurt. Max HORKHEIMER starb 1973 in Nürnberg. Zuvor wurde 1969 noch die Schrift „Dialektik der Aufklärung“ und 1970 die Schrift „Traditionelle und kritische Theorie“ auf Deutsch veröffentlicht.
6 vgl. S. MÜLLER-DOOHM, Adorno. Eine Biographie, Frankfurt (Main), 2003, S. 31
7 vgl. S. MÜLLER-DOOHM, Adorno. Eine Biographie, Frankfurt (Main), 2003, S. 105 ff.
8 vgl. ebd., S. 186
9 vgl. ebd., S. 257 f.
6
2.2 ADORNOS und HORKHEIMERS Verständnis von „kritischer Theorie“
„Kritische Theorie“ ist ein Begriff, der aus zwei Teilen besteht, dem Oberbegriff „Theorie“ und der spezifischen Differenz „kritisch“. „Kritische Theorie“ ist folglich die Theorie, welche im Unterschied zu anderen Theorien „kritisch“ ist. Sie setzt sich nach einem Aufsatz von HORKHEIMER 10 der „traditionellen Theorie“ entgegen.
Zunächst wird HORKHEIMERS Beschreibung der traditionellen Theorie dargestellt, um dann auf den Entwurf der kritischen Theorie einzugehen, der nach HORKHEIMER aufgrund der Mängel der traditionellen Theorie vonnöten ist.
2.2.1 Traditionelle Theorie
„Traditionelle Theorie“ ist nach HORKHEIMER dadurch gekennzeichnet, dass ihr Ziel darin besteht, ein widerspruchsfreies und universelles System der Wissenschaft aufzustellen, aus welchem dann Sätze aller Wissenschaftsgebiete deduzierbar sind. 11 Die traditionelle Wissenschaft hat den Anspruch, Ergebnisse zu produzieren, die unabhängig von Werturteilen des Forschers sind. Die Feststellung, „daß Gerechtigkeit und Freiheit besser sind als Ungerechtigkeit und Unterdrückung“ 12 ist nach der „traditionellen Theorie“ wissenschaftlich nicht verifizierbar und damit nutzlos. Dadurch, dass die Wissenschaft aber in den arbeitsteiligen gesellschaftlichen Produktionsprozess integriert ist, untersucht sie nur Tatsachen, die nicht unabhängig von der jeweiligen Gesellschafts-form und damit historisch bedingt sind. Sie ist somit nur am Bestehenden ausgerichtet und damit unkritisch. Traditionelle Theorie löst dabei gesellschaftliche Widersprüche auf, um Tatsachen in ihrem System klassifizieren zu können, obwohl die Widersprüche tatsächlich bestehen und von gesellschaftlicher Relevanz sein können.
10 M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 12-56
11 vgl. M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, a. a. O., S. 12
12 M. HORKHEIMER, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, a. a. O., S. 33
7
2.2.2 Kritische Theorie
Kritische Theorie, deren „Kritik“ „weniger im Sinn der idealistischen Kritik der reinen Vernunft als in dem der dialektischen Kritik der politischen Ökonomie verstanden“ 13 wird, hat nicht den Anspruch, traditionelle Theorie vollkommen zu verdrängen. Traditionelle und kritische Theorie sind demnach keine Alternativmodelle, zwischen denen man sich entscheiden müsse. Kritische Theorie ist vielmehr als Erweiterung und Ergänzung der traditionellen Theorie zu sehen. So kann beispielsweise auf naturwissenschaftlich-technische Erkenntnisse der traditionellen Theorie nicht verzichtet werden.
Kritische Theorie hat die Gesellschaft zum Gegenstand 14 . Sie will die notwendigen Widersprüche des Gesellschaftssystems beseitigen, nicht indem sie diese ignoriert, sondern indem sie die Form der Gesellschaft aufhebt. Kritische Theorie bedient sich hierzu der Methode der Dialektik. Obwohl es dem Menschen erscheine, dass Gesellschaft ein Mechanismus sei, ist Gesellschaft von Menschen gemacht. 15 Der Mensch kann sie daher auch wieder verändern. Kritische Theorie ist emanzipativ. Emanzipation bezieht sich dabei auf die Veränderung des Ganzen. Das Elend der Gegenwart resultiert nach HORKHEIMER nicht mehr aus dem Mangel an Produktivkräften, also den technisch-organisatorischen Möglichkeiten, sondern aus der ungerechten Gestaltung der Gesellschaft. 16 Wenn in der kritischen Theorie von Materialismus die Rede ist, dann ist dies nicht als Antwort auf metaphysische Grundfragen gemünzt. Vielmehr geht der Materialismus im Sinne der kritischen Theorie von den materiellen Produktionsverhältnissen aus, welche in Bezug auf ihre gesellschaftliche Funktion analysiert und kritisiert werden. 17
Kritische Theorie versteht sich als Einheit von Wissenschaft und Praxis, denn wer wie
13 M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 12-56, S. 27, Fußnote 14
14 vgl. M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 12-56, S. 27
15 vgl. ebd, S. 28
16 vgl. M. HORKHEIMER, Materialismus und Metaphysik, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 65-94, S. 76
17 vgl. M. HORKHEIMER, Materialismus und Metaphysik, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie, Frankfurt (Main), 1974, S. 65-94, S. 68
8
die traditionelle Theorie auf eine Trennung von Denken und Handeln plädiere, der habe „auf Humanität schon verzichtet.“ 18 Auch ist die kritische Theorie selbst der Veränderung unterworfen. Denn wenn sich das gesellschaftliche Unrecht anders akzentuiert, muss die kritische Theorie diesen Veränderungen Rechnung tragen und ihre Kritik re-formulieren.
Letztendlich lässt sich sagen, dass Begriff und Inhalt der „kritischen Theorie“ schwer zu fixieren sind, was an dem folgenden Zitat HORKHEIMERS noch einmal deutlich wird: „Die kritische Theorie hat bei aller Einsichtigkeit der einzelnen Schritte und der Übereinstimmung ihrer Elemente mit den fortgeschrittensten traditionellen Theorien keine spezifische Instanz für sich als das mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts.“ 19
2.3 Das Philosophieverständnis der kritischen Theorie
Nach dem Verständnis von HORKHEIMER 20 lässt sich keine Definition von Philosophie angeben. „Ihre Definition ist identisch mit der expliziten Darstellung dessen, was sie zu sagen hat.“ 21 HORKHEIMER konkretisiert diese Aussage, indem er auf die Möglichkeiten und Auswirkungen der Philosophie eingeht. Philosophie allein könne zwar weder erreichen, „daß die barbarisierende Tendenz, noch, daß die humanistische Einstellung sich in Zukunft durchsetzt“ 22 , aber „als Korrektiv der Geschichte“ 23 dabei helfen, „den Weg der Menschheit davor zu bewahren, der sinnlosen Runde des Anstaltsinsassen während seiner Erholungsstunde ähnlich zu werden.“ 24 Philosophie führe dabei aber nicht zu Aktivismus, sondern zur Reflexion über Vernunft. 25 Die Philosophie könne nicht vorschreiben, wie die Menschheit sich dem Bestehenden entziehen kann, sie könne aber versuchen, Klarheit über die Situation zu schaffen und den „Bann des
18 M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 12-56, S. 56
19 M. HORKHEIMER, Traditionelle und kritische Theorie, in: ders., Traditionelle und kritische Theorie. Vier Aufsätze, Frankfurt, (Main), 1974, S. 12-56, S. 56
20 M. HORKHEIMER, Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, a. a. O., S. 155
21 ebd.
22 ebd., S. 173
23 ebd.
24 ebd.
25 ebd., S. 171 f.
9
Bestehenden“ 26 beim Namen zu nennen. So könne - hofft HORKHEIMER - „vielleicht aus dem präzisen Wissen um das Falsche das Richtige sich durchsetzen.“ 27
Nachdem in diesem Abschnitt die Grundpositionen der kritischen Theorie in der für das Erkenntnisinteresse gegebenen Kürze grob umrissen wurden, folgt im nächsten Abschnitt eine Untersuchung darüber, was unter „Nationalismus“ verstanden wird.
26 M. HORKHEIMER, Zum Begriff des Menschen, in: A. SCHMIDT (Hrsg.), Max Horkheimer. Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, a. a. O., S.177-202, S. 202
27 ebd.
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Markus Andreas Mayer, 2005, Nationalismuskritik bei Adorno und Horkheimer, München, GRIN Verlag GmbH
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