Philosophie und der Psychologie hat. Mit seinen Arbeiten in genetischer Psychologie und Erkenntnistheorie wollte Piaget eine Antwort auf die Grundfrage nach dem Aufbau der Erkenntnis geben. Seine Forschungsarbeiten um die Logik des Kindes haben deutlich werden lassen, dass diese sich progressiv nach eigenen Gesetzen aufbaut und dass sie sich dann im Laufe des Lebens, charakteristischen Etappen folgend bis zum Erwachsenenstadium hin weiterentwickelt. Der wesentlichste erkenntnistheoretische Beitrag Piagets war, nachgewiesen zu haben, dass das Kind spezifische, wissenschaftliche Denkformen entwickelt, die sich von denen des Erwachsenen gänzlich unterscheiden Das Werk Piagets hat eine weltweite Verbreitung erfahren und ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden.
2. zu Piaget: Die moralische Regel beim Kind
Das Anliegen Piagets in diesem Text, der diesem Kurzreferat zu Grunde liegt, ist es, darzustellen, wie sich bei einem Kind moralisches Empfinden, der Gerechtigkeitssinn und der Respekt vor einer objektiven Wahrheit bilden.
2.1. Vorbemerkungen zur Methode
Zunächst hebt Piaget hervor, dass das Kind oft als ‚kleiner Erwachsener’ betrachtet wird, der es aber nicht ist. Daher ist es nicht sinnvoll, ihm die Verhaltensregeln für Erwachsene beizubringen. Deshalb ist die psychologische Untersuchung der Entwicklung der moralischen Begriffe beim Kind für Pädagogen ebenso wichtig wie für Psychologen.
2.1.1.
Die ersten Psychologen, die den Ursprung des moralischen Verhaltens untersuchten, führten Pflichtbewusstsein / Bewusstsein für das Gute auf Vergnügen, Sympathie, Gewohnheit u. Ä. zurück. Baldwin und Bovet zeigten (in einer Untersuchung über die Genese des Pflichtbewusstseins) auf, dass diese Versuche als gehaltlos eingestuft werden müssen, da moralisches Bewusstsein im individuellen Bewusstsein nicht von Anfang an angelegt ist. Das Pflichtgefühl ist also nicht angeboren! Moralisches Pflichtbewusstsein setzt eine Beziehung zwischen mindestens zwei Individuen voraus ( eine Person, die ein Gebot erteilt und eine, die dieses Gebot akzeptiert). Ein Kind nimmt von Menschen, vor denen es Respekt hat, Gebote als verpflichtend an
à Das moralische Bewusstsein eines Kindes ist zu Beginn nur die Gesamtheit der akzeptierten Gebote
2.1.2.
Soziologen der Schule Durkheims 3 widersprechen Bovet scheinbar. Für sie ist der Regelbegriff sozial, nicht individuell geprägt, d. h. aus Einsicht und in Übereinstimmung mit den wissenschaftlich-rationalen
3 Emile Durkheim (1859-1917) gehört zu den Gründungsvätern der Soziologie.
3
Grundlagen werden die gesellschaftlich geforderten Moralregeln übernommen, „weil wir überzeugt sind, daß er (der Befehlt der Gesellschaft […]) gut ist und daß wir es nicht besser machen könnten“ 4 . Dagegen braucht es bei Bovet für das Regelbewusstsein nur eine Beziehung zwischen zwei Individuen. Piaget weist darauf hin, dass dieser Widerspruch nur ein scheinbarer ist, denn eigentlic h stimmen beide Thesen im Grundsatz überein: Das Gefühl für die Regel kommt nicht aus dem Individuum selbst, sondern etabliert sich durch die Beziehung zu anderen Individuen.
Ob die Betrachtung der Regel von außen (Nichtberücksichtigung der Individuen) oder von innen (Nichtberücksichtigung der Geschichte der Gesellschaften) erfolgt, kann als zweitrangig angesehen werden. à Es handelt sich um keinen Konflikt; vielmehr verfahren die Methoden parallel .
4 Garz: Sozialpsychologische Entwicklungstheorien, Opladen 1989, S. 86
4
2.1.3. Ein Einwand gegen die psychologische Methode Bovets
Der Haupteinwand gegen Bovet lautet: Wenn jede Regelannahme mit der Achtung vor dem erhaltenen Gebot begründet werden muss, ist absoluter Relativismus möglich!
Woher kommt also die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Regeln? Erklärt die These von der Achtung gegebener Geboten die Auswahl zwischen Dingen, die das Bewusstsein annimmt und Dingen, die verworfen werden?
Für Piaget ist dieser Einwand unbegründet und schon durch Bovet selbst widerlegt mittels Beschreibung der Überschneidung von sich bildendem Gewissen und den aufgenommenen Einflüssen.
Sobald das Kind von anderen und mehreren Menschen als nur seinen Eltern Gebote empfängt, die sich auch widersprechen, muss es beginnen auszuwählen, was es als richtig und was als falsch ansieht. Dies geschieht mittels Eingriff der Vernunft.
2.2. Die Frage nach Bildung eines autonomen Bewusstseins
Wie gelangt das kindliche Bewusstsein von der Heteronomie zur Autonomie, wenn anfangs doch alles, was die Eltern gebieten, vorbehaltlos als „gut“ angenommen wird?
2.2.1. Die beiden Formen der Achtung - untersucht anhand von Spielregeln
1. die einseitige Achtung (Beziehung zwischen zwei ungleichen Individuen, wobei eines sich dem anderen unterordnet, zum Beispiel die Beziehung Kind-Erwachsener)
2. die gegenseitige Achtung (Anerkennung der Konventionen zwischen zwei moralisch gleichgestellten Individuen, z. B. zwischen gleichaltrigen Kindern).
Es soll untersucht werden, welche Regelkategorien die jeweilige Form der Achtung hervorbringt und ob es zwei Typen von Regelbewusstsein gibt.
Hier muss nun unterscheiden werden zwischen dem Praktizieren der Regel, also. der Art der tatsächlichen Anwendung und dem Bewusstsein der Regel, d. h. in wieweit sich die Kinder verschiedenen Alters der Regel als heilige, verpflichtende Regeln unterwerfen.
Im Alter von 7-8 Jahren sind Kinder unfähig, den Regeln zu folgen. Sie spielen auch im Zusammenspiel noch einzeln für sich und denken, alle spielen wie sie selbst. Dennoch werden die Regeln als heilig und unantastbar angesehen, „Die Regel hat eine in sich selbst ruhende Wahrheit“ 5 und ist aus sich selbst heraus „richtig“. Im Alter von 8-10 Jahren werden Übereinstimmungen mit den Spielkameraden gesucht. Das Kind versucht, sich an bestimmte Gemeinschaftsregeln zu halten, meist jedoch erfolglos. Die Regeln werden nach wie vor als heilig und unantastbar angesehen
à Die Kinder bis zum Alter von etwa 10 Jahren, die nur einseitige Achtung kennen, halten die Regeln für heilig und unantastbar.
Im Alter von 10-11 Jahren werden die Regeln fixiert - und auch nicht mehr als unantastbar angesehen; sie sind nicht mehr heilig , sondern veränderbar.
5 Piaget: Die moralische Regel beim Kind, in: Bertram (Hrsg.): Gesellschaftlicher Zwang und moralische Autonomie,
Frankfurt am Main 1986, S. 109f
5
Arbeit zitieren:
Sonja Filip, 2005, Jean Piaget: Das moralische Urteil beim Kinde, München, GRIN Verlag GmbH
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