Inhaltsverzeichnis
1.0 Zielsetzung der Studie 3
2.1 Welche Wissenschaft widmet sich der Betrachtung
des „Unbewegten Bewegers“? 4
2.2 Über die Rolle der Astronomie in Aristoteles’ Wissenschaftsmodell 6
3.0 Die Funktion des „Unbewegten Bewegers“ in Aristoteles’ Philosophie
3.1 Mit welchen physikalischen Voraussetzungen versucht Aristoteles, die Existenz
des „Unbewegten Bewege rs“ zu beweisen? 11
3.2 Vergleich der Stellen Metaphysik 12, 6-9 und Physik 8, 10 17
4.0 Schlussbetrachtung: Die Vereinbarung der „causa efficiens“ und „causa finalis“
S. 25
5.0 Bibliographie 27
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1.0 Zielsetzung der Studie
In dieser Hausarbeit möchte ich, ausgehend von meinem Seminarreferat über Aristoteles’ Beweisführung von der Existenz eines „unbewegten Bewegers“ im achten Buch seiner „Physikvorlesung“, der Frage nachgehen, welchen Stellenwert die Philosophie des „unbewegten Bewegers“ in Aristoteles’ naturphilosophischer Schrift „Physikvorlesung“ und in der „Metaphysik“ innehat.
Es wird zunächst eine wissenschaftstheoretische Reflexion erfolgen, die klärt, nach welchen Kriterien Aristoteles zu einer Einteilung der verschiedenen Wissenschaften gelangt, um zu erfahren, welche Wissenschaft sich mit dem „unbewegten Beweger“ befasst. Dabei untersuche ich, welche Anhaltspunkte Aristoteles nennt, um eine Differenzierung zwischen der Metaphysik als Theologie beziehungsweise der Metaphysik als Ontologie vorzunehmen. Ebenso wird die komplexe Sonderrolle der Kosmologie, innerhalb des aristotelischen Wissenschaftsmodells, nicht unerwähnt bleiben.
Darüber hinaus muss festgestellt werden, wo genau der „unbewegte Beweger“ zu verorten ist und welches seine charakteristischen Eigenschaften sind, die ihn von allem Anderen, was existiert unterscheiden. Als sekundärliterarische Hilfen sind Klaus Qehlers„ Der unbewegte Beweger des Aristoteles“ 1 und Bernd Manuwalds „Studie n zum unbewegten Beweger in der Naturphilosophie des Aristoteles“ 2 vorgesehen.
Der Hauptteil der Hausarbeit besteht aus einem Vergleich der unterschiedlichen Quellenaussagen über den „Unbewegten Beweger“, wie man ihn durch die Gegenüberstellung der Textste llen aus dem achten Buch der „Physikvorlesung“ 3 und ab dem zwölften Buch der „Metaphysik“ 4 konstruieren kann. Dabei sollen auffällige Form-und
Argumentationsunterschiede, sowie Abweichungen und Widersprüche in einer möglichst genauen Textanalyse herauskristallisiert werden. Die beiden scheinbar widerspüchlichen Deutungen des „Unbewegten Bewegers“ als einer Wirkursache (causa efficiens) in der „Physikvorlesung“, oder einer Finalursache (causa finalis) in der „Metaphysik“, sollen im Laufe sich leitmotivisch durch die Studie ziehen.
1 Oehler, Klaus: „Der Unbewegte Beweger des Aristoteles“, Frankfurt am Main 1984.
2 Manuwald, Bernd: „Studien zum Unbewegten Beweger in der Naturphilosophie des Aristoteles.“ Akademie der Wissenschaften, Jg. 1989, Nr. 9, Stuttgart 1989.
3 Aristoteles: „Physikvorlesung“. Aristoteles Werke Bd. 11, übers. v. Hans Wagner, 5. Aufl., Berlin 1989.
4 Aristoteles: „Metaphysik“. Übers. v. Hermann Bonitz, 3. Aufl., Hamburg 2002.
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2.1 Welche Wissenschaft widmet sich der Betrachtung des „Unbewegten Bewegers?“
Die Quellen, in welchen der „Unbewegte Beweger“ explizit beschrieben wird, sind insbesondere die letzten Kapitel im achten Buch der „Physikvorlesung“, das zwölfte Buch in der „Metaphysik“ und die Stellen über den Aufbau des Kosmos im ersten und zweiten Buch von „De caelo“.
Dass es in den Aufgabenbereich der ersten Philosophie (Metaphysik) fällt, sich mit dem Phänomen des „Unbewegten Bewegers“ zu befassen, ist von Aristoteles selbst festgelegt worden. Um dies zu verfolgen, muss man seine Einteilung der Wissenschaften heranziehen. Hierüber äußert er sich sowohl im zweiten Buch seiner „Physikvorlesung“, als auch im sechsten Buch der „Metaphysik“. Zunächst sei die Stelle in der „Physikvorlesung“ betrachtet. Er erläutert die Gegenstände der Physik, die „Naturprodukte“ 5 , deren charakteristische Eigenschaften darin bestehen, dass bewegt sind, das heißt einem Prinzip der Prozessualität gehorchen, über Ortsbewegung, Wachsen und Abnehmen oder qualitative Veränderungen verfügen. 6 Als nächster Schritt erfolgt die Differenzierung von Gestalt und Materie und dem Wesen der Naturdinge. Die Physik befasst sich mit Naturdingen, die immer aus Gestalt und Materie beschaffen sin d. Als Wissenschaft kommt sie daher nicht umhin, stets die Materie und die Gestalt zu untersuchen, da diese bei Naturdingen untrennbar verknüpft sind:
„[...] wenn weiterhin (mindestens) bis zu einem gewissen Punkte, Gestalt und Material die Gegenstände ei ner und derselben Wissenschaft sein müssen - [...] dann wird man den Schluss ziehen müssen, dass auch in der Physik beide Naturmomente zusammen den Gegenstand darstellen.“ 7
Im zweiten Buch der „Physikvorlesung“ umschreibt Aristoteles sehr umfangreich die Gegenstände der Physik und skizziert kontrastierend die Charakteristika von Mathematik und Metaphysik. Eine kurze Passage, im siebten Kapitel des zweiten Buches der „Physikvorlesung“, widmet Aristoteles einer Einteilung der Wissenschaften, die jedoch nicht der Einteilung der Wissenschaften, wie er sie im sechsten Buch der „Metaphysik“ liefert, entspricht. Dies soll im Kapitel „Über die Rolle der Astronomie in Aristoteles’ Wissenschaftsmodell“ noch eingehend untersucht werden.
In „Metaphysik“ Buch 6, Kap. 1 [1026a 7f.] präsentiert Aristoteles eine komprimierte Einteilung der Wissenschaften. Zu Beginn der Passage ist die Rede von der ersten Philosophie
5 Aristoteles: „Physikvorlesung“, [192b8], Zeile 5-10.
6 Vgl. Aristoteles: „Physikvorlesung“, [192b8], S. 32, Zeile 5-16.
7 Aristoteles: „Physikvorlesung“, [194a], S. 33, Zeile 24-26.
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als einer der Physik und Mathematik „vorausgehenden Wissenschaft“ 8 Die Metaphysik wird bei Aristoteles als ranghöchste Wissenschaft eingestuft, weil ihre Gegenstände die erste Grundlage sind, auf welcher die anderen Gegenstände und die sich mit ihnen befassenden Wissenschaften basieren. Zu Aristoteles’ Begriffsinventar mit kategorialer Funktion gehören Begriffe, wie „bewegt“, „Stoff“, „untrennbar“, „abtrennbar“, oder „das Sichtbare“. Im sechsten Buch der „Metaphysik“ skizziert Aristoteles die Gegenstände der Mathematik, welche „unbewegt“ und „nicht abtrennbar“ sind. Danach beschreibt er diejenigen der Physik, welc he „bewegt“ und „nicht abgetrennt“ sind. Die Metaphysik, oder auch erste Philosophie befasst sich mit besonderen Gegenständen, die „unbewegt“ (unveränderlich) und „abtrennbar“, (das heißt nicht sinnlich wahrnehmbar) sind. Aristoteles gelangt über die Klassifikation der Gegenstände zur Einteilung der Wissenschaften:
„[...] einiges zur Mathematik Gehörende betrifft Unbewegliches, das aber nicht abtrennbar ist, sondern als an einem Stoff befindlich; die erste Philosophie handelt aber von abtrennbaren (selbständigen), als auch von unbeweglichen Dingen.“ 9
Da Aristoteles den Gegenständen der Mathematik, Nicht-Abgetrenntheit zuschreibt, findet man hier wieder einen Verweis auf die Gegenstände der Astronomie, die sichtbar, aber nach Aristoteles’ Ansicht, unbewegt sind.
Aristoteles bezeichnet die Metaphysik im elften Buch der „Metaphysik“ als Theologie 10 und differenziert zwischen verschiedenen Teilbereichen innerhalb der Metaphysik, dem Seienden, das in „vielfachen Bedeutungen“ untersucht wird. Es gibt die Theologie bzw. Metaphysik als Frage nach der ersten Ursache oder dem „Unbewegten Beweger“, beziehungsweise dem Ausgangspunkt des Seienden als Seiendes. Als Zweites gibt es die Ontologie, die sich die Frage nach den Prinzipien stellt, dem Sein, sofern es Seiendes ist und zuletzt die Theorie von den Allgemeinbegriffen, wie beispielsweise Substanz, Akzidenz und Potenz: „Da aber das Seiende, schlechthin ausgesprochen, in vielfachen Bedeutungen gebraucht wird, von denen das eine das Akzidentielle war, ein anderes das als Wahres (bezeichnete), und das Nichtseiende als Falsches, außerdem die verschiedenen Arten der Kategorien - z.B. das Seiende bezeichnet ein Was, ein anderes eine Qualität...[...].“ 11
Die wichtigste Kategorie, zur Differenzierung der Gegenstände der Wissenschaften, ist der Begriff „Bewegung“. Dieser stellt eine Grundkategorie von Aristoteles’ philosophischer Konzeption dar. Er ist ein Kriterium, das sich auf alle Gegenstände der unterschiedlichen
8 Aristoteles (2002): „Metaphysik“, [1026a] , S. 169, Zeile 12-14.
9 Aristoteles (1989), übers. v. H. Bonitz, bearb. von H. Seidel: „Metaphysik“ , [1026a f.].
10 Siehe das Kapitel „Die erste Philosophie als Theologie“ In: Aristoteles (2002): „Metaphysik“, [1064a f.], S. 298-291.
11 Aristoteles (1989): „Metaphysik“, [1026a], S. 255.
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Wissenschaften anwenden lässt und sie entweder dadurch klassifiziert, dass sie „bewegt“ oder „unbewegt“ sind. Die „Bewegung“ umfasst Bewegung im Raum, „quantitative Veränderung (jemand wird kleiner oder größer), und die qualitative Veränderung (jemand wird klüger)“, sowie die „Wesensveränderung (ein Mensch entsteht o der vergeht)“. 12 Der Begriff „Bewegung“ dient zur Klassifikation von Gegenständen der Wissenschaften, was auch zur Einteilung der Wissenschaften nach den daraus resultierenden Ergebnissen führt.“ 13 Die ranghöchste Wissenschaft bei Aristoteles ist, wie schon gesagt, die erste Philosophie (Metaphysik). Das Wissen von Dingen, die stofflos, nicht sinnlich-wahrnehmbar sind, die Vorstellungskraft und Vernunft beanspruchen und die Grundlage für die übrigen Gegenstände sein müssen, wird von Aristoteles am höchsten gewertet:
„Denn unzweifelhaft ist, dass, wenn sich irgendwo ein Göttliches findet, es sich in einer solchen Wesenheit findet und die würdigste Wissenschaft die würdigste Gattung des Seienden zum Gegenstand haben muß“ 14
Wenn man von einem „Unbewegten Beweger“ spricht, so befasst man sich mit einem Teilgebiet der Metaphysik, nämlich der Metaphysik als Theologie. Andererseits unternimmt Aristoteles den Versuch die Existenz eines „Unbewegten Bewegers“ logisch und physikalisch zu beweisen, wodurch dieses Phänomen nicht nur als eine Glaubenssache erscheint, sondern den Status einer logisch-notwendigen Naturtatsache erlangt.
Allerdings entsteht eine gewisse Problematik, die Aristoteles’ Dreiteilung der Wissenschaften innewohnt, wenn man bedenkt, dass er sich zu dieser Frage an verschiedenen Stellen seines Gesamtwerks widersprüchlich äußert. Dies soll im Folgenden näher betrachtet werden.
2.2 Über die Rolle der Astronomie in Aristoteles’ Wissenschaftsmodell
Heinz Happ macht in seinem Aufsatz „Kosmologie und Metaphysik bei Aristoteles. Ein Beitrag zum Transzendenzproblem“ 15 , darauf aufmerksam, dass Aristoteles’ Einteilung der Wissenschaften nicht so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Im zweiten Buch der „Physikvorlesung“ unterteilt Aristoteles die Wissenschaften auf andere Weise, als im sechsten Buch der „Metaphysik“. Er sagt, es gibt :
12 Vgl. hierzu Höffe, Otfried (Hrsg.): „Klassiker der Philosophie. Von den Vorsokratikern bis David Hume.“ Bd.1, 3. Aufl. München 1994, S. 75.
13 Siehe erstes Kapitel von Aristoteles: „Analytica Posterioria“, übers. v. Hans Günter Zekl, Hamburg 1998.
14 Aristoteles: „Metaphysik“,[ 1026a], Zeile 19-22 , S.169.
15 Happ, Heinz: „Kosmologie und Metaphysik bei Aristoteles- Ein Beitrag zum Transzendenzproblem.“ In: Parusia. Studien zur Philosophie Platons und zur Problemgeschichte des Platonismus. Festgabe für Johannes Hirschberger. Hrsg. von Kurt Flasch. Frankfurt am Main, 1965, S. 155-187.
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„[...] drei Disziplinen: die Wissenschaft vom Prozessfreien, die Wissenschaft vom unvergänglichen Prozesshaften, die Wissenschaft vom Vergänglichen [...].“ 16
Demnach müsste die Metaphysik als „Wissenschaft vom Prozessfreien“, die Mathematik als Wissenschaft vom „unvergänglich Prozesshaften“ und die Physik als „Wissenschaft vom Vergänglichen“ gelten. Während die Auffassungen von Metaphysik und Physik noch unproblematisch für die im sechsten Buch der „Metaphysik“ getroffene Einteilung sind, so fragt sich, inwiefern die Mathematik als unvergänglich prozesshaft verstanden werden kann. Das zur Mathematik Gehörende betrifft, nach Aristoteles’ oben zitierter Definition im sechsten Buch der „Metaphysik“, Unbewegliches, das aber nicht trennbar ist, sondern an einem Stoff befindlich. Diese Aussage stimmt nicht mit dem Gedanken überein, der, wie in Euklids Kreisdefinition, den Bereich des Abstrakten für die Mathematik reserviert. Es wird in die Mathematik etwas hineingemischt, was eine Zwischenstellung innehat. Es handelt sich um die Astronomie. Die Dreiteilung der theoretischen Wissenschaften in der zitierten Physikstelle [198a 29-31] lautet, so Happ, nicht Physik-Mathematik-Metaphysik, sondern „Physik-Astronomie -Metaphysik.“ 17 Happ argumentiert hier, dass Aristoteles die Astronomie als höchste Teildisziplin der Mathematik aufgefasst habe:
„[...]weil sie allein sich mit Substanzen befasse, die anderen Teile der Mathematik nicht.“ 18
Nach Aristoteles, sei die Astronomie „ von allen mathematischen Disziplinen am engsten mit der Philosophie verwandt.“ 19 Von Aristoteles’ Lehrer Platon, der die drei Seinsarten in „Sinnendinge-Mathematisches-Ideen“ 20 eingeteilt hat, als drei Bereiche, die alle aus der ersten Substanz hervorgehen, bleiben bei Aristoteles nur zwei übrig, weil er „Mathematik und Physik ein gemeinsames Materialobjekt gab“ 21 . Dieses gemeinsame Materialobjekt besteht darin, dass Aristoteles sowohl der Mathematik, als auch der Physik, Gegenstände zuspricht, die sichtbar (nicht abtrennbar) sind. Dies gilt für die Mathematik, sofern man sie als Astronomie versteht und für die Methode der Mathematiker, zur Veranschaulichung abstrakter mathematischer Prinzipien, sichtbare Gegenstände der Wirklichkeit zu benutzen.
16 Aristoteles: „Physikvorlesung“, [198a 30-32], S. 50.
17 Happ (1965): „Kosmologie und Metaphysik bei Aristoteles. Ein Beitrag zum Transzendenzproblem.“, S. 171.
18 Ebd.
19 Happ (1965): „Kosmologie und Metaphysik bei Aristoteles. Ein Beitrag zum Transzendenzproblem.“, S. 171.
20 Ders., S. 170.
21 Ders., S. 171.
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Arbeit zitieren:
Magistra artium Yvonne Rudolph, 2005, Aristoteles Beweisführung über Existenz und Eigenschaften des "unbewegten Bewegers" in der "Physikvorlesung", im Vergleich mit seiner Darstellung des "Unbewegten Bewegers" in der "Metaphysik", München, GRIN Verlag GmbH
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