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Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung 1
1. Grundlagen 4
1.1 Begriffliches 4
1.2. Physiologische Grundlagen 6
1.3. Aktuelle, situative Informationsverarbeitung 7
1.4. Musik und Emotion 8
Exkurs : Psychoanalytische Herangehensweise 9
1.5. Hörertypologien 10
1.6. Musikalische Sozialisation 12
1.6.1. Elternhaus 13
1.6.2. Gleichaltrige (Peers oder Peer Groups) 15
1.6.3. Lebensalter historische Zeit 16
1.6.4. Schule 17
1.6.5. Medien 18
2. Befragung 19
2.2. Das Stück „Sentimenti“ 19
2.3. Fragebogen 21
2.4. Einzelauswertungen 24
2.5. Gesamtauswertung 34
3. Fazit 37
4. Literatur 40
5. Anhang ab 42
I. Schaubild Musikalische Sozialisation
II. Musterfragebogen
III. Übersicht Persönliche Angaben
IV. Übersicht Musikgeschmack
V. Übersicht Musikalische Umgangsweisen
VI. Übersicht Angaben zu Sentimenti
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Einleitung
„Klassische Musik macht spendabel“ lautet eine neue Erkenntnis der Forscher
der Uni Leicester. 1 Sie schaffe in Restaurants eine Atmosphäre von Kultiviertheit und Wohlstand, die die Menschen zum Geldausgeben veranlasse. Musik also als Machtmittel zur Manipulation? Vielleicht eher: Bestimmte Musik als Medium für bestimmte Inhalte (Klassik=Kultiviertheit), die den Menschen, in diesem Falle den Besucher des Restaurants, erreichen soll (Antrieb zu einem bestimmten Konsumverhalten nicht ausgeschlossen). Das Erreichen von Menschen durch Musik haben sich auch Johan Simons und Paul Koek, Regisseure des Stückes „Sentimenti“, zum Ziel gesetzt. Das am 18. Juni 2003 in der Jahrhunderthalle Bochum uraufgeführte Stück basiert auf dem Roman „Milch und Kohle“ von Ralf Rothmann und besteht aus szenisch dargestellten Ausschnitten aus der Textvorlage sowie Arien und Duetten Guiseppe Verdis. In dieser gegenseitigen Durchdringung von Musik, Text und Szene sollen die Gefühle des Hauptdarstellers Simon, aber auch die der anderen Personen, vor allem seiner Mutter, lebensecht wiedergegeben werden, um im Zuschauer das „wahre Sentiment“ zu rühren, das „vollständige, intensive und un-
berechenbare“ Gefühl 2 , das bei erneutem Hören einer Arie wiederholbar sei. Liebe und Tod sind die beiden grossen Emotionen, um die es in „Sentimenti“ hauptsächlich geht.
Das musikwissenschaftliche Hauptseminar „Triennale Projekt Passato Sentimento“, wie „Sentimenti“ zunächst heissen sollte, beschäftigte sich mit diesem Ansatz, dem Versuch einer Zusammenführung von Musik- und Sprechtheater, und diskutierte in Arbeitsgruppen das Vorgehen (die Produktion „Sentimenti“ im Allgemeinen), die Hintergründe (Verdi und seine Zeit) sowie die musikpsychologische Seite der Zielsetzung. Folgende Fragen kamen in der letztgenannten Gruppe auf: Kann das Stück dem Anspruch, in den Menschen solch tiefe Gefühle zu wecken, gerecht werden? Fühlt denn nicht jeder anders? Wie kann das Urteil über ein solches Vorhaben aussehen?
1 Artikel ‚Klassische Musik macht spendabel‘ in: Rheinische Post, Jahrgang 58, Nr.233, 08.
Oktober 2003
2 KOEK, Paul: Über Sentimenti, in:
http://www.ruhrtriennale.de/de/?page=/de/programm/haupt03/sentimenten/, Stand: Dezember
2003
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Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, die musikalische Urteilsbildung zunächst generell zu betrachten, um im Anschluß daran in einer Befragung die Meinung der Teilnehmer des Seminars, die „Sentimenti“ gesehen haben, darzustellen und im Hinblick auf den persönlichen Werdegang eines jeden zu untersuchen.
Kapitel 1 bietet hierbei Grundlagen über Begriffliches, über die physiologische Seite der Verarbeitung von Musik, über den Bereich Musik und Emotion sowie über den Ansatz der Hörertypologien, in denen das Hörverhalten generalisiert zusammengefasst und vergleichbar gemacht wird. Der folgende Abschnitt über musikalische Sozia lisation stellt zusammenfassend die Aspekte dar, die bei der Entwicklung des Individuums, das die musikalischen Urteile fällt, prägend eingewirkt haben.
Kapitel 2 behandelt daraufhin die Befragung von sieben der Seminarteilnehmer. Nach einem kurzen Einblic k in die inhaltliche und strukturelle Seite des Stücks „Sentimenti“ wird der Fragebogen dazu vorgestellt, der im Anschluß zunächst in die Auswertung der Aussagen der einzelnen Personen aufgeschlüsselt wird. Darauf folgt eine Gesamtauswertung der Befragung, in der thesenartig die Ergebnisse zusammengefasst werden. Ein Fazit folgt in Kapitel 3.
Es soll zunächst noch auf ein Problem hingewiesen werden, das das grundsätzliche Menschenbild betrifft: Manche Soziologen oder Psychologen (z.B. klassische Behavioristen wie Watson, Pawlow und Skinner) gehen von einem während des Sozialisationsprozess passiv empfangenden Zöglings aus, der von den Sozialisationsinstanzen, z.B. Eltern oder Lehrern, „Input“ nur empfängt. Introspektion spielt hierbei keine Rolle; der Lernende ist wie eine „black box“man erkennt nicht und es interessiert nicht, was in ihm passiert. Der „Output“, also das Verhalten und die Persönlichkeit des Menschen, sind danach reine Resultate des „Inputs“. Andere, z.B. Piaget, gestatten dem Individuum zumindest teilweise eine aktive Mitgestaltung an dem Lernprozess zu. Dieser Ansatz des aktiven Edukanden soll für die vorliegende Arbeit als grundlegend gelten. Der Prozess der Entwicklung des Menschen soll als interaktionistisch verlaufend angenommen werden, in dem die Teilsysteme Mensch und Umwelt mit-einander im Austausch stehen. Schließlich zeigt das Beispiel der temperierten Stimmung, dass unser Bewusstsein akustische Strukturen nicht einfach mecha-
5
nisch registriert, sondern damit „aktiv“ umgeht und zwischen verschiedenen Verarbeitungen einen „Kompr omiss“ sucht.
In diesem Sinne bezieht sich die vorliegende Arbeit auf Wissenschaftler (z.B. Bruhn oder Rösing), die die Wahrnehmung von Musik nicht einfach als Reaktion auf musikalische Reize ansehen, sondern als einen Verarbeitungsprozess, in dem der Wahrnehmende das Tonmaterial aktiv nach bestimmten Ordnungsprinzipien strukturiert. Viele der Strukturierungsprinzipien, mit denen das menschliche Bewusstsein musikalische Formen erfasst, werden zwar in den mentalen Strukturen angelegt, werden aber durch soziokulturelle Lernprozesse ausdifferenziert. Hier schließt sich der Kreis wieder bei dem Aspekt der musikalische Sozialisation.
Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass diese Sichtweise der kognitiven Musi kpsychologie für die Integration des emotionalen Musikerlebens keine Konzepte anbietet. Es existiert quasi kein „übergreifendes theoretisches Modell für die
Verarbeitung musikalischer Reize“ 3 , das diese Art der Informationsverarbeitung mit dem Faktor Emotion verbindet. Die emotionale Komponente von Musik als einer „Sprache der Gefühle“ ist jedoch in den verschiedenen Kulturen
und Epochen eine nicht wegzudenkende Konstante 4 und wird deshalb als grundlegend angenommen.
In diesem Sinne gilt: erst durch die Fähigkeit des Menschen, Musik, die im Grunde nichts weiter ist, als eine Masse an Schallwellen, wahrnehmen und interpretatorisch umwandeln zu können, erhält sie Sinn.
3 BRUHN, Herbert: Artikel ‚Tonpsychologie - Gehörpsychologie - Musikpsychologie‘, in:
BRUHN, Herbert/OERTER, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.): Musikpsychologie, Reinbek 4 2002, S.
439-451, S. 447
4 In der europäischen Musikkultur stellt z.B. die barocke Affektenlehre einen Versuch dar,
musikalischen Formen eindeutige Gefühlsbetonungen zuzuordnen.
6
1. Grundlagen
1.1. Begriffliches
a) Wahrnehmungs- und Urteilsprozess
Reiner Niketta zitiert nach Upmeyer die drei Ebenen des Wahrnehmungs- und Urteilsprozesses wie folgt 5 :
Wahrnehmung sei die Transformation von der Stimulusebene 6 auf die Ebene der internen Repräsentation, während die (musikalische) Urteilsbildung als Transformation von der Repräsentationsebene auf die Antwortebene aufgefasst werden kann. Das musikalische Urteil ist dann das Ergebnis dieser Transformation.
Beurteilungen von Musik lassen sich generell auf drei Ebenen unterscheiden 7 :
1. als individuelle Urteile in einer gegebenen Situation (z.B. Kauf einer Schallplatte)
2. als persönliche habituelle Beurteilungsmuster (z.B. generelle Einstellung gegenüber dem Genre Oper) sowie
3. als gesamtgesellschaftliche oder teilkulturelle Phänomene (z.B. Wandel der Mahler-Rezeption in den 1960er Jahren)
Für die vorliegende Arbeit sind die ersten beiden Ebenen von Belang, da sie auf die Urteile der untersuchten Einzelpersonen verweisen.
b) Musikpräferenz
Begriffe wie Musikgeschmack, Musikpräferenz und Einstellung verweisen in der Regel auf relativ stabile Urteilseinbettungen; der Begriff Präferenz kann
sich jedoch z.B. auch auf konkrete, aktuelle Entscheidungen beziehen. 8
5 NIKETTA, Reiner: Artikel ‚Urteils - und Meinungsbildung‘, in: BRUHN, Herbert/OERTER,
Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek 4 2002, S. 329-339, S. 330
6 Objektebene, d.h. ein Objekt, in diesem Fall die Musik, gibt einen Reiz, einen Stimulus, in
diesem Fall einen Hör-Reiz, ab.
7 BEHNE, Klaus-Ernst: Artikel ‚Musikästhetik, III. Musikalische Urteilsbildung‘, in: FINSCHER,
Ludwig (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Band 6, Kassel u.a. 1997,
Sp. 998-1013, Sp. 998
8 BEHNE, Klaus-Ernst: Musikästhetik, Sp. 998
7
Auf den ersten Blick benennt er lediglich die Tatsache, dass manche Menschen bestimmte Musik mögen und andere nicht. Man könnte zusätzlich zur Abgrenzung den Begriff „Akzeptanz“ für die Musik einsetzen, bei der ein Mensch ein nicht-meidendes Verhalten zeigt, die er also toleriert, aber nicht explizit präfe-riert. 9 Einleuchtend erscheint der Vorschlag, zur Vermeidung von Missverständnissen zwischen aktuellen Entscheidungen = Präferenzen und langfristigen Orientierungen = Geschmack zu unterscheiden. 10 Klaus-Ernst Behne trennt in seiner Arbeit über Hörertypologien zudem zwi-schen verba len und klingenden Musikpräferenzen. 11 Verbale sind solche, in denen ein Mensch verbal äußert, welche Musik er präferiert. Klingende äußert jemand dann, wenn er ein Stück hört, dass ihm gefällt. Verbale und klingende Musikpräferenzen müssen nicht zwingend zueinander passen; wenn jemand meint, er mag keine Operette, äußert sich nach dem Hören einer solchen jedoch positiv, so ist dies eine klingende Musikpräferenz.
c) Musikgeschmack
Dollase, Rüsenberg und Stollenwerk stellen in einem Erklärungsschema (siehe Anhang I.) die wichtigsten Faktoren der musikalischen Sozialisation zusam-
men. 12 Auch die Entwicklung des Musikgeschmacks dabei, als Ergebnis des musikalischen Sozialisation, eine Rolle. Der Musikgeschmack bildet sich durch die in der Abbildung aufgezeigten Aspekte wie z.B. den gesellschaftlichen Kontext, biologische Ausstattung etc. heraus und wird zu einem Teil der Persönlichkeit des Individuums. Er wird dabei nicht statisch in dieses hereingepflanzt, sondern unterliegt im Laufe der Zeit ebenso den Veränderungen, wie sich der Mensch in seiner Persönlichkeit weiterentwickelt. Musikgeschmack bezeichnet dennoch eine langfristige Orientierung eines Menschen in Bezug auf Musikstil und Interpreten und bezieht ein bestimmtes Kauf- und Rezeptionsverhalten mit ein, ist also die Bezeichnung für einen Gesamtkomplex von
9 BEHNE, Klaus-Ernst: Hörertypologien. Zur Psychologie des jugendlichen Musikgeschmacks,
Regensburg 1986, S. 19
10 BEHNE, Klaus-Ernst: Artikel ‚Musikpräferenzen und Musikgeschmack‘, in: Bruhn, Her-
bert/Oerter, Rolf/Rösing, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek 4 2002, S. 339-353,
S. 339
11 BEHNE: Hörertypologien, S. 30
12 DOLLASE, R./RÜSENBERG, M./STOLLENWERK, H.J.: Demoskopie im Konzertsaal, Mainz
1986, S. 211ff
8
kognitiven, affektive und konativen (das Verhalten umfassende) Komponen-
ten. 13
Wichtig ist die klare Abgrenzung zwischen der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten, also der Entwicklung einer individuellen Möglichkeit des Hörens von Musik auf der Basis physiologischer Grundlagen, und darauf aufbauend erst der Entwicklung des Musikgeschmacks auf Grund verschiedener Sozialisa-tionsfaktoren.
1.2. Physiologische Grundlagen
Physiologisch gesehen hört jeder Mensch zunächst gleich 14 : Die Schallwellen gelangen durch den äußeren Gehörgang zum Trommelfell. Im dahinter liegenden Mittelohr verstärken die Bewegungen der drei kleinsten Knöchelchen des Menschen, Hammer, Amboß und Steigbügel, den Schall um ein 20faches, um ihn vollständig an die nächste Station, das Innenohr weiterleiten zu können. In der dort befindlichen Cochlea (Schnecke) sind Haarsinneszellen (20000 pro Ohr), die sich ihre Aufgaben verteilen: einige verarbeiten hohe Töne, andere tiefe Töne. Diese Haarsinneszellen sind für die Verstärkung und Umwandlung der mechanischen Schwingungen in elektrische Impulse verantwortlich, die das Gehirn dann entlang des Hörnervs erreichen. Dort werden schlußendlich die Empfindungen des Gehöres bestimmt. „Das System der Informationsverarbeitung im Gehirn ist zielgerichtet und soll dem Menschen ermöglichen, sich ein
kohärentes Bild seiner Welt zu erarbeiten.“ 15 Dafür müssen die für die Einze lperson relevanten Fakten registriert, irrelevante hingegen unterdrückt werden (auditive Diskrimination). Hier wird deutlich: Ein persönlichkeitsspezifischer Selektionsprozess findet statt - jeder Mensch „hört“ anders. Verschiedene Faktoren wirken bei diesem Selektionsprozess mit. Neben der Entwicklung musikalischer Fähigkeiten von Geburt an, die den biologischen Anlagen entsprechend ausgebildet werden, spielen auch der Einfluss von El- 13 BEHNE:Musikpräferenzen und Musikgeschmack, S. 340
14 PETSCHE, Hellmuth: Artikel ‚Zerebrale Verarbeitung‘, in: BRUHN, Herbert/OERTER,
Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek 4 2002, S. 630-638
15 Ebd., S. 637
9
ternhaus, Schule, Medien und der daraus entstehende Musikgeschmack eine
Rolle 16 .
1.3. Aktuelle, situative Informationsverarbeitung
Neben den genannten Aspekten spielt ebenso die aktuelle, situative menschliche Informationsverarbeitung der musikalischen Reize im Moment des Hörens eine entscheidende Rolle. Vereinfacht stellt Herbert Bruhn diesen Prozess in
einem Schema dar 17 . Er weist darauf hin, dass die durch Anlagen festgelegte Seite der Tonwahrnehmung in der Musikpsychologie fest mit der Seite der Verarbeitung des ästhetischen Erlebnisses Musik verknüpft ist; das vorgestellte Schema, das die akustische Informationsverarbeitung hierarchisch aufschlüsselt, sei auf jeden Fall noch mit verschiedenen anderen Faktoren zu ergänzen, z.B. der Seite des emotionalen Erlebens. 18 Vorteil dieses Modells sei „die enge Beziehung zur Physiologie der Reizverarbeitung“ 19 , d.h. man kann genau nachweisen, in welchem Bereich des Körpers, speziell des Gehirns, die Verarbeitung stattfindet.
16 SHYTER-DYSON, Rosamund: Artikel ‚Einfluß von Elternhaus, Peers, Schule und Medien‘, in:
BRUHN, Herbert/OERTER, Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek
4 2002, S. 303-316
17 BRUHN: Tonpsychologie - Gehörpsychologie - Musikpsychologie, S. 439
18 Ebd., S. 439
19 Ebd., S. 440
10
Der sensorische Bereich als niedrigste Ebene umfasst die Umsetzung der akusti-
schen Informationen im Ohr und die Vorverarbeitung und Weiterleitung bis zum
Cortex. Bruhn bezeichnet dies als den „ganze[n] Bereich der nicht bewußtseinsfä-
higen Verarbeitung“ 20 . Für den kognitiven Bereich soll gelten, dass „kognitiv“
nicht mit „bewußt“ gleichzusetzen sei, sondern höchstens mit „bewußtseinsfähig“.
Die meisten Prozesse, die hier ablaufen, sind so schnell, dass sie kaum im nachhi-nein bewußtgemacht werden können, so z.B. die Verbindung von Klangreizen mit
den entstehenden Emotionen über die Amygdala, einen Teil im Cortex. 21 Der Hip-
pocampus, ebenfalls Teil des Cortex, hat seinen Anteil an der dauerhaften Reprä-
sentation von Erlerntem, hier Wissensbereich genannt. 22 Der motorische Bereich
ist eindeutig physiologisch identifizierbar: ein bewußter Handlungsimpuls wird an
das motorische System übergeben und in eine motorische Handlung umgesetzt
[Anm:.z.B. Mitsingen].
1.4. Musik und Emotion
Unbefriedigend ist die Forschungslage im Bereich Musik und Emotion. 23 Dies mag zum einen daran liegen, dass es schlicht schwierig ist, Emotion zu messen, vielleicht auch zum anderen an einem mangelnden Interesse daran, Emotionen zu untersuchen, die durch Musik hervorgerufen werden, oder an einer angenommenen Unfähigkeit, Emotionen adäquat in Bezug auf die Musik in Worte fassen zu können. Psychoanalytiker sind sich jedoch einig, „dass die Musik in erster Linie und nachhaltig auf die Gefühle der Hörerinnen und Hörer ei n-
wirkt.“ 24
Theoretische Modelle, die das Verhältnis von Musik zu psychologischen Komponenten wie Emotion darstellen, sind zwar beschreibbar, vor allem solche, die bei der Wahrnehmung von musikalischen Ausdrucksmodellen zumindest i nnerhalb eines Kulturbereichs eine gewisse Konstanz aufweisen können 25 ; da Musik aber auch als „Sprache des Unbewußten“ angesehen wird, gibt es aus der Praxis wenig Aussagemöglichkeiten aus der Verbindung psychologischer
20 Ebd., S. 440
21 Ebd., S. 440f
22 „Wie die Informationen dauerhaft gespeichert werden können, ist bisher ungeklärt“, so
Bruhn (Ebd., S. 441). Physiologisch ist also nicht eindeutig identifizierbar, wie aus der Summe
der verarbeiteten Informationen eine dauerhafte Gedächtnisrepräsentation angelegt wird. Bruhn
beschreibt verschiedene Modellvorstellungen: zum einen ein mehrstufiges Modell, das aus
sensorischem Register (Kurzfristige Niederlegung der Umweltreize), Kurzzeitspeicher (zentr a-
le Verarbeitungseinheit) und Langzeitspeicher (dauerhafte Niederlegung) besteht, sowie dessen
Weiterentwicklung zu einem Einstufenmodell, bei dem keine getrennten Speicherplätze, wohl
aber eine schrittweise Kodierung und Verarbeitung von Information angenommen werden.
(vgl. BRUHN, Herbert: Artikel ‚Gedächtnis und Wissen‘, in: BRUHN, Herbert/OERTER,
Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek 4 2002, S. 539-546, S. 540f)
23 BRUHN: Tonpsychologie - Gehörpsychologie - Musikpsychologie, S. 447
24 RAUCHFLEISCH, Udo: Musik schöpfen, Musik hören. Göttingen 1996, S. 78
25 z.B. Dur=fröhlich, Moll=traurig, vgl. Rösing, Helmut: Artikel ‚Musik und Emotion‘, in:
BRUHN, Herbert/OERTER, Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek
4 2002, S. 579-588, S. 586
11
und physiologischer Modelle 26 , für die das „Unbewußte“ in eine biologische Komponente umgewandelt werden müsste.
Schwierig steht es schon um den Emotionsbegriff, „der durch eine beträchtli-che Unschärfe gekennzeichnet ist“ 27 . Harrert zitiert als „brauchbar“ eine Einteilung des Emotionsbegriffs nach Ewert 28 , der in Gefühlsregungen (akute oder aktuelle Zustände, bezogen auf Personen, Dinge oder Ereignisse), Stimmungen (umfassende, diffuse, ungegliederte Gesamtbefindlichkeiten des Menschen, bezogen auf ein Zumutesein im Bezugsrahmen für bestimmte Erlebni sse) und Erlebnisstörungen (auch „Gefühls-Haltungen“, emotionale Reaktionen auf Kognitionen, die einen relativen „Grund“-Charakter aufweisen, von
dem sich andere Bewusstseinszustände als „Figuren“ abheben) kategorisiert. 29 Beim Musikerleben handelt es sich nach dieser Definition und Einteilung vor allem um Gefühlsregungen und Stimmungen (in der vorliegenden Befragung bezogen auf das Stück „Sentimenti“).
Exkurs: Psychoanalytische Herangehensweise
Als Sprache des Unbewußten gilt für Psychoanalytiker die Musik als Sprache des ES, der unkontrollierbaren, triebhaften Instanz. Diese steht im Kontakt mit dem ICH, der bewußten Verknüpfungsstelle zwischen ES und Außenwelt, denn der Rezipient kann durch das Hören z.B. eine „befreiende Wirkung“ verspüren (und sobald er diese wahrnimmt, ist sie bewußt). Moralisch ist der Musikgenuß durch das ÜBER-ICH, die „Moral -Instanz“, jederzeit vertretbar, solange sich das Stück in einem bekannten Rahmen bewegt. Das Musikwerk sollte also eine eindeutige Begrenzung durch einen Anfang und ein Ende haben, es sollten artikulierte Töne und nicht irgendwelche diffusen Geräusche verwendet werden und die Musik sollte sich in einer Tonalität bewegen, die dem Hörer vertraut ist. Weitere strukturierende Merkmale sind der Rhythmus, die verschiedenen Satzformen und die Verwendung von Instrumenten, die dem Hörer bekannt
26 BRUHN: Tonpsychologie - Gehörpsychologie - Musikpsychologie, S. 447
27 HARRER, Gerhart: Artikel ‚Beziehung zwischen Musikwahrnehmung und Emotion‘, in:
BRUHN, Herbert/OERTER, Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek
4 2002, S. 588-599, S. 590
28 vgl. EWERT , O.: Ergebnisse und Probleme der Emotionsforschung, in: THOMAE, H. (Hrsg.),
Motivation und Emotion, Bd.1: Theorien und Formen der Motivation, Göttingen 1983, S. 398-
452
29 HARRERT zitiert EWERT, vgl. Beziehungen zwischen Musikwahrnehmung und Emotion, S.
590f
12
sind. 30 Eine Übertretung dieser „Gesetze“ kann mit dem Urteil „Missfallen“ belegt werden.
Musik kann aus psychoanalytischer Sicht über das ES einem Hörer Gefühle und Empfindungen geben oder nehmen, ist somit Manipulationsmittel des ICH, in dem die Gefühle bewusst werden, und k ann so in die menschliche Psyche eindringen. Daraus können sich z.B. Bilder entfalten, die durch die Musik noch weiter ver- oder entschäft werden.
1.5. Hörertypologien
Hörertypologien sind Einteilungen der Musikhörer in bestimmte Gruppen, eine Klassifizierung der Menschen in bestimmte Kategorien nach bestimmten Kriterien, z.B. in die Kategorie des Pop-Hörers nach der dem Kaufverhalten von CDs. Schon Adornos Typologie der Musikhörer aus den 1960er Jahren ist nicht allein auf die Bevorzugung eines bestimmten Musikstils, sondern auch auf die Art des Zuhörens gerichtet, wobei er hier, um noch einmal auf das Problem mit der Beziehung zwischen Musik und Emotion zu kommen, den „emotionalen
Hörer“ durchaus berücksichtigt. 31 Mehr in den Vordergrund stellt Adorno j e-doch das strukturelle Hören, z.B. des Experten oder des guten Zuhörers. 32 Als quantitativ erheblichsten Typus nennt Adorno denjenigen, der Musik als Unterhaltung hört. Er sei der derjenige, auf den die Kulturindustrie geeicht ist 33 ; tatsächlich sind Hörertypologien heutzutage vor allem für die Industrie als Instrumentarium, um Produkte zu vermarkten, von Interesse. Sie sind aber auch Teil der Musikwissenschaft und Musikpsychologie. „Typenlehre liegt die Annahme zugrunde, dass das Empfinden, Denken und Handeln verschiedener
Individuen vergleichbar sei.“ 34 Hierfür müssen Kriterien erstellt werden, an-
30 RAUCHFLEISCH:Musik schöpfen, Musik hören, S. 81
31 Jedoch beruht seine Charakterisierung desselben auf der Tatsache, dass dieser „stark auf
sinnfällig emotional getönte Musik ansprechen mag und leicht zum Weinen zu bringen sei.“ Es
erscheint farblos, wenn Adorno beschreibt, der emotionale Hörer wolle nichts wissen und sei
von vorne herein deswegen leicht zu steuern; zu einschränkend schreibt Adorno nur dem emo-
tionalen Hörer die Eigenschaft zu, von Musik zu bildhaften Vorstellungen und Assoziationen
angeregt zu werden. (vgl. ADORNO, Theodor W.: Einleitung in die Musiksoziologie. Hamburg
1968, S. 19)
32 Ebd., S. 15f
33 Ebd., S. 25
34 BRUHN, Herbert/RÖSING, Helmut: Artikel ‚Typologie der Musikhörer‘, in: BRUHN, Her-
bert/OERTER, Rolf/RÖSING, Helmut (Hrsg.): Musik und Psychologie, Reinbek 4 2002, S. 130-
136, S. 130
13
hand derer man die Probanden vergleicht - das eigentlich so individuelle Hören wird generalisiert.
Der Annahme, dass eine Hörertypologie auf jeweils spezifische Ausprägungen verschiedener Strategien des Hörens, also auf bestimmten „Hörkonzepten“
beruht, ging Behne in einer großangelegten empirischen Untersuchung nach. 35 Die Erhebungsdaten von verbalen und klingenden Musikvorlieben sowie acht unterschiedliche Hörstrategien wurden miteinander korreliert und einer Clusteranalyse unterzogen, aus der sich verschiedene Hörertypen ergaben (z.B. der
„verbannte Musikliebhaber“ 36 ). Behne weist darauf hin, dass man „spätestens seit der kognitiven Wende (...) [weiss], dass Wahrnehmung kein abbildender (...) sondern ein interpretierender Prozess ist, der das wahrnehmende Subjekt gleichwohl in dem Glauben lässt, jeder andere würde einen Stuhl oder einen Ton genauso wahrnehmen wie man selbst, da man den Eindruck jeweils für
wahr nimmt.“ 37 Die Verständigung über Musik könne danach, so Behne weiter, nur funktionieren, solange sich Menschen mit sehr ähnlichen kognitiven Schemata verständigen, die also ähnliche Dinge „für wahr“ halten. Aber gerade diese Voraussetzung sei in einer Zeit, in der die Kulturlandschaft sich zunehmend in Richtung Teilkulturen, in denen die grundsätzlichen „kulturellen“ Strukturen unterschiedlich sind, entwickelt, immer weniger gegeben. Behne macht deutlich, dass eine Melodie nicht gleich eine Melodie ist, nur, weil sie durch eine Aufnahme akustisch oder in einem Notenbild festgelegt ist. Er beschreibt anschaulich, dass erst im Bewußtsein des interpretierenden Hörers
Vorstellungen wie „Trugschluß“, „traurig“ oder „aah!“ entstehen können. 38 . Ebenso wie Kunz, Bruhn und Rösing setzt auch Behne bei seinen Hörertypologien einen Schwerpunkt auf soziale Aspekte. Ein eindimensional gerichteter Ansatz zur Aufstellung der Hörertypologien greift letztlich zu kurz. Zusammengefasst heißt dies:
„Neben musikbezogenen Aspekten werden persönlichkeitsabhängige Faktoren
(biologische Genaustattung) und gesellschaftsgeprägte Komponenten (allgemeine
und musikalische Sozialisation) wirksam. Beziehungen zwischen Musikvorlieben
und politischen Einstellungen, religiösen Auffassungen, Generationenzugehörig-
keit, schulischer Ausbildung und Beruf müssen ebenso einbezogen werden wie
z.B. die private Lebensraumgestaltung. Eigenes Musikmachen und gesellschafts-
35 BEHNE,Klaus-Ernst: Hörertypologien. Zur Psychologie des jugendlichen Musikgeschmacks,
Regensburg 1986
36 Ebd., S. 151
37 BEHNE: Hörertypologien, S. 7
38 Ebd., S. 7
Arbeit zitieren:
M.A. Barbara Mühlenhoff, 2003, Musikalische Urteils- und Meinungsbildung am Beispiel der Triennale-Produktion "Sentimenti", München, GRIN Verlag GmbH
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